Erwachsenwerden zwischen Politik und Privatem

Ein Vergleich der Romane liegen lernen von Frank Goosen und Herr Lehmann von Sven Regener

Mit fünfzehn will man es sein, um jeden Preis, fünfzehn Jahre später wehrt man sich gegen das, was man laut Gesetz, Gesellschaft und Geburtsurkunde längst ist: Erwachsen. Aber was bedeutet Erwachsensein? Der äußere Wachstum misst sich in Jahren, woran misst sich der innere? Ist Erwachsensein etwas Erstrebenswertes oder sollte es aufgeschoben werden, so lange wie möglich?

Endlich erwachsen werden

»Eigentlich sollten wir erwachsen werden« – mit diesem Satz sorgte das Magazin NEON vor acht Jahren für Furore und traf den Nerv seiner Zielgruppe, nämlich ihren größten Stolz und ihre größte Scham zugleich. Erwachsen werden: Ja, das wissen und wussten die Mittzwanziger und Umdiedreißiger. Sollten: Das ist der Imperativ der Mitmenschen, der Eltern, der gesellschaftlichen Erwartungen im Generellen. Das ist das schlechte Gewissen nicht nur einer, sondern gleich mehrerer Generationen, über die achtziger Jahre und den Mauerfall hinweg bis heute. Und die Geschichte geht weiter: Nun titelte das NEON-Nachfolgemagazin NIDO: »Wir sind eine Familie«. Die Schlussfolgerung vom Noch-Nicht-Erwachsen-Werden-Wollen bis hin zum Standard-Lebensentwurf Familie ist recht konventionell. Sie ist aber auch die Reflexion dessen, was allgemein als Erwachsensein definiert wird: Die Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen, ist der erste Schritt. Vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion lohnt es sich, zwei Romane neu und in vergleichender Perspektive zu lesen, die das Erwachsenwerden zum Tenor ihrer Handlung machen: liegen lernen (2000) von Frank Goosen und Herr Lehmann (2001) von Sven Regener. Jenseits einer ähnlichen Thematik lässt schon die oberflächliche Betrachtung der beiden Autoren Gemeinsamkeiten entdecken: Derselben Generation zugehörig (Goosen: Jg. 1966; Regener: Jg. 1961) stammen sie beide aus Westdeutschland, wenngleich aus unterschiedlichen Gegenden. Goosen, in Bochum geboren, aufgewachsen und zur Universität gegangen, beschreibt in liegen lernen einen jungen Mann, der im Ruhrgebiet geboren, aufgewachsen und zur Universität gegangen ist. Regener hingegen wurde in Bremen geboren und zog später nach Berlin – ebenso wie sein Protagonist, Frank Lehmann, der als gebürtiger Bremer zum Wahlkreuzberger wurde. Beide beschreiben, was sie kennen. Beide binden autobiographische Elemente in ihre Romane ein; erzählen von männlichen Westdeutschen ihrer Generation.

