»Das Wort Krise ist nicht Ausdruck eines scheiternden Europas«

Bonner Nachwuchswissenschaftler wollen zeigen, wie sich Europa auch anders erzählen lässt

Europa steht nicht nur für Krieg und Krise, sondern auch für die versöhnliche Lösung von Konflikten in schwierigen Zeiten. Dass das nicht immer einfach ist, zeigt sich gerade dann, wenn über Grenzen – auch in den Köpfen – diskutiert wird. In einer Tagung an der Universität Bonn im Juni soll dies anhand von emotionalen Narrativen, die das Verhältnis von Freund- und Feindschaft exemplarisch verhandeln, und mit Blick auf die europäische Kulturgeschichte diskutiert werden. Im Interview erläutern die fünf Organisatoren nicht nur, weshalb diese Herangehensweise aktuell besonders interessant ist, sondern geben auch einen Eindruck davon, was sie dazu motiviert hat sich Europa auf diese Weise zu nähern.

Am 19. Juni findet an der Universität Bonn eine Tagung mit dem Titel »Freund und Feind. Emotionale Narrative in Europa« statt, die Doktoranden des trinationalen Bonner Graduiertenkollegs Gründungsmythen Europas in Literatur, Kunst und Musik organisiert haben. Als junge Nachwuchswissenschaftler mit Fokus auf europäische Themen profitieren sie nicht nur von den vielen Freiheiten, die sich durch den europäischen Einigungsprozess nach dem 2. Weltkrieg ergeben haben. In unterschiedlichen Teilen Europas geboren und im engen Austausch mit ihren Kollegen in Frankreich und Italien haben sie auch ein Gespür dafür, was Europa im Innersten bewegt. Grund genug, sich damit einmal – auch fernab des eigenen Promotionsthemas – wissenschaftlich auseinanderzusetzen und junge Nach-wuchswissenschaftler aus ganz Europa nach Bonn einzuladen, um mit ihnen gemeinsam über europäische Freund- und Feindschaften und die Kraft des europäischen Geistes der Versöhnung zu diskutieren. Wir haben die Gelegenheit genutzt, einige Wochen davor mit den fünf Nachwuchswissenschaftlern über die Konferenz, den aktuellen Krisendiskurs und ihr ganz persönliches Verhältnis zu Europa zu sprechen.

Kritische Ausgabe: Bankenkrise, Finanzkrise, Griechenlandkrise und Flüchtlingskrise. Man wird das Gefühl nicht los, dass europäische Debatten nicht ohne den Krisendiskurs auskommen. Was hat Sie dazu motiviert, Europa auch gut 70 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs aus dem Blickwinkel der Freund- und Feindschaft zu betrachten?

Jacomijn Brinkman: Obwohl die einzelnen Länder Europas sehr vielseitig sind, kann Europa auf einer abstrakten Ebene als kulturelle, politische und wirtschaftliche Einheit betrachtet werden. Dies ist die Basis für erfolgreiche Zusammenarbeit an verschiedenen Fronten. Die zahlreichen Krisen haben allerdings gezeigt, dass die europäischen Länder nicht nur durch eine (teilweise) gemeinsame Kultur und Geschichte verbunden sind, sondern auch Meinungsverschiedenheiten zu zentralen Fragen haben. Die in der Geschichte Europas verankerten Unterschiede kommen durch diese Krisen ans Licht. Ein Beispiel ist die Rolle Deutschlands, das einerseits aus einem tief verwurzelten Schuldgefühl die Verantwortung für die Probleme in Europa übernimmt und anderseits die historische Machtposition erneut einnimmt.

K.A.: Doch wie schließt das Thema Ihrer Tagung an diesen Krisendiskurs an?

Brinkman: Der Verdienst der Europäischen Union ist Frieden zwischen den Mitgliedsstaaten. Das bedeutet aber keineswegs, dass es keine Reibungen mehr gibt. Die Themen Freund und Feind bieten die Möglichkeit eines Austauschs auf akademischem Niveau über die komplexen Beziehungen der Europäer untereinander und mit anderen Bevölkerungsgruppen innerhalb und außerhalb Europas. Wir beabsichtigen eine Vergrößerung und Vertiefung des Verständnisses der Problematik.

