Erpressung, Nacktfotos, eine Kreissäge

Peter Buwalda zersägt den Familienroman

Wie dekonstruiert man ein Genre (den Familienroman), dessen Gegenstand (die bürgerliche Kernfamilie) längst dekonstruiert ist? Indem man, so die Antwort, die der niederländische Autor Peter Buwalda in seinem hochgelobten Debut Bonita Avenue dazu gibt, einem Roman den Auftakt eines vielschichtigen Familiendramas gibt, ihn dann aber als Splatter-Inszenierung mit pornografischem Anstrich enden lässt. Das ist nicht geschmackvoll, aber unbedingt zeitgemäß.

 

Betrug? Natürlich.

Enschede, 2000. Siem Sigerius, Mathematikprofessor, Universitätsrektor, ehemaliger Erfolgsjudoka und überaus vitaler Protagonist von Buwaldas 600-Seiten-Wälzer, hat auf den ersten Blick alles, was man sich wünschen kann. Neben der akademischen Karriere nennt er ein umgebautes Bauernhaus im niederländischen Drienerlo sein Eigen, in dem er seit einem kurzen Intermezzo als mathematisches Genie in der kalifornischen Bonita Avenue mit seiner Frau, der Schreinerin Tineke, lebt. Er hat zwei wohlgeratene, erwachsene Töchter, die an seiner Universität, der fiktiven Tubantia University in Enschede, studieren – und seitdem er zum künftigen niederländisch Wissenschaftsminister ernannt wurde, scheint endgültig keine Bedrohung seines rundum gelungenen Lebens mehr in Sicht.

Schon der zweite Blick aber offenbart, dass Sigeriusʼ Leben und seine Karriere auf sandigem Grund gebaut sind. Wissenschaftler wurde Sigerius nämlich erst, nachdem ein Unfall den Traum der Olympia-Teilnahme des damaligen niederländischen Judo-Meisters zunichtemachte, mit Tineke ist er bereits in zweiter Ehe verheiratet, und die Töchter Joni und Janis hat ebenfalls seine Frau mit in die Ehe gebracht. Sigerius ist der Stiefvater der beiden Mädchen und hat Wilbert, seinen missratenen Sohn aus erster Ehe, glattweg durch sie ersetzt. Die heiligen Bande familiären Zusammenhalts sind in Buwaldas Roman damit von vorne herein nicht mehr die Blutsbande der bürgerlichen Familie, sondern die gesellschaftlichen Konventionen der Gegenwart.

Für das Scheitern dieses angreifbaren Patchwork-Konstrukts braucht es dann auch gar nicht mehr den bösen leiblichen Sohn – auch wenn der im Roman tatsächlich zurückkehrt, Sigerius erpresst und den Leser zu der Annahme verleiten könnte, das in Bonita Avenue entgegen aller geschilderten Entwicklungen doch Blut und Gene die letzten Endes unauflösliche, fatale Einheit der Familie stiften. Denn der spektakuläre Fall Siem Sigeriusʼ beginnt mit seiner Stieftochter Joni, und er wurzelt in Sigeriusʼ konservativer Moral, darin dass, wie Tineke formuliert, Sigerius ein »Kerl mit so wenig Sexualität im Leib [sei], dass sie sich über die Tendenz seiner erbaulichen Reden manchmal Sorgen mache.« Die fünfundzwanzigjährige Joni dagegen betreibt gemeinsam mit ihrem Freund, dem Fotografen Aaron, eine gut besuchte, sehr ertragreiche Internet-Seite, auf der sie sich selbst in Form von pornografischen Fotos darbietet.

 

Schlachtfeld? Schlachtfest!

Zum großen Knall kommt es als der Vater, entgegen seiner konventionellen Werte selbst einer der kaufkräftigen Gäste von Aarons und Jonis Website, seine Tochter dort zu erkennen glaubt und nach kurzer Suche in Aarons Haus die entsprechenden Beweise dafür findet. Das hat verheerende Folgen: Statt seine Tochter zu konfrontieren, zieht sich Sigerius am Set der verwerflichen Fotos in Aarons Haus einen der String-Tangas seiner Tochter über und flieht, von dieser auf frischer Tat ertappt, fast nackt durch einen Sprung durch die geschlossene Terrassentür. Spätestens von da an sind die Tage seines Bilderbuch-Familienidylls gezählt. Die Stadt Enschede liegt ohnehin bereits in Trümmern, denn die dort ansässige Fabrik für Feuerwerkskörper ist, durchaus in Übereinstimmung mit den historischen Fakten, am 13. Mai 2000 und mitten im Romangeschehen in die Luft geflogen.