Persönlicher Prozess und politisches Geschehen

Die Dreißigjährigen als politisch desinteressierte, gelangweilte Generation, die achtziger und neunziger Jahre als Zeit, in der auf den Illustrierten »entweder nackte Frauen oder Atompilze« (LL, 39)1 zu sehen waren: In liegen lernen und Herr Lehmann wird diese Zeit geschildert aus der Perspektive derer, die dabei waren. Während in Herr Lehmann lediglich von den letzten Wochen vor der Wende erzählt wird, umfasst liegen lernen die gesamte Ära Kohl, beginnend kurz vor Anfang seiner Amtszeit, schließend kurz vor ihrem Ende. liegen lernen wird mit einer dem Ende entnommenen Episode eröffnet: Der Ich-Erzähler betrachtet seine eigene Situation, in die ihn die zu erzählende Geschichte geführt hat. Doch endet das Buch nicht mit dieser Szene, die ihn als »verantwortungsloses, bindungsunfähiges, triebhaftes Arschloch« (LL, 9) im Dreck liegen lässt. Das letzte Kapitel führt den Protagonisten dorthin, wohin er seit Beginn steuert: In die Verantwortung, aus dem Leben als bindungsunfähiges und triebhaftes Arschloch hinaus. Als Maßstab dieses Prozesses dienen seine Beziehungen zu Frauen: Von Britta, Jugendliebe und Leitmotiv des Romans, über die biedere Gisela, die vitale Gloria, die unkomplizierte Roberta bis zu Tina, die sich ein Kind mit ihm und Pflichtbewusstsein von ihm wünscht. Beide Autoren verbinden den privaten Prozess ihrer Protagonisten mit dem aktuellen politischen Geschehen. Bei Regener findet nahezu analog zu den Geschehnissen, die zur historischen Wende führen, ein Umbruch im Leben seiner Hauptperson statt. Zuvor berechenbar und monoton gerät seine Welt langsam aus den Fugen. Wie auch in der Politik auf den ersten Blick nebensächliche Episoden zum großen Knall führen können, entfaltet sich auch privat die Bedeutung scheinbarer Nichtigkeiten erst allmählich: Die Begegnung mit einem Hund, die Begegnung mit der schönen Köchin Katrin, die Entdeckung der Liebe, die ersten Hinweise auf die Krankheit seines Freundes Karl, der missglückte Grenzübergang, das Ende der Liebe und die Krise Karls. Die deutsche Geschichte und Lehmanns Geschichte finden immer wieder Entsprechungen. Am 5. November 1989, dem Tag nach der großen Demonstration auf dem Alexanderplatz, gerät auch Herr Lehmann mit der DDR-Macht in Konflikt, entdeckt die Geheimnisse Katrins und Karls. Am 9. November, dem Schlusskapitel des Buches, resultieren beide Geschichten in einem Fall, der zugleich Hoffnung auf Neubeginn verspricht: Karl bricht zusammen, Herr Lehmann wird dreißig und übernimmt erstmals in seinem Leben Verantwortung. Diese Eindeutigkeit einer Konfrontation des politischen Geschehens mit dem Privatleben fehlt in liegen lernen. Allein dadurch, dass der Roman eine weitaus längere Zeitspanne behandelt als Herr Lehmann, ist es nicht möglich, jedem politischen Ereignis eine Parallele in der Privatsphäre eines Individuums zuzuweisen. liegen lernen begrenzt die Verbindungen zwischen Privatem und Historisch-Politischem folgerichtig auf Motive: Helmut als Vorname des Protagonisten und des amtierenden Bundeskanzlers; Geschichte als das von beiden gewählte Studienfach. Und die Scheidung von Helmuts Eltern, vom Ich-Erzähler kommentiert mit den Worten: »Auf nichts war mehr Verlaß. Wenn es so weiterging, würde bald vielleicht sogar Helmut Kohl abgewählt!« (LL, 262).

Das westdeutsche Desinteresse

In Herr Lehmann wird die westdeutsche Mentalität durch die Kreuzberger Kneipenszene widergespiegelt. Lehmann lebt dort in seiner kleinen, sicheren Welt. Für die Ereignisse außerhalb – sei es jenseits der Mauer oder auch nur jenseits des Kneipenmilieus – hat er kein Interesse. Diese Welt wehrt sich gegen Änderungen, hält mit aller Macht fest an Ritualen, die Sicherheit und Bestand versprechen zu einer Zeit, die kurz vor dem Umbruch steht. Und genau der spielt eine auffällig geringe Rolle. Herr Lehmann wird oftmals als Wenderoman bezeichnet, was bei Betrachtung der äußeren Form auch ein durchaus korrekter Terminus scheint. Die Handlung spielt in Westberlin im Jahre 1989, steht also örtlich wie auch zeitlich in enger Verbindung mit der Wende. Jedoch – es interessiert keinen. Weder Lehmann, noch seinen Freundeskreis; die beschriebene Ignoranz ist auszudehnen auf ganz Kreuzberg, oder sogar noch weiter, auf Westdeutschland, die westdeutsche Mentalität dieser Zeit im Generellen. Und gerade dadurch, dass im Bewusstsein des Protagonisten und seines Umfeldes die Wahrnehmung der Ereignisse in Ostdeutschland vollends fehlt, wird sie umso stärker ins Bewusstsein des Lesers gerückt. Dieser wartet auf die Sensation, den Riesenknall. Doch der bleibt aus. Vier Seiten vor Schluss erzählt ein Kneipengast: »Die Mauer ist offen.« (HL, 280)2 Lakonisch heißt es weiter: »Es gab aber keine große Aufregung, alle machten weiter wie bisher.« (HL, 281) Beinahe noch demonstrativer tritt das Desinteresse in liegen lernen zutage. Helmut erfährt die Neuigkeit bei einem Videoabend mit Roberta, kommentiert sie mit den Worten: »Das war ja abzusehen [...]. Dann sahen wir uns an, was Sigourney mit dem Alien machte, und dann schliefen wir ein.« (LL, 222)

