Fink-Sänger Nils Koppruch über »Do the … bla bla bla«-Traditionen und die Lektüre zwischendurch

Die Luft ist schwer, eine Geruchsmischung aus Bratkartoffeln und Zigaretten erfüllt den dunklen Saal der Gaststätte Jakobshof in Aachen an diesem 20. April 2005. Hier, vorm röhrendem Hirsch und auf Eichenbänken, treffen die beiden »Kritische Ausgabe«-Redakteure Benedikt Viertelhaus und Marko Milovanovic auf den Hamburger Sänger Nils Koppruch. Mit seiner Band Fink wird er in einer halben Stunde auf die Miniatur-Bühne des Festsaals gehen, um den zahlreich angereisten Fans die Songs des neuen Albums Bam Bam Bam zu präsentieren. Zuvor spricht er allerdings über den Künstler und das liebe Geld, Befindlichkeitsmusik, bewundernswerte Kollegen und den Hype der neuesten deutschen Welle.

Fink auf »Bam Bam Bam«-Tour 2005 (Foto: Fink)

 

K.A.: Fink gibt es jetzt ungefähr zehn Jahre ...

Nils: Nee, man macht uns älter als wir sind - sieben, acht.

K.A.: Es dauert also noch was bis zum 10.?

Nils: Hoffentlich schaffen wir das noch. (lacht)

K.A.: Habt ihr denn zum Jubiläum was Spezielles vor?

Nils: Nein, aber wir haben ja nie wirklich so Masterpläne gemacht, deswegen meine ich: hoffentlich halten wir das überhaupt durch. Wir machen das so lange wie wir noch Spaß daran haben und auch das Gefühl haben, wir haben noch etwas zu sagen. Ob das nun fünf Jahre dauert oder nur noch eins, da gibt’s keinen Masterplan drüber, und deshalb wird auch nicht zwei Jahre im Voraus geplant, ob man eine Jubiläumsfeier macht oder so.

K.A.: Dann wollen wir mal über die neue Platte sprechen. Was uns an den Texten aufgefallen ist: Auf früheren Alben spielte das Thema Angst eine große Rolle. Das ist jetzt deutlich weniger so, dafür ist die Musik leichter geworden mit ihren Souleinflüssen und so weiter. Hängt das miteinander zusammen?

Nils: Ja, das hängt definitiv zusammen. Das hat was damit zu tun, wie man sich selber fühlt, warum man was machen will, was ich - ich bin ja auch der Texter - erlebe und was ich aus erster Hand weiß. Zum anderen gibt es mehr, was ich auch bin. Die rote Platte [Fink, 2001] ist sicherlich inhaltlich die traurigste und schwerste, das war ein Punkt, der auch mit 'ner persönliche Krise zu tun hat. Aber danach war auch der Wille stärker, etwas anders machen zu wollen, und vielleicht ist die nächste Platte wieder ganz anders.

Fink auf »Bam Bam Bam«-Tour 2005 (Foto: Fink)

 

(Ein Kellner, braungebrannt, mit langen blonden Haaren, Fitnessstudio-Figur und einigen Falten, bringt Nils Essen.) Stimme aus dem Off: Das ist für den jungen Mann da! Kellner: Da sitzt aber kein junger Mann. (Lachen) Kellner: Kleiner Scherz. Besteck gibt’s auch noch.

Nils: Ich will gar nicht essen. Verdammt. (Zu uns:) Das Ganze soll mehr grooven, mehr weg von so einer klassischen Songstruktur, dass da nicht so eine einnehmende Geschichte im Vordergrund steht, obwohl es bei Haiku Ambulanz [2003] meiner Meinung nach auch noch das gibt, aber das war schon extrovertierter, also mehr nach draußen gucken als in der eigenen Wunde herumzubohren. Und jetzt bei dieser Platte war uns wichtig, das noch wesentlich mehr zu reduzieren, und auch die Idee dahinter, Tanzsongs in der Tradition der 50er Jahre zu machen. "Hüftschwung" bezieht sich ganz klar auf Hipshake, das ist so eine Nummer. Im Soul oder im Blues gibt es so 'ne "Do the ... bla bla bla"-Tradition, da geht es wirklich nur um eine Tanznummer. Und da war für mich die Herausforderung mit Text zu arbeiten, das Ganze aber trotzdem in einer von mir vorgestellten Bahn laufen zu lassen und im besten Falle die Leute dadurch zum Tanzen zu bringen. Dazu kann ich natürlich keine einnehmende Geschichte erzählen, das würde viel zu viel Aufmerksamkeit beanspruchen. Aber es sollen trotzdem Sachen da sein, die aus dem Text aufblinken.

K.A.: Also daher die Textreduktion?

Nils: Genau. Und dass der Gesang auch nicht so laut gemischt ist auf der Platte, hat auch was damit zu tun. Die Plattenfirma war nicht sehr erfreut darüber. (lacht)

K.A.: Auf Deutsch textest du, weil du dich so besser ausdrücken kannst? Vielleicht ist die Frage heute etwas antiquiert, aber als ihr angefangen habt, war das ja noch 'ne Frage...

