Flucht, Vertreibung, Integration

»Flucht, Vertreibung, Integration« (Ausstellungsplakat © JahnDesign)Adelheid Gaschler wurde 1932 in Ostpreußen geboren. Am 16. Januar 1945 musste die damals Zwölfjährige mit ihrer Familie vor der nahenden Roten Armee fliehen. Sie geraten in die Kampflinie, eine Schwester wird erschossen, eine andere verschleppt. Als der Rest der Familie in die frühere Heimat zurückkehrt, leben dort Polen, für die sie schwere Feldarbeit verrichten müssen. 1946 migrieren sie nach Berlin, kommen dort bei Verwandten unter und fangen ein neues Leben an.

Adelheid Gaschlers Geschichte steht für das Schicksal von bis zu 80 Millionen Menschen in Europa, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihre Heimat aufgeben mussten, die vertrieben wurden und sich in eine ihnen fremde Gesellschaft neu integrieren mussten. Diesem Thema widmet sich die Wechselausstellung Flucht, Vertreibung, Integration noch bis zum 17. April im Bonner Haus der Geschichte.

 

Flucht und Vertreibung

Die Ausstellung beginnt mit einem historischen Rückblick zum Thema Flucht und Vertreibung in ganz Europa und verengt später den Fokus auf Deutschland. Kriege und der Zerfall von Vielvölkerstaaten führten mit der Zeit zur Bildung von Nationalstaaten, die durch Vertreibung und Umsiedlung bestimmter Volksgruppen »ethnisch gesäubert« wurden. So wurde etwa die armenische Bevölkerung des Osmanischen Reiches zur Zeit des Ersten Weltkriegs gewaltsam aus ihrer Heimat vertrieben. Hunderttausende kamen dabei ums Leben.

Mit dem Vertrag von Lausanne im Jahre 1923 wurde der ethnisch begründete Bevölkerungsaustausch zwischen der Türkei und Griechenland geregelt: 1,5 Millionen Griechen mussten die Türkei und 500.000 Türken Griechenland verlassen.

Nach dem Ersten Weltkrieg verlor Deutschland viele Gebiete, neue Staaten entstanden. Deutsche wurden in ihrer Heimat zu Minderheiten und Nationalkonflikte verschärften sich. Ab 1941 wurden die Russlanddeutschen unter Stalin nach Sibirien und Kasachstan deportiert.

Gustloff-Film »Nacht fiel über Gotenhafen« (1959)Neben historischen Informationen dieser Art bietet die Ausstellung über 1.000 Exponate, die die Geschichte lebendig werden lassen, so etwa ein Paar Bastgaloschen oder eine traditionelle Pelzmütze der Russlanddeutschen, mit der sie sich vor der bitteren Kälte in ihrer »neuen Heimat« Sibirien schützten. Im Winter 1945 flohen Millionen von Deutschen vor der herannahenden Roten Armee zu Fuß über Land oder per Schiff über die Ostsee – »heim ins Reich«. Die meisten hatten nur wenige Habseligkeiten bei sich.

Am bekanntesten ist heute wohl – nicht zuletzt durch Günter Grass' Novelle Im Krebsgang (2002) – die Geschichte der Wilhelm Gustloff, die am 30. Januar 1945 mit 10.000 Flüchtlingen an Bord von einem sowjetischen U-Boot torpediert wurde und sank. Kaum ein Passagier überlebte. Als Exponat wird ein Modell des Unglücksschiffes präsentiert. Darüber hinaus hat der Besucher die Möglichkeit, auch audiovisuell etwas über die Gustloff-Katastrophe und ihre Rezeption zu erfahren, etwa durch Ausschnitte aus dem Spielfilm Nacht fiel über Gotenhafen (1959), der auf Berichten von Überlebenden basiert.

Um das Schicksal der Flüchtlinge exemplarisch nachverfolgen zu können, kann der Besucher am Eingang eine Codekarte ziehen, die mit dem Namen eines Flüchtlings versehen ist. Mit Hilfe dieser Karte erfährt er im weiteren Verlauf Details zum Lebensweg der jeweiligen Person, etwa der eingangs genannten Adelheid Gaschler, und wird somit wie an einem roten Faden durch die Ausstellung geleitet.

Kontrastiv zum Schicksal der deutschen Vertriebenen veranschaulichen eindrückliche Fotografien und Dokumente die Umsiedlungspläne und den Terror der Nationalsozialisten zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Verschleppungen, Verhaftungen und zigtausendfacher Mord kennzeichnen die nationalsozialistische Vertreibung im Osten Europas. Als Legitimation für diese Verbrechen diente die NS-Doktrin, für das deutsche Volk »Lebensraum im Osten« zu erschließen. Der deutsche Besatzungsterror und die damit einhergehende Vernichtung der europäischen Juden forderte Millionen Opfer.

