Eine soziologische Versuchsanordnung

Biennale Bonn 2008 (Logo)Man kommt beim Personal von Friedrich Dürrenmatts Der Mitmacher schnell auf die Idee, es handle sich um eine schematische Darstellung der Welt. Da ist der Wissenschaftler, genannt Doc. Der Mafiaboss, genannt Boss. Der Polizeichef Cop. Ach ja, und Ann, die Femme Fatale, Bill, der Millionenerbe. Und Jack und Jim und Sam und Joe. Die hat man aber schnell wieder vergessen. Die Figuren scheinen genauso einsilbig und austauschbar wie ihre Namen. Wer auf diese Finte hereinfällt, der verkennt nicht nur Dürrenmatt, sondern auch das Ensemble des Istanbuler Staatstheaters. Unter der Regie von Sakir Gürzumar wurde das späte Bühnenstück Dürrenmatts (türkisch: Uyarca) seit der Spielzeit 2005/06 produziert und dort seither außerordentlich erfolgreich aufgeführt. Die (vermeintlichen) Stereotypisierungen sind keine Vereinfachungen. Gerade durch das Aufbrechen von Klischees wird Trostlosigkeit veranschaulicht.Biennale Bonn 2008 (Logo)Man kommt beim Personal von Friedrich Dürrenmatts Der Mitmacher schnell auf die Idee, es handle sich um eine schematische Darstellung der Welt. Da ist der Wissenschaftler, genannt Doc. Der Mafiaboss, genannt Boss. Der Polizeichef Cop. Ach ja, und Ann, die Femme Fatale, Bill, der Millionenerbe. Und Jack und Jim und Sam und Joe. Die hat man aber schnell wieder vergessen. Die Figuren scheinen genauso einsilbig und austauschbar wie ihre Namen. Wer auf diese Finte hereinfällt, der verkennt nicht nur Dürrenmatt, sondern auch das Ensemble des Istanbuler Staatstheaters. Unter der Regie von Sakir Gürzumar wurde das späte Bühnenstück Dürrenmatts (türkisch: Uyarca) seit der Spielzeit 2005/06 produziert und dort seither außerordentlich erfolgreich aufgeführt. Die (vermeintlichen) Stereotypisierungen sind keine Vereinfachungen. Gerade durch das Aufbrechen von Klischees wird Trostlosigkeit veranschaulicht.

Szenenfoto aus »Der Mitmacher« (»Uyarca«). Inszenierung des Staatstheaters Instanbul (Foto: © Müdjat Çoban)
Szenenfoto aus Der Mitmacher (Uyarca)
Inszenierung des Staatstheaters Instanbul
(Foto: © Müdjat Çoban)

Leicht, der Einstieg in das Stück: Ein Mafiaboss steigt in ein Taxi. Der Fahrer ist Doc (Atsız Karaduman) und »verstand etwas von Aminosäuren«: der ehemals hochbezahlte Biologe ist Opfer der Wirtschaftskrise geworden und vorübergehend Taxichauffeur. Seine Frau ist mit einem Liebhaber durchgebrannt, seitdem ist Doc untergetaucht. Am Boden zerstört, aber trotzdem genial, entwickelt er eine Technik, Leichen in ihre natürlichen Bestandteile aufzulösen. Der Mafiaboss und Profi im Bereich der groß angelegten Liquidierung Boss (in der türkischen Übersetzung heißt er Chef, gespielt von Attila Olgaç) macht Doc zu seinem Komplizen und Teilhaber. Noch kommen die Schauspieler nicht aus sich heraus. Noch sind beide ganz Typ Gangster und Typ gescheiterter Intellektueller.

Das Taxi verschwindet und gibt die Bühne frei für einen schmierig-industriellen Nirgend-Ort: Der Wissenschaftler lebt und arbeitet in einem Laboratorium, fünf Stockwerke unter der Erde, unter einem alten Lagerhaus. Eine raum- und zeitlose Gruft, eine Mischung aus Schlachthaus und Fabrikhalle, an deren Wände Schimmel herunterläuft. Dieser einzige Schauplatz des restlichen Stückes (Bühne: Ali Cem Köroğlu) ist eine meisterhafte Verbildlichung dieser hoffnungs- und trostlosen Unterwelt, in der Boss den Gott Hades spielt, während es Docs Aufgabe ist, die Toten lethe-wärts in die Kanalisation zu spülen. Die »Geschäftsleute« sind durchaus zufrieden, bis Cop ins Spiel kommt. Tarık Ünlüoğlu verkörpert mit dem korrupten Polizeichef das eigentliche Böse, denn während alle anderen Beteiligten in ihr Schicksal geschlittert und unfähig zur Flucht zu sein scheinen, ist Cop aktiv ins Geschehen eingetreten. Er setzt den beiden Nekrodialyse-Unternehmern die sprichwörtliche Pistole auf die Brust und fordert eine Beteiligung von fünfzig Prozent. Doc, dem zwanzig Prozent versprochen werden, stimmt achselzuckend zu und vertieft sich, mit der gleichgültigen Resignation eines Outlaws, wieder in seine Comics. Boss wird zu einer nervösen Marionette und verliert all seine Mafiaboss-Allüren – mit Herzproblemen und schweren Füßen wirkt er nun so gar nicht mehr mächtig und böse, sondern eher wie ein überarbeiteter und verängstigter Gebrauchtwagenhändler.

