Es geschehen noch Zeichen und Wunder

Ein neuer Sammelband zeigt, wie Freundschaft im Mittelalter zelebriert wurde

Freundschaft beruht nicht nur auf Vertrauen oder Vertraulichkeit. Es sind gerade auch die Zeichen und Gesten, die sie ausmachen und dafür sorgen, dass zwischenmenschliche Beziehungen stabil bleiben. Das galt zur Zeit des Mittelalters noch viel mehr als in der Gegenwart. So legt es zumindest ein aktueller Sammelband nahe, den die Literaturwissenschaftler Marina Münkler, Antje Sablotny und Matthias Standke jüngst veröffentlicht haben. In ihrem Buch Freundschaftszeichen. Gesten, Gaben und Symbole von Freundschaft im Mittelalter, das in großen Teilen Vorträge einer Tagung an der TU Dresden im Jahr 2012 zusammenträgt, verfolgen die Herausgeber das Ziel, Freundschaft anhand ihrer Zeichen und Gesten zu analysieren. Ausgehend von Niklas Luhmann, Charles S. Peirce und Marcel Mauss geht es ihnen darum, Freundschaft als eine Kommunika-tionsbeziehung zu verstehen, die sowohl sozial als auch politisch zu deuten ist und dabei unterschiedliche Funktionen erfüllt.

Gerade letzteres wird deutlich, wenn man sich den Bedeutungsreichtum des Begriffs ›Freundschaft‹ vergegenwärtigt. Freundschaft lässt sich nicht nur zwischen politischer Beziehung und Verwandtschaft verorten, sondern kann auch mehr als bloße Zuneigung umfassen. Angesichts von gegenseitiger Bewunderung oder Treue lässt sich Freundschaft im interpersonalen-innerweltlichen Kontext als ein Verhältnis begreifen, in dem, denkt man beispielsweise an die Vergöttlichung des Lebenspartners, auch religiöse Transzendenz eine Rolle spielt. Freundschaften präsentieren sich deshalb als Verbindungen, deren kommunikativen Codes oftmals nicht eindeutig sind. Das kann zunächst merkwürdige Situationen erzeugen, wie es beispielsweise der Friedenschluss zwischen Richard Löwenherz und König Philipp II. August im Jahr 1187 zeigt, den Roger von Hoveden dokumentiert (s. S. 13):

Nachdem sie Frieden geschlossen hatten, verweilte Richard, der Herzog von Aquitanien, bei König Philipp von Frankreich, den dieser für lange Zeit so ehrte, dass sie jeden Tag an einem Tisch und von einem Teller aßen und sich auch nachts im Bett nicht voneinander trennten. Und der König von Frankreich liebte ihn wie seine eigene Seele; und sie liebten sich gegenseitig so sehr, dass der König von England wegen der heftigen Liebe zwischen ihnen in großes Staunen versetzt wurde und sich fragte, was dies bedeute.

Ereignisse wie dieses liefern eine Bestätigung dafür, dass keine Freundschaft der anderen gleicht. In seinem einführenden Beitrag, in dem es um die Stärken und Schwächen der Ambiguität von Freundschaftszeichen geht, verweist Gerd Althoff auf diese Tatsache (vgl. S. 33–48). Anhand der gemeinsamen Gastmähler und Gelage genauso wie der Geschenke oder aber auch der Praxis des gemeinsamen Schlafens in einem Bett führt er anschaulich vor Augen, was in der mittelalterlichen Kultur quasi selbstverständlicher Ausdruck der Freundschaft gewesen ist und in der Gegenwart wohl vor allem Verwunderung auslöst, wenn man beispielsweise an die enge Beziehung heutiger Staatsmänner wie Gerhard Schröder oder Wladimir Putin denkt.

