Günter Grass' Gedicht ›Was gesagt werden muss‹: Der Intellektuelle, sein Skandal und die Folgen

Ein Jahresrückblick unseres Redakteurs Michael Preidel

Über Literaturereignisse im sich zu Ende neigenden Jahr zu schreiben, ohne Günter Grass zu erwähnen, fällt schwer. Ein Jahresrückblick kommt um ihn im Jahr 2012 nicht herum. Das liegt nicht nur daran, dass der Schriftsteller in diesem Jahr 85 Jahre alt geworden ist und es damit wieder Zeit war für seine berüchtigten Kopfstände, sondern auch dass nicht nur das Feuilleton eine Zeitlang durch die Veröffentlichung seines Leitgedichts ›Was gesagt werden muss‹1 in einigen europäischen Zeitungen und die heftigen internationalen Reaktionen darauf, bestimmt wurde.

Vor allem das zweite Ereignis bedarf, lässt man die vergangenen Monate Revue passieren, einer besonderen Berücksichtigung, weil es über frühere Reaktionen auf die Stellungnahmen aus dem Mund oder der Feder dieses Autors, die sich als Welle des Zuspruchs aber auch der Empörung zeigten, hinausgeht. Verfolgt man die Vita des Schriftstellers, so liegen die Ursprünge dieses Phänomens schon in der Mitte der 1960er Jahre, als Günter Grass mit seiner Blechtrommel die literarische Bühne betritt. Nicht nur überschwängliches Lob, das vor allem die Sprachmächtigkeit hervorhebt2, erntet er dabei, es wird ihm auch deutliche Kritik zuteil. So urteilte beispielsweise Marcel Reich-Ranicki, dass Günter Grass schlicht die Worte durchgehen würden3 und Joachim Kaiser fügte in seiner Besprechung des Romans die Beobachtung hinzu, dass es an einer Berücksichtigung ideologischer aber auch moralischer Bekenntnisse mangeln würde.4 Betrachtet man diese literaturkritischen Äußerungen genauer, und versteht sie aus dem Blickwinkel einer Ideologiekritik, so wird aus Günter Grass' Blechtrommel und seiner Beschäftigung mit der deutschen Nachkriegsgesellschaft ein Angriff auf den politischen und moralischen Stillstand jener Zeit.5

Wie unschätzbar wichtig dieser Beitrag trotz oder angesichts der Kritik gewesen ist, zeigt sich nicht nur in der würdigenden Begründung für die Vergabe des Literaturnobelpreises im Jahr 19996, sondern auch in der Tatsache, dass Günter Grass mit seiner Literatur Maßstäbe gesetzt hat, die letztlich auch dazu geführt haben, dass er daran bis in die Gegenwart und ins hohe Alter gemessen wird. Das Literarische hat dabei jedoch im Laufe der Zeit immer mehr andere Qualitäten gewonnen, so dass es bei einer Bewertung letztlich abseits der üblichen Kritik nicht mehr nur entscheidend war, darauf zu achten, welche Meinung Günter Grass in einem aktuellen Werk vertrat, sondern auch auf welche Weise sie vorgebracht und unter welchen Umständen sie geäußert wurde. Frank Schirrmacher hat so als einer der ersten festgestellt, dass sich die Protagonisten der Grass'schen Romane zu »Sprechautomaten«7 der politischen Meinung ihres Erschaffers weiterentwickelt und eine funktionale Rolle eingenommen hätten. Gerade angesichts der Diskussionen, die sich aus seiner Nähe zur SPD aber auch durch die Bekanntmachung seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS ergaben, schien es bei der literaturkritischen Beschäftigung mit Günter Grass einen Grundkonsens zu geben, demzufolge weiteres Einmischen in politische Angelegenheiten mit seinem Schaffen unvereinbar wären.8 Sollten Literatur und Politik doch aufeinander treffen, würden sie eine explosive Mischung ergeben und so empfahlen die Kritiker dem Schriftsteller, besser zu schweigen.