Roman Thieltges: Ich halte es zudem für einen Trugschluss anzunehmen, allein ein durch und durch reibungsloses Miteinander könne die Gemeinschaft der Europäer stärken. Neben kulturellen Gemeinplätzen bieten gerade auch Auseinandersetzungen das Potenzial, die europäische Integration voranzutreiben. Von den römischen Invasionen ganz zu Beginn unserer Zeitrechnung bis hin zum Konflikt der Blöcke im 20. Jahrhundert haben sie großen Anteil an dem, was wir heute Europa nennen. Das Wort Krise, das heute über dem Kontinent schwebt, ist deshalb für mich nicht Ausdruck eines scheiternden Europas, sondern Beweis dafür, dass wir Europäer den Herausforderungen unserer Zeit gemeinsam im Dialog begegnen und unsere Konflikte statt auf Schlachtfeldern in Konferenzräumen austragen.

Maria Erben: Die Auseinandersetzung mit der Freund-Feind-Thematik soll auch das Bewusstsein dafür öffnen, dass Krisen und damit verbundene Spannungen und Versöhnungen verschiedener Länder kein neues Phänomen sind. Der ständige Wechsel von öffentlich bekundeter Zuneigung hat immer wieder unterschiedliche Bündnisse von Völkern hervorgebracht. Da derzeit in der Tat hauptsächlich die Krisen die Debatte um Europa bestimmen, ist es sinnvoll daran zu erinnern, dass die europäische Geschichte auch anders erzählt werden kann.

Freund- und Feindbilder als tiefer Einblick in die europäische Geschichte

K.A.: Ein zentraler Aspekt der Tagung wird die Analyse emotionaler Narrative sein. Bis vor zwei Jahren gab es an der FU Berlin ein eigenes Cluster, das sich interdisziplinär und sehr universell mit den Sprachen der Emotion beschäftigt hat. Inwiefern sind Überlegungen, die in diesem Kontext entstanden sind, in die Idee für Ihre Tagung eingeflossen? Wollen Sie an diese Forschungen zu Emotionen und Affekten anschließen?

Isabelle Löchner: Theorien zu Affekten und Emotionen stehen in einer jahrhundertelangen Tradition, da diese den Alltag des Menschen wesentlich beeinflussen. Die Studien am Cluster Languages of Emotion in Berlin machten deutlich, dass die Sprache(n) der Emotionen Bereiche der Geistes-, Kultur-, aber ebenso der Politikwissenschaft und Psychologie umfassen und damit ein zentrales Moment innerhalb der Gesellschaft darstellen. In Anlehnung an neurokognitive Untersuchungen zur Selbst- und Fremdwahrnehmung wie sie auch vor allem in angloamerikanischen Forschungsgruppen seit den 1960er Jahren unternommen werden, sind einschlägige Erkenntnisse gewonnen worden, die das Freund- und Feindbild neu zu definieren erlauben. Diese sowie weitere Forschungsergebnisse ermöglichen einen neuen Zugang in Bezug auf das Freund-Feind-Konzept, das unter verschiedenen Gesichtspunkten im Rahmen der Konferenz beleuchtet werden soll. Insofern freuen wir uns auch besonders auf jene Beiträge, die eine Diskussion dahingehend zulassen.

K.A.: Mit Ihrer Tagung schlagen Sie einen weiten Bogen durch die europäische Literaturgeschichte. Auffällig ist dabei nicht nur der Ost-West-Gegensatz, der in Bezug auf Russland und den asiatischen Kulturraum thematisiert wird, sondern auch die vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema Freund- und Feindschaft in der gegenwärtigen französischen Literatur und dem Film. Warum kommen gerade Autoren wie Michel Houellebecq und Filmemacher wie Bruno Dumont immer wieder darauf zurück?

Erben: Die Frage nach Freund- und Feindschaft hat Menschen schon immer beschäftigt und zieht sich durch die gesamte Literaturgeschichte. Das liegt daran, dass sie eng mit der Frage nach der eigenen Identität verknüpft ist: Wer bin ich? Zu welcher Gruppe gehöre ich? Wodurch unterscheidet sich eine andere Gruppe von meiner? Diese Frage muss ständig neu gestellt werden. Wenn Michel Houellebecq in Plateforme eine Reisegruppe nach Thailand schickt, ist es nicht das Exotische, das Fremde, das im Vordergrund steht. Der Kontrast mit einer fremden Umwelt deckt die Scheinheiligkeit der westlichen Welt auf und bietet so einen Reflexionsrahmen für die eigenen Werte und Handlungsweisen. Und auch das anfängliche Drohszenario aus Houellebecqs Soumission einer feindlichen und gleichzeitig exotischen islamischen Republik in Frankreich ist eine Kulisse, die zum Hinterfragen des status quo einlädt: Das Bedrohliche kommt gar nicht von außen, vielmehr zersetzt sich die gegenwärtige Gesellschaft von innen.

