Gedeutete Wirklichkeit

Das Märchen von Frau Holle

In einem literaturhistorischen Vortrag zum Thema »Fakten und Fiktionen« kommt Ruth Klüger auf eine wichtige Unterscheidung zu sprechen, die man berücksichtigen muss, wenn man sich dem unbequemen Thema der Wirklichkeit nähern will, ohne sich in die unendlichen Horizontverschiebungen philosophischer Erörterung zu verlieren. Es ist die Unterscheidung von Ding und Deutung. In einem einprägsamen Bild erinnert Klüger an die Anlage von Stonehenge. Da sind die riesigen Steine, urtümliche Natur, die doch nicht bloß natürlich, sondern von Menschenhand angeordnet sind:

»Man staunt sie an, man weiß, da gibt es Zusammenhänge, nicht zufällig sind sie hierher geschleppt worden, man bittet um Interpretationen, man bekommt sie angeboten, astronomische, astrologische, historische, religiöse, abergläubische.«

Die verschiedenen Deutungen, die man der Anlage geben kann, verändern die tatsächliche Anordnung der Steine nicht; sie bleiben dort, wo sie sind.

»Gewiß, die Deutungen ändern sich, wie auch die langen Schatten von Stonehenge sich ändern, je nach Tages- und Jahreszeiten. Kein Faktum und kein Ding ist, bei Lichte besehen, schatten- oder deutungslos. Nur verwechseln soll man das eine nicht mit dem anderen, das Ding nicht mit der Deutung.«1

Wer nach der Wirklichkeit fragen will, muss lernen, die Dinge dort zu lassen, wo sie sind. Das brutum factum lässt sich nicht in Frage stellen. Schon Protokollsätze sind Interpretationen. Zur Diskussion stehen also die Deutungen. Deutungen vollziehen sich durch Sprache. Man kann zwar sagen, dass Kinder die Welt handelnd zu deuten lernen. Allein jede Mutter und auch mancher Vater weiß, dass dieser Prozess nicht möglich ist, ohne mit dem Kind wortwörtlich zu verhandeln, nämlich alltägliche Konflikte zu lösen, indem man darüber spricht. Es gibt davon abgesehen nur noch die Möglichkeit, Konflikte mit Gewalt zu beenden. Man kann Kinder auch schlagen. Weil Deutungen sich durch Sprache vollziehen, müssen sie verstanden werden. Verständigung kann sich unmittelbar in mündlicher Auseinandersetzung herstellen. Sie kann aber auch schriftlich festgehalten werden: dann entstehen Texte. Es ist sinnvoll, Texte allgemein als Deutungen der Wirklichkeit zu verstehen. Ich will nun versuchen, anhand des Textes eines der bekanntesten Grimmschen Märchen einen Blick auf die Wirklichkeit zu werfen. Es handelt sich um das Märchen von der Frau Holle. Den Inhalt darf ich hier als bekannt voraussetzen. Der Text findet sich in der Märchensammlung der Gebrüder Grimm schon in der ersten Ausgabe, die 1812 erschien. Ich werde mich ausschließlich auf diesen Text beziehen, Vorformen, Parallelen und Überarbeitungen sind reichlich vorhanden, erweitern aber den Deutungshorizont nicht wesentlich. Einzig die Tatsache, dass in späteren Überarbeitungen des Märchens die beiden Mädchen einen Namen erhalten – sie werden dann nämlich alle beide Marie heißen – und dass sie dort am Ende vom Hahn, der bekanntlich zur Stunde der Wahrheit kräht, als Goldmarie und Pechmarie unterschieden werden, kann ich nicht übergehen. Kinder- und Hausmärchen sind, wenn man sie nicht tiefenpsychologisch interpretiert, Texte, in denen Menschen sich in einfacher Form über die Wirklichkeit verständigen. Schließlich sollen es ja auch die Kleinen und das Gesinde verstehen können. Da aber Wirklichkeit, wie schon erwähnt, konfliktbeladen und folglich vieldeutig ist, können Texte, die uns darüber belehren wollen, nicht ohne inneren Widerspruch sein. Wer sich in den Text der Frau Holle vertieft, so, wie er in den Grimmschen Märchen überliefert ist, wird bald merken, wie zwiespältig und ungemütlich die Sache ist.