Der Intellektuelle und sein Bruch des Schweigens
Auf diese Weise bestätigt sich eindrucksvoll, dass es der Schriftsteller als Intellektueller bei seiner Suche nach Aufmerksamkeit und Anerkennung nicht leicht hat. Unabhängig von Form und Inhalt seiner Botschaft polarisiert er und muss seinen Platz innerhalb der Gesellschaft immer wieder neu begründen. Angeregt durch die Debatten des Poststrukturalismus und einer Diskussion über seine schwindende Bedeutung hat er zudem nicht nur dagegen anzukämpfen, dass seine kulturelle Kompetenz infrage gestellt wird, sondern auch, dass das Gerücht von seinem Tod immer wieder die Runde macht.9 Kommt man an dieser Stelle auf Günter Grass und das Jahr 2012 zurück, so lässt es sich auch als jener Moment beschreiben, in dem er vor allem in seiner Rolle als Intellektueller ein weiteres Mal versucht hat, seine Position im literarischen Feld zu verteidigen und sein Schweigen zu brechen. Wie der Titel des Gedichts ›Was gesagt werden muss‹ bereits ankündigt, geht es ihm darum, das Wort zu ergreifen und Stellung zu beziehen. Das Thema, dem er sich dabei annimmt, ist ähnlich explosiv wie die Form, die er dafür wählt, und die Reaktionen, die er in Kauf nimmt. Es geht ihm um die Gefahr des atomaren Erstschlags im Nahen Osten, einer brisanten politischen Frage des aktuellen Weltgeschehens, der Betrachtung Israels und des Irans als Atommächte sowie der Rolle Deutschlands, das sich in diesen Konflikt unter anderem durch den Verkauf von U-Booten eingemischt hat. Geplagt vom für Intellektuelle obligatorischen Selbstzweifel und dem Zwang zur Einmischung spielt Günter Grass regelrecht mit seiner Rolle als desjenigen, der die Stimme erhebt, und wird dabei zugleich pathetisch, wenn er, sich auf seinen anstehenden 85. Geburtstag beziehend, davon spricht, dass er »gealtert und mit letzter Tinte«10 das Wort ergreift, den politischen Skandal kritisiert und in seiner Position somit selbst auch inszeniert.

Im Mittelpunkt steht dabei nicht mehr nur wie zuvor die Aufgabe, die »Vergegenkunft«11 der Dinge zu beleuchten und mithilfe seiner Stimme zu hinterfragen, sondern auch die Position des Intellektuellen zu untermauern. Sowohl die Form seiner Äußerung als auch ihre Sprache und ihr Inhalt spielen dabei gleichwertig für sich, aber auch in ihrer Verbindung eine Rolle und bestimmen schließlich in ihrer Provokation auf absehbare Weise die Rezeption. Vielerorts begann man deshalb mit der Analyse und der Interpretation des Leitgedichts. So werden in überregionalen Medien nicht nur Stimmen laut, die in dem Inhalt einen Skandal erkennen, sondern auch darauf hinweisen, das es der Form nach gar kein Gedicht sein könne, da Günter Grass unter dem Deckmantel der Lyrik, wie Frank Schirrmacher es zum Beispiel betonte, bloß einen Etikettenschwindel betreiben würde.12 Marcel Reich-Ranicki sprach im Interview mit Volker Weidermann gar von Ekel.13 Der lyrische Erstschlag, wie Sebastian Hammelehle dies bezeichnete14, hatte sein Ziel nicht verfehlt. So sah sich schließlich Tilman Krause in seiner Analyse des Gedichts sogar dazu veranlasst, aufgrund von demagogischer Sprache eine Nähe zum Nationalsozialismus zu sehen und das Gedicht schließlich auch mit Joseph Goebbels Rede im Sportpalast in Verbindung zu bringen.15 Vor dem Hintergrund systematischer NS-Vergleiche entsprach dies einem Totschlagargument, das die entstandene Debatte über Günter Grass nicht entschärfte, sondern die Reaktionen noch beflügelte.

Vom Fall der moralischen Instanz zum ewigen Antisemiten
Der Ausgrenzungsdiskurs verschärfte sich noch weiter, so dass abseits dieser Beschäftigung auch Diskussionen an anderem Ort stattfanden. Günter Grass trat in Nachrichtensendungen auf und musste sich dort der Kritik stellen. Neben Vertretern jüdischer Verbände, die in dem Leitgedicht ein Pamphlet erkannten und Antisemitismus kritisierten, meldeten sich neben Wissenschaftlern nun auch viele Politiker aus dem In- und Ausland zu Wort, so dass die Literatur als Staatsangelegenheit am Ende nicht mehr nur für Empörung oder einem »absoluten Skandal«16 sorgte, sondern Günter Grass schließlich vom israelischen Staat offiziell zur persona non grata erklärt und gegen ihn ein Einreiseverbot ausgesprochen wurde.

