Französische Provinz-Spießigkeit at its best

Madame BovaryAls Gustave Flauberts Roman Madame Bovary im Jahre 1856 in sechs Fortsetzungen in der „Revue de Paris“ in einer schon zensierten Version erscheint, ist Frankreich ebenso entsetzt wie fasziniert: Ehebruch, Anspielungen eindeutig sexueller Natur, Gotteslästerung. So etwas hatte es noch nicht gegeben. So etwas durfte es auch gar nicht geben. Einen Roman, der so offensichtlich die Konventionen der Zeit verhöhnte, und damit auch gleichzeitig ihre Menschen durch den Kakao zog – nein! Kurz, es wurde ein Strafverfahren gegen Autor und Herausgeber angestrengt, wegen Verstoßes gegen die öffentliche Moral und Religion. So waren die Zeiten, keine hundert Jahre nach der Französischen Revolution.

Das Verfahren endete allerdings mit einem Freispruch unter der Auflage, „gewisse Passagen“ zu streichen. Danach entwickelte sich der Roman zu einem außerordentlichen Publikumserfolg (was das nun über die Leser der damaligen Zeit aussagt, sei dahingestellt...) und ist dies bis heute geblieben. Die tragische Geschichte der Emma Bovary gilt als Klassiker und ist jetzt erstmals in deutscher Sprache als Hörspiel in einer Bearbeitung von Valerie Stiegele und unter der Regie von Christiane Ohaus im Hörverlag erschienen.

Der Inhalt des Romans ist wohl weitgehend bekannt: Die junge Emma, Tochter des Landwirtes Rouault, heiratet den Landarzt Charles Bovary und gerät so in eine Ehe, die ihrem romantisch-verzogenen, sentimentalen Charakter wie die schlimmste Strafe auf Erden vorkommt. Emma, in einem Kloster in Rouen von Nonnen erzogen, hat alle zeitgenössischen Schundromane gelesen und ein sehr genaues Bild von der Liebe, von „richtigen“ Männern und davon, welches Maß an Glück ihr zusteht. So ist sie zutiefst enttäuscht, als sie erkennt, dass Charles ihrem Ideal eigentlich so gar nicht entspricht, sich weder fürs Fechten noch für das Theater interessiert und mit seinen kleinen Allerweltsgedanken und dem von ihr jeden Tag pünktlich zubereiteten Abendessen völlig zufrieden ist. Aber: Zum Teufel, ist sie nicht zu Höherem berufen? Hat sie nicht mehr verdient? Emma lässt sich gehen, magert ab, und der gutmütige, besorgte Charles zieht mit ihr um – allerdings nur von dem einen Dorf, Tostes, ins andere, Yonville.

Und so stürzt sich Emma in eine Affäre mit dem Gutsbesitzer Rodolphe Boulanger, der eigentlich nur mit ihr ins Bett will und schnell das Interesse an ihren kitschigen Wortergüssen und Liebesschwüren verliert. Emma dagegen projiziert ihre Wunschvorstellungen auf Rodolphe und will mit ihm durchbrennen. Zum verabredeten Zeitpunkt erscheint ihr Geliebter nicht, lässt ihr nur einen Abschiedsbrief überbringen. Von da an geht es bergab mit Emma: Sie versucht, ihr Heil in der Religion zu finden, ein Glaube, der genauso unrealistisch, naiv und egoistisch ist wie der an die Liebe. Sie hat eine weitere Affäre, diesmal in Rouen mit dem Kanzleigehilfen Leon Dupuis. Sie flüchtet sich in eine Scheinwelt, in der sie Unmengen von Geld ausgibt, das sie nicht hat, und sich nicht eingestehen kann, dass auch Leon sie schon längst langweilt. Emma verstrickt sich in Lügen, verschuldet sich hoch und gibt doch immer den anderen die Schuld an ihrer miserablen Situation. Diese eskaliert, als ihr gesamtes Mobiliar gepfändet werden soll und Emma keine Chance mehr sieht, ihren Lebenswandel vor ihrem Ehemann geheim zu halten – sie vergiftet sich mit Arsen und stirbt.