Drei Wirklichkeitsdeutungen …

… kann man, wenn ich es richtig überblicke, im Märchen von Frau Holle ausmachen. Der Text wurde, wie erwähnt, 1812 veröffentlicht, an der Schwelle des industriellen Zeitalters in Deutschland. Man weiß, dass selbst Goethe damals recht skeptisch in die Zukunft gesehen hat. Auch die Brüder Grimm dürften die Veränderungen, die sich in der deutschen Gesellschaft anbahnten, nicht ganz außer Acht gelassen haben. Im Hinblick auf die kommende Geschichte des 19.und des 20. Jahrhunderts werde ich die drei Wirklichkeitsdeutungen, die das Märchen von Frau Holle anbietet, die bürgerliche, die protofaschistische und die antikapitalistische Deutung nennen. Die Benennungen mögen manchem ein Ärgernis sein. Sie sind anachronistisch. Da es aber Wirklichkeit ohne Aktualität nicht gibt und ich das Märchen heute lese, halte ich sie für gerechtfertigt.

Die Goldmarie (Illustration von Ludwig Richter)
Die Goldmarie: ein Mädchen mit bürgerlichen Tugenden (Illustration von Ludwig Richter)

Ich beginne mit dem bürgerlichen Märchen. Dies ist die am weitesten verbreitete Interpretation. Die bürgerliche Gesellschaft ist aus den Handwerker- und Kaufmannsständen der Städte hervorgegangen, deren zentrale Tugend der Fleiß gewesen ist. Das Märchen – das versteht jedes Kind, jede Magd, jeder Knecht – singt ein Hohelied auf die Tugend des Fleißes. Das erste Kind, das später zur Goldmarie wird, ist ein fleißiges Mädchen, und weil Fleiß schön ist, ist auch sie schön. Selbst in der traumhaften Brunnen-Unterwelt, von der noch die Rede sein wird, bewahrt sie ihre Tugend. Der Text betont, dass sie am Backofen »fleißig« herzutrat und die fertig gebackenen Brote »alle« herauszog; ebenso achtete sie darauf, dass kein Apfel oben blieb, als sie die Früchte vom Baum schüttelte. Sie ist also auch sparsam, sie lässt nichts verkommen. Ein gutes Mädchen. So sieht es schließlich auch Frau Holle: »weil du so fleißig gewesen bist«, lässt sie einen gewaltigen Goldregen auf Marie fallen, die nun glücklich und reich nach Hause zurückkehrt. Die andere Marie ist »häßlich und faul«. Aber auch sie erhält den gerechten Lohn – für ihre Faulheit: »ein großer Kessel voll Pech« wird am Ende über sie ausgeschüttet. Das ist die ganze Wirklichkeit der bürgerlichen Gesellschaft, auf den moralischen Nenner gebracht: Wer schön fleißig und auch sparsam ist, der wird mit Gold und Reichtum belohnt, wer aber Pech hat, der ist zuvor ein fauler Wicht gewesen, dessen Anblick indigniert. Heute nennt man das freien Wettbewerb. Aber es ist eine aufgezwungene Freiheit, die nicht allen gleich gut bekommt. Ein jedes für sein Schicksal selbst verantwortlich – hilf dir selbst, so hilft dir Gott oder Frau Holle, die huldreiche Göttin – entscheidend ist, was hinten rauskommt. Die bürgerliche Gesellschaft könnte sich selbst nicht besser beschreiben. Am schnellsten hat die Frau Mama erfasst, worauf es ankommt, wenn es darum geht, der harten Wirklichkeit ins Auge zu blicken: Es geht um Geld und Gold, es geht um Reichtum, und es geht darum, wie viel man davon hat. »Als die Mutter hörte, wie es zu dem Reichthum gekommen, wollte sie der andern schönen und faulen Tochter gern dasselbe Glück verschaffen.« Und weil das Verdienst darüber entscheidet, wie viel Geld und Gold, wie viel Reichtum und Glück man erwerben kann, gilt es, die Kinder zu Fleiß und Sparsamkeit zu erziehen. Man sieht nun auch, warum die beiden Mädchen ein und denselben Namen tragen: Es sind, wie in Brechts »Sieben Todsünden«, eigentlich nicht zwei Personen, sondern nur eine einzige, und diese muss sehen, ob sie als Goldmarie oder als Pechmarie, im Reichtum oder in Schande enden wird. Ohne Fleiß kein Preis – wer erinnerte sich nicht, dieses bürgerliche Märchen in der Kindheit vernommen zu haben?

