Erlöse uns

Manfred Poser gibt zum Karfreitag den Ketzer – und meint, Erlöser könne es gar nicht genug geben

Die Leiden der Erlöser. Heiligenfiguren in Gleisdorf (Steiermark). (Foto: © Manfred Poser) Wieder einmal entfällt der Ausreißversuch auf einen Karfreitag. Das Leiden des Herrn! Die Dreifaltigkeit entspricht dem Dreiklang Körper, Geist und Seele, und Jesus Christus wäre der Körper, denn Gott ist Fleisch geworden. Christus nahm für die Sünden der Menschen den Tod auf sich und erlebte die Auferstehung am dritten Tage. Für meine Recherchen hatte mir The Psychic Stream von Arthur James Findlay (1939) ausgeliehen und musste einen Koloss von 1.160 Seiten nach Hause tragen. Dicker als Der Turm! Aber viel spannender. Ich bin immerhin bis Seite 310 vorgedrungen, während Freund Helmut gestand, beim Turm nur bis Seite 40 gekommen zu sein. Findlay (1883–1964) war Spiritualist, und auf den britischen Inseln ist der Spiritualismus als Kirche anerkannt. Er, der ein Hineinwirken des Jenseits in unserer Welt und den Kontakt zu Geistern zum Fundament hat, betrachtet sich als Konkurrent des Katholizismus.

Der Tourist und der Erlöser. In Gruyères im Schweizer Waadtland ist das Informationsbüro in einer ehemaligen Kapelle untergebracht. (Foto: © Manfred Poser)
Der Tourist und der Erlöser. In Gruyères im Schweizer Waadtland ist das Informationsbüro in einer ehemaligen Kapelle untergebracht.
(Foto: © Manfred Poser)

In den Jenseitsbüchern vor hundert Jahren werden die Dogmen der katholischen Kirche immer wieder angegriffen, was natürlich irdischen Quellen zuzuschreiben ist (dem Bewusstsein und Unterbewusstsein der Schreibenden), und die Kirche schlägt zurück. Erst bei seiner Afrika-Reise hat Papst Benedikt XVI. wieder vor Spiritismus und dem Hexenwesen gewarnt. Man muss sein Monopol verteidigen. Doch damit ist es nicht weit her. Der erste Kult der Menschheit war der Ahnenkult. Später, meinte Findlay, entwickelte sich der Dualismus zwischen Gut und Böse und damit die Angst vor Bestrafung und Trennung von den guten Göttern. Ein »Heiland« war gefragt, der die Last der Sünden auf sich nehmen und sich für sie opfern würde. Leider, beklagt Arthur Findlay, hätte diese Lösung dem Menschen nicht geholfen, sich moralisch weiterzuentwickeln, da er bequemer Weise seine Fehler dem Erlöser aufladen konnte. Außerdem lehre jede Erlöserreligion die Existenz von Himmel und Hölle.

