Endstation Neuanfang

Szenenfoto © Thilo BeuEs gibt zwischenmenschliche Beziehungen, die sind hoffnungslos verloren. In denen haben sich die Partner durch unsichtbare Seile aneinander gefesselt und sehnen nichts mehr herbei, als von dem Menschen, den sie einmal geliebt haben, loszukommen. Von diesen Menschen und ihren »ganz normalen Höllen« handeln die Geschichten des amerikanischen Regisseurs und Dramatikers Neil LaBute. Seine Filme und Dramen sind mehrfach preisgekrönt, und wer einen Beweis benötigt, warum LaButes Stimme zu den ganz wichtigen der amerikanischen Gegenwartsliteratur gehört, der sollte in der nächsten Zeit einmal in die Bonner Werkstattbühne kommen. Dort feierte sein neuestes Werk Wie es so läuft vor überfüllten Zuschauerrängen seine deutschsprachige Erstaufführung.

LaButes Geschichten erzählen von den menschlichen Abgründen, die unter der Fassade einer heilen Welt klaffen. Sie beginnen im Ton harmlos und heiter, ehe die Sprache schließlich umschlägt und sich unterdrückte Aggressionen gewaltvoll entladen. Auch Wie es so läuft beginnt unverfänglich im Stil einer guten amerikanischen Komödie. Ein Mann kehrt nach Jahren in seine Heimatstadt zurück. Im Einkaufszentrum zwischen Wal-Mart und Super-Shoe trifft er seine alte Jugendliebe Belinda wieder. Es knistert gleich von Beginn an gewaltig zwischen ihm und der Frau, die wie eine leicht verruchte Doris Day auf der Bühne erscheint. Immer wieder unterbricht der Mann die Handlung, um sich direkt an das Publikum zu wenden. Ironisch betrachtet er sich und die Frau von außen und kommentiert das (eigene) Tun. In diesem Stück ist er Erzähler, Regisseur und Hauptdarsteller in einem.

In den Neunzigern gab man denen, die mit Kabelfernsehen, Videofilmen und Hollywood aufgewachsen waren und im Alter von 20 ihr eigenes Leben als endlose Filmhandlung begriffen, den Namen »Generation X«. Die typischen Vertreter redeten viel und waren auf der Suche nach etwas, was in den Hollywoodgeschichten auftauchte, nicht aber in ihrer Wirklichkeit mit dem materiellen Wohlstand und den geschiedenen Eltern: Gefühle. Die neunziger Jahre sind vergangen, die Generation X ist älter geworden. Ihre typischen Vertreter reden indes immer noch und sind noch immer auf der Suche nach der wahren Liebe.

Szenenfoto © Thilo BeuNeil LaButes Helden sind amerikanische Helden. Sie lieben Baseball und Barbecue, schätzen die »family values« und verrichten wohltätige Arbeiten für die Gemeinde. Doch hinter all diesen Werten verbirgt sich eine große Leere: »Ich möchte den ground zero in uns allen untersuchen«, heißt es in einem anderen Stück von LaBute. »Dieses weit offene Loch in uns selbst, das wir mit Kleidern von Gap zuzudecken versuchen.«

Die Gräben, von denen Wie es so läuft handelt, verlaufen zwischen Mann und Frau ebenso wie zwischen Weiß und Schwarz. Belindas Ehemann, Cody Phipps, ist ein erfolgreicher Geschäftsmann und angesehenes Mitglied seiner Gemeinde. Doch er ist schwarz und in der Kleinstadt, in der sie leben, gilt dies noch immer – wenn auch insgeheim – als Makel. Der alltägliche Rassismus äußert sich nicht in deutlichen Symbolen. Er wird erst dann sichtbar, wenn der Erzähler Belinda die Worte in den Mund legt, sie habe Cody wegen seines »langen, schwarzen Schwanzes« geheiratet. »Nein«, entschuldigt er sich umgehend, »ich schwöre, dies hat sie so nicht gesagt.« Aber, so gibt er zu bedenken, würde man dies nicht als erstes annehmen wollen?

Als Erzähler ist der Mann ganz und gar unzuverlässig. Er ist ein selbstverliebter Komödiant, der für eine gute Pointe die Wahrheit opfert. »Vertrauen sie mir nicht restlos«, beschwört er das Publikum. Denn es gibt immer noch eine andere Variante der Geschichte. Nie wird in den zwei Stunden, die das Stück dauert, ganz deutlich, was gesprochene und was nur gedachte Rede ist. »Die Wahrheit«, so belehrt der Erzähler sein Publikum am Ende, »ist eben so verdammt schwer fassbar.«

Cody kämpft gegen Windmühlen und vermutet hinter jeder Bemerkung eine rassistische Anspielung. Belinda erträgt ihren Mann nicht mehr und sehnt sich nach Geborgenheit und Verständnis. Und hinter der Fassade des Erzählers verbirgt sich die Existenz eines gescheiterten Anwalts. Zwar sehnt er sich nach Emotionen, doch kann er sie lediglich wortreich umschreiben, nicht aber konkret ausdrücken. Niemand in der Dreierbeziehung, der mit dem anderen reden kann. Nur über andere kann gesprochen und gelacht werden. Und so füllt das Unausgesprochene die Leere in den drei Charakteren aus.

Szenenfoto © Thilo BeuIm Alter von Mitte Dreißig sind die Lebensentwürfe der drei entweder gescheitert oder haben sich als Illusion erwiesen. Alle befinden sich in einer Sackgasse und nur der Rückwärtsgang mag Hoffnung auf einen Neuanfang geben. Denn ohne die Fähigkeit zur Kommunikation können die Konflikte, die sich vor ihnen auftürmen, nicht gelöst werden. Übrig bleibt nur die Flucht in die Vergangenheit, dahin zurück, wo die Probleme noch nicht existiert haben. Und doch ist der Wunsch nach einem Neubeginn nur die nächste Illusion. Die Beziehung, die zwischen Belinda und dem Erzähler anfängt, beruht gleich auf der nächsten Lüge.

Die Inszenierung von Klaus Weise beginnt und endet mit Aimee Manns Song »This is how it goes«. Keine Stimme in der Popmusik singt so zart und fragil von den menschlichen Hoffnungen und Träumen, die immer wieder zerstört werden. Ebenso intensiv war der Abend der Premiere von Wie es so läuft in der Werkstattbühne. Dass er zugleich rasend komisch war, liegt an den brillanten Dialogen LaButes und an der schauspielerischen Glanzleistung von Yorck Dippe, der den Erzähler so unwiderstehlich darzustellen wusste, dass das Publikum ihm förmlich an den Lippen hing. Auch Birte Schrein als Belinda und Falilou Seck als Cody waren großartig. Die Bravo-Rufe und der anhaltende Beifall klangen noch lange nach.

 

Wie es so läuft. Theaterstück von Neil LaBute. Deutsch von Frank Heibert.
Werkstattbühne Bonn. Deutschsprachige Erstaufführung.
Premiere: 30.04.2006. Inszenierung: Klaus Weise
Weitere Termine unter: www.theater-bonn.de

(Fotos: Thilo Beu)

 

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