Als protofaschistisch bezeichne ich eine Interpretation, die Ideen enthält, auf welche sich faschistisches Denken unmittelbar beziehen lässt, ohne dass man sie selbst als faschistisch bezeichnen könnte. Das 19. und das 20. Jahrhundert sind unerschöpflich in der Produktion protofaschistischer Ideen. Solche Ideen erscheinen manchmal schön und rein, den Pferdefuß bemerkt man erst, wenn es zu spät ist. Genau so steht es mit dem einleuchtenden Gedanken, dass Not zum Handeln zwingt. Das Märchen erzählt, dass die Brote in höchster Not um Hilfe rufen, denn sie laufen Gefahr zu verbrennen. Ebenso bricht der Apfelbaum unter der Fülle der Früchte fast zusammen. Hier zeichnet die Goldmarie sich dadurch aus, dass sie die Notwendigkeit zu handeln erkennt und aktiv wird. Ohne lange zu zögern, zieht sie die Brote heraus und schüttelt die Äpfel herunter. Die Pechmarie hingegen begreift offenbar die Not nicht und bringt Einwände hervor, die gegen fröhliches Zugreifen sprechen. Sie könnte sich schmutzig machen, die Äpfel könnten ihr auf den Kopf fallen. Wer würde für den Schaden aufkommen, den sie sich zuziehen könnte? Unter bürgerlichen Gesichtspunkten zeigt sie sich damit als äußerst umsichtig. Für das protofaschistische Märchen aber sind das faule Ausreden. Wer handelt, macht sich die Hände schmutzig, nur wer nichts tut, bleibt sauber. Und jede Gefahr, in der man nicht umkommt, macht stark. Man sieht, wenn die Not drängt, ist für die protofaschistische Wirklichkeitsdeutung keine Zeit für Fragen, Verhandlungen und Diskussionen: Die Stunde der Entscheidung ist da. Faschistisch wird diese Idee, sobald der Notfall nicht mehr als ein außergewöhnliches Ereignis aufgefasst ist, aus dem es so schnell wie möglich wieder zur Normalität zurückzukehren gilt, sondern auf Dauer gestellt wird. Dann nämlich wird die Wirklichkeit als ein permanenter Notstand gedeutet. Tatsächlich haben die Nationalsozialisten in Deutschland während der zwölf Jahre ihrer Herrschaft die bürgerlich-rechtsstaatlichen Ordnungen dadurch außer Kraft setzen können, dass sie, mit dem Ermächtigungsgesetz, den Notstand zu einer nicht mehr endenden Institution gemacht haben; das gab ihnen die Möglichkeit, ausschließlich durch Führerentscheidungen zu regieren. Die Gefolgschaft brauchte bloß noch zu gehorchen. Wäre die Welt nicht in Flammen aufgegangen, hätte man so zu einem ungeheuren Reichtum gelangen können, und eben darauf hat man gehofft. Wer hat schon die »Arisierung« jüdischen Eigentums als Rechtsbruch empfunden? Not kennt kein Gebot. Man hielt im Gegenteil noch nach dem verlorenen Krieg an den enteigneten Gütern fest. In protofaschistischer Interpretation ist die Goldmarie nicht mehr ein bürgerlich-tugendhaftes Ideal, sondern eine Heldin, die ihrem Volk den göttlichen, goldenen Segen bringt. Die Pechmarie redet zu viel, wie man im Reichstag zu viel geredet hat. Das Parlament als »Quatschbude«, das musste zuerst abgeschafft werden. Die meisten Deutschen haben fanatisch daran geglaubt, sie haben den Gehorsam zur höchsten nationalen Tugend erkoren und ihren Kindern mit Überzeugung beigebracht, vor jeder Autorität zu kuschen, und zwar sofort – aber es war alles nur ein Märchen, und ein schreckliches noch dazu.

