Grundlagen der Kritik

Dorothea Marcus ist eine »Germanistin, die es geschafft hat«

Das Verhältnis von Theorie und Praxis war während des Studiums von Dorothea Marcus bestens ausgewogen: Bei Hans-Ulrich Treichel bejubelte und verriss sie Gedichte von Kommilitonen, mit einer Arbeit über den Begriff der Mystik in der Literatur um 1900 schloss sie ihr Germanistik-Studium ab. Erst danach entdeckte sie das Berufsfeld des Kulturjournalismus für sich: Während es in Berlin, wo sie studierte, stets aussichtslos erschien, Praktika-Plätze zu ergattern, kam ihre berufliche Karriere in Freiburg richtig in Schwung. Mittlerweile ist Marcus Autorin für Rundfunk, Theater-Magazine und überregionale Tageszeitungen. Seit Anfang 2009 ist sie Chefredakteurin der akT, der neugegründeten Kölner Theaterzeitung, mit der der Medienlandschaft in der rheinischen Metropole eine vernehmbare Stimme für die Kultur hinzugefügt wurde. Um diese Stimme nun auch dauerhaft zu etablieren, müssen Herausgeber und Redaktion nach zwölf Ausgaben sowie einer Budgetkürzung durch das Kulturamt der Stadt Köln derzeit um Spenden kämpfen – näheres dazu (und wie man helfen kann) hier sowie bei facebook. Die Kritische Ausgabe drückt dafür jedenfalls alle verfügbaren Daumen! Wie ihr das Germanistik-Studium zunächst zu den Grundlagen der Kritik und nun zur Theaterzeitung nach Köln verhalf, das verrät Dorothea Marcus in ihren Antworten zu unserem Fragebogen.
 

Unsere zwölf Fragen, beantwortet von Dorothea Marcus:

  1. Wie lange und wo haben Sie studiert, welchen Abschluss haben Sie erreicht? War Germanistik Ihr Haupt- oder Nebenfach?
    Ich habe sechs Jahre lang, von 1989 bis 1996, in Berlin an der FU Germanistik und Geschichte im Hauptfach auf Staatsexamen studiert. Da es in Berlin so viel zu tun gab – unter anderem Theater spielen – hat es etwas länger gedauert …
  2. Was hat Sie damals dazu bewogen, Germanistik zu studieren?
    Für mich stand diese Studienwahl schon immer fest, da ich schon immer eine begeisterte Leserin war und vom Schreiben träumte – ich dachte immer, das sei da in Idealform vereint.
  3. Zu welchem Thema haben Sie Ihre Abschlussarbeit eingereicht?
    »Der Begriff der Mystik in der Literatur der Jahrhundertwende am Beispiel von Hofmannsthals Brief des Lord Chandos, Musils Erinnerungen des Zöglings Törleß und Rilkes Stundenbuch«.
  4. Zu welchen wissenschaftlichen Ergebnissen sind Sie in dieser Arbeit gelangt?
    Dass Mystik nichts mit Religion zu tun haben muss, sondern in dieser Zeit geradezu das Gegenteil war und eine Art spirituell-esoterisches Lebensgefühl repräsentierte, eine »Lebensmystik«, die sich dem Diesseits zuwandte und allenfalls mit religiösen Formen und Formulierungen spielte. Eine Alternative zum tiefen Sprachskeptizismus, die einzige Möglichkeit, die durch die Moderne zerfallene Sprache temporär wiederzugewinnen.
  5. Wer war Ihr(e) bevorzugte(r) Professor(in) und was machte sie/ihn aus?
    Ich habe wenige Professoren namentlich im Kopf behalten. Aber einen schon, der allerdings kein Professor war und später ans Literaturinstitut in Leipzig ging: Immer noch denke ich mit schönen Erinnerungen an die Seminare des Schriftstellers Hans-Ulrich Treichel zurück. Das eine, sehr eindrückliche Seminar ging über die Lyrik nach 1945. Aber das noch wichtigere Seminar war »Studenten stellen selbst geschriebene Lyrik vor«. Dort waren viele heute bekannte Autoren und Journalisten (u.a. Judith Hermann) – und die Gedichte der Kommilitonen wurden gnadenlos kritisiert, aufgespießt, analysiert, verworfen, aber auch bejubelt. Ich habe nie wieder vorher oder nachher eine so inspirierende Veranstaltung besucht. Nebenbei habe ich dort auch lebenslange Freundschaften geschlossen. Und es hat mich auch schlichtweg einfach die Grundlagen der Kritik gelehrt, die ich heute nutze.
  6. Was war / ist Ihr Lieblingsbuch / Lieblingsautor(in) / Lieblingsepoche / Lieblingsgattung / Lieblingsgenre?
    Heute hat es sich ziemlich diversifiziert, ich lese eigentlich am liebsten neue deutsche Autoren, zuletzt Grenzgang von Stephan Thome. Damals waren es eindeutig die Jahrhundertwende bzw. die Entwicklungen nach 1945: Robert Musil: Mann ohne Eigenschaften, Lyrik von Ingeborg Bachmann und Paul Celan, das Gesamtwerk von Simone de Beauvoir.
  7. Wo haben Sie Ihre ersten beruflichen Erfahrungen gesammelt, welche studienbegleitenden Tätigkeiten (Praktika etc.) haben Sie absolviert und dabei ggf. welche Schlüsselqualifikationen erworben?
    Gegen Ende des Studiums war ich, da durch ein DAAD-Stipendium in Bordeaux sehr frankophil geworden, sogenannte wissenschaftliche Referentin in der deutsch-französischen Ausstellung im Martin-Gropius-Bau »Marianne und Germania«. Ich habe also Gruppen durch die Ausstellung geführt sowie ein Programm „Kreatives Schreiben für Schüler“ mitentwickelt und durchgeführt – und gleichzeitig noch ein wenig mit der Schauspielerei kokettiert. Mein »Volontariat« nach dem Studium habe ich in der Redaktion der Ludwigsburger Schlossfestspiele gemacht und dort viele Programmheft-Texte geschrieben und Interviews mit Künstlern geführt, hatte also viel Material, um mich bei Zeitungen zu bewerben. Mein eigentlicher Traum war immer, zum Straßburger Sender Arte zu gehen – dort habe ich schließlich, als ich in Freiburg wohnte, dann auch Praktika und Urlaubsvertretungen in der Pressestelle gemacht. Als es mit der freien Autorentätigkeit immer besser lief, passte diese doch sehr administrative Tätigkeit nicht mehr so richtig.
  8. Wie sind Sie nach dem Studium geworden, was Sie nun sind? Und: Wollten Sie es werden?
    Dafür, dass ich immer davon geträumt habe, Journalistin zu werden, habe ich während meines Studiums erstaunlich wenig dafür getan – in Berlin wollten das so viele, dass Praktika absolut aussichtslos erschienen. Im eigentlichen Sinne journalistisch gearbeitet habe ich erst, als ich nach dem Studium nach Freiburg gespült wurde und mit meinen Berliner Theaterkenntnissen und Texten freie Mitarbeiterin und Theaterkritikerin bei der Badischen Zeitung, der Basler Zeitung und dem SWR wurde und davon recht schnell leben konnte. Von diesem Standbein aus habe ich versucht, mich überregional als Autorin von DLF, WDR, FR, taz, Die deutsche Bühne etc. zu etablieren, was auch klappte. Als ich aus privaten Gründen nach Köln ging, machte ich so weiter, es lief weiterhin gut. Bewusst war ich nicht »nur« Theaterkritikerin, sondern schrieb auch immer wieder in Magazinen und machte Radiofeatures und auch Dokumentarfilme zu psychologischen und zu »Frauen«-Themen. Ich hätte eigentlich keinen Anlass gesehen, mich umzuorientieren - auch wenn das Dasein als freie Autorin viel Energie kostet. Aber dann war die Stelle ausgeschrieben als Chefredakteurin einer neu zu gründenden Theaterzeitung in Köln. Eine Aufgabe, die mich sehr reizte und perfekt auf mich zu passen schien: etwas Neues aufzubauen in einem Bereich, der absolut meiner ist, stärker kulturpolitisch einzugreifen und selbst zu gestalten, Themen setzen und ihnen nicht nur hinterherzulaufen. Seit Anfang 2009 bin ich sehr glücklich, Chefredakteurin von akT, der Kölner Theaterzeitung, zu sein. Ich bin formal immer noch freiberuflich (und war für einige Monate im Mutterschutz). Meine anderen Tätigkeiten als Feature-Autorin und überregionale Kritikerin betreibe ich weiter, wenn auch weniger regelmäßig.
  9. Nützt Ihnen das im Studium erworbene Wissen in Ihrem Beruf – und wenn ja: was?
    Ja, auf jeden Fall, siehe Frage 5, 7 und 8.
  10. Würden Sie sich heute wieder für ein Germanistik-Studium entscheiden – und warum (nicht)?
    Ich würde mich wieder für ein Germanistik-Studium entscheiden, ich habe leidenschaftlich gerne studiert. Allerdings war auch wichtig, dass ich Umwege machen konnte und nicht so strikt und schnell studieren musste, wie es heute vorgeschrieben ist. Ohne, dass ich in Berlin ständig ins Theater gegangen wäre, Theater gespielt und auch nebenbei reichlich Vorlesungen in Theaterwissenschaften besucht hätte, wäre ich nie Kritikerin geworden – aber ich bezweifele, dass dafür ein heutiger Student noch Zeit hat.
  11. Wie viele Ihrer (Branchen-)Kollegen haben Germanistik oder ein anderes geisteswissenschaftliches Studium absolviert? Und werden in Ihrem Bereich noch weitere Germanisten bzw. Geisteswissenschaftler gesucht?
    Bei der Auswahl der Praktikanten für meine Zeitung achte ich schon darauf, dass sie im Idealfall auch Germanistik studiert haben. Das Studium gibt für den Beruf des Theaterkritikers eine solide Hintergrundbildung und formales Rüstzeug für interpretatorische Vorgänge mit, wenn es gut gelaufen ist. Auch viele meiner Kritikerkollegen haben tatsächlich Germanistik studiert, das ist sogar häufiger, als dass sie ein Volontariat absolviert haben. Bei Menschen die das nicht getan haben, fehlt oft schlicht die literarische Bildung, die für den Beruf des Kritikers unerlässlich ist.
  12. Welche Frage haben Sie an heutige Studierende der Germanistik? Und was würden Sie ihnen raten zu tun (oder zu lassen), um den Sprung von der Uni ins Berufsleben zu schaffen?
    Siehe Frage 7 – den Mut zu eigenen Aktivitäten, selbst viel schreiben, Umwege gehen, selber denken, viel lesen und sich von den eigenen Interessen an dem Fach leiten lassen. Und gleichzeitig Praktika bei Zeitungen und Rundfunkredaktionen machen und sich nach dem Studium für Volontariate oder Journalistenschulen bewerben.

