Gratwanderung zwischen Schauspiel und Oper

Stefan Otteni inszeniert Victorien Sardous Tosca in der Halle Beuel

Tosca – der Titel des Dramas von Victorien Sardou ist weitläufig bekannt, der Name des Autors aber kaum – als Oper von Giacomo Puccini feierte der Stoff gerade auch in diesem Jahr, dem 150. Geburtsjahr des Komponisten, auf internationalen Bühnen Erfolge. Ungewöhnlich ist also die Inszenierung des Dramas am Theater Bonn. Doch Regisseur Stefan Otteni lässt die Oper nicht außen vor: Die Hauptrollen, Floria Tosca und ihr Geliebter Mario Cavaradossi, sind doppelt besetzt, durch Sänger und Schauspieler. Begleitet werden sie im Stück von Puccinis Kompositionen, gespielt von einem Quartett aus Piano, Violine, Kontrabass und Akkordeon. Damit gelingt der Inszenierung eine großartige Gratwanderung zwischen der Emotionalität der Oper und der Rationalität des Theaterstücks, das nicht nur eine tragische Liebesgeschichte zwischen der Sängerin Tosca und dem Maler Cavaradossi erzählt, sondern vor allem die Frage nach politischer Verantwortung der Kunst in den Raum stellt.

Szenenfoto aus »Tosca« – © Thilo Beu
Szenenfoto aus Tosca
(Foto: © Thilo Beu)

Die Halle Beuel bietet einen passenden Rahmen für das Stück: In der kalten Fabrikatmosphäre patrouillieren hinter Eisengittern die Wachen des Polizeichefs Scarpia (Raphael Rubino), der in seinem Büro über der Bühne scheinbar die Kontrolle über das gesamte Geschehen hat. Der Bühnenraum ist zweigeteilt: Links stehen Stühle wild durcheinander, darüber hängt eine verrostete Eisenglocke – die Andeutung einer trostlosen, verrotteten Kirche, in der der Maler Cavaradossi (Helge Tramsen) ein Potrait der Maria Magdalena anfertigt. Rechts sind es Tische, die scheinbar willkürlich im Raum positioniert sind, mittendrin die Musiker mit ihren Instrumenten und die beiden Sänger, die in ihrer ersten Arie wie Marionetten gesteuert werden von Caraffa (Christoph Wehr), dem geistlichen Vater Toscas und Privatsekretär der Papstes. Polizei und Kirche scheinen das Geschehen in der Hand zu haben, noch funktioniert ihr Überwachungssystem – wie marode es aber bereits ist, zeigt Franz Lehrs Bühnenbild deutlich.

Tosca (Philine Bührer) findet als Sängerin Anerkennung bei geistlichen wie weltlichen Oberhäuptern, selbst bei der Königin genießt sie hohes Ansehen. Ihre weitgehend unreflektierte Linientreue dem Königshaus und der Kirche gegenüber sind fester Bestandteil ihres naiven Weltbildes, in dem durch ihr Künstlertum gerechtfertigt nur »Schönheit und Liebe« Platz finden. Allerdings steht ihre große Liebe zu Cavaradossi in Widerspruch zu ihren politischen Ansichten, denn der Maler ist Anhänger revolutionärer Ideen und steht mit seinem Leben für seine Ideale ein, als er den flüchtigen Freiheitskämpfer Angelotti bei sich versteckt. Dabei wird ihm Toscas Eifersucht zum Verhängnis: Polizeichef Scarpia lässt in ihr Zweifel an der Treue ihres Geliebten keimen, so dass sie Cavaradossis Aufenthaltsort preisgibt, und als er gefoltert wird, auch Angelottis Versteck verrät.

Szenenfoto aus »Tosca« – © Thilo Beu
Szenenfoto aus Tosca
(Foto: © Thilo Beu)

Gerade in dieser Folterszene zeigt sich die Genialität von Ottenis Inszenierung: Sopranistin Márta Rózsa offenbart in hohen Tönen Toscas Bedrängnis, gibt ihr Stimme, wenn ihr Alter Ego in ihrer Verzweiflung sprachlos bleibt, und ist ihr Gewissen, wenn sie Scarpias Drängen nachgibt. Ebenso gelingt es dem Tenor Fabian Martino in zurückhaltender Kopfstimme, die Qualen des standhaften Cavaradossis darzustellen. Die melancholische leise Begleitung, die besonders durch die schwermütigen Klänge des Akkordeons gewinnt, machen solche Szenen nur noch eindrücklicher. Dabei wird die Grenze zwischen Musikern und Schauspielern ständig durchbrochen, sie trösten sich gegenseitig, machen sich Mut – und dabei übertrifft besonders Márta Rózsa ihre Kollegin auch schauspielerisch an Ausdruckskraft. Als Tosca sich scheinbar auf eine Liebesnacht mit Scarpia einlässt, um so Cavaradossis Leben zu erkaufen, reicht die Sängerin ihr das Messer, um den Polizeichef zu töten, und hilft ihr bei dem Mord; der verletzte Maler wird von seinem Sänger in seine Zelle geschleppt, weil er sich nicht mehr auf den Füßen halten kann.

Ebenso gelungen ist die Darstellung des maroden Machtsystems von Kirche und Königshaus: Die Königin Maria-Carolina (Tanja von Oertzen) wirkt wie ein Schatten ihrer selbst, eine verhärmte alte Frau, deren Urteile von der Willkür des korrupten, sadistischen Polzeichefs abhängen. Auch der anfangs so souverän scheinende päpstliche Sekretär Caraffa kann nur hilflos von der anderen Seite der Gitter mit ansehen, wie Scarpia seine Macht missbraucht, um Tosca für sich zu gewinnen. Otteni stellt die politische Frage aus dem Tosca-Stoff neu, die in der Puccini-Oper nur als Beiwerk einer tragischen Liebesgeschichte erscheint. Die politische Verantwortung des Künstlers wird angemahnt, ohne dass das Stück zu einem trockenen Polit-Drama verkommt, das verhindern die Opern-Elemente auf virtuose Weise. Arien wie lucevan le stelle wirken eben auch – oder gerade – in einer Fabrikhalle. Tosca. Schauspiel von Victorien Sardou. Musik von Giacomo Puccini. Deutsch von Almuth Voß. Theater Bonn – Halle Beuel. Weitere Termine: 23. Dezember 2008 sowie 7., 9., 11. und 15. Januar 2009.

Fotos: © Thilo Beu

 

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