Entdeckt: Ein Vorfahr der Literaturadaptionen im Comic

Ein Jahresrückblick unserer stellvertretenden Chefredakteurin Ute Friederich

Auch im Jahr 2012 war der Trend der Adaptionen literarischer ›Klassiker‹ in Comicform ungebrochen. In der FAZ fanden gleich zwei Literaturadaptionen ihren Platz in der Reihe täglich erscheinender Strips der Zeitung: Flix’ Don Quijote endete im Frühjahr des Jahres und ist inzwischen auch in Buchform beim Carlsen Verlag erschienen. Alice in Sussex startete vor einigen Wochen und zeigt Nicholas Mahlers Adaption von H.C Artmanns Roman Frankenstein in Sussex, der sich wiederum auf Lewis Carrolls Alice im Wunderland bezieht. Und ein Blick auf die Ankündigungen des Suhrkamp Verlags für 2013 zeigt, dass man dort auch im kommenden Jahr auf die Vermittlung ›kanonischer‹ Suhrkamp-Texte durch das Medium Comic setzt: Eine Adaption von Marcel Beyers Flughunden durch die österreichische Zeichnerin Ulli Lust sowie Olivia Viewegs Version von Marc Twains Huck Finn sollen im Frühsommer 2013 erscheinen.

Das Ziel: den Text zu ›verzehren‹

Doch auch wenn Flix’ Version der Geschichte des Ritters ›de la Mancha‹ durchaus Lesevergnügen bereitete und Nicholas Mahlers Alice in Sussex sehr vielversprechend gestartet ist – die Entdeckung meines Lesejahres 2012 ist bereits drei Jahrzehnte alt und könnte als kongenialer Vorfahre der gegenwärtigen Comicadaptionen gelten. Es handelt sich zwar auch um eine Literaturadaption, sie ist jedoch weder im eigentlichen Sinne ein Comic, noch ist sie mit der (im Falle von Suhrkamp vom Verlag ausgehenden) Intention, einen literarischen Klassiker in neuem Gewand zu präsentieren und so den Lesern auf neue Weise nahezubringen, entstanden. Im Gegenteil: als Hans Hillmann Ende 1975 mit der Umsetzung von Dashiell Hammetts Kriminalgeschichte  Flypaper begann, war es sein Ziel, den Text zu »verzehren«,1 ihn nahezu vollständig in Bilder umzuwandeln. »Es interessierte mich herauszufinden, ob es gelingen würde, auf etwa 60 bis 90 Seiten mit je einem ganzseitigen oder einem unterteilten doppelseitigen Bild die Geschichte zu erzählen und dabei mit ganz wenig Text unter den Bildern auszukommen ...« 2 Herausgekommen ist – nach sieben Jahren Arbeit – ein gut 250 Seiten starkes Buch (erschien 1982 bei Zweitausendeins), das als Neuerscheinung im Jahr 2012 wohl mit dem Label ›Graphic Novel‹ versehen worden wäre.

Fliegenpapier kommt dabei tatsächlich mit sehr wenig Text aus. Maximal sechs Zeilen finden sich unter den großformatigen Bildern, die nahezu die gesamte Seite einnehmen. Oft kommt das Buch auch über mehrere Seiten hinweg ganz ohne Text aus. Der vor allem für seine Filmplakate bekannte Grafiker und Illustrator Hillmann erzähl die Kriminalgeschichte in Aquarellen, die vor allem durch den Kontrast von Licht und Schatten und das Spiel mit unzähligen Nuancen von Grau gefangennehmen. Damit nähert er sich nicht nur ästhetisch dem Film noir. Sein Gebrauch unterschiedlicher Bildausschnitte und die Kombination dieser in der Sequenz der Bilder überträgt verschiedene filmische Verfahren wie Zoom und Schnitt in ein anderes Medium und macht sie dort für die Narration fruchtbar. Die Tatsache, dass die großformatigen Bilder vom Leser in Verbindung gesetzt und die Leerstellen zwischen den einzelnen Motiven gefüllt werden müssen, rückt Fliegenpapier in die Nähe des Comics.

Versteckt in unzähligen Grauschattierungen

In Hammetts Kurzkrimi geht es um einen Detektiv, der beauftagt wird, eine Tochter aus gutem New Yorker Hause im Auge zu behalten, die ihre Familie verlassen hat und zusammen mit ihrem Liebhaber im Verbrechermilieu von San Francisco abgetaucht ist. Hillmanns Adaption spannt sich auf zwischen den beiden Polen von überaus detailreichen Bildern, in denen man sich verlieren kann, und solchen, die sehr klar strukturiert und auf die nötigsten Bildinhalte reduziert sind. Er beginnt mit der Vorstellung der Protagonistin. Das Auge des Betrachters schweift im Bild umher, bleibt an der New Yorker Skyline, auf die das Fenster ihres Zimmers blickt, hängen, verliert sich im Muster des Teppichs, der Kommode, aus deren Schubladen alle möglichen Gegenstände quellen und der verwelkenden Blumen in einer Vase. Unter dem Bild ist zu lesen: »Es ging um eine mißratene Tochter.« 3 Und erst jetzt entdeckt man sie, in der Ecke ihres Zimmers mit Pelzkragen und Hut. Später dann, wenn das Gansterpärchen unauffindbar bleibt, zeigt Hillmann auf einer Doppelseite die Ansicht eines Verlassenen Strandes sowie den Blick aus einem mit Jallousien verschlossenen Fenster auf eine Straße. Beide Motive sind kaum detailliert ausgestaltet, dennoch genügt ein Blick, um die Stimmung von Melancholie und Einsamkeit in sich aufzunehmen. Diese unterschiedliche Art der Bildgestaltung wirkt sich auch auf das Lesetempo aus. Streckenweise blättert man schnell von Seite zu Seite, gefangen im Rhythmus von Schuss und Gegenschuss. Dann wieder verharrt man minutenlang über einem der ›Wimmelbilder‹. Fliegenpapier ist daher mehr als eine Adaption eines literarischen Textes in Bildern, es zeigt darüber hinaus auf, welche Verbindung zwischen den drei Medien Literatur, Malerei und Film existieren und auf welch virtuose Weise sie verknüpft werden können.

Auch im Angesicht all der aktuellen Neuerscheinungen auf dem Feld der Literaturadaptionen im Comicformat lohnt es also, sich auf ein inzwischen 30 Jahre altes Werk zu besinnen, das – auch wenn es kein klassischer Comic ist – ein wunderbares Beispiel dafür ist, was Literaturadaptionen im Comic leisten können: Sie können mit ihrer Vorlage in einen Dialog treten. Umso bedauernswerter ist es, dass Fliegenpapier zur Zeit nur antiquarisch zu bekommen ist (auch die im Jahr 2005 bei dtv erschienene Neuauflage ist inzwischen vergriffen).

 

1 Zitiert nach Christoph Hochhäusler: In der Lücke. Über Hans Hillmanns »Fliegenpapier«. In: Neue Rundschau 123 (2012). Heft 3: Comic. S. 128-132; hier: S. 128.

2 Hans Hillmann: Fliegenpapier. Nach Dashiell Hammetts Kriminalgeschichte Flypaper. München 2005.

3 Ebd., S.9.

 

 

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