Gelungener Anschluß

Jan Böttcher legt ein starkes Solodebut vor

In der deutschen Musikszene ist es still geworden. Zwar sind die Bands der letzten Welle noch aktiv und wir erwarten die nächste Auflage von Juli, Wir sind Helden oder Tomte, aber wirklich Neues hat sich schon lange nicht mehr in die Herzen der Deutschen gesungen. Von den Medien völlig ignoriert, mußten wir statt dessen im letzten Jahr einen Verlust hinnehmen: Die Berliner Band Herr Nilsson hat sich aufgelöst. Auf ihrer Website findet man seit ein paar Monaten den Satz: »Weiter geht’s nur hier: www.myspace.com/herrnilssonpop«. Die Berliner waren eine zu Unrecht übersehene Band, die mit Feuilletonlieblingen wie Element of Crime ohne weiteres hätte konkurrieren können. Vielseitiger, verspielter und hintersinniger waren Sänger und Texter Jan Böttcher und seine Kollegen, nur erregten sie mit ihren witzigen, teils skurrilen Texten leider weit weniger Aufsehen, als sie verdient hätten. Dabei war ihre letzte CD Einfacher sein (2003) auch wegen ihrer feinen und klaren Produktion und den guten Arrangements eine Perle. Doch so ganz stimmt der Satz »Weiter geht’s nur hier«, mit dem auf die MySpace-Seite von Herr Nilsson verwiesen wird, nicht. Nach zwei Romanveröffentlichungen meldet sich Jan Böttcher nun nämlich mit einem Soloalbum zurück – und knüpft damit durchaus an die Musik seiner früheren Band an. Dabei zeigt sich auch, wie sehr er den Stil der Gruppe geprägt hat. Vom anderen Ende des Flures klingt mal verträumt (»Ohne Titel«), mal verstört störrisch erinnernd (»Die frühen Verluste« und »Jünger waren«) – und ist dabei meist ergreifend. Daß seine früheren Themen ihn noch bewegen und nicht vergessen sind, zeigt sich zum Beispiel in »Die frühen Verluste«:

Man nahm uns Klassenfahrt und Freizeit, später auch den Sportverein

und in »Jünger waren«:

Unser Leben ist zergangen, aus dem Herbst entsteht ein Winter

Beide erinnern stark an »Die Stadt« vom ersten Herr-Nilsson-Album Liebesleid und Fischigkeit. Darin heißt es:

Die Kastanien im Herbst, die Blätter einer Blüte, meine Güte, kann den Schmerz nicht überseh‘n, daß wir vergeh‘n, weil alles einmal fällt und dann kein zweites Mal

In seinen neuen Songs aber, vor allem in »Die frühen Verluste«, schafft er es, diesen Schmerz darzustellen, ohne ihn als solchen benennen zu müssen. Bildhafter und dadurch stärker, ergreifender und auch ironischer sind die Bilder:

Sie nahmen uns den Ball weg, nur damit das Fenster blieb

Daß dabei mehr herauskommt als reine Schmerzbenennung, zeigt die ironische Kritik, in der sich wohl viele seiner/unserer Generation wiedererkennen mögen:

Wir wollten alle nicht mehr wachsen, wir blieben jahrelang stehen, nur um weiter in den heißgeliebten Turnschuh‘n rumzugehen

 

Die Instrumentierung des Albums wirkt eher schlicht, was zusammen mit der schon für Herr Nilsson typischen Melodieführung der Platte zu einer Einheit verhilft. So erscheint Vom anderen Ende des Flures, die mit dezentem Schlagzeug auskommt und sich bei jedem Lied auf wenige Instrumente konzentriert, anfangs fast monoton. Das »Mein Tag« begleitende Roadpiano oder das Klavier, das in »Galeerenporno« den Baßlauf angibt, bringen jedoch Abwechslung und lösen die Ruhe der Instrumentierung aus den ersten Liedern auf. Das mit Trompete begleitete »Die Vielfalt« rockt ein wenig, wodurch es sich vom Liedermacherstil einiger anderer Titel gelungen abhebt und auch das Potential, das für Bühnenpräsentationen in dieser Platte steckt, zeigt.

Jan Böttcher: »Vom anderen Ende des Flures« (Cover)
Jan Böttcher: Vom anderen Ende des Flures

Mit »Beruflich in der Stadt« hat Jan Böttcher einmal mehr Kurzprosa auf ein Album gepackt. Erzählt wird die Geschichte eines Geschäftsreisenden, der sich bei einer Bekannten einquartieren möchte, als einseitig mitgehörtes Telephongespräch. Geschickt verzerrt hebt sich Böttchers Stimme von den restlichen Aufnahmen ab, ohne einen Bruch zu erzeugen. Einen Bruch erzeugt eher die Linearität der Geschichte, wohingegen viele seiner Lieder nur zwischen den Zeilen erzählen und so eher Stimmungen erzeugen und damit auch eine Unruhe, die die Instrumentierung nicht provoziert. So stellt die witzige Geschichte, die auf den Alben vieler anderer Bands eher unpassend erschienen wäre, eine gelungene Ergänzung dar, die von der Hintergrundmusik sehr gut getragen wird.

Daß erste Soloalben nicht immer große Würfe sind, haben Musikliebhaber immer wieder feststellen müssen. Jan Böttcher aber schafft es, ein einheitliches und doch abwechslungsreiches vorzulegen, das kein schwaches Lied enthält und dafür mit »Die frühen Verluste« und »Paradies« Perlen bietet, die ihre Wirkung auch bei wiederholtem Hören behalten. Ganz so, wie man es eigentlich auch von Herr Nilsson gewohnt war.

 

Jan Böttcher: Vom anderen Ende des Flures. KOOKberlin. Berlin 2008. 45 Min. Spielzeit. Ca. 15,- Euro. – Vier Titel dieses Albums sind derzeit bei MySpace zu hören: http://www.myspace.com/herrnilssonpop.

 

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