Eine Suche nach dem Fundament des Umweltgedankens

Die Entdeckung der Nachhaltigkeit von Ulrich Grober

In der Antrittsrede des US-Präsidenten Barack Obama ist »nachhaltig« ein wichtiges Wort – doch es steht ebenso in verschiedenen Werbetexten. Gegen die drohende Beliebigkeit zeigt Ulrich Grober mit sehr umfangreichem und tiefgründigem Überblick vielschichtige Hintergründe und Wurzeln des Begriffes, der für ihn zum »Weltkulturerbe« gehört.

»Der Weg zu nachhaltigen Energiequellen (»sustainable energy sources«) wird lang und schwierig werden«, sagte Barack Obama am 21. Januar 2013 in der Antrittsrede seiner zweiten Amtszeit.
Wenn daneben auch Haarshampoo »nachhaltig wirken« kann, wird die tiefere Bedeutung des sehr vielschichtigen Begriffes fragwürdig. Ulrich Grobers 2010 erschienenes Buch Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs »leistet [...] einen wichtigen Beitrag dazu, dass Nachhaltigkeit nicht zum Modewort verkommt, sondern die Idee vom nachhaltigen Denken, Leben und Handeln die Köpfe und Herzen der Menschen im Alltag erreicht.« Die Begründung für den Brandenburgischen Literaturpreis Umwelt, mit dem das Buch 2011 ausgezeichnet wurde, bringt die Sache gut auf den Punkt.
»Aber was ist nachhaltig?« fragt der Journalist und Publizist in seinem 300 Seiten umfassenden und »hervorragend lesbaren Buch« (Deutschlandfunk). Er antwortet darauf mit einem mehrere Jahrhunderte und viele Themen umfassenden Überblick. Der 64-jährige Germanist und Anglist aus Lippstadt findet bis zu Franz von Assisi zurückreichende Wurzeln – und fragt zudem nach Ursprüngen bereits vor 5300 Jahren. Denn war nicht schon Ötzi »einer aus der langen Ahnenreihe der Erfinder der Nachhaltigkeit?« Grober verfolgt sehr detailliert die sprachliche Entwicklung bzw. »Entdeckung« des Begriffes, betrachtet sie genau in ihrem gesellschaftlichen Kontext und zeigt auf, was alles in dem Begriff mitschwingt. Sein Ziel: »archäologische Schichten« freizulegen und so »an das Potenzial heranzukommen, das sich dagegen sperrt, mit unserer gegenwärtigen Normalität gleichgeschaltet zu werden.« Dazu gräbt er konsequent und aufschlussreich in verschiedenen Sprachen und Zeiten.

Das von Joachim Heinrich Campe, dem Lehrer Alexander von Humboldts, 1809 herausgegebene »Wörterbuch der deutschen Sprache« definiert Nachhalt als das, woran man sich hält, wenn alles nicht mehr hält. Das klingt tröstlich. Wie eine Flaschenpost aus einer fernen Vergangenheit für unsere prekären Zeiten. Wir suchen ein Modell, das ein Weltsystem abbildet, das 1. nachhaltig (sustainable) ist ohne plötzlichen und unkontrollierbaren Kollaps; und 2. fähig ist, die materiellen Grundansprüche aller seiner Menschen zu befriedigen. Noch eine Flaschenpost. Diese ist in dem berühmten Bericht an den Club of Rome von 1972 über die Grenzen des Wachstums enthalten.

Hier zeigt sich eine wesentliche Qualität des Buches: Weitreichend wird verknüpft, was über den Begriff der Nachhaltigkeit miteinander verbunden ist. Dies ist sehr hilfreich zum tiefergehenden Verständnis dafür, wie umfangreich und tiefgründig er ist – und verdeutlicht zudem die spannende Entwicklung, die notwendig ist, bis eine Idee sprachlich klar gefasst werden kann. Dabei zeigt Grober viele weitreichende Verbindungen auf, die er anhand zahlreicher Zitate belegt. Die Zusammengehörigkeit wird dadurch klar erkennbar. Nur an wenigen Stellen bleibt fraglich, ob nicht zu dem von Grober beschriebenen Zusammenhang weitere Verbindungslinien bestehen könnten. Doch bei der enormen Stoffmenge sind diese vernachlässigbar, auch wenn dann statt der klaren Aussage eine weitere Suchbewegung stimmiger wäre.
Grober nimmt den Leser mit in die entscheidenden Situationen und gibt ihm Vergleiche und Denkanstöße in verschiedenste Richtungen, so dass er sich ein differenziertes Bild machen kann. Sein Fokus auf die sprachliche »Entdeckung« zeigt sich hier beispielhaft:

Auf die Tradition pfleglicher Holznutzung fußt die Argumentation von Carlowitz. [...] Der traditionelle Terminus pfleglich scheint dem Autor jedoch nicht mehr auszureichen. Er sucht, tastet förmlich, nach einem anderen. Und dann stellt er die Frage:
wie eine [...] Conservation und Anbau des Holzes anzustellen [ist], daß es eine continuierliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe [...].
Da ist das Wort! Zum ersten Mal in seiner heutigen Bedeutung. [...] Es ist förmlich mit Händen zu greifen, wie der Autor die deutsche Sprache nach einem Wort abklopft, das die langfristige zeitliche Kontinuität von Naturnutzung und den Gedanken des Einteilens und Sparens von Ressourcen plastisch und präzise zum Ausdruck bringt.