Auf den anderen literarischen Sprung durch eine Glasscheibe, durch den in Thomas Pynchons Roman Vineland ein ebenfalls in Frauenkleidung gewandeter Mann für Furore sorgt, wurde bereits an anderer Stelle vollkommen zu Recht hingewiesen, ebenso auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Buwaldas Debut und den Werken der großen US-amerikanischen Gegenwartsautoren Jonathan Franzen und Philip Roth.

Buwaldas Roman braucht diese Vergleiche mit anderen Werken weder zu scheuen, noch allerdings muss er sich unbedingt zu ihnen in Beziehung setzen lassen. Der Plot, den Buwalda da mit brachialer Wortgewalt zusammenzimmert und aus kapitelweise wechselnder Perspektive erzählt, ist bei aller Konstruktion und Unwahrscheinlichkeit lebendig wie eine Horde tobender Stiere und wütet mit orkanartiger Kraft durch die Köpfe des Lesers. Das liegt nicht zuletzt an der Reibung zwischen den Charakteren. Siem Sigerius, Protagonist und eine der drei perspektivgebenden Figuren, ist trotz seiner Prüderie ein sinnenfroher und genusssüchtiger Mensch, dessen Dilemma gerade aus der Unvereinbarkeit seiner inneren Moral mit der ihm eigenen, ausgeprägten Körperlichkeit resultiert. Seine Tochter Joni, die einige Jahre später rückblickend als Ich-Erzählerin ihre Sicht der Dinge schildert, bietet als clevere, aber nichtsdestoweniger sinnliche Geschäftsfrau einen exzellenten Gegenpart für den vor Produktivität und Vitalität nur so strotzenden Sigerius – nicht umsonst hat sie als einzige der Romanfiguren nach den verhängnisvollen Ereignissen der Haupthandlung des Romans in den USA Karriere gemacht, und zwar als Pornoproduzentin und erneut überaus erfolgreich. Die verhängnisvolle Schlacht zwischen diesen beiden Figuren wird von Buwalda auch sprachlich zelebriert; der Roman ähnelt bei aller Verwüstung immer eher einem rabiaten Schlachtfest als einem Schlachtfeld. Die lebhafte Übersetzung von Gregor Seferens transportiert dies ganz hervorragend ins Deutsche:

Und dennoch. Dennoch bröckelt da was, ein leises scheinheiliges Nagen, dass sich immer weniger verleugnen lässt, je mehr er [Sigerius] trinkt. Die kompromittierende Tatsache, dass er … dass er dieser ganzen Misere als Konsument auf die Spur gekommen ist, als Jonis Kunde, und er es nicht von einem besorgen Dritten erfahren hat, die Tatsache, dass er bezahlt hat, ja den beiden Geld für das überwiesen hat, was er nun so harsch verurteilt – diese wahnsinnige, heuchlerische Verstrickung beginnt, auf ihn einzuwirken. Das blütenweiße Licht seiner moralischen Empörung fällt durch ein Prisma und wird zu einem Spektrum von differenzierten emotionalen Endzeitgedanken gebrochen.

 

