Furcht und Mitleid in der Disco

Chris Noldes Stück Hörsturz

»Dieses Stück sehen Sie am besten betrunken. Sie werden es brauchen.« Diese an das Publikum gerichtete Empfehlung stellt auf den Blick auf die samstägliche Partyszene ein, den Chris Noldes Stück Hörsturz bietet: einen ganz und gar nicht nüchternen Blick. Ob Trunkenheit dafür hilfreich oder womöglich gar Teil des Problems ist, diskutiert das Stück, das vom 24. bis 26. Mai in den Räumen des Bonner Collegium Musicum aufgeführt wurde und hier in erster Linie als Dramentext besprochen wird. Nolde und der Regisseur Marcus Brien haben sich laut Programmheft sogar noch mehr vorgenommen: Ihr Stück sei das »Psychogramm einer Generation, in der die Unfähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, in Isolation und Narzissmus mündet«. Worum geht es also? Hält es, was es verspricht?

Adoleszenten in der Krise 
Eine Gruppe von Mitzwanzigern trifft sich Wochenende für Wochenende in einem Club mit dem Namen Zukunft. Dort entgehen sie mittels Alkoholkonsum und lauter Musik den Zwängen der Arbeits-,  Sinn und Selbstsuche, flüchten in Rausch und erotische Abenteuer. Tanzend und flirtend reflektieren sie über sich und verzweifeln, weil sie im Club nicht das bekommen, wonach sie sich sehnen. Die Idee, den Abend einmal nüchtern auszuhalten, hilft nicht weiter, sondern sorgt dafür, dass sich ihre Verzweiflung bis zur Gewalt und zu Selbstmordfantasien zuspitzt.

Die Zusammensetzung der Gruppe von »Lebensanwärtern« (Paul Nizon) ist altbekannt und zitiert offenkundig gängige Adoleszenz-Schemata von Frühlings Erwachen über La Boum bis zu heutigen Sitcoms: Da haben wir den schüchternen Gedichteschreiber Tim (gespielt vom Autor), dessen Idee es ist, im Club die Finger von der Flasche zu lassen – zumindest eine Zeit lang. Sein Freund Fred (Nicolas Mittler) geht auf dessen Bitte ein, obwohl er nur im Club und alkoholisiert schlafen und seine Entlassung vergessen kann – weshalb ihm Tims Vorschlag schwer zusetzt. Da gibt es Vince (Mirza Vele), einen hedonistischen Pick-Up-Artist, dem nichts fremder ist als Abstinenz und der noch jede seiner Anmachversuche überboten hat. Und schließlich darf natürlich Lissy (Corinna Ketter) nicht fehlen, eine promiske Pillenschluckerin, die sich letztlich nur nach wirklichen Gefühlen sehnt. Daneben sehen wir weitere Clubgäste, die als Sehnsuchtsobjekte oder Kontrastfolien der Protagonisten fungieren, sowie das Club-Personal: den Besitzer (Flo Schneider), die Barfrau (Christina Burger) und den Klomann (Tamer Afifi), der als »Unterbewusstsein des Clubs« eingeführt wird und immer wieder als Nemesis des Freundeskreises erscheint.

Komik und Verzweiflung
Seine starken Momente hat das Stück in den Einfällen, die die Problemlagen der Figuren illustrieren. Da ist etwa Vinces kurioses Partyrequisit, ein Maiskolben namens Markus, der dessen Fixierung auf sexuelle Eroberungen als Spiel zur Betäubung verhandelt – wobei psychoanalytische Lesarten expliziert negiert werden. Oder Tims Beobachtung, viele Partnerschaften seien »glückweilig«, eine Mischung aus glücklich und langweilig. Oder Freds Bemerkung, er habe eine »leidenschaftliche Vergangenheit« mit der Theke dieses Clubs. Oder die morgendliche Pizza, deren Mischung aus Thunfisch, Zwiebeln und Knoblauch jeden weiteren Kontakt zum anderen Geschlecht verhindern soll.

