Erleuchtete Dichter

Die Erleuchtung durchs Frühjahr wird kommen – und bis dahin tröstet uns Manfred Poser mit erleuchteten Dichtern

Die Erleuchtung ist eher eine Sache des Frühjahrs. Zumindest vollzieht sie sich gern im Lenz. Aber ein gewisses Datum bewog mich, sie schon jetzt zum Gegenstand einer Betrachtung zu machen. Also: Richard Maurice Bucke, 1837 in England geboren, praktizierte in Kanada als Arzt. 1872, als er 35 Jahre alt war, ereilte ihn die Erleuchtung (von der noch zu reden sein wird), 1877 lernte er Walt Whitman und dessen poetisches Werk kennen, vor allem die »Leaves of Grass«, und um 1895 fing er an, sein Buch »Cosmic Consciousness« zu schreiben. Es erschien in 500 Exemplaren bei Mssrs. Innes in Philadelphia ...

Richard Maurice Bucke (1837–1902)
Richard Maurice Bucke (1837–1902)

 (Neben mir liegt allerdings eine Ausgabe von 1923, E. P. Dutton & Company, New York.)

An einem 19. Februar (1902) kehrte er mit seiner Frau von einer Abendeinladung zurück und wollte noch einmal vor dem Schlafengehen den Sternenhimmel bestaunen. Auf der Veranda rutscht er auf einem Stück Eis aus, prallt mit dem Kopf an einen Holzpfeiler und ist auf der Stelle tot. Alle hatten »den Doktor« geliebt. Das ist nun nicht gerade eine erbauliche Einleitung, aber sie wird ihren Sinn gehabt haben. Der Winter ist noch nicht vorbei. Gerade diesen Morgen sind auf Blitzeis wieder zahlreiche Radler und Fußgänger ausgerutscht. Watch your step!

 

Die Erleuchtung

Das mit der Erleuchtung geschah so: Bucke hatte im Frühjahr 1872 mit zwei Freunden einen Abend über der Lektüre der Dichter Wordsworth, Keats, Shelley und Browning verbracht. Sie waren hochgestimmt. Richard Maurice Bucke fährt in der kleinen Kutsche heim und fühlt sich gelassen und froh.

Plötzlich sah er sich ohne Warnung von einer flammenfarbigen Wolke eingehüllt. Einen Augenblick lang dachte er an Feuer [...] Im nächsten (Augenblick) wusste er, dass das Licht in ihm war. Gleich danach überkam ihn ein Gefühl der Entfesselung und unglaublicher Freude, begleitet oder gefolgt von einer intellektuellen Erleuchtung, die zu beschreiben ganz unmöglich ist. In sein Gehirn strömte ein momentaner Blitz des Brahmanischen Glanzes, der seither sein Leben erleuchtet. Auf sein Herz fiel ein Tropfen des Brahmanischen Segens, der ihm für immer einen Nachgeschmack des Himmels hinterließ.

Bucke erklärte später, die Plötzlichkeit der Erleuchtung sei unglaublich und nur mit einem Blitz zu vergleichen gewesen. Das Erlebnis steht jenseits der Sprache. Dante und Paulus bekannten ihre Sprachlosigkeit, und Whitman schrieb:

When I undertake to tell the best I find I cannot My tongue is in effectual on its pivots, My breath will not be obedient to its organs, I become a dumb man.

Zwei, drei Sekunden der Erleuchtung genügen – und man vergisst es nie mehr. Das unterscheidet sie von den Ekstasen, die öfter auftreten, auch lange andauern können (Stunden, Tage; ein Mönch soll, wie Joseph Görres in »Die Christliche Mystik« berichtet, sogar 70 Jahre »in Verzuckung« gelegen haben), aber nicht ewig wie die Erleuchtung. Freilich ist Buckes Buch »Cosmic Consciousness« von der Zeit geprägt, in der es geschrieben wurde. Der große Menschheitsfreund spricht von höheren und niederen Rassen, hofft auf einen »Sprung« der Menschheit durch eine vierte Bewusstseinsstufe, das intuitive Wissen oder das kosmische Bewusstsein, und er sieht nur Männer, denen die Erleuchtung meist in ihrem dritten Lebensjahrzehnt zuteil werde.  Aber dann, wenn er die »handelnden Personen« vorstellt, zu denen selbstverständlich Buddha, Mohammed und Jesus gehören, wird es interessant.

 

Dante, Balzac, Whitman
»Dante im Paradies« – ein Stich von Gustave Doré
»Dante im Paradies« – ein Stich von Gustave Doré (1832–1883)

Denn Richard Maurice Bucke führt auch einige Schriftsteller auf, die erleuchtet gewesen sein sollen, und deren Fälle stellen wir nun vor. Es sind Dante Alighieri, Honoré de Balzac und Walt Whitman.

