Freiheit = Wille + Unfalltod

Gotthold Ephraim Lessing im 42. LebensjahreKaum ein Autor seiner Zeit wird noch heute auf seine Aktualität hin derart oft befragt wie Gotthold Ephraim Lessing. Seine anhaltende Popularität mag zwar unter anderem auch aus der oftmals wenig erbaulichen Ausnudelung des schulischen Deutschunterrichts herrühren, doch wäre weder Lessing noch seinem Werk wahrlich gedient, es damit auf sich beruhen zu lassen, insbesondere da Lessing schließlich auch als literaturphilosophischer Theoretiker von großer Bedeutung ist. An Lessings Dramen erstaunt daher am meisten, wie klar, stringent und analytisch ein Thema en detail geradewegs vom grünen Tisch ins grüne Leben der Bühnenwirklichkeit getragen werden kann.

Welchen Beitrag also, mag man sich fragen, kann eine neue Inszenierung diesem altbekannten und oftmals vorgetragenen Werk der „klassischen“ Aufklärung, Emilia Galotti, abringen? Die Regiearbeit des Slowaken Dušan David Parizek konzentriert sich in der Darstellung dieses Sittendramas auf die unhintergehbaren Triebe, die nicht nur blinde, verurteilungswürdige Motive erzeugen, die vielmehr dieses Mit-wachen-Augen-ins-Unglück-Stürzen auslösen.

Zu Beginn sitzt beinverschränkt Emilia Galotti (Vanessa Stern) wehmütig, vom Wahne still berührt lächelnd, am Rande der Bühne und lauscht einer Kassettenrekordermusik, die einer aus Gesang und Krächzgeräuschen geschmiedeten Säge gleich („squeezing his flesh and bones, sucking his brain“) die kommende Verwirrung, den Zerfall antizipiert. Es gibt keine Leerstelle im Dasein, am wenigsten im Drama, das je schon seine Vorgeschichte kennt. Indem sich der Prinz Hettore Gonzaga (Sébastien Jacobi) ihr zugesellt, Emilia als Lauschende ablöst, wird ein Einverständnis hergestellt, das nicht den Untergang aus der Verführung sondern als ohnmächtige Hingabe an das Unvermeidliche deutet.

In einer selten am Kölner Schauspiel zu beobachtenden Stimmigkeit fügen sich die sarkastisch gezeichneten Charaktere der Figuren und die Konstruktion der Geschichte zusammen. So besetzt der von Lukas Holzhausen überzeugend gegebene Marinelli zugleich alle Dienerrollen, um als graue, bebrillte Strickjacke gleichsam jede Boshaftigkeit, jeden Zynismus zusammen mit seiner Konkurrenzrolle an den Prinzen zu verlieren. Insofern ist es nur konsequent, wenn die Kölner Fassung von Lessings Emilia beispielsweise alle Textstellen herausstreicht, die Marinellis eigenmächtige und eigensüchtige Motive hervorheben. Der Überfall auf den künftigen Gemahl Emilias, Graf Appiani, wird zwar im Ressort des Beraters geplant, aber als Teil des Ganzen, das der Prinz personifiziert, kann Marinelli aus seinem Leiden Begriffe von denen anderer machen: „Es tut mir leid um den guten Herrn. - Aber davon muß der Prinz noch nichts wissen.“

Es wird die Präsenz des steten und notwendigen Geheimnisses offenbar. Kein Gedanke, keine noch so luzide Herrschaft der Vernunft kann seine stille Macht brechen. Nicht Marinelli lässt uns als der Mann mit den tausend Masken, der seine maliziösen Grimassen beim Bückling verbirgt, erschauern. Sein unablässig präsenter Auftraggeber Prinz Hettore, der die Entwicklung der Geschichte aus Halbdunkel der Bühnenseiten verfolgt, trägt die selbst kaum auszuhaltende Mühe, stets die schwarze Corona seiner Mondscheinexistenz sonnengolden aufzupolieren. Barfuß in rosa Slippern stolpert der oft verharmlost dargestellte Herrscher dieser Duodez-Behörde hart und geschmeidig durch das Geschehen. Dass Jacobi die Nachlässigkeit seiner Figur selbst zu sehr verkörpert, verleiht der ihr letztlich leider zu wenig charakterliches Profil. Doch immerhin tritt die Verderbnis ihres Zerrissenseins zwischen öffentlich kontrollierter moralischer Integrität und der durchaus romantisch verstandenen Liebessehnsucht zutage. Die Gründe für die emotionale Bindungslosigkeit, unter der der moderne Mann allzuoft zu leiden scheint, erhellen sich so direkt aus dem Anspruch, alles können zu müssen und es doch nicht zu dürfen. Das Frausein des Mannes lässt sich als ein Kastrationsdasein erleben, aus dessen Einengungen man sich nur zeitweilig und eruptiv erlösen kann. Hier spielt das Genie eines rationalistischen creator mundi, der sich ständig selbst bespiegelt, keine Rolle mehr: Liebe wird zu Rotz.

Als subalterner Erfüllungsgehilfe sind dagegen Marinellis Schmachtungen, seiner sexuellen Notdurft jedoch die harschen Grenzen der strukturellen Anpassung gesetzt. Etwas zu sehr allerdings wird er als verzweifelter Triebtäter geschildert, der jeder noch so abgefeimten Situation ein wenig Orgasmus abzwingen muss, etwa wenn aus der wütenden Exaltation Claudias über den Beischlaf des Prinzen mit Emilia ein Gewaltgriff in den Hosenschlitz Marinellis wird. Künstlich und einsam sind die Versuche eines letztlich nur Verwaltungsakte Ausführenden, ohne Bezug zu den Empfindungen, den Sehnsüchten, denen der Prinz, und denen auch Emilia ausgeliefert ist. Lustverlust und Triebverzicht treiben zu Gehorsam, Anbiederung und Betteln um eine letzte Gunst des Schicksals. Doch was sie wollen, wollen können und wollen dürfen, dies nicht zu wissen, vereint die an der Seelenküste verübersegelnden wenig tragischen, doch armen Gestalten.