K.A.: Und was zeichnet Bruno Dumonts speziellen Zugang zum Thema Freund- und Feindschaft aus?

Erben: Bruno Dumont benötigt keinen Kontrast, um das Gefühl des Individuums, einer feindlichen Umwelt ausgeliefert zu sein, zu inszenieren. Indem die Rahmenhandlung seines Films L’humanité bewusst knappgehalten wird, können die Menschen und das Zwischenmenschliche in den Vordergrund treten. So finden wir selbst in einem Dorf unterschiedliche Nuancen von Freund- und Feindschaft. Dass am Ende der Freund für den Mörder ins Gefängnis geht, ist nicht nur eine Huldigung der Freundschaft. Es ist auch eine Erinnerung daran, dass jeder Mensch ein soziales Wesen ist, das den Anderen braucht.

Löchner: Zur Frage, weshalb etwa Houellebecq oder Dumont sowie zahlreiche weitere Künstler in Frankreich immer wieder auf das Thema zurückgreifen, denke ich, lohnt sich ein Blick in die neuere Geschichte des Landes: Frankreich hat aufgrund seines Kolonialisierungshintergrunds und der durchaus als problematisch zu bezeichnenden Integration sogenannter Pieds noirs und Harkis in den 1960er Jahren ein sehr gespaltenes Verhältnis zu seiner eigenen multikulturellen Identität. Insofern wundert es nicht, dass Kunstschaffende sich dieses Themas häufig bedienen. Alarmierend ist jedoch, dass die Auseinandersetzungen zur Freund- und Feindschaft in dem Rahmen nicht selten letzteres beinhalten und häufig zu wenig reflektiert bleiben.

Der Umgang mit Grenzen und das Ringen um eine europäische Identität

K.A.: Ein anderes Thema, das bei Ihrer Tagung zur Sprache kommen wird, ist die Entstehung von Stereotypen. Sie demonstrieren, wie Grenzen zwischen Freund und Feind vor allem im Kopf gefestigt werden. Seit einiger Zeit wird jedoch über die Wiedererrichtung realer nationaler Grenzen in Europa nachgedacht. Wie beurteilen Sie diese Diskussion?

Thieltges: Wir sollten bedenken, dass der Rückgriff auf Stereotype auch nützlich ist, wenn sie die Dinge vereinfachen, um das komplizierte Ich in Abgrenzung zum Gegenüber in einer komplexen Umwelt zu verstehen. Wir Europäer reklamieren aber auch Toleranz und kulturelle Vielfalt als unsere Werte. Deshalb sollten wir in den allenthalben geführten Debatten darauf achten, dass der Rückgriff auf Stereotype nicht zu Vorverurteilungen von Anderen führt, auf deren Kosten versucht wird, ein Wir-Gefühl vermeintlich homogener Mitten nationaler oder regionaler Gesellschaften zu stärken, und ebenso wenig dazu, dass europäische Errungenschaften wie die Personenfreizügigkeit verloren gehen. Auf unserer Konferenz wollen wir daher Stereotype in Europa kritisch hinterfragen und ihr identitätsstiftendes, aber teils auch den Frieden zwischen den Kulturen gefährdendes Wirken aufzutun.

Erben: Die Konfrontation mit dem als fremd Empfundenen rüttelt notwendigerweise am Selbstbild und fordert auf, über die eigene Identität nachzudenken und sich der Besonderheiten der eigenen Kultur bewusstzuwerden. Schon vor der derzeitigen Debatte über das Schengen-Abkommen, hat der Regionalismus an Bedeutung gewonnen, möglicherweise als eine Antwort auf die Globalisierung. Das Ringen um die eigene Identität deckt auch Unterschiede zu anderen europäischen Nationen auf und die Forderung nach Wiedererrichtung nationaler Grenzen kann als Konsequenz daraus betrachtet werden. Das zeigt, dass trotz einer politischen Einheit durch die Institution EU keine europäische Identität gestiftet werden konnte. Die Diskussion um Grenzschließungen sollte genau deshalb als Gelegenheit genutzt werden, um über eine solche supranationale Identität nachzudenken.