Zwischen Zuneigung und Hoffnung auf eine Gegenleistung

Um diese teils eigentümliche Art von Freundschaften in der Zeit des Mittelalters besser zu verstehen, legt die argumentative Struktur des Sammelbands eine Quelle nahe: die römische Antike, und hier insbesondere Ciceros Überlegungen im Diskurs über Freundschaft. Antje Junghanß beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit dem römischen Dichter und Denker und dessen Pflichtenlehre De officiis. Freundschaften verstehen sich demnach grundsätzlich als Tugend- und Nutzenbeziehungen, die deshalb eingegangen werden, weil man im Wesen ähnlich ist oder durch die Beziehung profitiert. Während Freundschaftszeichen so auf der einen Seite zum Ausdruck der Zuneigung werden, verkörpern sie auf der anderen Seite die Hoffnung und das Vertrauen auf eine Gegenleistung. Zweifelsfrei gilt laut Cicero jedoch, dass die Wohltat am Gemeinwohl gemessen werden muss, weil alles was gegen den Gemeinsinn gerichtet ist, nicht nur das Tugendhafte, sondern auch die Ehre verletzt (vgl. S. 72).

Doch Freundschaft nur auf den interpersonalen-innerweltlichen Aspekt zu begrenzen wäre zu engstirnig. So stellt laut Sammelband schließlich die Gottesfreundschaft einen besonderen Typ der Beziehung dar. Katja Lasch macht darauf in ihrem aufschlussreichen Beitrag zum Werk Alexius des Konrad von Würzburg aufmerksam, das im letzten Drittel des 13. Jahrhunderts – vermutlich im Jahr 1274 – erschienen ist und von der Tradition christlicher Mystik im 13. und 14. Jahrhundert lebt. Ähnlich wie die Freundschaft zwischen Menschen besteht auch der Kontakt zu Gott aus einem wechselseitigen Kommunizieren mit Zeichen und Gesten, die sich anhand von Mauss ebenfalls als System von Gabe und Gegengabe beschreiben lassen. Gottesfreundschaft ist demnach nicht nur Freundschaft zu, sondern auch von Gott. Im Fall des Alexius vollzieht sich diese Art der Beziehung zunächst als Selbstaufgabe. Der Titelheld verlässt seine Familie für ein Leben mit Gott, sein asketisches Handeln, das die emotionale Hinwendung dokumentiert, ist dabei als »gotes dienst« zu verstehen (S. 315). Die Hingabe zu Gott zeigt sich zunächst im täglichen Gebet, der Armut und nicht zuletzt der Demut. Doch erst im Tod Alexius’, der als heimatloser Pilger und Heiliger unterwegs ist, erfüllt sich schließlich die totale Geste der Freundschaft. Die Gegengabe Gottes wird im Versterben evident – in Form von Wundern wie der Krankenheilung an Alexius’ Bahre oder aber der Erfahrung von Gnade, die sich Alexius im Rahmen seines asketischen Lebens erst verdienen musste (vgl. S. 325).

Die Gottesfreundschaft betrifft in der Gegengabe somit nicht mehr nur den Kreis zweier Freunde, sondern letztlich die gesamte Gemeinde. Was im Alexius des Konrad von Würzburg das Moment der unmittelbaren Heilung derjenigen darstellt, die an der Bahre stehen, setzt sich, so legen es Laschs Äußerungen nahe, in der Lektüre der Alexius-Legende bis in die Gegenwart fort. Durch das Lesen dieser Geschichte einer Freundschaft zu Gott wird die Distanz zur himmlischen Sphäre aufgebrochen und das Geschenk der Gnade erst für andere begreifbar. Der Freund ist damit nicht mehr nur ein Freund, sondern vielmehr auch ein Vermittler zwischen unterschiedlichen Welten. Man muss nur an die Zeichen der Freundschaft glauben. Hält man sich dies vor Augen, wird nicht nur klar, welches Wunder die Freundschaft – gerade auch im Mittelalter – darstellt. Es zeigt sich auch, wie lohnenswert es sein kann, hinter das oft unverständliche Geheimnis der Beziehung zweier Menschen zu kommen. Der eindrucksvolle Sammelband ist Beleg dafür, wie dies gelingen kann.

Marina Münkler, Antje Sablotny u. Matthias Standke (Hrsg.): Freundschaftszeichen. Gesten, Gaben und Symbole von Freundschaft im Mittelalter. Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2015. 355 Seiten. ISBN 978-3-8253-6450-2. 55,– Euro

 

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