Ein Stück des Wegs gehen alle gemeinsam

Die Hamburger Band Halma verrät ihre Herkunft kaum
Die Band: Halma (Foto: Gianni Occhipinti
Die Band: Halma (Foto: Gianni Occhipinti)

Wissen Sie, über welche Ecken Element of Crime mit Velvet Underground zu tun hat? Oder The Black Heart Procession mit Pinback? Nein? Gut – brauchen Sie auch nicht. Es sind auch nur zwei Beispiele, wie verschiedene Bands miteinander personell verbunden sind. Mehr wissen Sie sicherlich zu den ganzen Projekten, die sich nach Auflösung der Beatles um die vier Musiker entwickelten. Die Musikgeschichte läßt sich mitunter wie ein Stammbaum lesen, der zeigt, daß jeder Musiker mit jedem indirekt etwas zu tun hatte. Eindeutig und direkt z.B. sind die Bezüge zwischen Fink und Halma. Kein Wunder, daß die Bands sich kannten, ist doch ihr Ursprungsort Hamburg und so groß sind die Musikszenen einzelner Städte nicht, als daß man sich nicht über den Weg laufen würde. Aber diese Bands verbindet mehr: Bassist Andreas Voß und Gitarrist Thorsten Carstens, die mit Halma kürzlich das Album Broad Peak veröffentlichten, waren einst eine Hälfte von Fink. Voß, bis die Band sich nach der Tour zu dem grandiosen Album Bam Bam Bam (2005) auflöste, Carstens, bis nach dem Album Loch in der Welt (1998). Fast unbemerkt erschien letzten Herbst das bereits vierte Album der, mit Fiona McKenzie (Schlagzeug, Percussion) und Anna Bertermann (Synthesizer, Baß, Gesang), vierköpfigen Band. Wurde Den Teufel tun, das Solodebut des Sängers von Fink, Nils Koppruch, von einem gewissen Medienecho begleitet, ist das Interesse an der Musik von Halma enttäuschend gering.

Das mag auch daran liegen, daß die Beschreibung ihrer Musik nicht einfach ist. Nils Koppruchs Solodebut bewegte sich klar auf den Pfaden des Vorgängerprojektes. Halma, schon als Nebenprojekt zu Fink begonnen, beschreiten musikalisch völlig andere Wege. Allein, daß die meisten Lieder keine Texte haben, macht sie schwerer greifbar. Dafür jedoch bietet die Platte einen wunderbaren Soundtrack für den Alltag: Die Musik auf Broad Peak kann man wunderbar beim Schreiben, zum Essen oder in einem Café hören. Dem Anspruch der Band, die von sich selber als »vier gleichberechtigten Akteuren« spricht, wird sie locker gerecht. Unaufdringlich und doch verspielt schieben sich die Instrumente und Melodien ineinander. Hier zeigt sich, wie jedes Instrument seinen individuellen Teil beiträgt, einen Klangteppich frei von Wall of Sound zu gestalten. Vergleichbar sind gleichfalls eher unbekannte Bands wie Tijuana mon Amour, deren Musik mehr groovt, oder Aspects of Physics, die im Rechner ein wichtiges Instrument für ihre Musik gefunden haben.

Das Album: »Broad Peak« (Cover)
Das Album: Broad Peak (Cover)

Gerade Aspects of Physics verbindet mit Halma jedoch, daß ihre meist unaufdringlichen Lieder eigentlich das sind, was eine ideale Hintergrundmusik ist: Man kann mit großer Freude hinhören, man muß es aber nicht. Und läßt es einen aufhorchen, unterbricht es eine Beschäftigung jedoch nicht. Mit Halma wäre eine gute Wahl für die uns überall begleitende Musik getroffen. Die Musik von Halma ist massen-, aber nicht radiokompatibel, was in keinem Fall abwertend gemeint ist. Broad Peak liefert Musik, in der man gerade beim Wiederhören etwas zu verstehen beginnt. Da hier nichts auf den Radiohit angelegt ist, keine schnelleingängige Melodie im Vordergrund steht, die einen Refrain braucht, muß man dieser Musik mehr als eine erste Chance geben, wenn man sie verstehen will. Eben keine Dreiminutenhäppchen für den Fastfoodhörer.

»Formed in a Vacuum«, das als einziges Stück mit Gesang gestaltet ist, erklärt sich dem Hörer vielleicht als erstes, da es den Hörgewohnheiten am ehesten entspricht. Das verspielte Einsampeln von Applaus in »Montreux« erinnert ironisch an die Publikumsgewohnheit, bei Liveauftritten nach Soli Beifall zu geben, dabei gibt es in dem Klangteppich, den Halma so kunstvoll weben, kaum Soli im herkömmlichen Sinne. Hier tanzt nur die gesamte Band angenehm aus der Reihe, keiner der Musiker allein. »Pacific Telegram« bringt uns mit dem Ertönen schwerer Gitarren Westernsoundtracks in Erinnerung. Ähnlich wie bei diesem Lied unterlegt die Musik Bilder der Phantasie und das kann bei dieser Untermalung wie eine achtteilige, 44-minütige Fahrt ins Glück sein. Halma: Broad Peak. Sunday Service. Hamburg. Ca. 44 Min. Spielzeit. Ca. 14,– Euro.

 

Foto: © Gianni Occhipinti

 

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