Fukushima: Die Musik und der unsichtbare Schmerz

Die Oper Stilles Meer als Versuch einer musikalisch-ästhetischen Auseinandersetzung mit einer Jahrhundertkatastrophe

Eigens für die Staatsoper Hamburg komponiert, wurde am Sonntag, den 24. Januar, die Oper Stilles Meer in Hamburg uraufgeführt. Das Auftragswerk setzt sich künstlerisch mit den Folgen des Tsunami in Fukushima im Jahr 2011 auseinander. Die Oper versteht sich somit auch als Requiem für die Opfer der kollektiven Katastrophe in Japan vor 5 Jahren.


Foto: © Arno Declair / Hamburgische Staatsoper

 

Die Dorfbewohner sitzen auf der Bühne, schauen aufs Meer. Von oben ragen leuchtende Reaktorstäbe herunter. Stille. Erwartung. Dann ertönen unheimliche Tamtam-Klänge – minutenlang. Fast andächtig hebt die Stimme des Chors an.

Ist die Nacht ohne Mond, frag die Sterne. Ist die Nacht ohne Sterne, frag die Wellen.

Gebetsartig richtet der Chor die ersten Zeilen des Librettos an die imaginäre Natur, an das Meer, das über den Köpfen der Zuschauer entsteht. Den Operntext hat Regisseur Oriza Hirata selbst als thematische Kollage zweier Textvorlagen verfasst.

Das Ballettmädchen, eine Kurzgeschichte von Ogai Mori aus dem späten 19. Jahrhundert trifft auf Sumidagawa, ein klassisches Nō-Theaterstück aus dem 15. Jahrhundert. Textlich wandelt Stilles Meer zwischen der Moderne – dem Trauma eines Expats fernab der Heimat – und der sich in dem traditionellen japanischen Theater offenbarenden buddhistischen Mythologie – der Lehre vom Entstehen und Vergehen. Diese Reibung erzeugt Spannungen.

Ort dieser textuellen Begegnung wiederum ist ein zeitloser Küstenraum in der Nähe eines Friedhofs während einer Ohigan-Zeremonie, nach dessen Sitte Dorfbewohner Laternen aufs Meer schicken und so ihrer Toten gedenken. Das posttraumatische Szenario gedenkt der Tausenden Toten, die bei der Naturkatastrophe in Fukushima im Jahr 2011 starben.

Durch das Spiel in die Sphäre der Sichtbarkeit gezerrt

Schlicht und schnörkellos bewegt sich die Inszenierung auf einen Kern der Geschichte zu. Die deutsche Balletttänzerin Claudia (Sopranistin Susanne Elmark) hat es akzeptiert, dass ihr japanischer Mann bei dem Tsunami-Unglück ums Leben gekommen ist. Über den Tod ihres Sohnes Max, dessen Körper vom Meer verschluckt wurde, kommt sie jedoch nicht hinweg. Das Dorf hält sie für verrückt, weil sie sich an eine Realität klammert, die nicht mehr existiert. Stephan (Countertenor Bejun Mehta), ihr Ex-Mann und Vater von Max sowie Haruko (Mezzosopranistin Mihoko Fujimura), die Schwester von Claudias verstorbenem Mann, versuchen sie mit der Wirklichkeit zu konfrontieren. Vergeblich, denn Claudia kann nicht den Verlust von etwas akzeptieren, dessen Vergehen nicht sichtbar ist.

Haruko bittet Stephan darum, das Sumidagawa, das im buddhistischen Gedankengut gründende Nō-Stück aus dem 15. Jahrhundert, mit Claudia nachzuspielen. Auf diese Weise soll sie ihren Verlustschmerz akzeptieren. Durch den Ruf Buddhas erscheint in dem Theaterstück einer Mutter ihr totes Kind, bevor es wieder endgültig verschwindet. Haruko hofft, dass Claudia sich in der Mutter wieder-, und durch das Gleichnis ihren Verlust anerkennt. Das Spiel bleibt wirkungslos und Claudia schlägt am Ende vor – noch immer darunter leidend, dass sie das Unsichtbare, vertreten durch die Leerstelle des toten Körpers ihres Sohnes, nicht fassen kann –, jeder möge doch zu sich nach Hause gehen.