Grober analysiert und ordnet den Begriff sprachlich genau ein – doch ebenso stellt er ihn in die verschiedenen philosophischen Strömungen: »Zwischen den Zeilen ist Spinozas Entwurf von Nachhaltigkeit deutlich präsent. Stärker jedenfalls als Descartes' Leitgedanke nationaler Naturbeherrschung.« Insgesamt sieht Grober die Stärke der Wortschöpfung in der Breite des Begriffes, da Carlowitz »die Begrifflichkeit seiner Vordenker, die »Urtexte« der Nachhaltigkeit, umfassend ins Spiel bringt«.
Das Buch besticht durch sprachliche Brillanz und hat seine besondere Stärke darin, dass viele entscheidende Momente sehr plastisch dargestellt werden. So werden beispielsweise wichtige Reden der Umweltkonferenz in Stockholm 1972 im Wortlaut aufgeführt und damit  intensive Eindrücke der Atmosphäre vermittelt. So wird das Buch zudem eine Quelle für Originaltexte entscheidender Momente der Umweltbewegung. Dies weckt den Wunsch, Grobers Text hier seitenweise wiederzugeben.
Die von Grober freigelegten »archäologischen Schichten« sind keineswegs staubig oder auf wissenschaftlich-technische Aspekte beschränkt. Wie spannend und kompetent er das tiefgehende Potential der Nachhaltigkeit aufdeckt, kann an dieser Stelle trotz umfangreicher Zitate lediglich grob skizziert werden. Er blickt bis zu dem bereits erwähnten »Gletschermann« zurück und gräbt bis in tiefere Schichten. Doch ebenso zeigt er die wichtige Rolle der Raumfahrt und verdeutlicht den Einfluss der Aufnahmen aus dem Weltall, beispielsweise den der berühmten Bilder unseres blauen Planeten Earthrise und Blue marble. Grober verdeutlicht auch, wie wichtig die Musik in der Entwicklung des Umweltbewusstseins ist. Dabei geht er detailliert auf John Lennons Imagine ein – doch diese stimmige Verbindung kann der Leser am Besten durch die eigene Lektüre selber »entdecken«!
Grober wanderte über Jahre zu vielen Originalschauplätzen und so ist der Leser durch die detaillierten Beschreibungen immer wieder »vor Ort«. Er fokussiert den Wald vom Titelbild bis hin zu vielen Schlüsselszenen, da er entscheidend dafür ist, dass der Begriff der Nachhaltigkeit weiterentwickelt und konkret umgesetzt werden konnte. Im abschliessenden Zitat zeigt sich nochmals die Spannweite von Grobers Perspektive, denn sie geht von den Waldimpressionen des Dichters Johann Wolfgang von Goethe – der an vielen Stellen wegweisend ist – bis zu modernen Ergebnissen der Literaturwissenschaft:

Die Sichel des Mondes tritt silbern hervor. Kurze Zeit später kommt der erste Stern heraus. Ein feierlicher Augenblick: Dies ist der Blick über die nächtliche Landschaft, den Goethe hatte, als er am späten Abend des 6. September 1780 mit Bleistift »Wanderers Nachtlied« an die Bretterwand der Hütte schrieb, an der ich lehne.
Über allen Gipfeln / Ist Ruh' / In allen Wipfeln / Spürest du / Kaum einen Hauch. / Die Vöglein schweigen im Walde. / Warte nur! Balde / Ruhest du auch.
[...] Dieses ganze herausgehobene ›auch‹ ist sozusagen das »metaphysische Gleichheitszeichen«, so der Literaturwissenschaftler Werner Kraft, zwischen Mensch, Natur und Kosmos. Es hebt die Antithese Ich/Natur auf. Der cartesianische Dualismus löst sich auf. Und damit die Anthropozentrik, der absolute Vorrang des Menschen in der Schöpfung.

P.S.: Bereits Ulrich Grobers vorangegangenes Buch Vom Wandern – Neue Wege zu einer alten Kunst (2006) begeisterte als eine praxistaugliche sowie philosophische »Grundlage« und wird in einem zweiten Text vorgestellt.

Ulrich Grober: Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffes. München: Kunstmann Verlag, 2010. 300 Seiten. ISBN 978-3-88897-648-3. 19,90 €.


 

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