Neben aller Tragikomik artikulieren die Figuren immer wieder ihre Verzweiflung, die von Alkohol und Drogen nur für kurze Zeit gelindert und oft genug eher verstärkt wird. Was Tim, Fred, Vince und Lissy wollen, liegt sonnenklar zutage (Liebesbeziehungen, Freundschaft), auch, warum sie es nicht bekommen (Selbstbezüglichkeit, Schüchternheit, Alkohol, Club) und wozu dies dann letztlich führt (Verzweiflung, Selbstmordgedanken, Hörsturz). Es ist einer der überzeugendsten Einfälle im Stück, die Konflikte völlig offensichtlich erscheinen zu lassen, ihnen ihre Lösung aber zu versagen: Die Tragödie ist, dass die Katastrophe ausbleibt und alles so weiter geht wie bisher.

Furcht und Mitleid als Formproblem
Als problematisch erweist sich hierbei die Form. Denn: So anspruchsvoll und ehrgeizig der Versuch einer Generationenbeschreibung ist, so traditionell ist das Stück gearbeitet. Obwohl ebenfalls in der Clubszene angesiedelt, ist der Text weit entfernt von der figurenlosen Feier der Oberfläche in Jeff Koons (Goetz). Wir erleben hier letztlich Lessingsche Psychologie und Einfühlungsästhetik: Figuren, deren Probleme zur Identifikation einladen und deren Unfähigkeit zur Lösung bei den Altersgenossen im Publikum Furcht und Mitleid erzeugen sollen. – Fragt sich: Ist das denn so schlimm? Nein, legitim ist auch heute noch, was stimmig ist. Aber in diesem Fall torpediert die Form den Inhalt. Denn durch die konventionell figurale Form wirken die Probleme, die auf die Bühne gebracht werden, wie Scheinprobleme. Inhaltliche Lösungen liegen parat. Und wenn wir zudem psychologisch runde Charaktere haben, die einander akustisch und intellektuell verstehen können, die alle dasselbe wollen und von ihrem Unglück wissen – warum sollten ihre Probleme nicht zu lösen sein? Was verhindert es? Zwar wird im Stück behauptet, die Figuren könnten einander nicht verstehen – formal bleibt dies aber unvermittelt.

Es gibt Hinweise darauf, dass sich der Autor dieses Formproblems bewusst ist. So werden gelegentlich soziale Medien wie twitter oder facebook in die Interaktion der Figuren eingewoben, was offenbar die Aktualität des Stücks sinnfällig machen soll, strukturell aber an der Oberfläche bleibt (genauso wie die als voice over realisierten Gedanken Tims oder sein Zwiegespräch mit dem Club). Zudem deutet der titelgebende Hörsturz auf das Formbewusstsein des Autors hin: Vince erleidet diesen Hörsturz und scheint sein Gehör gänzlich einzubüßen. Theatralisiert wird der Vorfall durch einen schrillen Ton, der bald schon versiegt. Formal bleibt der Hörsturz genauso folgenlos wie für Vince. Stattdessen wird er gegen Ende des Stücks zur Metapher reduziert, mit der Fred Tims Egozentrik charakterisiert. Und schließlich wird das Publikum schon zu Beginn des Stücks gefragt, warum es gekommen sei, um ein Theaterstück zu sehen, warum es nicht auf das Hörbuch oder auf den Film warte. Es ist diese Frage, die das Stück letztlich nicht schlüssig zu beantworten vermag: Warum verlangt dieser Stoff das Theater?

Diese Einschränkungen sollten das Gesamturteil jedoch nicht überschatten: Noldes Hörsturz hat starke Momente, die das sprachliche Talent des jungen Autors offenbaren. Dass er für dieses Stück seine Form noch nicht gefunden hat, wird ihn nicht entmutigen. Pina Bausch hat ihren Tänzern im Arbeitsprozess statt Kritik stets den Hinweis gegeben: »Du musst weitersuchen!« Freuen wir uns darauf, was er noch finden wird.

 

 

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