K.A.: Das Thema Freund und Feind im europäischen Kontext betrifft Sie als Organisatoren auch persönlich, weil Sie allesamt im trinationalen Graduiertenkolleg Gründungsmythen Europas in Literatur, Kunst und Musik promovieren, bei dem die Universitäten Bonn, Florenz und die Sorbonne in Paris kooperieren. Als junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind Sie deshalb auch viel im europäischen Ausland unterwegs. Wie europäisch fühlen Sie sich oder, anders gefragt, was zeichnet für Sie heute Europa fernab aller Krisen- und Grenzdiskussionen aus?

Anaïs Buclon: Es stimmt, dass das Thema der Konferenz uns persönlich betrifft und deswegen haben wir es ausgesucht. Es betrifft aber nicht nur uns, sondern alle Europäer, die eine gemeinsame Kultur und Geschichte teilen, selbst, wenn diese nicht immer friedlich waren und sind. Diese Verbindung und auch der Austausch zwischen den Kulturen haben seit Jahrhunderten, ja seit der Antike gemeinsame Eigenschaften entstehen lassen. Selbst die Kriege haben dabei geholfen, die Anderen kennenzulernen. Nimmt man zum Beispiel die Napoleonische Kriege: Soldaten kamen aus ganz Europa und näherten sich einander an. Die Leute haben Europa entdeckt, haben ihr eigenes Land oder Dorf verlassen und haben andere Leute mit anderen Sprachen und Kulturen kennengelernt. Wenn wir ihre Briefe lesen, bekommen wir einen Einblick von ihrer Wahrnehmung Europas – und können eigene Eindrücke sammeln.

K.A.: Finden sich denn in der europäischen Geschichte weitere vergleichbare Ereignisse?

Buclon: Ein Jahrhundert später hat sich Ähnliches beispielsweise in Italien wiederholt. Italiener aus dem Süden entdeckten während des Krieges den Norden, die Leute, die Mentalität, ihre Dialekte, usw. Dabei haben sie ihre eigene Nation gefunden. Wir bauen ständig neue Grenzen und schaffen andere ab. Die aktuelle Grenzdiskussion zeigt, dass wir die Grenzen Europas wahrnehmen, sonst würden wir nicht darüber sprechen. Wenn wir uns als Kontinent besser kennen würden, würde selbst die Lösung internationaler Konflikte leichter fallen.

Erben: Europa ist für mich die Idee eines dauerhaften friedvollen Zusammenlebens der Völker. Eine Verwirklichung dieses Ideals halte ich gleichwohl für unmöglich. Das institutionelle Europa agiert mehr als wirtschaftliche Interessens-, denn als ideelle Wertegemeinschaft. Zudem wohnt der Idealvorstellung ein gewisser Eurozentrismus inne. Ein geeintes Europa ist nicht Friedensbringerin der gesamten Welt und wir erleben gerade, dass sich Europa nicht in einem überlegenen Gefühl der friedvolleren Gesellschaft von den Problemen in der restlichen Welt abschotten kann. Wahre Völkerverständigung kann nicht auf Europa beschränkt bleiben, sondern muss die gesamte Weltbevölkerung einschließen. Mit diesem Wissen ist es aber durchaus sinnvoll, in den europäischen Nachbarländern mit der Vermittlung unterschiedlicher Kulturen zu beginnen. Das trinationale Graduiertenkolleg bietet dafür ein geeignetes Forum.

K.A.: Und wie fühlt es sich dabei dann an Europäerin zu sein?

Erben: Wie europäisch ich mich fühle kommt auf den Zusammenhang an: In Deutschland fällt es leicht, mich als Europäerin zu bezeichnen, im Ausland hingegen stoße ich auf Situationen, die mich an meine kulturelle Herkunft Deutschland erinnern. Bereits Kleinigkeiten wie Begrüßungsrituale bieten Anlass zu Missverständnissen. Identitäten sollten stets im Plural bleiben. Regionale, nationale und europäische Identität schließen sich nicht gegenseitig aus. Im Gegenteil, das Nebeneinander verschiedener Identitäten beugt dem Nationalismus vor. Bereits Romain Rolland warnt nach Ende des 1. Weltkriegs davor, dass dieser auch auf europäischer Ebene in Form eines europäischen Nationalismus eine Gefahr darstellt.

K.A.: Vielen Dank für das Gespräch!

Weitere Informationen zur Tagung gibt es hier. Wer noch tiefer in dieses Thema einsteigen will, kann dies auch mit unserem Heft »Europa«, das bereits vor sieben Jahren erschienen ist.


 

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