Das große Durcheinander

Alexander Emanuely zeigt in zwei Bänden, wie umkämpft der Begriff ›Avantgarde‹ immer noch ist

Literatur über avantgardistische Bewegungen kennt keine Grenzen. Sie füllt in Bibliotheken bereits jetzt mehrere Regalmeter und nicht nur zu Jubiläen kommen neue Werke hinzu. Zuletzt erschienen beispielsweise zwei Bände, die gerade deshalb herausstechen, weil sie das Phänomen »Avantgarde« anhand von verschiedenen Biographien beleuchten und nicht zuletzt auch aus dem Blickwinkel linken Denkens und Handelns zur Entzauberung beitragen wollen.

Was ist ›Avantgarde‹? Das Wort verbindet man für gewöhnlich mit der Literatur und Kunst am Anfang des 20. Jahrhunderts. Tatsächlich begegnet man dem Begriff aber viel öfter. Man möchte gar meinen, in der Gegenwart findet er geradezu inflationär Verwendung. Kosmetik und Mode wird »Avantgarde« genannt und eine Werbeagentur in München trägt diesen Namen. Wer heutzutage »Avantgarde« sagt, hat längst nicht mehr Kunst, Literatur im Kopf, sondern beabsichtigt durch den Gebrauch des Worts als einer Metapher die emanzipatorische Qualität oder aber die Vorreiterrolle einer Sache zu betonen.

Der Begriff ›Avantgarde‹ ist ein Kampfbegriff, der seinen Ursprung nicht nur im Militär hat, sondern selbst umkämpft ist. Die Auseinandersetzung mit ihm hat bereits eine eigene, durchaus auch durch Konflikte geprägte Geschichte. Man erinnere sich nur an die teils kontrovers geführten Diskussionen, die schon in den 1960er Jahren geführt wurden und die Avantgarde damit auch quasi parallel begleiteten. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Nicht nur zu besonderen Anlässen wie dem 100-jährigen Dada-Jubiläum 2016 erscheinen Monographien, die avantgardistisches Agieren in unterschiedlichen Zusammenhängen beleuchten. Auch außerhalb dieser Ereignisse beweisen einzelne Werke immer wieder aufs Neue, dass zur Avantgarde längst nicht alles gesagt, das Schlachtfeld bei weitem nicht befriedet ist.

Am Anfang war Dada

Jüngstes Beispiel dafür sind zwei Bände aus der Feder des Autors Alexander Emanuely, die in der Reihe »theorie.org« des Stuttgarter Schmetterling Verlags erschienen sind. Die AutorInnen, die in dieser Publikationsreihe veröffentlichen, wollen, so formuliert es der Verlag, zentrale Themen der linken Debatte aufarbeiten. Angelegt als »Basisbibliothek für alle kritischen Köpfe« wird nicht nur darauf geachtet, dass die Sprache verständlich bleibt, sondern auch dass die jeweiligen Themen weder oberflächlich noch nostalgisch behandelt werden. Das Publikum, das auf diese Weise angesprochen werden soll, entspricht nicht dem bloßen Universitätsbetrieb. Das spiegelt nicht zuletzt auch der Preis der einzelnen Bücher dieser Reihe wieder.

Emanuelys zweibändige Ausführungen zur Avantgarde, von der Band 1 2015, Band 2 mit etwas Verspätung erst in diesem Jahr erschienen sind, wissen in vielerlei Hinsicht zu überraschen. So zeichnet sich der Zugang des Autors zum Thema, der sich bereits in seiner politikwissenschaftlichen Diplomarbeit damit beschäftigt hat, vor allem durch zwei Dinge aus: Zum einen setzt er ausgehend von der These, dass der Anarchismus und damit linkes Denken und Handeln von besonderer Bedeutung sind, nicht den Futurismus, sondern den Dadaismus als Anfangspunkt für die historische Avantgarde. Zum anderen will er mit seinem Werk äußerst ambitioniert die gesamte Zeit bis zum Situationismus beschreiben. Das stellt angesichts der zu erwartenden und tatsächlich gebotenen Fülle an Informationen nicht nur für Einsteiger, sondern auch für diejenigen, die mit der Materie vertraut sind, eine Herausforderung dar.