So wenig Emilia in dieser Inszenierung neben dem Pärchen Prinz und Marinelli an Gewicht gewinnt, so unbedeutend präsentieren sich Dirk Lange als ihr Vater Odoardo und Anja Herden als Mutter Claudia. Während sie im grauen Etuikleid die Öde des kupplerischen Partygeschwätzes vorträgt und das sich dräuende Verhängnis in Person des sich in der Kirche an Emilia herandrängenden Prinzen mit einem rauchigem Lachen wegwischt und auch ansonsten die schöne Hilflosigkeit gibt, verschwindet Odoardo in seinem Abbild als jene Salzsäule, in die verwandelt wird, wer sich nach dem Vergangenen umblickt. Alle Versuche Emilias, den projektiven väterlichen Halt bei ihm zu finden, gleichen einem Ertrinkenden, der mit panischen Bemühungen dem sicheren Tode entkommen möchte. Derselbe Pessimismus durchzuckt die hysterische Stimme Anja Laïs’, die die Gräfin Orsina, jene abservierte Mätresse des Prinzen, sehr trefflich in ihrem sophistischen Elend schildert, deren Deutungshorizont am Gram der unerfüllbaren Sehnsüchte und der erfüllbaren Eifersüchte derart scheitert, dass sie die Parameter ihrer tierischen Wut kreischend am Dolche abmisst, den zu führen sie trotz alledem zu feige ist.

Die pausenlose Abfolge der Szenen trägt sich in einem zum Bühnenrand spitz zulaufenden, auf der Seite liegenden Ikea-Regal zu, das in seiner Schlichtheit auf gelungene Weise die gottgleiche kühle Beobachtung eines als bekannt vorausgesetzten Ablaufs symbolisiert. Spotlights statt oberflächliches Licht werfen nicht die langen Schatten des Starruhms, sie versetzen, herb anstrahlend der Schauspieler düstere Konturen, vielmehr die sozialen und mentalen Hierarchien im Kampf der Einzelnen als deren Ängste, Vorbehalte, Resignationen und Duldungen in die Lebhaftigkeit des Versteckten und Verdrängten. Emilias Tod, in Worten dem Vater abgerungen, vollzieht sich daher aufdringlich vor aller Augen als die letzte Schlacht, in deren Getümmel die Tat nicht mehr geplant wird, sondern als Ausrutscher, als Hilfeschrei dessen, der den Tod nolens volens erfährt. So bleibt Odoardo lediglich der stammelnde Verzweiflungsschrei: „Nun da, Prinz! Gefällt sie Ihnen noch?“ Wahrlich, die Krisis erfüllt sich nicht, sie ist ein leerer Abgesang auf verblasstes Heldentum, dem der Glaube an die die Reinheit und Tugend wahrende Transzendenz fehlt. Freiheit ist somit ein Zufall, der schon semantisch die Entscheidbarkeit als Unbegreifbares zerlegt.

Emilia Galotti. Bürgerliches Trauerspiel von Gotthold Ephraim Lessing. Schauspiel Köln.
Premiere: 18.02.2006. Inszenierung: Dušan David Parizek.
Weitere Aufführungen: 1., 4., 7., 19., 22., 26. März; 2., 15. April 2006.
Weitere Informationen unter: www.buehnenkoeln.de

Ein Akt des Genius, wie er

Ein Akt des Genius, wie er bisher noch nicht vernommen! - wahrlich, erst die Kölner Kunst lehrt uns das Fatum postmoderner Existenz; erst hier, wie der Autor es treffend bestimmt, findet der "ausgenuldelte" Lessing seine wahre Bestimmung. - Und was für eine Komposition der Dinge! Nietzsche, würde er noch leben, er hätte sie vergöttert die Mondscheinexistenzen; und um in seinem Begrifflichkeitshorizont zu bleiben: ' Noch nie ward Kunst, die Tragödie, das synthetische Zusammenspiel von Apollo und Dionysos, so geglückt, wie es die Kölner vermochten! Die Kollektivierung des Selbst war es, die Entfernung jeglicher individueller Bedürfnisse, die doch Urquell all unseres Leidens sind, nur durch sie konnte ein solches Meisterwerk glücken.' - - Doch STOP!! - individuelle Bedürfnisse? hat das Kölner Schauspielhaus Verlangen dergleich, geht es ihm gar, in finanzieller Hinsicht, doch nicht so gut, wie es die Kunst für sich beanspruchen kann? Und...verzeiht, aber kursiert nicht auch gar die "Zentral-Abitur-Kontreverse" im rheinischen Raum? - Wäre es nun eventuell möglich - so spricht der Wahnsinn -, dass jene brecht'schen V-Elemente("...die Entwicklung der Geschichte aus Halbdunkel der Bühnenseiten..." ), die gar zu lieblich beschrieben, nicht Produkt des Zufalls waren? Wäre es nun denkbar, dass... - ich wag es nicht auszusprechen - jenes Meisterwerk nicht doch Produkt gerade jener Individuation ist; und fiel es dem rauscherfüllten Zuschauerauge nicht auf, dass der Raum fast ausschließlich von Schulklassen, gar Deutsch-Lk's aus aller Regionen, gespickt war?? - - Doch NEIN!! Katharsis, Katharsis - s c h r e i t es von den Rängen - wahrlich, ein Meisterwerk!!!

 

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