»Wenigstens 30 Erlösergötter sind in der Geschichte bekannt«, schreibt Findlay. Angefangen habe es zwei Jahrtausende vor Christus. Zu den Heilanden gehören etwa Prometheus (Griechenland), Krishna (Indien), Horus (Ägypten), Mithra (Persien) und Quexalcoatl (Mexiko), und viele Elemente daraus finden wir im Christentum wieder. Mithra, der schon im 14. Jahrhundert vor Christus bekannt war, wurde später im römischen Reich als Mithras verehrt. Sein Geburtstag war der 25. Dezember, und im Jahr 354 einigte man sich auf den 24. als Christi Geburt. Natürlich handelt es sich beim Katholizismus um ein Amalgam aus früheren Mythen, die genial einem Glaubensgerüst übergestülpt wurden, wie man auch christliche Kirchen einfach über heidnischen Heiligtümern errichtete. Der Glaube, dass man durch die Einnahme des Blutes des geopferten Gottes Unsterblichkeit und Einheit mit ihm erlangen könne, ist alt. Auch die Juden glaubten, dass das Blut den Geist enthielt. Arthur Findlays These lautet dahingehend, dass der »Psychic stream« auf dem Grund vieler Religionen lag. Parapsychologische Phänomene hätten zur Verehrung von Erlösern als Götter geführt: Sie wären nach dem Tode erschienen, hätten also den Tod besiegt und konnten nun verehrt werden. Klingt fast nach Erich von Däniken. Doch zumindest sollte man die weltweite Entstehung der Erlöserreligionen würdigen und die Tatsache, dass es dafür ein Bedürfnis gab und die katholische Kirche nur besser den Zeitgeist traf und es ihr gelang, ihre Geschichte durchzusetzen: mit gutem Marketing, flankiert von der nötigen Macht und Gewalt. Findlay kann also schön in der Tradition von Nathan dem Weisen bei Gotthold Ephraim Lessing sagen: »Dies hat bewiesen, dass keine Religion behaupten kann, die einzige Offenbarung Gottes zu sein oder in Besitz des einzigen Heilands der Menschheit zu sein, dass die Sehnsüchte und Bestrebungen auf der ganzen Welt dieselben sind und dass der ›psychic stream‹ für jeden religiösen Glauben der Menschheit verantwortlich ist.« Doch es gibt einen weiteren interessanten Aspekt am Erlöser. Da er ja für den Menschen eintritt, ist er sein zweites Ich, sein alter Ego. Der Mensch projiziert sich immer in andere Personen, schon wenn der Filme sieht und Bücher liest. Wenn er atemlos James Bond und Harry Potter folgt oder seinen »Avatar« in Second Life herumlaufen lässt. Und wenn ihn jemand fragte: »Wo bist du jetzt?«, dann würde er vielleicht nicht sagen: in meinem Körper. Sein Bewusstsein ist in der Lage, sich anderen Ichs anzuverwandeln. Es will sich selbst transzendieren, um auf höherer Stufe die Einheit zu erfahren, der es sein Leben lang nachjagt. Die Symbiose mit dem Erlöser ist nötig. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der ist in mir und ich in ihm. Viele Mystiker haben diese Einheit erfahren, die wir zwar nicht näher bestimmen können, die aber unglaublich glücklich machte.

 

Die Leiden der Erlöser. Heiligenfiguren in Gleisdorf (Steiermark). (Foto: © Manfred Poser) Die Leiden der Erlöser. Heiligenfiguren in Gleisdorf (Steiermark).
(Foto: © Manfred Poser)

 

Der Erlöser der Gnosis – ein weiterer Konkurrenzglaube des Christentums um 200 – ist, wie Hans Jonas schreibt, »ein Bote aus der Welt des Lichts, der die Schranken der Sphären durchbricht, die Archonten überlistet, den Geist aus seinem irdischen Schlaf aufweckt und ihm das erlösende Wissen von außerhalb zukommen lässt«. Doch dann tritt in vielen gnostischen Texten eine eigentümliche Verwirrung auf, so dass man nicht mehr weiß, wer der Erlöste und wer der Erlöser sei und ob nicht vielleicht der Erlöser sich selbst erlöst. Bei der Rückkehr durch die Sphären bedienen sich die Sünder, um an den Archonten vorbeizukommen, zum Teil Keckheit und Arroganz, zum Teil Unterwürfigkeit. So ist das auch im Ägyptischen Totenbuch. Der Verstorbene wirkt auf seinen Reisen manchmal klein und hilflos, dann wieder behauptet er triumphal: »Osiris bin ich!« (Osiris, der Totengott.) Auch in der Literatur ist der Autor gleichzeitig Gott und das kleine Ich, das sich durchs Leben schlägt. Er will angeblich den Leser erlösen, doch in Wirklichkeit vor allem sich selbst. Mehr als über Erlöser und Weltenschöpfer sagen uns die Religionen etwas über den Menschen.

Turm auf b2 und Schach! Eine

Turm auf b2 und Schach! Eine Aktualisierung: Der "Turm" (von dem ich selber nur drei Sätze kenne) sei doch ein "feines Buch", sagt mein Freund Helmut, und der Autor schreibe einen guten Stil; es habe wie immer bei dicken Büchern eine längere Anlaufzeit gebraucht. - Zwei wichtige Bücher habe ich auch schon nach je 200 Seiten weggelegt, um sie im zweiten Anlauf zu packen. Auch ein Leser ist nicht immer in Form; niemand sollte meinen, dass Lesen etwas wäre wie etwa Bügeln. Gotta have the right Mood. Aber heute zählen die beiden Bücher (Der Mann ohne Eigenschaften und Der Idiot) zu meinen absoluten Favoriten Grüße Manfred Poser.

 

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