Von allen Seiten in das Abseits gedrängt, blieb Günter Grass am Ende nur der Beiname »der ewige Antisemit«17 und die Erkenntnis, dass schon am Tag des Erscheinens erste vernichtende Besprechungen des Gedichts erschienen waren. Nicht nur der lyrische Erstschlag sondern auch seine heftige Vergeltung machten den Eindruck gezielter Planung und so drehte sich die Welt für Günter Grass schon vor seinem 85. Geburtstag, ohne dass er selbst seinen Stand veränderte. Indem er sein Leitgedicht in der Diskussion noch einmal präzisierte und nicht nachgab, entsprach er weiter seiner intellektuellen Haltung. Er wagte nicht nur einen erneuten Angriff, indem er eine Gleichschaltung der Presselandschaft diagnostizierte, sondern beklagte auch, dass seine lyrische Stellungnahme keine Diskussion zur Sache bewirkte. Hatte Günter Grass in all der Zeit seiner gezielten Provokationen übersehen, dass Auseinandersetzungen des Intellektuellen immer Diskussionen über ihn selbst gewesen waren, so hat das Jahr 2012 ihm und seinen Kritikern dies in seiner ganzen Dimension vor Augen geführt.

 

1 Das Gedicht ›Was gesagt werden muss‹ erschien am 4. April 2012 zeitgleich in den drei europäischen überregionalen Tageszeitungen Süddeutsche Zeitung, La Repubblica und El Pais. Erst danach wurde auch eine autorisierte englischsprachige Fassung erstellt, die ebenfalls publiziert wurde. Es verbreitete sich durch Rezeption sowohl in anderen Zeitungen als auch Zeitschriften, fand aber auch in anderen Medien wie dem Fernsehen oder dem Internet einen Widerhall. Das Gedicht ist, mit Überarbeitung einer Verszeile, inzwischen in dem ebenfalls 2012 erschienenen Gedichtbands Eintagsfliegen. Gelegentliche Gedichte im Steidl Verlag Göttingen veröffentlicht worden.

2 Enzensberger, Hans-Magnus: Wilhelm Meister, auf Blech getrommelt. In: Loschütz, Gert (Hg.): Von Buch zu Buch – Günter Grass in der Kritik. Neuwied und Berlin 1968, S. 8-12, Geiger, Hannsludwig: Alarm auf der Blechtrommel. Evangelischer Literaturbeobachter 36, München 1956 u. Schwab-Felisch, Hans: Talente und Stilfragen bei der »Gruppe 47«. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. 11. 1958.

3 Reich-Ranicki, Marcel: Günter Grass, Zürich 1992, S. 13-18, hier: S. 14.

4 Vgl. Kaiser, Joachim: Oskars getrommelte Bekenntnisse. In: Loschütz, Gert (Hg.): Von Buch zu Buch – Günter Grass in der Kritik. Neuwied und Berlin 1968, S. 13-14. hier: S. 13.

5 Vgl. Hägele, Christoph: Skandal oder Inszenierung? Günter Grass in der Kritik. In: Neuhaus, Stefan/ Johannes Holzer (Hg.): Literatur als Skandal. Fälle – Funktionen – Folgen, Göttingen 2007, S. 598-612, hier: S. 600.

6 In der Begründung für den Literaturnobelpreis an Günter Grass im Jahr 1999 hob die Jury hervor, dass er sich darum verdient gemacht hätte, vergessene Gesichter der Geschichte zu porträtieren; Vgl. The Nobel Prize in Literature 1999. Online verfügbar unter: http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/1999 (Stand: Dezember 2012).

7 Vgl. Hägele, Christoph: Skandal oder Inszenierung? [wie Anm. 5], S. 603.

8 Vgl. ebd., S. 605.

9 Vgl. hierzu zuletzt: Bock, Hans Manfred: Nekrologe auf Widerruf. Legenden vom Tod des Intellektuellen. In: Demandt, Christian (Hg.): Macht und Ohnmacht der Experten. Sonderheft Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, Berlin 2012, S. 866-877.

10 Grass, Günter: Was gesagt werden muss. In: Süddeutsche Zeitung, 4. April 2012.

11 Grass, Günter: Schreiben nach Auschwitz. Frankfurter Poetik-Vorlesung, Frankfurt a. Main, S. 33.

12 Vgl. Schirrmacher, Frank: Was Grass uns sagen will. Eine Erläuterung. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. April 2012

13 Vgl. Weidermann, Volker: Es ist ein ekelhaftes Gedicht. Marcel Reich-Ranicki über Grass. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 8. April 2012.

14 Vgl. Hammelehle, Sebastian: Lyrischer Erstschlag. Online verfügbar unter: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/kritik-an-israel-gedicht-was-gesagt-werden-muss-von-guenter-grass-a-825669.htm (Stand: Dezember 2012).

15 Vgl. Krause, Tilman: Grass' Anti-Israel-Gedicht steckt voller NS-Stereotypen. In: Berliner Morgenpost, 4. April 2012.

16 Seibel, Andrea/ Clemens Wergin/ Michael Borgstede: Netanjahu nennt Grass moralisch nicht urteilsfähig. In: DIE WELT, 21. 4. 2012.

17 Broder, Henryk M.: Günter Grass, der ewige Antisemit. In: DIE WELT, 4. April 2012

 

 

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