Dante (1265–1321) habe den »kosmischen Sinn« gehabt, meint der Autor. In seiner Jugend war der Florentiner fleißig und ernsthaft. Irgendwann muss ihn dann die Erleuchtung überkommen haben; Bucke vermutet um 1300, also das Jahr, in dem die »Göttliche Komödie« angesiedelt ist. Damals wäre er 35 Jahre alt gewesen. Am Ende des Gedichtzyklus »Vita Nuova« (1309) scheint Dante über das Kosmische Bewusstsein zu schreiben, und womöglich wurde er 1300 verfasst. Danach erst machte sich Dante mit neu gewonnenem Einblick an die »Göttliche Komödie«. Am Ende von »Vita Nuova« heißt es:

Nach diesem Sonett erschien mir eine wundervolle Vision, in der ich Dinge sah, die mich zu dem Entschluss brachten, nie mehr von dieser Gesegneten [Beatrice] zu sprechen, als bis ich es angemessener tun könne. [...] Damit ich, wenn es Ihm, durch den alle Dinge leben, gefällt, mein Leben noch einige Jahre zu verlängern, hoffen kann, von ihr sagen zu können, was noch von keiner Frau gesagt wurde.

Bucke behauptet, Beatrice (die Glücklichmachende) sei nur eine Umschreibung des kosmischen Sinns. Alles deute darauf hin, und die Existenz einer realen Frau namens Beatrice ändere nichts daran. – Das hatte ich nie bedacht. Doch angesichts der Vorliebe des Mittelalters für Allegorien könnte es sich vielleicht lohnen, die »Göttliche Komödie« unter diesem Aspekt neu zu lesen. Honoré de Balzac (1799–1850) war gesund und robust, ein guter Arbeiter, und am Anfang seiner Schriftstellerlaufbahn schrieb er 40 wertlose Romane. Auf 1831 ist laut Bucke seine Erleuchtung zu datieren, über die Balzac angeblich in »Louis Lambert« und »Seraphita« schreibt. In Louis Lambert hat er sich selbst porträtiert. Von Balzac soll ein besonderer Glanz ausgegangen sein. Er trug immer weiße Kleidung. Alle liebten ihn. Gautier meinte, sein Blick sei magnetisch gewesen, seine Haltung hoch moralisch; er liebte die Frauen und lebte dennoch wie ein Mönch. Richard Maurice Bucke vermerkt noch »a curious thing«: Dass die Erleuchteten oft nicht gut schreiben können. Auf Dante trifft das bestimmt nicht zu, doch Balzac, der Vielschreiber, war gewiss kein großer Stilist. Bucke meint, es gebe so wenige Erleuchtete, und dass ein solcher dann auch noch ein Talent der Feder sei, wäre zu viel verlangt. Walt Whitman (1819–1892), den er verehrte, hat er da ausgespart. In den »Leaves of Grass« widmet dieser sich angeblich seinem Wendepunkt (um 1853/54). Auch Whitman muss ein außergewöhnlicher Mensch gewesen sein: immer perfekt gekleidet, immer freundlich und sanft und von großem Einfluss auf alle, die ihn trafen. Er machte gerne Wanderungen, liebte Kinder, und einmal, erzählt Bucke, hätten sie auf einer Veranda gesessen, umschwärmt von Moskitos, die Whitman aber überhaupt nichts taten.

 

Das Eindringen des Lichts (Foto: Manfred Poser)
Das Eindringen des Lichts (Foto: Manfred Poser)

 

Weitere Autoren, die vom Kosmischen Bewusstsein wenigstens gestreift wurden, sind für Bucke Baruch Spinoza, Blaise Pascal, William Wordsworth, Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau. Seine Auswahl ist natürlich subjektiv und von seiner Lebenswelt bestimmt; es geht auch nicht unbedingt um Namen und den Grad der Erleuchtung, sondern um die Erkenntnis, dass es so etwas gibt. Vergleichbar etwa mit einer Nahtod-Erfahrung, nach der fast alle Menschen bestätigen, dass sich ihr Leben geändert habe: Sie seien nun spiritueller, hätten keine Angst vor dem Tod mehr und wollten ihr Leben den Mitmenschen widmen. Im Buddhismus entspricht dem die »Satori«-Erfahrung, die letzte Frucht der Selbstkultivierung; der Künstler indessen soll in den östlichen Lehren die Schönheit anstreben, »Yūgen« (etwa: das tiefe, suggestive Geheimnis). Der Poet bildet seinen Geist und kommt zur Körper-Geist-Einheit, indem er unaufhörlich Poesie schreibt, und im Zen-Buddhismus liegt das Gewicht auf dem Künstler: Er soll die Katharsis erfahren und vor allem im Zustand des Nicht-Geistes (»mushin«) schaffen. Sein Tun ist der Samen, die Frucht ist die »Blume«, wie das Schönheits-Ziel im Nō-Theater genannt wird. Das dachte ich schon immer: Das Schreiben verändert vor allem den, der schreibt; und wenn es noch einen Leser verändert, wäre das eine schöne Zugabe.

 

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