Nils: Stimmt, obwohl es natürlich viele Bands gab, die schon deutsch getextet haben, und in der Zeit davor die Neue Deutsche Welle. Trotzdem wurden wir sehr oft gefragt, warum eigentlich Deutsch. Ich hab auch Englisch getextet, vorher bei 'ner anderen Band. Aber was ich zu sagen hatte, war mir immer extrem wichtig, und ich wusste, dass ich das nur in der Muttersprache kann. Bestimmt nicht in meinem Leistungskurs-Englisch. Da kann ich was nachstellen, ich kann bestimmte Phrasen nehmen, die ich schon mal gehört habe in anderen Popsongs, das kann ich so einbauen, dass es reicht, und die Leute interessiert’s ja auch letzten Endes gar nicht. Dann ist der Gesang mehr 'ne Melodie. Außer es sind Leute, die dann das Textblatt lesen wollen. Aber mich würd’s nicht interessieren, was ein Nicht-Muttersprachler in Englisch textet, außer, es ist so ein Kunstprodukt, wie wir das versucht haben mit "Shake de Birds off de Tree". Die Idee, einen englischsprachigen Song zu machen, aber deutlich erkennbar, dass es nicht muttersprachlich ist. So wie wir es noch in Erinnerung hatten aus'm Leistungskurs und das in der Aussprache sogar noch zu überziehen, so als Konzeptidee. Das finde ich nach wie vor interessant. Uninteressant aber finde ich, wenn Leute möglicherweise noch so ein Authentizitätsding vor sich her tragen und das nicht in ihrer eigenen Sprache machen.

K.A.: Wie steht ihr zu dem Hype, der im Moment um die deutschsprachige Musik gemacht wird? Nils: Das Problem ist, wie das Jeff-Bridges-Double (meint den Kellner), schon festgestellt hat: Ich bin ja kein junger Mann mehr. Je länger man Musik macht, desto mehr merkt man: Ah ja, jetzt kommt das wieder und das wieder, und jetzt kommt ein Aufguss von dem, was schon mal da war. Naja, ich weiß nicht, warum das mit Wir sind Helden als Auslöser so hochgekommen ist, keine Ahnung. Hat vielleicht auch was mit dieser Patriotismusdebatte zu tun, die damals schon in der Luft hing.

K.A.: Und jetzt haben wir's ja perfektioniert durch den neuen Papst... 

Nils: Genau. (lacht) Und wenn was kommerziell gut funktioniert, ist es ganz klar, dass Plattenfirmen daran interessiert sind, was ähnliches auch zu vermarkten.

K.A.: Das kommt nicht auf euch zurück?

Nils: Och, ich hätte gar nichts dagegen, wenn wir davon auch profitieren würden, aber ich glaub nicht, dass wir das tun. Dafür ist das, was wir machen, naja, nicht zu schwierig, aber es ist nicht so…

K.A.: Kommerziell?

Nils: Genau, wir machen was Besonderes. Wenn du dir Wir sind Helden oder die Sachen, die jetzt ganz neu hochgekommen sind - Kettcar oder auch Tomte -, anhörst, die machen Indie-Collegerock nach amerikanischer Art. Auf solche Sachen beziehen die sich, das finde ich alles schön und gut, aber mich interessiert das musikalisch erstmal gar nicht. Weil ich denke: Warum traut ihr euch nicht, wirklich was Eigenes, was Besonderes zu machen? Das find ich bedauerlich.

K.A.: Also steht das Eigene im Vordergrund und es geht nicht darum, zu gefallen? Ist das eher zweitrangig für euch?

Nils: Hm, ja, ich mache das gern zu meinen Bedingungen. Wir sind nicht Leute, die sich hinstellen und nur, um Geld zu verdienen, nur um ein größeres Publikum zu haben, das machen, was gerade gefragt ist. Das würde nicht mit den Typen funktionieren, mit denen ich grad Musik mache, sondern es war immer die Idee, dass irgendwann jemand bemerkt, dass wir etwas Besonderes machen, und dass wir dadurch 'ne Chance haben, größer zu werden. Ich hab ja nichts dagegen, Geld zu verdienen und ein größeres Publikum zu haben, nur ist das bis heute nicht passiert, nach sechs Platten, und ich glaub auch nicht, dass das noch irgendwie passieren wird.

K.A.: Aber die letzte Platte hat sich doch ganz gut verkauft?

Nils: Ja, dass wir damit charten, damit hätte niemand gerechnet. Es war ja auch nur eine Woche und ziemlich weit unten in den Charts. Jeder weiß, dass man nicht mehr so viele Platten verkaufen muss, um in die Charts zu kommen.

Cover des neuen Fink-Albums »Bam Bam Bam«

K.A.: Aber man kann davon leben?

Nils: Nein, das geht nicht. Wir sind allein fünf Leute in der Band, und bis du an 'ner Platte Geld verdienst, da musst du wirklich viele verkaufen. Da verdient die Plattenfirma mit, da verdienen extrem viele Leute mit, und am Ende der Nahrungskette steht der Musiker...

K.A.: Wovon lebt ihr denn ansonsten?

