Einer, der »im Herzen barfuß« ging

Am 4. April starb der Kieler Dichter Klavki – ein Nachruf

Im März 2005 sprach er mich an, bei einem der Poetry Slams in den »wilden Mit(t)-Nullern« in der Schaubude, wo er wieder mal auf Platz Eins gelandet war. Konspirativ flüsternd mitten im Kneipenlärm: Er wolle in die Zeitung, wie man das mache. Da war Klavki schon drin, als jemand, der mit seinen performativen Textaktionen Aufmerksamkeit erregte, mit seinen seltsam erhellenden Flüchen, die er durch die Mikros der Slams jagte, durch die er in Kiel und rasch darüber hinaus bekannt wurde. Jetzt ist er 36-jährig gestorben.

 

Klavki (1972–2009) (Foto: © Frank Peter) Klavki (1972–2009) (Foto: © Frank Peter)

 

Sein Markenzeichen aus dieser Zeit, die grüne Trainingsjacke, sein »Slam-Kostüm«, legte er bald darauf ab, aber das Mikro nicht aus der Hand. Seine ersten Bücher waren folgerichtig zwei Hörbücher (erschienen bei assembleART.com) sowie immer wieder Klangmontagen aus seinem stetig wachsenden, ja wuchernden Fundus hunderter Gedichte und lyrischer Prosa. Er blieb einer, der die Sprache aus der Schrift befreien wollte, vom bloß geschriebenen zum geschrienen Wort. Sprache aus den Buchdeckeln in die alltägliche Öffentlichkeit zu bringen, durchzieht sein Werk als roter Faden. Zusammen mit dem Künstler Marcus Meyer erfand er Schrift im Land, riesige Leuchtbuchstaben, die an der Autobahn nach Kiel, dann auch im Rahmen der Kulturaktionen gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm die Nacht buchstäblich poetisch erhellten. Es folgten die Projekte Take a Poem, aphoristische Gedichte und Wortsplitter auf kleinen Kärtchen, zum Mitnehmen ausgelegt in Kneipen oder einfach irgendwo »liegen gelassen«, und Poesie im Alltag, rund 300 Texttafeln, mit denen er im Oktober 2008 die Kiel-Linie zur Lesemeile machte. Mit dem Manuskript Der Traumzeuge gewann Klavki Stipendien der Länder Schleswig-Holstein (Kloster Cismar) und Mecklenburg-Vorpommern (Schleswig-Holstein-Haus Rostock). So groß, wie der Roman als Weltentwurf geplant war, blieb er wohl bewusst unvollendet, als Protest der großen Poesie gegen die kleine Prosa, als eine Sprache, die den Menschen im Herzen ansprechen wollte, aus dem Augenblick des Sprechens heraus, nicht aus der Ewigkeit von Folianten. Bei einer Leseperformance in der Hansa48 ließ er seine Gedichte von den Zuhörern selbst vortragen – ein Experiment, das nicht nur das klassische Konzept »Autor« hinterfragen, sondern auch die Schrift aus ihrem Zeilenschlaf zu neuer gesprochener Lebendigkeit erwecken sollte. »Die undichte Stelle in der Zeit« suchen, nannte Klavki diese Art des Dichtens und bezog das auch auf den Krebs, den er als »die Wunde Text« in ihm begriff. Gerade dort könne Poesie wieder die von lebendigen Menschen statt von toten Dichtern sein. Er kenne noch einen, schrieb er in einem Gedicht, »der im Herzen barfuß geht«. Er war und ist es selbst. Texte von Klavki finden sich unter www.klavki.de, klavki.podspot.de und im Forum der 13.

 

Anmerkung der Redaktion: Sechs Gedichte (wie falsch abgeschrieben von der Wirklichkeit) aus der Feder Klavkis erschienen im vergangenen Sommer im Literaturteil unseres »Abenteuer«-Heftes. Die letzten Verse stellten eine Frage in den Raum:

Aber was liegt am Ende unter dem Stein? Oder wer?

Traurigerweise gibt es darauf nunmehr eine Antwort.

 

Aus Anlass des Todes von Klavki stellen wir seine in der Kritischen Ausgabe veröffentlichten Gedichte hier im Volltext zum Download bereit. [→ Klavkis Gedichte als PDF]

 

Foto: © Frank Peter.

 

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