Es ist vor allem das, wie in anderen Avantgarde-Büchern gern praktizierte, ausführliche Schildern von Biografien sowie der Rückgriff auf Anekdoten, die dabei auffallen und die Lektüre zum langatmigen Unterfangen machen. So lernt der Leser im ersten Band neben bekannten Vertretern wie Hugo Ball, Marcel Duchamp und Tristan Tzara zwar die von Emanuely so verstandenen geistigen Vorfahren aus der Zeit des Anarchismus kennen. Die Ausführlichkeit, mit der insbesondere das Leben Félix Fénéon und dessen Beziehung zur Avantgarde erzählt wird, ist allerdings kein einmaliges Ereignis. Sie wiederholt sich im zweiten Band, der wegen seines Anhangs sogar noch dicker geraten ist. Unter Berücksichtigung von Protagonisten wie Isidore Isou und Guy Debord rückt der Autor hier unter anderem das Ende der Avantgarde ins Zentrum und vollendet damit sein ambitioniertes Projekt nach etwas mehr als 400 Seiten. »Avantgarde kurz und bündig zu erzählen ist unmöglich« (I, 197), dieser Erkenntnis, die Emanuely in einer Art Nachwort bereits am Ende des ersten Bands formuliert, muss man ohne Weiteres zustimmen.

Und immer wieder Paris

Die Geschichten, die der Autor in beiden Bänden versammelt, zeigen, dass für die Avantgarde neben der Forderung nach einer Antikunst gerade auch im Zuge der Frage nach dem eigenen politischen Engagement die Auseinandersetzung mit dem Alltag wichtig ist. Während im Kontext der beiden Weltkriege in Manifesten der kämpferische Geist beschworen wird, obsiegt 1963 – auch angesichts der Drohung eines dritten Weltkriegs – jedoch die Verzweiflung. Kein erneuter Vatermord bringt die Avantgarde zum Erliegen, sondern, ehe Guy Debord knapp 30 Jahre später tatsächlich Selbstmord begehen wird, ist es dessen schriftlich festgehaltene Vorwegnahme, die das Ende dokumentiert. »Avantgarde hörte auf zu sein, als die SI [Situationistische Internationale; Anm. der Redaktion] klarmachte, dass Kunst keine Situationsumwälzung ermöglicht.« (II, 196)

Es ist neben dem Detailwissen vor allem Emanuelys Art Geschichten zu erzählen, die beide Avantgarde-Bände auszeichnet. Das wird gerade in jenen durchaus interessanten Exkursen deutlich, mit denen Emanuely seine Ausführungen auflockern möchte. Es zeigt sich aber noch mehr auch an anderer Stelle. Bei all den Erzählungen rückt immer wieder Paris als ein wichtiger Knotenpunkt in den Fokus. In der französischen Hauptstadt läuft alles zusammen, von hier aus wird die Avantgarde für Emanuely zum globalen Phänomen:

Paris war für Intellektuelle aus aller Welt ein Ort, um sich zu treffen, sich auszutauschen, miteinander zu leben, zu arbeiten, und für viele der einzige Ort, um für die ausgearbeiteten und formulierten Ideen Publikum und Zuspruch zu finden. Für viele war Paris nicht nur Treffpunkt, sondern ebenfalls Fluchtpunkt, ein Ort des Exils, wo man im Vergleich zum eigenen Herkunftsort oft freier, ungefährdeter denken, handeln, sich artikulieren, organisieren konnte […]. (I, 40)

Man muss sich die Avantgarde mit Emanuely als ein Netzwerk vorstellen, das die Welt ausgehend von der einst von Walter Benjamin so beschriebenen Hauptstadt des 19. Jahrhunderts erschließt und deren Ausläufer an unterschiedlichen Orten – teils auch im krassen Gegensatz – zu spüren sind. Modernismen lassen sich auf diese Weise zwar kartografieren, doch provozieren sie in erster Linie gerade auch Widersprüche, die allein mit Blick auf Landkarten und Stadtpläne nicht analysiert werden können. Den Zauber dieser Zeit anhand dieses Blickwinkels und eines in der Forschung durchaus schon diskutierten Bezugs auf anarchistische Vorfahren einzufangen[1], liefert für die Diskussion des Phänomens »Avantgarde« nicht nur keine neuen Erkenntnisse. Es unterstreicht neben dem bewussten Ignorieren der Bedeutung des Futurismus auch ein verzerrtes Bild der wohl spannendsten Phase europäischer Kulturgeschichte und bestätigt auf diese Weise einmal mehr den Eindruck, dass der Begriff selbst immer noch umkämpft ist.

Alexander Emanuely: Avantgarde I. Von den anarchistischen Anfängen bis Dada oder wider eine begriffliche Beliebigkeit. Stuttgart: Schmetterling Verlag, 2015. 200 Seiten. ISBN 3-89657-680-1. 10 Euro

Alexander Emanuely: Avantgarde II. Vom Surrealismus bis zu den Lettristen oder Antikunst und Revolution. Stuttgart: Schmetterlin Verlag, 2017. 231 Seiten. ISBN  3-89657-687-9. 10 Euro



[1] Vgl. hierzu u.a. Berg, Hubert van den: Avantgarde und Anarchismus. Dada in Zürich und Berlin. Heidelberg 1999.

 

 

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