Verehrt, verhasst und verrissen

Julia Encke porträtiert in einem lesenswerten Buch den Skandalautor Michel Houellebecq

Kaum ein Autor der Gegenwart polarisiert die Öffentlichkeit so sehr wie Michel Houellebecq. Der Name steht wie kein zweiter für Provokation im Literaturbetrieb. Anlässlich des 60. Geburtstags des Schriftstellers porträtiert die Literaturkritikerin Julia Encke Houellebecq nun in all seinen Facetten und zeichnet das Bild eines umstrittenen Propheten. Das »Phänomen Houellebecq« vollends zu enträtseln, gelingt ihr allerdings nicht.

Als vor drei Jahren Michel Houellebecqs Roman Unterwerfung erschien, war der Aufschrei groß. Das lag zum einen an dem Werk selbst, das wegen seiner speziellen Thematisierung des Islam im Dunstkreis einer für das Jahr 2022 prophezeiten Präsidentschaft eines Muslimen auffiel und heftige Reaktionen provozierte. Noch viel mehr lag es aber an einem Ereignis, das die Veröffentlichung schließlich überschattete und aus dem Roman ein »Buch der Stunde« machte: der islamistische Anschlag auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Das Magazin hatte just am selben Tag mit einer Karikatur des Autors aufgemacht. In der Presse fantasierte man, dass die Schüsse auch Houellebecq gegolten hätten. Der Skandal war perfekt, der Autor verschwand erst einmal von der Bildfläche.

Verfolgt man das Werk Houellebecqs, der, lässt man strittige Quellen außer Acht, 1958 auf La Réunion geboren wurde und dessen erste literarischen Arbeiten in den 1980er Jahren erschienen, fällt auf, dass Skandale durchaus zum Programm gehören. Nicht nur wird der Autor seit jeher immer wieder im Rahmen von Besprechungen seiner Bücher skandalisiert. Auch Houellebecq selbst kommt immer wieder auf seine Präsenz als verhasster Autor zurück und legt es nicht nur im Rahmen von Selbstinszenierungen, die nichts weniger als seinen eigenen Verfall dokumentieren, gerne darauf an Skandale zu provozieren. Er versteht es nicht nur mit dem eigenen Bild als Autor, sondern auch der Öffentlichkeit zu spielen.

Zündstoff für öffentliche Diskussionen

Ein markantes Beispiel für einen derartigen Skandal ist gerade sein vor gut 20 Jahren erschienener Roman Elementarteilchen. In dem Buch erzählt der französische Schriftsteller die Geschichte der beiden Halbbrüder Michel Djerzisnki und Bruno Clément, die getrennt voneinander jeweils bei unterschiedlichen Großmüttern aufwachsen, weil die Mutter Janine Ceccaldi nicht in der Lage ist, eine Beziehung zu den Kindern aufzubauen und sich auf einer kontinuierlichen Sinnsuche befindet. Die beiden Protagonisten sind einsame Gestalten, wie sie dem Leser bereits aus Houellebecqs kurz zuvor erschienenen Roman Die Ausweitung der Kampfzone bekannt sind. Ihr Leben dreht sich um Sex. Während Bruno ständig die menschliche Nähe sucht, um seine Sexsucht zu befriedigen, beschäftigt sich Michel als Wissenschaftler mit künstlicher Reproduktion und der Forschung an einem geschlechtslosen menschlichen Wesen.

Elementarteilchen ist ein Roman, der aufgrund seiner inhaltlichen Gestaltung ordentlich Zündstoff für öffentliche Diskussionen bietet. Das liegt zum einen an den auffällig oft geschilderten Sexexzessen, die sich auch in teils reduzierter Form in späteren Romanen finden. Es wird aber auch daran deutlich, dass es Houellebecq ausgehend von einer in Elementarteilchen überdeutlichen und seiner reaktionären Geisteshaltung geschuldeten Abrechnung mit der 68er-Generation um ein ganz grundsätzliches Thema geht, das im öffentlichen Diskurs als Utopie nur provozieren kann: die sich herauskristallisierende Abschaffung und Überwindung der Menschheit.