Die Schwierigkeit, Entscheidungen zu treffen

Gerrit Bartels bezeichnet liegen lernen in der taz als »Roman über die Schwierigkeit, Entscheidungen zu treffen, Vorstellungen von der Zukunft zu haben, erwachsen zu werden«.http://www.taz.de/pt/2001/02/06/a0121.nf/text, 10.12.2005 (Stand Oktober 2011)." href="#footnote3_p8p7a3g">3 Und vielleicht hängt das alles zusammen. Die Entscheidungsunfähigkeit Helmuts zieht sich von der Wahl der richtigen Süßigkeit über die Wahl des richtigen Studienfaches bis hin zur Wahl der richtigen Frau. Seine Entscheidungen, wenn er sie denn trifft, sind willkürlich, unüberlegt und übereilt. Seine Mutter möchte permanent wissen, was er eigentlich will; Helmut erwidert: »Nicht nur du, Mama, nicht nur du.« (LL, 27) Denn er weiß: »Entscheidungen zu treffen, Vorstellungen von der Zukunft zu haben« (LL, 27), eben nicht nur alles auf sich zukommen zu lassen, sondern sich bewusst, mehr noch, im Bewusstsein der eigenen Verantwortung für etwas zu entscheiden und die Konsequenzen der Entscheidung zu tragen – all dies gehört zum Erwachsenwerden. Helmuts Weg dorthin ist gepflastert von Irrtümern, Entscheidungsunfähigkeit, Apathie und einem Hang zum Fatalismus. liegen lernen spiegelt das Lebensgefühl einer Zeit wider:

Die Achtziger waren vor allem um die Mitte herum und gegen Ende finster, und die Sommer waren schlecht, aber ich lernte in ihnen das Zusammenleben und das Ficken, das Liebsein und das Lügen. Man kann es sich eben nicht aussuchen. Wäre ich mit den Beatles aufgewachsen, hätte ich vielleicht auch an eine bessere Welt geglaubt. (LL, 127)

Helmut hat den Glauben an eine bessere Welt nicht verloren, sondern nie besessen. Er zeichnet sich aus durch Mangel an Engagement und Begeisterung, fügt sich aber gerade aufgrund dieses Mangels umso besser in seine Umgebung, seine Zeit ein. Als er endlich etwas und jemanden findet, für den es sich lohnt, sich zu engagieren und zu begeistern – Britta, mitsamt ihrer Öko-AG, ihrer Nicaragua-Arbeitsgruppe, ihren progressiven Eltern und ihrer aufgeklärten Einstellung – jagt er dem so lange vergeblich hinterher, lebt so lange ein Leben, in dem er sich nicht festzulegen braucht, in dem er sich stets Rückzugsmöglichkeiten offen hält, bis er von seiner Freundin Tina und deren Kinderwunsch zu einer endgültigen Entscheidung gezwungen wird. Das Erwachsenwerden ist angesichts der Umstände von Zeit und Ort, in denen sich Helmut und Lehmann befinden, besonders schwierig. In Jana Hensels Zonenkinder beispielsweise wird die Wende als Ereignis benannt, durch das die Kindheit beendet ist und der Prozess des Erwachsenwerdens einsetzt. Bereits im ersten Satz führt Jana Hensel diese Thematik mit der Schilderung vom »letzten Tag meiner Kindheit«4 ein, womit zugleich die letzten Tage der DDR bezeichnet werden. Das Jahr 1989 als Grenze zwischen Kindheit und Erwachsenwerden- beziehungsweise sein, das mehr oder weniger abrupte Ende einer Kindheit wird nicht nur in diesem ostdeutschen Buch immer wieder Gegenstand von Diskussionen. Für den knapp dreißigjährigen Westdeutschen hingegen liegt eine andere Situation zugrunde: Die Gemeinsamkeiten Lehmanns und Helmuts bestehen auf der einen Seite in ihrer Ausgangssituation, dem Umfeld und der Zeit, in der beide aufgewachsen und älter, nicht jedoch erwachsener geworden sind. Die Umstände, die etwa einen gleichaltrigen Ostdeutschen oder einer anderen Generation zugehörigen, zum Beispiel in der Nachkriegszeit aufgewachsenen Dreißigjährigen vielleicht viel früher gezwungen hätten, erwachsen zu werden, lassen Lehmann und Helmut wie auch ihren westdeutschen Generationsgenossen die Freiheit, das Erwachsenwerden nach Belieben hinauszuzögern. Während wiederum andere, obschon unter denselben Umständen, zur selben Zeit aufgewachsen, aus privaten oder beruflichen Gründen, durch Familie oder Arbeit, Verantwortung zu übernehmen lernen, ist es auf der anderen Seite der Charakter dieser beiden Figuren, der eine weitere Ähnlichkeit zwischen ihnen darstellt und einen weiteren Grund dafür bietet, weshalb sie mit dreißig Jahren immer noch das Leben eines Jugendlichen führen. Gemeinsam ist beiden die Antriebslosigkeit, die in liegen lernen bereits im Titel zum Ausdruck kommt, eine Art von Nihilismus, verbunden nicht nur mit der Unfähigkeit, sondern mehr noch mit dem Unwillen, Entscheidungen zu treffen. Das gleiche gilt für den Prototypen Frank Lehmann: Knapp dreißig Jahre alt, führt ein Leben ohne Bindungen oder Pflichten. Er arbeitet als Barmann, wohnt alleine in einer kleinen Wohnung in Kreuzberg; abends trifft er seine Freunde und zieht mit ihnen durch die Kneipen. Seine Eltern sieht er selten, er hat keine Frau, keine Kinder oder sonst irgendeine feste Beziehung, trägt keine Verantwortung für einen anderen Menschen.