Die brillante Erzählweise, für die Flauberts Roman noch heute so oft gelobt wird, bleibt in der Hörspielfassung erstaunlich gut erhalten. Valerie Stiegele wandelt in ihrer Bearbeitung die von Flaubert häufig verwendete erlebte Rede auf intelligente Weise in direkte Aussagen der Figuren um:

Erzähler: Emma wünschte sich einen Sohn...
Emma: Groß und stark, und mit dunklen Haaren!
Erzähler: ... und der Gedanke, ein männliches Wesen zum Kind zu haben...
Emma: Ich werde ihn Georges nennen!
Erzähler: ... schien ihr wie eine Aussicht auf Entschädigung für all ihre bisherigen vergeblichen Bemühungen.
Emma: Ein Mann ist doch zumindest frei. Er kann sich Leidenschaften erlauben, reisen und nach dem fernsten Glück greifen. Eine Frau dagegen...

Die Wiederholung von Teilsätzen des Erzählers durch die jeweiligen Figuren und umgekehrt bewirkt eine besondere Präsenz der Charaktere. Die so ineinandergreifenden Reden von Erzähler und Figur unterstützen sich gegenseitig und tragen einen großen Teil zur Lebendigkeit der Hörspielbearbeitung bei:

Emma: Endlich also die Freuden der Liebe!
Erzähler: Endlich also die Freuden der Liebe. Dieser Glücksrausch, auf den sie nicht mehr gehofft hatte. Sie war dabei, in ein wunderbares Land einzutreten, wo alles Leidenschaft, Ekstase, Taumel ist.
Emma: ... Leidenschaft, Rausch, Taumel...

Flauberts Umgang mit dem Verhältnis von Erzählzeit und erzählter Zeit wird betont. In Roman und Hörspiel etwa verführt Rodolphe Emma zum ersten Mal, während im Hintergrund der Regierungsrat Lieuvain eine beachtenswerte Rede (ja, eine sehr beachtenswerte Rede anlässlich der in Yonville stattfindenden, wirklich beachtenswerten Tagung der Landwirte!) hält. Während der Autor dazu die beiden verschiedenen Situationen satzweise ineinander schiebt, werden sie im Hörspiel tatsächlich übereinander gelegt. Die Rede ist dabei im Hintergrund gerade noch zu verstehen, der Dialog zwischen Emma und Rodolphe, die sich im Innern eines Gebäudes befinden, steht im Vordergrund. Den Wechsel der Umgebungen macht das Hörspiel so besonders deutlich, die Erzählung wird sozusagen verräumlicht und wirkt dadurch wirklichkeitsnah.

Dass dennoch die Charakterisierung der Figuren und Flauberts gnadenloser Blick auf den bürgerlichen Stumpfsinn erhalten bleiben, liegt an der auch in der Hörspielbearbeitung noch sehr wichtigen Rolle des Erzählers. Der Schauspieler Friedhelm Ptok, der unter anderem auch im Hörspiel zu Per Olov Enquists Der Besuch des Leibarztes zu hören ist, fängt die Stimmung des Romans hervorragend ein. Besonders Flauberts bitterböser Humor kommt in seinem Tonfall deutlich zum Ausdruck.

Erzähler: Seine Mütze war eine jener Kopfbedeckungen, in denen man Elemente der Bärenmütze, des Tschapka, des runden Filzhutes, der Otterfellkappe und der Baumwollmütze wiederentdeckt, kurz eines jener armseligen Dinge, deren stumme Hässlichkeit ähnliche Tiefen des Ausdrucks hat wie das Gesicht eines Schwachsinnigen.

Diese schon an sich harten Worte des Autors trägt Ptok dermaßen höhnisch und gelassen-überlegen vor, dass vor dem inneren Auge des Hörers nicht nur das Bild des armen, mickrigen Charles und seiner scheußlichen Mütze erscheint, sondern auch das eines grimmigen Flaubert, der gerade aus dem Fenster auf die Spießigkeit der französischen Provinz blickt.