Die Pechmarie (Illustration von Ludwig Richter)
Die Pechmarie: ein boshaftes Porträt der herrschenden Klasse (Illustration von Ludwig Richter)

Das kapitalismuskritische Märchen kommt im Gewand der Idylle daher. Das ist am Anfang des 19. Jahrhunderts zeitgemäß. Johann Heinrich Voß z. B. hat seine Gesellschaftskritik in Idyllenform gefasst. Im rückwärtsgewandten Blick auf die bäuerliche Welt tritt die Hässlichkeit der kommenden kapitalistischen Gesellschaft als Kontrast deutlich hervor. Eben diesen Kontrast gestaltet das Märchen. Liest man es kapitalismuskritisch, gewinnt der Gegensatz zwischen dem fleißigen und dem faulen Kind einen ganz anderen Aspekt: Er stellt den Unterschied der herrschenden und der arbeitenden Klasse dar, wie ihn die unterdrückten Klassen fühlen. Das fleißige Kind »mußte alle Arbeit thun und war recht der Aschenputtel im Haus«, während das andere gewohnt war zu »faullenzen« und »wollte Morgens gar nicht aufstehen«. Der trostlosen Wirklichkeit der Klassengesellschaft steht nun aber in der Brunnen-Unterwelt ein utopischer Entwurf entgegen. In dieser Utopie wird zwar auch gearbeitet, aber es gibt den Zwang zur Arbeit nicht. Stattdessen sieht man die Goldmarie unvermittelt einem ganz absichtslosen Dasein hingegeben, ohne Ziel und Zweck schweift sie in dieser Gegenwelt umher, nachdem sie aus Versehen dort hingekommen ist. Sie findet sich »auf einer schönen Wiese, da schien die Sonne und waren viel tausend Blumen«: Die Schönheit und der Reichtum der umgebenden Natur wird ihr bewusst. Man könnte sich vorstellen, dass sie zu spielen beginnt, und in der Tat nimmt sie wie im Spiel die Brote aus dem Ofen, schüttelt sie wie im Spiel die Äpfel vom Baum. Die Tätigkeit als solche macht ihr Freude, was weiter mit den Broten und den Äpfeln geschieht, ist ihr nicht wichtig, sie wandert selbstvergessen weiter, einem guten Leben entgegen: »kein böses Wort und alle Tage Gesottenes und Gebratenes«. Marx hätte den Menschen in der kommunistischen Gesellschaft, Schiller das Wesen der Kunst nicht besser beschreiben können. Aber die schönste Utopie taugt nichts, wenn man nicht wieder nach Hause kommt: »ich habe den Jammer nach Haus kriegt, und wenn es mir auch noch so gut hier geht, so kann ich doch nicht länger bleiben.« Utopie hat buchstäblich keinen Ort, sie will in den Topos, in die Wirklichkeit zurückgeholt werden; erst in der Verwirklichung kommt das Glück zu sich. Aber was heißt hier Verwirklichung? Eines jedenfalls, so sagt das Märchen, heißt es gewiss nicht: das Glück über die Jagd nach Reichtum und Gold herbeizwingen zu wollen. Genau das ist der Fehler der Pechmarie: Sie stürzt sich mit voller Absicht in den Brunnen, weil sie das Gold raffen will, sie hat keinen Blick für die Schönheiten der Natur, sie hat ja etwas vor, sie will zur Frau Holle kommen, Brot und Apfelbaum könnten sie nur aufhalten, sie müsste sich möglicherweise säubern, um bei Frau Holle einen guten Eindruck machen zu können. So blind und zielversessen, wie dieses Mädchen hinter dem Golde her ist, kann sie nur eines erreichen: sich mit allem Dreck der Erde zu besudeln. Ein boshaftes Porträt der herrschenden Klasse. Und also nur zur Hälfte ein Märchen: solange das Schicksal der Goldmarie bloße Utopie bleibt. Aber vielleicht steht es mit diesem Märchen so, wie mit Theodor Herzls unglaubhafter Geschichte vom Judenstaat: Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen. Sozialistische Erziehung hat immer bedeutet, schon den Kindern den Willen zu einer schöneren und gerechteren Welt nahezulegen.