 

Integration

Millionen Flüchtlinge suchten nach dem Zweiten Weltkrieg Zuflucht in Deutschland. Die meisten kamen auf dem Land unter, da die Städte durch die Folgen des Bombenkrieges besonders stark betroffen waren. Die Alliierten beauftragten die deutsche Verwaltung mit der Verteilung und Betreuung der Flüchtlinge. Wohnlager bildeten bis Ende der 1950er Jahre deren provisorisches Zuhause.

Ankunft im Auffanglager Furth (Foto: dpa)Davon, wie karg und trostlos das Leben der Vertriebenen in ihrer neuen Heimat anfangs oftmals war, kann sich der Besucher in den hier aufgebauten Teilen einer Baracke des Flüchtlingslagers Furth (Bayern) ein Bild machen: ein Bett, ein Herd, ein kleiner Schrank, ein Kommunionkleid aus Mullbinden.

Doch nicht nur die schlechte Unterbringung, Krankheiten und Erschöpfung machten den Menschen zu schaffen. Immer wieder kam es auch zu Konflikten mit der einheimischen Bevölkerung. »Flüchtlinge sind eine Plage. Flüchtlinge sind Menschen zweiter Klasse«, dröhnt es aus einem Lautsprecher. Vertriebene wurden häufig das Ziel von Hohn und Spott, ihre Integration, die nach Ansicht der Besatzungsmächte möglichst rasch vollzogen werden sollte, war eine Herausforderung. Aus Angst vor einer Radikalisierung wurde ihnen verboten, politische Vereinigungen zu bilden. In ihren Siedlungen blieben sie größtenteils unter sich.

Die Teilung Deutschlands spiegelte sich auch in der Flüchtlingspolitik wider. Während im Westen allmählich ein neues Gemeinwesen entstand, wurden Flucht und Vertreibung in der DDR tabuisiert, Flüchtlinge zu »Umsiedlern« deklariert. Der Integrationsprozess war allgemein schwierig und vielschichtig. Staatliche Förderprogramme unterstützten die Flüchtlinge. Diese Hilfe und viel Eigeninitiative ermöglichten es manchen Vertriebenen, Unternehmen zu gründen und dadurch einen wichtigen Beitrag zum wirtschaftlichen Aufbau Deutschlands zu leisten. Die völlige Integration fand jedoch häufig erst in der Kinder- oder Enkelgeneration statt.

 

Kontroverse

Die erste Vertriebenenpartei konstituierte sich im Januar 1950. Verschiedene Verbände erinnern bis heute an das Schicksal der Vertriebenen und unterstützen die Pflege heimatlicher Traditionen.

»Hallo, Partner« (Karikatur: © Walter Hanel, Reprofotografie: © Haus der Geschichte)Um die Wahrung des geschichtlichen Gedenkens und Entschädigungsforderungen entbrannte im Vorfeld der EU-Osterweiterung eine hitzige Debatte zwischen Polen und Deutschland. Der Bund der Vertriebenen (BdV) sorgte mit seiner Forderung nach einem »Zentrum gegen Vertreibung« für innen- und außenpolitische Spannungen.

Dass Flucht, Vertreibung und Integration nicht nur ein Thema der Vergangenheit sind, sondern auch heute noch ein globales Problem darstellen, wird am Ende der Ausstellung verdeutlicht. Allein im Sudan leben derzeit ca. 6.730.600 Flüchtlinge. Eindrucksvoll veranschaulicht das letzte der gezeigten Exponate, dass über solch gewaltigen Zahlen das individuelle Schicksal, das jeden treffen kann, nicht vergessen werden darf: eine Installation der indonesischen Künstlerin Mella Jaarsma mit dem Titel »Refugee Only« – ein Ein-Mann-Flüchtlingszelt.

 

Flucht, Vertreibung, Integration. Wechselausstellung im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn (Museumsmeile, Willy-Brandt-Allee 14).
Noch bis zum 17. April, Dienstag bis Sonntag 9.00-19.00 Uhr. Eintritt frei.
Nähere Informationen unter: www.hdg.de.
Ein Ausstellungskatalog ist unter demselben Titel 2005 im Kerber Verlag Bielefeld erschienen (ISBN: 3-938025-51-4, 26,90 Euro).

 

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