Überhaupt ist die Besetzung des Hörspiels insgesamt sehr gelungen und glaubwürdig. Eine Ausnahme bildet lediglich die Protagonistin. Emma Bovary wird von Chris Pichler gesprochen, die ebenfalls Theaterschauspielerin ist und für den Hörverlag schon in Stendhals Rot und Schwarz gesprochen hat. So zickig und hysterisch, wie Pichler ihre Emma auftreten lässt, ist die Schönheit kaum noch vorstellbar, die Madame Bovary besessen haben muss, um mit einer so offensichtlich wahnsinnigen, egozentrischen Art auch nur einen Geliebten abzubekommen. Emma Bovary ist egoistisch und zickig, keine Frage, aber dass jemand so herumbrüllt, der sich für eine Lady hält, darf bezweifelt werden.

Abgesehen von dieser ein wenig einseitigen Interpretation der Emma stellt das Hörspiel zu Madame Bovary eine gute Umsetzung der Buchvorlage dar. Der komplexe Roman, immerhin 450 Seiten stark, wird mit viel Geschick in gute vier Stunden Hörspiel verwandelt. Natürlich kann der Detailreichtum und die Genauigkeit der Vorlage nicht völlig hinübergerettet werden, was besonders schade ist im Falle des Apothekers Homais. Dessen enormer Glaube an sich selbst und seine Bedeutung sowohl für die Gesellschaft als auch für die Wissenschaft bei gleichzeitig extrem unüberlegten Handlungen macht ihn zu einem wirklich erheiternden Lichtblick des Romans. In ihrer ganzen Komik kommt diese Figur im Hörspiel aber nur zum Vorschein, als es Homais gelingt, Charles davon zu überzeugen, man könne Klumpfüße heilen, indem man bestimmte Sehnen durchtrenne:

Erzähler: Homais hatte vor kurzem einen lobenden Bericht über eine neue Methode zur Heilung von Klumpfüßen gelesen, und da er sich als Befürworter des Fortschritts sah, verfiel er auf den patriotischen Gedanken, auch Yonville müsse, um auf der Höhe zu sein, strephopodische Operationen haben.

Dr. Bovary operiert also unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit den klumpfüßigen Stallknecht Hippolyte – mit dem durchschlagenden Erfolg, dass dieser sich eine Blutvergiftung zuzieht und ihm schließlich von einer aus Rouen herbeigeholten „chirurgischen Kapazität“ der Unterschenkel amputiert werden muss. Abgesehen von dieser Episode bleibt der Apotheker im Hörspiel leider ziemlich blass, was angesichts seiner komischen Anlage sehr schade ist.

Auch der sich im Roman langsam und schleichend steigernde Prozess von Emmas Verschuldung, die der Händler Lheureux hinterhältig vorantreibt, wird im Hörspiel nur stark verkürzt dargestellt, obwohl Emmas Verschuldung eigentlich den Ausschlag für ihren Selbstmord gibt.

Betrachtet man diese Kürzungen als Zugeständnisse, die ein Roman einem Hörspiel aus Gründen der Umsetzbarkeit nun einmal machen muss, ist die Bearbeitung insgesamt als gelungen zu bezeichnen, zumal die Vorteile des Mediums, die Stimmarbeit etwa und das Sprechen auf verschiedenen parallel ablaufenden Erzählebenen, geschickt eingesetzt werden. Flauberts bitterböses Sittenbild der schrecklichen französischen Provinz um 1850 ist also auf jeden Fall nicht nur lesens-, sondern auch hörenswert.

Gustave Flaubert: Madame Bovary. Hörspiel. Übersetzung: Maria Dessauer. Bearbeitung: Valerie Stiegele. Sprecher: Friedhelm Ptok, Chris Pichler, Bernhard Schütz, u.v.a. Regie: Christiane Ohaus. Produktion: Hessischer Rundfunk, 2005 / Radio Bremen / Deutschlandradio. München: Der Hörverlag, 2005. 4 CDs. 246 Minuten. ISBN: 3-89940-610-9. 27,95 Euro.

 

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