Wie man vom Märchen zur Wirklichkeit kommt …

…, darüber sagt das Märchen nichts. Man ist ja immer schon mittendrin. Aber die Deutungen, die es der Wirklichkeit gibt, sind von einer überraschenden politischen Aktualität. Noch immer streiten im wesentlichen drei Richtungen über die Macht zu definieren, was wirklich und was zu verwirklichen sei. Es gibt die bürgerlichen, nämlich konservativ-liberalen Parteien, es gibt reaktionäre Parteien, und es gibt sozialistische Parteien. Manchmal muss man genau hinschauen, um zu erkennen, was ihnen anhaftet: Gold oder Pech, Segen oder Fluch. Die bloßen Namen reichen zur Orientierung längst nicht mehr aus, es ist nötig, sich über Programm und Personen zu verständigen. Auffallend bleibt, dass bürgerliche und reaktionäre Parteien im politischen Alltag vielfältige Koalitionen eingehen. Denn ein Ziel ist ihnen gemeinsam: die Konzentration der Macht. Wenige sollen über viel verfügen, während viele kaum etwas zu eigen haben dürfen. Umgekehrt sind die sozialistischen Parteien oft hoffnungslos zerstritten: Sie können sich nicht darüber verständigen, wie die Utopie zu verwirklichen wäre. Angesichts des utopischen Ziels bleibt ihr Verhältnis zur Macht widersprüchlich. Eine ausgleichende Verteilung der Güter ist auf dem Wege der Machtanhäufung unerreichbar.

Frau Holle (Illustration von Otto Ubbelohde)
Frau Holle – Segen und Fluch der Göttin (Illustration von Otto Ubbelohde)

Von Frau Holle war im Zusammenhang der drei Märchendeutungen wenig die Rede. Das mag überraschen, da Frau Holle doch gewissermaßen eine Hauptperson der Erzählung ist und ihr sogar den Namen gegeben hat. Aber wenn man die Dinge dort lassen will, wo sie sind, ist es immer fatal, von Göttern und Göttinnen sprechen zu müssen. Immerhin waren vom Segen und Fluch der Göttin durchaus dingliche Konsequenzen erfahrbar. Man wird deshalb umgekehrt damit rechnen müssen, dass auch die Religion in der Frage nach dem Glück oder Unglück der Menschen eine mächtige Rolle spielt.

