Getürkte Geschichten mitten aus dem Leben

Theater Bonn und fringe ensemble auf Expeditionstour durch das ›türkische‹ Bonn

Biennale Bonn 2008 (Logo)Dass der Ort des Geschehens an diesem Abend das Frankenbad ist, lässt sich noch dadurch erklären, dass man wohl nirgends in Bonn so nah an der türkischen Kultur ist wie in der Bonner Altstadt. Die Information an der Kasse: »Sie werden um 18 Uhr abgeholt«, sorgt allerdings für Verwirrung. Kurz vor sechs wird das Rätsel gelöst, alle Zuschauer werden durch den Hintereingang des Bades auf die Tribüne des geschlossenen Schwimmbades geführt. Ein wenig befremdend, vor dem leeren Becken zu sitzen und auch die Aufteilung der Zuschauer in verschiedene Gruppen, mit Hilfe von kleinen Kärtchen, sorgt für weitere Unsicherheit. Tragendes Element der abendlichen »Expedition« – so der Untertitel der Inszenierung – sind O-Töne türkischer Mitbürger Bonns. Neun Geschichten, getürkt werden erzählt, die in keiner Weise erfunden sind, sondern mitten aus dem Leben stammen. Jeder Schauspieler fungiert als Pate für eine reale Person, deren Geschichte auf ganz neue Weise wiedergegeben wird. Nach den verteilten Kärtchen in Gruppen aufgeteilt, werden die Zuschauer an verschiedene Orte geführt. In der Damenumkleide des Frankenbades trifft man auf Seda Gümüṣ (Justine Hauer), die sich gerade umzieht. Die junge Frau ist im Ruhrgebiet aufgewachsen und hat mit der türkischen Kultur eigentlich nicht mehr viel am Hut. Ihre Mutter wurde in jungen Jahren einfach nach Deutschland geschickt, um ihren späteren Mann, Sedas Vater, zu heiraten. Seda glaubt, dass ihre Eltern sich irgendwann wirklich geliebt haben, aber für sie wäre das nichts. Die türkischen Männer sind zwar ganz charmant, aber die wollen ja immer sofort heiraten, das muss nicht sein. Mit ihrem neuen Freund Bernd ist das anders. Der ist weder Macho noch Charmeur, da muss sie im Restaurant selber zahlen. Seda ist nicht begeistert davon, aber Männer können ja bekanntlich auch erzogen werden. Sie hat mit der türkischen Tradition nicht mehr viel zu tun, meidet türkische Kulturvereine und lebt so, wie sie es möchte. Nein, sie ist nicht religiös, das kann jeder machen, wie er mag. Ihrer Ansicht nach, kann man auch offener mit allem umgehen. Im Innenhof des Bades begegnet man Ahmet Demiroǧlu (David Fischer). Er lebt schon lange in Deutschland und fühlt sich auch wie ein Deutscher. Mal ist er gerne der Anzug-Typ, der mittlerweile Versicherungsmakler ist, mal fährt er lieber mit seinem Kumpel bei lauter Musik im Auto durch die Straßen, als wäre er wieder 15. Seine Eltern sind wieder für einige Zeit in die Türkei gegangen, als Ahmet noch recht jung war. Da stand er auf einmal alleine da und musste sehen, wie er zurechtkommt. Also hat er eine Ausbildung bei Edeka um die Ecke angefangen und versucht es zu schaffen. Er wollte nicht mehr auf andere angewiesen sein, weder auf den Staat mit seinen Finanzierungshilfen, noch auf seine Eltern. Mit einem zweiten Job und einer 7-Tage-Arbeitswoche musste er sich im Geld bald keine Gedanken mehr machen. Als seine Eltern zurückkamen, haben sie sich erst mal bei ihm und seiner Freundin in der neuen Wohnung eingenistet. Sie haben aber auch schnell gemerkt, dass er sich nichts mehr sagen lässt und ihn wieder in Ruhe gelassen. Sein Leben hat Ahmet härter gemacht. Er weiß jetzt, dass man viel schaffen kann, wenn man wirklich will. Für die Menschen in seinem Umfeld, die in ihrem Selbstmitleid versinken, hat er weniger Verständnis als vorher. Die muss man einfach aufwecken denkt er, damit sie anfangen, etwas zu tun. Am Beckenrand erwarten die Ünlü-Schwestern den Zuschauer, der mittlerweile die anfängliche Scheu verloren hat und mit allem rechnet. Die Schwestern sind beide verheiratet und haben zusammen fünf Kinder. Sie berichten von ihrem türkischen Familienklan, wie das alles funktioniert. Jeder hilft jedem, und wenn etwas passiert ist, sind alle da, um sich gemeinsam zu freuen oder kollektiv Tränen zu vergießen. Natürlich haben sie auch mit anderen Deutschen aus ihrer Umgebung zu tun, sie leben ja schließlich in Deutschland. Da muss man sich anpassen, finden sie. Denn wenn man die Sprache nicht kann, kommt man schließlich nicht weit. Schon wenn ihre Mutter mal zum Arzt muss, merkt man das. Dann müssen sie halt dort anrufen und einen Termin machen, die Mutter spricht nur wenig Deutsch. So ist das unter Türken, die helfen sich bei allem, eine große Familie eben. Kopftuchtragen finden sie gut, so kann man seinem Mann schließlich zeigen, dass man nur für ihn da ist, und es gehört schließlich auch zur Religion. Aber dass der Mann alles bestimmt, so wie viele denken, das stimmt nicht. Das muss auch nicht sein, ist im Koran auch nirgends so festgehalten. Die Kooperation des Bonner Theaters mit dem fringe ensemble war mehr als nur fruchtbar. Die ungewöhnliche Kulisse fordert und verwirrt den Zuschauer, da er nicht weiß, womit er als nächstes rechnen muss. Der Streifzug durch die Anlage des Frankenbades macht die Umsetzung der Geschichten noch realer, da man jeden Menschen in einer individuellen Situation antrifft. Teilweise sehr intim, beim Umziehen in der Kabine, oder einfach im Foyer, geschützt durch Schleier und Sonnenbrille. Das Faszinierende ist die Gradwanderung, die jeder Schauspieler vollbringt, indem er in den realen Charakter des jeweiligen Bonners schlüpft. Teilweise vergisst man als Zuschauer, dass die Schauspieler nur stellvertretend für eine reale Person sprechen; an anderen Stellen wird es wieder ins Gedächtnis gerufen, wenn ein Schauspieler aus seiner Rolle herausschlüpft und scheinbar einfach von einem Freund erzählt. Der umgangssprachliche Ton des Ganzen macht das Stück noch wirklicher. Der Einblick, den Regisseur Frank Heuel in seinem Stück gewährt, ist definitiv eine Expedition. Die Möglichkeit, Menschen nicht nur im Vorbeigehen zu sehen, sondern ebenso ihre Geschichte zu erfahren und sie in intimen Situationen zu erleben, vermittelt einen spannenden Einblick in eine andere Kultur. Die gängigen Themen, wie Bräuche und Religion, spielen natürlich auch eine Rolle. Doch das, was wirklich das Interesse des Zuschauers weckt, sind die Menschen. Geschichten, getürkt – Eine Expedition. Kooperation von fringe ensemble und Theater BonnFrankenbad Bonn. Inszenierung: Frank Heuel.

 

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