Szenenfoto aus »Der Mitmacher« (»Uyarca«). Inszenierung des Staatstheaters Instanbul (Foto: © Müdjat Çoban)
Szenenfoto aus Der Mitmacher (Uyarca)
Inszenierung des Staatstheaters Instanbul
(Foto: © Müdjat Çoban)

Spätestens jetzt gerät man, auf Einsilbigkeit und Austauschbarkeit der Figuren hereinfallend und mit einem einfachen Schema F. an seine Grenzen. Der Typ Gangster zieht sich die glänzenden Lederschuhe aus und knetet angestrengt seine Fußsohlen. Der Chef der Polizei übernimmt die Rolle eines Al Capone, mit Krempenhut, zweireihigem Nadelstreifenanzug und Zigarre. Doc, der Intellektuelle, trägt, wenn er zur Tat schreitet, eine Schlachterschürze und grellrote Gummihandschuhe, nach getaner Arbeit liest er Comics. Für seine Geliebte Ann legt er eine weiße Tischdecke auf einen Sarg, liebevoll schneidet er für ein gemeinsames Abendessen Tomaten und Paprika. Sogar an eine rote Rose ist gedacht.

Auch bei Ann (Ebru Bilingen), in hochgeschlitztem Abendkleid, mit grellroten Lippen, die seine Handschuhe konterkarieren, bröckelt die Fassade der Edelhure. Denn sie liebt Doc aufrichtig, die beiden wollen sogar heiraten und ein neues Leben beginnen. Unglücklicherweise ist sie auch die Geliebte von Boss, was Doc nicht einmal ahnt. Allerdings kann ihr Charakter nicht so überzeugen wie die der anderen, stets haftet ihr der Hauch des Banalen, des Eindimensionalen an. Endgültig ironisch gebrochen wird ihr Bild erst, als Boss ihre Leiche in einem Überseekoffer in das Laboratorium trägt und Doc den Auftrag erteilt, sie zu verflüssigen. Und nicht nur sie muss dran glauben: Docs Sohn Bill (Serhan Süsler) ist eigentlich Soziologiestudent, wurde aber durch Adoption nolens volens zum Millionenerbe des Chemiewerkes, das Doc vor Jahren rausschmiss. Ein weiteres Klischee wird bis ins Groteske verzerrt: Ein Soziologiestudent im Maßanzug. Ein Vierundzwanzigjähriger als reichster und mächtigster Mann des Landes in gönnerhafter Dandy-Pose. Kurz bevor er verflüssigt werden soll, hält der junge, attraktive Mann einen Monolog, sein ganzer Körper steckt in einem schwarzen Leichensack und nur sein Kopf guckt heraus. Zum Abschluss hopst er zu Vivaldis »Sommer«, Presto, mit großen Sprüngen über die Bühne und kokettiert mit dem widersinnig-komischen Aufeinanderprallen von lebhafter Jugendlichkeit und modrigem Tod: Wenn alles trostlos ist, hilft nur noch ein Lachen.

Szenenfoto aus »Der Mitmacher« (»Uyarca«). Inszenierung des Staatstheaters Instanbul (Foto: © Müdjat Çoban)
Szenenfoto aus Der Mitmacher (Uyarca)
Inszenierung des Staatstheaters Instanbul
(Foto: © Müdjat Çoban)

Das Dürrenmatt'sche Szenario gleicht einer soziologischen Versuchsanordnung. Man nehme Stereotypen aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, unter ihnen »besonders stinkende Gase«. Niemand darf entweichen. Alle müssen mitmachen. Nur »wer stirbt, macht nicht mehr mit«. Man mischt diese in einem bestimmten Verhältnis und wartet auf eine chemische Reaktion der Charaktere aufeinander. In Sakir Gürzumars Inszenierung prallen Tristesse und Komik in besonders geistreicher Weise aufeinander. Die Widersprüche in den Figuren und ihre Interaktionen zeigen sich auch im Bühnenbild, oft entpuppen sich Nebensächlichkeiten als besonders spannungsreich: Absurd-alltäglich ist das Bild, dass der Schwerverbrecher, der unzählige Leichen zersetzt, über dem Waschbecken das gutbürgerliche Küchenkrepp an der gutbürgerlichen Küchenkrepphalterung hängen hat, um sich die Hände abzutrocknen. Und eigenartig, subtil-deplatziert erscheinen auch die Parkplatzflutstrahler, mit denen er sein unterirdisches Schlachthaus taghell ausleuchtet.

Eine starke Inszenierung des Istanbuler Ensembles, die auch schwache Charaktere trägt, bei der man sich nicht von dem recht gefälligen Einstieg täuschen lassen sollte. Nicht umsonst füllt das Stück seit seiner Premiere die türkischen Zuschauerräume bis auf den letzten Platz. Nicht so vergangenen Sonntag in den Kammerspielen, deren Saal nicht einmal zur Hälfte gefüllt war. Offenbar symptomatisch: Denn »Der Mitmacher« war schon bei seiner Uraufführung 1973 in Zürich bei Zuschauern und Kritikern durchgefallen. Seither wurde das Stück fast völlig aus den deutschsprachigen Spielplänen verbannt. In der Türkei hingegen zählt das verstörende Drama, das Dürrenmatt selbst eine Komödie genannt hat, zu den beliebtesten Werken des Schweizer Autors. Uyarca (Der Mitmacher). Schauspiel von Friedrich Dürrenmatt (in türkischer Sprache mit Simultanübersetzung). Istanbul Devlet Tiyatrosu/Staatstheater Istanbul. Theater Bonn – Kammerspiele Bad Godesberg. Inszenierung: Sakir Gürzumar. Deutschland-Premiere.

Fotos: © Müdjat Çoban

 

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