Nils: Naja, das ist sehr unterschiedlich. Ich male Bilder, Red und Oliver haben noch 'ne eigene Band, Missouri heißen die, aber da geht nicht mehr als bei Fink, die Band ist noch kleiner als Fink jetzt. Teilweise arbeitet Red beim Radio, Oliver studiert, wird, glaub ich, noch 'n bisschen von seinen Eltern unterstützt oder so, Andreas hat 'n Job bei 'ner kleinen Zeitung, so ein 20-Stunden-Job, aber du kannst keinen bürgerlichen Job machen, wenn du so ein Leben führen willst. Ich verdien so’n bisschen hier, ’n bisschen da, aber ich mach keinen bürgerlichen Job mehr. Ich hab lange Zeit in Kneipen gearbeitet, aber das mach ich jetzt nicht mehr.

K.A.: Um jetzt mal auf das Thema von eben zurückzukommen: Ist die Popszene, die da jetzt auftaucht, für dich eine Fortführung des Schlagers?

Nils: Ja, kann durchaus sein. Zum Beispiel eine Band wie Kettcar. Ich will ja gar nicht schlecht über die reden, aber die meinen vom Selbstverständnis immer: Wir wollen einfach nur, wie Thees Uhlmann das sagt, sich kümmernde Songs machen, Songs, die dich in den Arm nehmen, bei denen du dich behütet fühlen kannst, in denen du dich wiederfindest. Hm, ja Gott, finde ich alles o.k., aber ich finde auch, dass Musik 'ne Möglichkeit ist, subversiv wirken zu können, was ich für mich auch nach wie vor in Anspruch nehme. Etwas, das einigermaßen subtil ist und wo du nicht sofort die Parolen um die Ohren geschleudert bekommst.

K.A.: Parolen, die eigentlich nur auf den momentanen Augenblick passen? 

Nils: Ja, das interessiert mich nicht so sehr, deswegen bin ich auch kein Kettcar-Fan.

K.A.: Also hast du den Anspruch, dass das, was ihr macht, auch in 50 Jahren noch eine Aussage haben soll? Es soll Kunst, nicht Zeitgeist sein.

Nils: Naja, Kunst ist ein großes Wort, aber letztendlich… Das hat auch damit zu tun, dass, wenn du so 'ne Idee hast für politische Songs, du ständig am reagieren bist, weil du warten musst, was draußen passiert. Und dann kannst du darauf reagieren. Aber Kunst sollte nicht nur reagieren, sondern agieren, für sich selber funktionieren.

K.A.: Wie steht ihr denn sonst zur Literatur? Ist Literatur für euch als Inspiration wichtig, oder nur, um die Fahrt von A nach B zu überstehen?

Nils: (lacht) Die Frage wird auch häufiger bei Musik gestellt: Macht ihr Unterhaltungsmusik oder anspruchsvolle Musik? Aber die Trennung mache ich nicht, auch nicht bei Literatur. Ich will von Musik und Literatur inspiriert werden. Sachen finden, wo ich denke: Oh, das eröffnet mir einen neuen Horizont oder verschiebt meine Perspektive, und das kann bei dem albernsten Quatsch sein. Für mich ist Literatur wichtig, aber ich lese tatsächlich ganz wenige deutschsprachige Sachen. Andre liest gerade Helge Schneider, so ’n dickes Buch, vier »Kommissar Schneider« im Sonderangebot für zehn Euro, und ich hab das auch angefangen. Ich find erstaunlich, was der da macht, die Geschichten sind inhaltlich total egal, aber was er an Wortschöpfungen macht - ich dachte, das funktioniert nur, wenn er redet, aber es geht auch so ganz gut.

K.A.: Wie steht es denn mit den Büchern von deinem Kollegen Sven Regener?

Nils: Ich hab auf 'ner Tour angefangen, Herr Lehmann zu lesen. Irgendwer hat’s mir dann weggenommen, und da hab ich auch nicht weitergelesen. Das aber, was ich gelesen habe von Herr Lehmann, fand ich extrem überschätzt. Ich hab nicht aufgehört, weil ich’s grottendoof fand, aber mich hat’s irgendwie genervt, dass es so dermaßen überschätzt war als Wenderoman. Warum ist das so ein Bestseller, hab ich mir versucht zu erklären, aber das ist genauso müßig, wie mir erklären zu wollen, warum nicht mehr Menschen Fink hören. Allerdings muss da echt meinen Hut vor ziehen, dass Sven es innerhalb kürzester Zeit schafft, 'ne Platte aufzunehmen, und er hat ein kleines Kind, das kurz vorher geboren wurde, als er anfing zu schreiben. Dass er das auf die Reihe kriegt, find ich absolut unglaublich.

K.A.: Noch eine letzte Frage: Dein Lieblingsautor?

Nils: Richard Brautigan. Haiku Ambulanz ist der Titel eines Gedichtes von ihm. Amerikanischer Dichter. Hat sich 84 umgebracht, glaub ich, und kommt aus so 'ner Hippie-Tradition.

 

Mehr über und von Fink auf www.finkmusik.de.


 

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