Fünf Jahre danach

Ein Sonntag Mitte März 2003 in einer römischen Dachwohnung. Rudi, der beliebte bayerische Radfahrer in der Ewigen Stadt, sucht sich ein Brecht-Gedicht heraus: „Mit Furcht / erwarten die Völker das Frühjahr. Wann / werden die eisernen Raubvögel auftauchen?“ Dann, vier wild bewegte Tage später, findet der befürchtete Überfall der US-Streitkräfte auf den Irak statt, Rudi verfolgt die Nachrichten auf Rai Uno am Donnerstag abend, und am nächsten Tag liest er alles in „La Repubblica“ nach. In meinem Roman, der im Juni 2007 erschien, liest sich das so:

„Auf der Titelseite ist ein Reuters-Foto abgedruckt. Eine riesige schwarze Rauchwolke, die vom Boden, von einem getroffenen Panzer oder einem Ölfeld aufsteigt, deckt fast 80 Prozent des Bildes ab, zieht sich nach rechts oben. Der Erdboden – die Wüste – ist leicht schräg aufgenommen, das gibt dem Foto etwas Irreales. Wie der Mondboden, der Marsboden wirkt die Oberfläche, wie feindliche, fremde Welt; ein gepanzertes Gefährt fährt rechts. Dieses Foto heißt Krieg. Wüstenkrieg.“

Das ist etwas hölzerne Prosa (das Gefährt, das fährt – mammamia), aber immerhin hat der Autor versucht, eine Agentengeschichte und den Kampf der römischen Radfahrer um ihr Lebensrecht parallel zum Verlauf der Weltgeschichte zu führen. Bei Amazon scheint im März kein einziges Exemplar „Mörderisches Rom“ verkauft worden zu sein: Flop. Trauma. Es gibt zwei Rezensionen. „Illuminati“ von Dan Brown spielt auch in Rom, hat 1.456 Rezensionen bei Amazon und liegt auf Platz 558; mein Buch auf Platz 375.278, zielstrebig unterwegs in den Bücher-Hades.

Cartagena, aus der Ferne (Foto: Manfred Poser)
Unwirtlich und unnahbar, so denkt man sich Städte im Nahen Osten. (Doch das ist, aus der Ferne, Cartagena.)
(Foto: Manfred Poser)

Nun ein anderes, soeben entdecktes Zitat aus der Sicht des Genius, der Archetypen und Mandalas in den psychologischen Diskurs eingeführt hat. Carl Gustav Jung schrieb 1958, also vor 50 Jahren, sein Buch „Ein moderner Mythus“ über Ufos. Jung im gemütlichen Zürich gab das „lawinenartige Anschwellen der Bevölkerungszahlen Anlaß zu ernstlicher Besorgnis“. Darum werden Ufos gesehen! „Enge erzeugt Angst, welche Hilfe im außerirdischen Bereich sucht, da die Erde sie nicht gewährt.“ Das also förderte der Gelehrte aus dem von ihm dekretierten kollektiven Unbewussten zutage. Abstrus. Ufos wurden von einsamen Beobachtern meist in öden Gegenden gesehen, und wenn es „Botschaften“ gab, sucht man dieses Motiv vergebens. Vorher noch zwei Sätze von Eiseskälte: „Es ist hier nicht der Ort, die Frage, inwiefern die beiden Weltkriege auch schon ein Ausfluß dieses bedrängenden Problems der Bevölkerungsbeschränkung à tout prix waren, des näheren zu untersuchen. Die Natur bedient sich vielerlei Wege, um sich ihrer überbordenden Gebilde zu entledigen.“

Außerdem Don DeLillo gelesen, „Falling Man“. Keith taucht wie ein Geist nach dem Anschlag vom 11. September 2001 bei seiner Ex-Frau auf, im folgenden gehen viele mysteriöse Sätze zwischen Menschen hin und her, ein bisschen Sex gibt’s und ein paar Szenen in Hamburg, Marienstraße, wo die Attentäter sich vorbereiten, aber alles ist irgendwie halbgar; und so, als fiele ihm nicht mehr dazu ein, lässt der Autor Keith, der seinen Job gekündigt hat, zum professionellen Pokerspieler werden, der in der wattierten halbdunklen Welt von Spielhallen und Hotelsälen herumlungert. Das ist alles eine Spur zu elegant und verkünstelt und geht einem nicht richtig nah.

Quartier Tuscolana, Rom (Foto: Manfred Poser)
Abendstimmung in Mosul oder Kirkuk, wo ich nie war. (Dafür in Rom, hier: Quartier Tuscolana.)
(Foto: Manfred Poser)

In den fünf Jahren sind nach „Iraq Body Count“ etwa 75.000 Iraker ums Leben gekommen. Die Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore nannte im Oktober 2006 die unglaubliche Zahl 654.965, also fast das Zehnfache. Laut dem „Iraq Coalition Casualties Count“ starben bis zum 15. März 3.988 amerikanische Soldaten. Der Anschlag auf das World Trade Center kostete 3.000 Menschen das Leben. Es gibt Fernsehberichte, die richtig niederschmetternd klingen und sogar eine Teilung Bagdads zwischen Sunniten und Schiiten an die Wand malen; der Fluss Tigris wäre die Scheidelinie. Solche Beiträge kommen, wenn sie kommen, immer spät, gegen 23 Uhr. Kürzlich hat im Irak eine Selbstmordattentäterin 40 Menschen in den Tod gerissen. Eine Frau. Man möchte es nicht glauben.

Was mir noch in den Sinn kommt: „Black Hawk Down“, der Film von Ridley Scott. In den USA erschien diese Verarbeitung des amerikanischen Fiaskos in Mogadischu 1993 im Jahr 2001, in Deutschland wurde er wegen der Anschläge auf die Türme aufs Jahr 2002 verschoben. Kürzlich sah ich ihn auf Pro7. Ich kenne nicht viele Kriegsfilme, aber die Intensität von Scotts Film ist ungeheuer. Da entsteht ein klaustrophobisches Gefühl und ein Entsetzen, das kein Ende nehmen will. Natürlich nimmt man Anstoß daran, dass die Somalier wie weiland die Indianer in billigen Western nur Zählmaterial sind, dass sie wirken wie kleine schwarze Teufel, und dann spürt man an der eigenen Psyche die Wirkung des Films: Man hasst. (Solange der Film dauert.) Danach will man glatt in Begeisterung ausbrechen, denn, denkt man, Regie bei einem solchen Film zu führen müsse sein wie eine Armee kommandieren – bis einen dieser ekelhafte Abspann trifft, wo es heißt: „Im Oktober 1993 starben in Mogadischu 1.000 Somalier und 19 US-Soldaten.“ Deren Namen werden genannt.

Am 18. März gab es an der Wayne State University in Detroit ein Symposium über den Krieg und die Medien. Steve Shaviro (ich verfolge seinen Blog „The Pinocchio Theory“) sprach über Krieg, Terrorismus, die Medien und Subjektivität in den „Southland Tales“ von Richard Kelly, Rikke Shubart über „Wir“ und „Sie“ in Clint Eastwoods Film „Letters from Iwo Jima“ und Robert Bugoyne über „Erinnerung, Geschichte und das Unheimliche im Kriegsfilm“, neben anderen Referenten. Filme und Bücher über den Krieg sind das eine, die Realität ist das andere. Zu ihr gehört freilich auch der Übergriff türkischer Truppen auf den Nordirak, um die kurdische PKK niederzuhauen. Das Irak-„Engagement“ der Amerikaner geht währenddessen in sein sechstes Jahr. In sein siebtes vielleicht nicht mehr.

 

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