Fünf Momente des Todes

Biennale Bonn: Indien 13.-21. Mai 2006Blut sprudelt aus dem Krieger hervor. Tödlich verletzt liegt Karna auf dem Schlachtfeld. Leben und Sterben, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind im Moment des Todes eins. Karna hadert mit seinem Leben. Hat er immer die richtigen Wege beschritten? War es seine Pflicht, für seine Retter, Freunde und seine Ziehfamilie, die Kauravas, gegen die Pandavas in den Krieg zu ziehen, selbst nachdem Krishna ihm die Wahrheit über seine Existenz offenbart hatte? Durfte er als verlorener Sohn der Kunti gegen seinen Halbbruder Arjuna kämpfen? Oder musste er es geradezu tun, um seinem Mentor und Freund Duryodhana zur Seite zu stehen? So hadern drei Teile seiner Seele – der Krieger, der Sohn und der Freund – mit ihrem einen gemeinsamen Leben. In fünf Augenblicke der Vergänglichkeit zwischen Kampf, Loyalität und Güte unterteilt, bringt die Dramatic Art & Design Academy Delhi den Tod Karnas in Form ihres »Mahabharata Projects« auf die Bühne.

© Kaushik RamaswamySchwerer Stoff, fraglos, doch selbst Besucher, die das indische Nationalepos nicht kennen, kommen, so sie sich auf die sehr zum Abstrakten tendierende Inszenierung von Zuleikha Chaudhari einlassen, auf ihre Kosten. Tatsächlich führt der Titel der von Nissar Allana geschriebenen Adaption einer winzigen, doch bedeutenden Szene des zwischen 400 vor und 400 nach Christus erstmals niedergeschriebenen »Mahabharata« in die Irre. Indes leuchtet nach näherer Beschäftigung mit dem Sujet ein, dass rund 100.000 Doppelverse nicht in einem 50-minütigen Bühnenwerk zusammengefasst werden können. Allanas Bearbeitung konzentriert sich auf einen der Höhepunkte der Haupterzählung und verweigert sich offenbar bewusst einer epischen Vorgehensweise. In Hindi und Englisch für das 10. Prager Quadrennial Festival 2003 entwickelt, konzentriert sich Allanas und Chaudharis Arbeit vor allem darauf, eine atmosphärisch äußerst dichte Grundstimmung zu kreieren. Geschrieben für die Festival-Sparte »Design as Performance« gestalteten sie ihr Werk vornehmlich als dem westlichen Kunstbegriff nach wohl am ehesten als Tanztheater mit Sprachanteilen zu umschreibende Performance. Mit präzise eingesetzter Lichtchoreografie leuchtet Chaudhari den ansonsten leeren, dunklen Bühnenraum nahezu seziererisch aus. Selten steht eine Person im Mittelpunkt der Illuminationen, nie nur ein einzelner der drei Karna-Darsteller. Dieser Einsatz von Hell und Dunkel mag zunächst arg dekonstruierend wirken, indem jedoch fortwährend nur einzelne Körperpartien der Karnas ausgeleuchtet werden, wird eine etwaige Einswerdung der drei bzw. die Zerrissenheit der Figur umso deutlicher akzentuiert.

© Kaushik RamaswamyMag dieser Stil in den ersten Minuten auch verwirren, durch Reduktion und Betonung von Bewegung und Sprache, Einsatz von Schauspielern und Requisiten erzeugt Chaudharis Regie eine selten gesehene körperliche Intensität. Ausgewogen und nimmer den Eindruck eines stupiden Modernismus erweckend, lässt sie ihre Schauspieler beinahe wie auf einem Schachbrett Zug um Zug durch den Raum rücken, stets bemüht, den Blick des Zuschauers zu führen und seine Ohren zu lenken. Beachtlich erscheint zudem die sichere Hand, mit der Chaudhari ihre Darsteller ausgewählt hat. Neben den drei auf ganzer Linie überzeugenden Inkarnationen Karnas sticht besonders die Rolle Krishnas als Lenker und Führer heraus.

Die Kritik einiger Zuschauer, es handle sich bei dieser Arbeit doch gar nicht um eine originär indische Produktion, da sie sich ebenso formal wie ästhetisch kaum in die dortige Theatertradition einfügen ließe, leuchtet auf den ersten Blick zwar ein, doch ist durchaus fraglich, ob derartige Produktionen ernsthaft unter folkloristischen Gesichtspunkten beurteilt werden können. Wer ein originär indisches Epos auf der Bühne erwartet – was immer das auch sein mag –, ist im »Mahabharata Project« mit Sicherheit falsch aufgehoben. Wem hingegen an zeitgenössischer Bühnenkunst auf höchstem Niveau gelegen ist, der sollte sich diese Inszenierung, so sie denn in nächster Zeit überhaupt auf europäischem Boden zu sehen ist, nicht entgehen lassen.

 

THE MAHABHARATA PROJECT. Dramatisierung des »Mahabharata« nach Nissar Allana. Alter Malersaal, Bonn-Beuel.
Deutschland-Premiere: 16.05.2006.
Regie: Zuleikha Chaudhari. Produktion: Dramatic Art & Design Academy (Delhi/Indien).

 

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