Gewinne, Verluste und Hoffnungen

Ein Jahresrückblick des K.A.-Chefredakteurs Benedikt Viertelhaus

Reunions sind seit spätestens den 90-er Jahren an der Tagesordnung und bei vielen Bands wäre es wohl ehrlicher gewesen zu sagen, wir machen dann halt mal ne Pause und schauen, ob wir später mal wieder etwas zusammenmachen. Endgültig dagegen klang die Trennung der britischen Band DODGY. Die Band mit dem oft fröhlich druckvollen Britpop, mal mit melancholisch bedächtigen Liedern, die zu einer Zeit begannen zu musizieren, als der Begriff bestenfalls schwammig vorformuliert war, kam nie recht auf dem Kontinent an. Kein Wunder also, daß dieses Comeback hier als keines wahrgenommen wurde. 1993 erschien mit The Dodgy Album das Debut, 1996, als die damalige Britpopwelle gerade nur abebbten konnte, mit Free Peace Sweet das letzte Album in Urbesetzung. Die Trennung von Sänger Nigel Clark, der eine Solokariere startete, führte zu einer Umbesetzung, die eine logische musikalische Umorientierung brachte, mehr Blues, weniger Melodie. Daß sie in der Urbesetzung noch einmal spielen würden, war daher unwahrscheinlicher als bei all den sonstigen Reunions. Doch Anfang des Jahres war es nach einigen gemeinsamen Touren, die sie wieder spielten, soweit – und mit Stand upright in a cool place erschien nach 16 Jahren ein viertes Album.

Damit, daß sie nicht weitermachen würden, wo sie 1996 aufgehört hatten, war wohl zu rechnen. Und so ist die neue Platte zwar eindeutig eine Dodgy-Platte, was vor allem an Nigel Clark, dem Sänger und seiner markanten, angenehmen Gesangsstimme liegt, aber dennoch in vielen Punkten anders. Ruhiger sind die alten Herren geworden und schon mit dem ersten Song »Tripped and Fell« sind Gesangsharmonien das Prägende. Hatten frühere Alben eher durch Bläser einen Wall of Sound, so sind nun der mehrstimmige Gesang und die E-Gitarre tonangebend. Ein wenig erinnern sie dabei an Crosby, Stills, Nash and Young, auch wenn schnell klar wird, daß wir es mit einer europäischen Band zu tun haben. Blues klingt dabei eher selten an. Stand upright in a cool place ist vor allem in seiner vordergründig recht ruhigen Art eine ganz besondere Überraschung. Beim häufigeren Hören merkt man noch einiges der früheren Unruhe in den Songs, wie ein feines Gespinst, das die Songs nicht langweilig werden läßt: die Instrumentierung ist punktgenau gesetzt. Vielleicht war die Pause nötig, für diese Weiterentwicklung, die doch so stark ist, daß man kaum sagen könnte, welches der Dodgy-Alben das beste ist, da sie nun recht unterschiedlich sind. Eines der besten Alben des Jahres ist ihnen in jedem Falle geglückt und dank Internet kommt man auch in Deutschland relativ gut an die Scheibe, da sie nur als Importware zu bekommen ist.

Verluste
Der Verlust des Jahres kam so überraschend, daß es mich mit unerwarteter Härte traf. Mitte September hatte ich ihn in der Kölner Kulturkirche noch mit seiner neuen Formation live gesehen, Mitte Oktober erreichte mich auf der Buchmesse von einem Freund per SMS die Nachricht, daß er gestorben sei. Mit seiner ersten Band hatte er gezeigt, welche Höhenflüge deutschsprachige Rockmusik erreichen kann, eingebettet in die Musik, die wir im Westen gerne als Independent bezeichnen und die dabei auch eigen, selbstbewußt ist. Nicht wenigen gab diese Art mit deutscher Sprache umzugehen sehr viel. Eben nicht in der ironischen Selbstreflexion eines Dirk von Lowtzow über Dinge zu singen, über die er behauptet auf Deutsch nicht singen zu können. Nicht wenigen gab er den Mut, selbstbewußter mit der eigenen Sprache umzugehen und vermutlich wird sein Einfluß noch lange währen. Die Rede ist von NILS KOPPRUCH, dem ehemaligen Sänger der Hamburger Band Fink, der in diesem Jahr mit Gisbert zu Knyphausen als KID KOPPHAUSEN das Album I veröffentlichte.