Schließlich möchte ich noch ein wichtiges Detail hervorheben. Das Märchen von Frau Holle ist ein Mädchen- und Frauenmärchen, es gibt in ihm nur weibliche Figuren. Knaben und Männer kommen nicht vor. Tugend ist eben ein weibliches Wesen. Allein die drei Wirklichkeitsdeutungen, die ich in diesem Märchen habe ausmachen können, haben jeweils ein eigenes Verhältnis zum Geschlechterproblem. Das möchte ich noch kurz erläutern. Die bürgerlichen Tugenden des Fleißes und der Sparsamkeit sind abstrakt, sie sollen von allen Bürgern geübt werden, Männern und Frauen. Zwar gibt es getrennte Erziehungslehren für Knaben und Mädchen, wie auch das Schulwesen geschlechtsspezifisch in Knaben- und Mädcheninstitute und klassenspezifisch dreigliedrig geordnet ist. Aber damit wird nur deutlich, dass Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in der bürgerlichen Gesellschaft zu einem schlechten Idealismus verkommen sind, man weigert sich, auf die Ausgangsbedingungen zu sehen, Schwesterlichkeit ist kein Thema. Die protofaschistische Deutung der Wirklichkeit kennt eigentlich keine Heldinnen: Im Notfall draußen zu stehen und Entscheidungen zu fällen ist nun einmal eine männliche Angelegenheit, Schiller hat es wortgewaltig bedichtet. Erstaunlich, dass die Goldmarie kein Knabe ist, der Heinrich oder Friedrich heißt. Inzwischen freilich können auch Frauen Entscheidungsträger werden, sie sind nicht allein durchs Geschlecht schon die besseren Menschen, bloß deshalb, weil sie nichts zu sagen hätten. Mädchen und Knaben können gemeinsam erzogen und unterrichtet werden, aber man macht aus beiden Geschlechtern Männer. Während das bürgerliche Märchen die Frauen übergeht und das protofaschistische die Weiblichkeit verdrängt, wirft die kapitalistische Deutung einen satirisch scharfen Blick auf die weibliche Wirklichkeit in der Klassengesellschaft. Selbstverständlich hat in den unteren Schichten, bei den Bauern und Arbeitern, die Frau schwere Arbeiten zu verrichten. Mit Tätigkeiten wie dem Schleppen von Wassereimern gibt sich der männlich starke Held nicht ab. Sie gehören zur Reproduktion und bringen nichts ein. Folglich verdient die Frau auch nichts, sie muss sich vom Lohn ihres Mannes mitversorgen lassen, zählt also für den ökonomisch denkenden Hausherrn zu den Kostenfaktoren. Erniedrigender kann ein Leben nicht sein. Aber selbst die von den groben Arbeiten freigestellte Schwester in den höheren Klassen, die alle groben Arbeiten im Haushalt an ärmere Frauen delegieren kann, hat kein leichtes Los. Sie braucht zwar morgens nicht aufzustehen, aber sie hat dann auch nichts zu tun als zu repräsentieren und ein paar Wohltätigkeitsveranstaltungen zu organisieren. Auch sie trägt nichts zum Reichtum bei, wenn sie nicht eine ordentliche Mitgift in die Ehe eingebracht hat, ihre Rolle bleibt reproduktiv. Und auch sie ist völlig abhängig von einem Mann, der sie versorgt. Man darf nicht hoffen, dass in einer Gesellschaft Freiheit, Gleichheit und Schwesterlichkeit wirklich werden können, wenn die Differenz zwischen produktiver und reproduktiver Arbeit, die sich mit der Differenz von bezahlter und unbezahlter Arbeit oder kurz gesagt: Männer- und Frauenarbeit, deckt, nicht aufgehoben wird.2 Das sollen sich Männer, Frauen und Kinder hinter die Ohren schreiben. Es ist gut, der Großmutter zuzuhören, wenn sie Märchen erzählt.

 

Matthias Fallenstein, geb. 1947, Studium der Ev. Theologie, Philosophie und Pädagogik, Heilpädagoge i. R., lebt in Wien, schreibt Kritiken und Essays in: Deutsche Lehrerzeitung, Das Argument, Zwischenwelt, Wespennest, Prolog u. a.

 

 

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