Buddhismus und Schmerzbewältigung

Neben dem Verweis auf das real existierende Fukushima bleibt ein zweites Thema der Oper, die Dichotomie von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, von Wirklichkeit in einem universalen Schmerz-System. Buddhistisch gesehen hat das Entstehen die gleiche Qualität der Schönheit wie das Vergehen. Beide Formen der Veränderung sind paritätische Teile eines Prozesses. Doch Claudias Schmerz resultiert aus einer mangelnden Bereitschaft, diesen Kreislauf anzuerkennen. Auch, weil sich das Vergehen  unsichtbar vollzieht, denn die Trauerarbeit wird ihr verwehrt, da der tote Körper ihres Sohnes nicht mehr existiert. An dieser Stelle reibt sich der moderne Text – Realität als sichtbares Hier und Jetzt – an dem Sumidagawa, denn der Buddhismus setzt das Bewusstsein um das Vergehen lange schon als notwendig voraus, bevor dieses auch nur Wirklichkeit geworden ist.

Eine ästhetische Form jedoch, diese Leerstelle zu überbrücken, vollzieht sich durch die Musik, die als unsichtbares Medium einen Beitrag zur Schmerzbewältigung leistet. So ähnlich sieht es zumindest auch Toshio Hosokawa, der Komponist von Stilles Meer, für den die Rolle der Musik darin besteht, »die Traurigkeit transparent zu machen und in andere Dimensionen zu bringen«. In der Komposition Stilles Meer findet sich auch ein Einfluss des japanischen Mönchgesangs wieder, wodurch die Oper teilweise wie ein großes schmerzlinderndes Gebet klingt. 

Diese Rückbindung an alte asiatische Kulturelemente wird auch unterstrichen durch das minimalistisch gehaltene, von Itaru Sugiyama entwickelte Bühnenbild, das aus einer runden, angewinkelten Rampe und einem Auftrittssteg besteht, der nach rechts oben verläuft und ganz wie im alten japanischen Nō-Theater den Übergang ins Jenseits symbolisiert.

Herausragend an der Inszenierung ist die sphärische Magie der drei hohen Hauptstimmen (Sopran, Mezzosopran und Countertenor), mit denen Toshio Hosokawa beabsichtigte, die Dialoge eher in einen weiblichen Akustikraum zu verlagern, um eine größere Nähe zum Jenseits herstellen. Und auch die klangliche Nachahmung eines ewigen natürlichen Kreislaufs durch das konsequente Rekurrieren innerhalb der Oper auf einen ›Mutterakkord‹, bestehend aus einer kleinen Sekunde und einem Tritonus, untermalen äußerst eindringlich und überzeugend immer wieder die klangliche Brücke zur asiatischen Musikkultur und zum Buddhismus.

Die Gegenwart und die Grenzen unseres Schmerzbewusstseins 

Das gesamte musikalisch-visuell-narrative Kunstwerk Stilles Meer ist eine außergewöhnliche und zutiefst zum Nachdenken anregende Auseinandersetzung mit dem jüngeren Teil der langen Katastrophengeschichte Japans. Und zugleich muss es daher eine Konfrontation mit der Frage sein, inwieweit der Mensch heutzutage überhaupt ein angemessenes Bewusstsein davon haben kann, was eine Katastrophe ist.

Denn trotz aller technischen ›Fortschritte‹ bei der medial-digitalen Bilderverwertung von Katastrophen bleibt der essentielle Teil der Tragödie – der Schmerz – unsichtbar, dem sich vielleicht nur die Musik ein Stück weit nähern kann. »Wir leben in einer Zeit, in der wir von einem Moment zum nächsten Moment nicht kapieren, wie tief die Katastrophen sind«, kommentierte Kent Nagano, Dirigent der Oper Stilles Meer, vor der Premiere.

 

Der Text ist in abgewandelter Form auf dem Kulturportal www.unser-luebeck.de erschienen.


 

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