Ich durfte ihn vor Jahren kennenlernen. Schon nach dem ersten Konzert, bei dem ich seine Band Fink live sah, habe ich mich nach dem Auftritt kurz mit ihm unterhalten. Für die Kritische Ausgabe habe ich dann gemeinsam mit Marko Milovanovic ein Interview geführt, kurz bevor er seine Solokariere startete. Mit Den Teufel tun erschien 2007 eine eher etwas blutleere Platte und erst Caruso 2012 zeigte, daß Nils Koppruch noch viel zu sagen hatte. Wie viel und was dabei herauskommen konnte, zeigte dann im vergangenen Jahr die Zusammenarbeit mit Gisbert zu Knyphausen. Die Erwartungen an diese Truppe waren hoch, auch an das, was da noch kommen würde. Leider wird es nun bei diesem einen Album bleiben. Gerade als es für den als Maler fast schon stärker wahrgenommenen Nils Koppruch musikalisch in einer breiteren Öffentlichkeit erfolgreich wurde, mußte er gehen.

Hoffnungen?
Anders als Musik begleiten Bücher selten über einen längeren Zeitraum, es sei denn, sie lesen sich nicht mal eben weg, sodaß man sich Zeit lassen muß oder Zeit lassen will. Erschreckend im Rückblick allerdings, daß mir beim Überblicken der Buchrücken kein Buch aufgefallen ist, das hier nach einer längeren Nachbesprechung ruft und das ich in diesem Jahr zu Ende gelesen habe. Sicher, es gab gute Bücher wie Tschick, das ich im Urlaub endlich gelesen habe, Die Laute von Michael Roes, das ein gutes und zugleich auch informatives Buch ist. Oder Livanelis Katze, Mann und Tod, in dem angelegt ist, was er in späteren Romanen perfektioniert hat. Und im Rahmen meiner Verlagsarbeit gingen mir Bücher über den Schreibtisch und durch die Hände, die in den Feuilletons nicht von ungefähr und nicht selten gut besprochen wurden, Die Manon Lescaut von Turdej von Wsewolod Petrow oder Carl Nixons Rocking Horse Road. Doch ist in diesen Fällen ein freies Verhältnis für Kritik nicht mehr gegeben.

Zum Ausklang des Jahres  hatte ich 2011 Die Nähe der Sonne von GERNOT WOLFGRUBER gelesen, nach so etwas hätte ich jetzt eigentlich gesucht: nach einem Buch, in das man immer wieder reinblickt, das einen auch etwas ratlos zurückläßt. Das, was Wolfgruber mit seinem letzten Roman 1985 abgeliefert hat, war für mich neu und beeindruckend. Denn nach seinen sehr realistisch geschilderten Angestelltenromanen kommt dort eine Komponente hinzu, pointiert gesetzt, glaubhaft und weit über vieles hinausreichend von dem, was wir an zwar oft sehr guter, aber oft kaum verstörend guter Literatur in den letzten Monaten zu lesen bekommen haben. Daß mich der Roman auch über meine Recherche für das Portrait in Nr. 22 (2012) unserer Zeitschrift hinaus, immer wieder gedanklich beschäftigte, macht ihn letztlich doch zu so etwas wie meiner Romanentdeckung des Jahres.

Liegengebliebenes
In unserem Redaktionsbriefkasten finden sich hin und wieder Bücher ein, die wir nicht zur Rezension erbeten haben und die dann etwas liegenbleiben. Eines dieser Bücher aus dem vergangenen Jahr ist Underground Barbie von Maša Kolanović. Sie erzählt in dem Roman von den Kinderspielen und wie der Krieg, die Brutalität immer stärker in die Geschichten von Barbie und dem falschen Ken, in den Spielen Dr. Kajfes genannt, die sie erfinden, hereinbricht. Ob unter freiem Himmel oder im Luftschutzkeller, das unterbrochene Spiel findet eine Fortsetzung, bis der Krieg zu Ende ist. Dieses bemerkenswerte Buch ist mit Zeichnungen der Autorin versehen, die das erzählte Spielgeschehen aufnehmen. Leider ist beim Einfügen der Zeichnungen auf den Satz keinen Wert gelegt worden. So umfließt der Text die Bilder, was zu extrem häufigen Trennungen führt: »Mama bekam einen Anruf [...], dass ihr Sohn unbe-fugt in die Räumlichkei-ten der Mar-schall-Tito-Kaserne in Travno ein-gedrungen sei«. Das ist unschön und stört den Lesefluß dieses ansonsten beeindruckenden Debuts der 1979 geborenen Kroatin, das dennoch zu den Entdeckungen des Jahres 2012 zu zählen ist.

 

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