Verzögertes Erwachsenwerden

So schwer es den Protagonisten fällt und so lange es dauert: Am Ende haben es beide geschafft. Und bei beiden ist das Motiv, das sie erwachsen werden lässt, dasselbe: Verantwortung für einen anderen Menschen, für Tina, für Karl, übernommen zu haben. Während Goosen sich also für den von der Gesellschaft geprägten klassischen Weg – die Frau, die Familie – entscheidet, erweitert Regener die Botschaft ins Generelle: Sein Protagonist ist dem Familienkonzept keinen Schritt näher als zu Beginn des Buches, hat im Gegenteil eine gescheiterte Beziehung mehr hinter sich. Dennoch ist er erwachsen geworden, durch sein Verantwortungsbewusstsein seinem Freund Karl gegenüber. Die Problematik des verzögerten Erwachsenwerdens tritt allein in den Titeln hervor. Die Anrede Herr Lehmann seitens seiner Freunde ist ein Scherz; seitens des Autors aber eine ironische Anspielung auf Lehmanns Alter, dem er sich durch sein gelebtes Alter zu entziehen versucht. Die Kombination aus Herr und Du ist laut Lehmann »das Übelste, was es gibt« (HL, 42). Und gerade hierdurch tritt die Diskrepanz zwischen Lebensstil und eigentlichem Alter zutage. Während in liegen lernen ein spezifischer Moment festzumachen ist, ein Moment der Erkenntnis und Entscheidung, handelt es sich bei Herr Lehmann um einen allmählichen Prozess, der nicht konkret wahrnehmbar ist. Und doch hat der Leser, nachdem er all die inneren Kämpfe Herr Lehmanns mit sich selbst wie auch seine äußeren Kämpfe in Diskussionen und Handgreiflichkeiten miterlebt hat, am Ende das Gefühl, dass Herr Lehmann unfreiwillig erwachsener und verantwortungsbewusster geworden ist. Während er zu Beginn allem, was ihm in seinem Alltagstrott stören könnte, zu entfliehen versucht, will und muss er sich dem Leben nun stellen. »Ich gehe erst einmal los«, heißt es am Schluss, »der Rest wird sich schon irgendwie ergeben.« (HL, 285)

  • 1. Goosen, Frank: Liegen Lernen. Roman. 5. Auflage. München 2004. S.39. – Nachfolgend als LL zitiert.
  • 2. Regener, Sven: Herr Lehmann. Ein Roman.16. Auflage. München 2003. S.280. – Nachfolgend als HL zitiert.
  • 3. Bartels, Gerrit: Locker durchkommen http://www.taz.de/pt/2001/02/06/a0121.nf/text, 10.12.2005 (Stand Oktober 2011).
  • 4. Hensel, Jana: Zonenkinder. 4. Auflage. Hamburg 2004. S.11.
 

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