Porno x Mord

Jonis Freund Aaron dagegen, die dritte Hauptfigur, endet nach der verhängnisvollen Konfrontation von Vater und Stieftochter mit ausgewachsenen Wahnvorstellungen in der Psychiatrie. Zuvor aber hat er als Fotograf die Vorgänge im Bauernhaus, die große Explosion in Enschede, und, nicht zuletzt, seine attraktive Freundin beobachtet, deren nackter Körper anschließend durch ihn massenhafter Betrachtung zugänglich wurde. Damit verweist Aaron auch auf den Beginn einer massenmedialen Entwicklung, ohne die die Thematik und Ästhetik des Romans kaum in ihrer ganzen Breite zu fassen sind. Das moralische Dilemma, in das sich Sigerius als Konsument pornografischer Erzeugnisse im Jahr 2000 hineinbegibt, lässt sich aus heutiger Sicht wohl kaum noch in der im Roman geschilderten Intensität nachvollziehen. In Bobbi Red, Jonis amerikanischem Schützling, der 2007 – also einige Jahre nach Siem Sigerius verzweifeltem Sprung – als achtzehnjähriger Teenager zielstrebig zum Pornostar aufsteigt, wird über Sigeriusʼ Konflikt hinaus im Roman aber auch kaum verhüllt die reale Sasha Grey portraitiert – und damit die Überführung des Pornos mitsamt seiner schonungslosen Bildsprache und den teilweise brutalen Inhalten in den jederzeit jedem zugänglichen Mainstream explizit zum Thema. Als sehr junge Pornodarstellerin hatte Sasha Grey nicht nur öffentlichkeitswirksam viel Geld unter anderem durch das Internet und dessen Verbreitungsmöglichkeiten verdient, sondern es schließlich, ebenso wie Bobbi im Roman, bis auf die Talkshow-Couch des US-Models Tyra Banks geschafft und mit Hollywood-Regisseur Steven Soderbergh einen Film über ein Luxus-Callgirl in Manhattan gedreht.

Diese Entwicklung der Pornografie im Internetzeitalter ist die Voraussetzung dafür, dass Schockstrategien und Tabubruch auch zu ästhetischen Wirkungsmitteln des vorliegenden Romans werden können. Das bezieht sich auf die Affinität des Textes zu Körperdiskursen und ästhetischen Grenzüberschreitungen, wie sie unter anderem in Siems Cross-Dressing sichtbar werden, aber auch auf das gewalttätige Ende des Romans. Hier bricht der ›Familienroman‹ endgültig mit seiner traditionellen Sprache und Form und schlägt um in einen veritablen Splatter-Trip. Siem Sigerius bricht seinem Sohn Wilbert nach einem Erpressungsversuch erst den Arm und lässt ihn dann in seinem Garten vorsätzlich erfrieren. Anschließend zersägt und zerhackt er ihn mit der Kreissäge bzw. der Axt seiner Frau, um ihn besser entsorgen und sich selbst anschließend auf der Yacht, die seine Tochter mit ihrer Pornoseite zuvor erwirtschaftet hatte, erhängen zu können.

Dass Bonita Avenue damit nicht als bürgerlicher Familienroman funktioniert, der bestehende Gesellschaftsverhältnisse realistisch abbildet und zu Identifikation und Katharsis einlädt, ist vor diesem Hintergrund keine Schwäche des Romans, und schon gar nicht ist es der fehlenden Kontrolle des Autors über seinen Stoff geschuldet. Die kompromisslose Darstellung einer Familientragödie, die nicht mehr anhand positiv bewerteter gesellschaftlicher Sinnstrukturen, sondern an einer Ästhetik von Splatter und Pornografie gemessen wird, besticht gerade durch den Bruch mit psychologisch oder sozialkritisch motivierter Tiefendarstellung. Bonita Avenue ist ein voyeuristischer und fast körperlich anmutender Text, in dem der Autor die Zerstörung der ordnungsstiftenden Institution Familie in ihren verschiedenen Ausprägungen geradezu meisterhaft orchestriert und schonungslos zu Ende erzählt. Seine Verbindung von inhaltlicher Radikalität und formaler Konsequenz ist dabei in der europäischen Gegenwartsliteratur tatsächlich selten, zumal wenn es um das traditionsreiche Genre des Familienromans geht, das sich zwar in den letzten Jahren erneut wachsender Beliebtheit erfreute, aber eher konventionell-realistische Formen wiederbelebte. Als Aktualisierung des Familienromans vor dem Hintergrund gesellschaftlicher, medialer und ästhetischer Entwicklungen der frühen 2000er Jahre kann Buwaldas Debut darum kaum überschätzt werden: Der Roman trifft, wenn nicht jedermanns Geschmack, so doch unbedingt den Nerv seiner Zeit.

 

Peter Buwalda: Bonita Avenue. Roman. Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 2013. 639 Seiten. ISBN 978-3-498-00672-3. 24,95 Euro.


 

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