Die Grenze zwischen Realität und Fiktion

Es ist nicht verwunderlich, dass der Roman, der auch dank Oskar Roehlers Verfilmung inzwischen zu einem Kultbuch avancierte, von der Presse durchaus unterschiedlich wahrgenommen wurde. Konzipiert als ein Thesenroman, der für Interpretationen keinen Spielraum lässt, erkannten die einen in dem Werk die literarische Ausformulierung von Sloterdijks Regeln für den Menschenpark, andere wiederum störten sich an den explizit pornographischen Inhalten und publizierten Verrisse. Als Skandal wurde Elementarteilchen aber auch deshalb wahrgenommen, weil Houellebecq damit begann die sensible Grenze zwischen Realität und Fiktion einzubrechen. Das Spiel mit realen Namen wie dem der Mutter Janine Ceccaldi oder aber auch die zunehmende Verwischung von Figuren- und Autorenrede bei öffentlichen Auftritten sorgten nicht nur für teils vor Gericht ausgetragene Streitigkeiten, sondern befeuerten letztlich auch außerhalb Frankreichs den Ruf, ein enfant terrible zu sein.

Doch reicht es aus in Houellebecq lediglich einen Autor zu erkennen, der die Gesetze des Literaturbetriebs für sich zu nutzen weiß und dies wiederholt zur Schau stellt? Anlässlich seines 60. Geburtstags in diesem Jahr nähert sich die Literaturkritikerin Julia Encke dem Schriftsteller, um eine Antwort zu erhalten. Es ist nicht der erste Versuch, das Leben und Werk des wohl am stärksten polarisierenden Schriftstellers der Gegenwart zusammenzuführen. Im Jahr 2000 machte sich bereits die amerikanische Journalistin Emily Eakin auf, um Houellebecq für ein Porträt an seinem damaligen Wohnort in Irland persönlich zu besuchen. 2006 erschien eine unautorisierte Biographie von Denis Demonpion.

Die Unberechenbarkeit des Autors

Klug und wortgewandt seziert Encke aus der Distanz die literarischen Texte. Dabei spielen nicht zuletzt auch immer wieder die Debatten rundum Houellebecq eine Rolle. Encke beschreibt den Dichter nicht nur als einen Provokateur und Gewinner, sondern betrachtet auch weitere Facetten, die ihr beim Blick auf Houellebecqs Leben und Werk auffallen. So zeigt sie anhand diverser Beispiele, dass sich Houellebecq gerade der Literatur des 19. Jahrhunderts verbunden fühlt. Das wird zum einen in seiner Lyrik immer wieder anhand der indirekten Bezüge auf Autoren wie Charles Baudelaire oder aber Stéphane Mallarmé deutlich. Es zeigt sich aber wohl am stärksten in seinem letzten Roman Unterwerfung, in dem der Schriftsteller Joris-Karl Huysmans eine wichtige Rolle spielt.

In Enckes Porträt Wer ist Michel Houellebecq? entsteht das Bild eines Menschen, der die Zeit als Ganzes im Blick hat und dessen Thesen gegenwärtig niemanden kalt lassen können, gerade in einem Jahr, in dem einmal mehr an die 68er-Generation erinnert wird. Es ist diesem lesenswerten Buch zu verdanken, dass es nun zum runden Geburtstag des Autors die Gelegenheit gibt, mit einer erweiterten Perspektive auf das »Phänomen Houellebecq« zu schauen, wie es Thomas Steinfeld 2001 genannt hatte. Enckes Beobachtungen helfen dabei, den Autor besser zu verstehen und hinter der Verschränkung von Leben und Werk nicht nur einen gewissen Mechanismus zu erkennen. Sie lassen den Autor allerdings nicht minder rätselhaft erscheinen. Houellebecq ist und bleibt ein Mysterium. Man darf gespannt sein, ob es tatsächlich dabei bleibt, dass er sich, wie er unlängst in einem Interview mit dem Magazin SPIEGEL ankündigte, aus der Öffentlichkeit zurückziehen wird. Die Stimme eines umstrittenen Propheten würde verstummen.

Julia Encke: Wer ist Michel Houellebecq?. Porträt eines Provokateurs. Rowohlt: Berlin, 2017. 256 Seiten. ISBN 978-3-7371-0017-5.19,95 Euro. – Auch als E-Book erhältlich.

 

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