Terrorangst und Stimmungsmache

Richard Flanagan seziert in seinem neuen Roman eindrucksvoll die Folgen des Terrors

Die australische Stripperin Gina Davis verbringt eine Nacht mit einem Fremden. Am nächsten Morgen schaut sie ein Überwachungsvideo in den Fernsehnachrichten, in dem sie und der Mann zu sehen sind. Es wurden Bomben in einem Fußballstadion gefunden, die Fahndung nach ihr läuft. Eine Hexenjagd beginnt. Angesichts der Gefahren, die vom Terrorismus gegenwärtig ausgehen, scheint Richard Flanagans starker Roman alles andere als Fiktion zu sein.

Paris, Nizza, Brüssel, Ankara und nun auch Berlin – Terror ist 2016 allgegenwärtig. Gefahr alleine bietet jedoch nicht nur die Angst vor dem nächsten Anschlag, sondern auch voreilig urteilender Sensationsjournalismus. Bereits 2006 veröffentlichte der australische Autor Richard Flanagan seinen Roman Die unbekannte Terroristin, in dem er dies eindrucksvoll vor Augen führte. Dank der gelungenen Übersetzung von Eva Bonné hat das Werk nun auch den deutschen Buchmarkt erreicht und ist aktueller denn je. Flanagan punktet neben seinem flüssigen Schreibstil und seinen detaillierten Schilderungen gerade mit vielen sprachlichen Bildern, die angesichts des Zeitgeschehens tief blicken lassen.

Flanagans neuer Roman beschäftigt sich aber nicht nur mit dem Terrorismus, sondern auch mit der Konsum- und Sensationsgier der Menschen. Mit feinen Beobachtungen zeichnet der Autor ein Bild einer am Abgrund stehenden Gesellschaft – Selbstzerstörung auf vielerlei Ebenen. Angefangen bei der ewigen unerfüllten Suche nach Glückseligkeit, über die zerstörerischen Formen der Liebe und der grenzenlosen Profitgier, bis hin zu Terroranschlägen – die Grausamkeit der Menschheit ist grenzenlos. Flanagan gelingt es diese in den unterschiedlichsten Facetten darzustellen.

So relevant wie nie

Das erste Drittel des Romans liest sich noch schleppend. Der Leser wird mit den tragenden Charakteren aus Politik und Gesellschaft bekannt gemacht. Das Leben der Protagonistin steht im Fokus. Ginas Leben, das anfangs derart detailliert und langwierig beschrieben wird, stellt sich nicht nur frustrierend und eintönig dar, sondern erzeugt auch beim Leser ein solches Gefühl. Fahrt nimmt die Geschichte erst dann auf, als sie sich selbst im TV sieht. Die immer weiter eskalierende mediale Suche nach der jungen Frau, die des Terrors verdächtigt wird, erhöht das Tempo der Geschichte immer weiter, bis am Ende alles unaufhaltsam auf die Katastrophe zusteuert.

In einer Zeit, in der Muslime und Flüchtlinge per se unter Generalverdacht zu stehen scheinen, wird das Internet von voreiligen Schuldzuweisungen bis hin zur politischen Hetze überschwemmt. Aber was treibt die Menschen dazu? Wie kann es sein, dass die mediale und unmenschliche Hexenjagd, der Sensationsjournalismus derart auf fruchtbaren Boden trifft? Brauchen die Menschen, wie Flanagan schreibt, einen Teufel, dem es ein Gesicht zu geben gilt? Ist es wirklich das Unbekannte, das die Panik der Bevölkerung ins Unermessliche treibt?

Auch wenn sich auf diese Fragen nur schwer eine Antwort finden lässt, bietet Flanagan mit seinem Roman eine interessante Perspektive auf den Terrorismus und seine Folgen. Ihm gelingt es, dieses omnipräsente Thema auf ein Einzelschicksal herunterzubrechen und die Suche nach der Schuldigen detailliert aufzuzeigen. Gleichzeitig kann der Roman Die unbekannte Terroristin als Warnung vor überstürzter Verurteilung gelesen werden. Ja, man möchte nach derartigen Grausamkeiten einen Schuldigen präsentiert bekommen. Jemand muss für das Geschehene zur Rechenschaft gezogen werden. Doch können die mutmaßlichen Täter auch Opfer einer unaufhaltsamen Maschinerie werden.

Richard Flanagan: Die unbekannte Terroristin. München: Piper Verlag, 2016. 336 Seiten. ISBN: 978-3-492-05710-3. 22 Euro. – Auch als E-Book erhältlich.

 

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