 
Dorothea Marcus, Jahrgang 1969, Studium der Germanistik, Geschichte und Theaterwissenschaften in Berlin und Bordeaux. Seit 1999 ist sie freie Kulturjournalistin für Print und Hörfunk in Köln, vorher Freiburg. Sie arbeitet für DLF, taz, SWR, WDR, Die Deutsche Bühne und www.nachtkritik.de. Seit Januar 2009 ist sie Chefredakteurin der Kölner Theaterzeitung akT.
Foto: © akT. Die Kölner Theaterzeitung.
 
 

Seit 2006 geben ehemalige Germanistik-Studentinnen und -Studenten in der K.A. plus Auskunft über ihren Werdegang und über den Nutzen ihres literaturwissenschaftlichen Studiums. Die zwölf Fragen unseres Fragebogens beantwortete vor Marcus zuletzt der Leiter des Katholischen Bildungswerks in Leverkusen, Elmar Funken. Weitere »Germanisten im Beruf« werden folgen!

Lieber ruebmar, es gibt zu

Lieber ruebmar, es gibt zu diesem Thema zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen, die sehr interessant sind. Hier eine Seite, die Sie interessieren könnte: www.genderworks.de/. Hätten Sie gewusst, dass die im vergangenen Jahr von der Bundesregierung geschnürten Konjunkturpakete mit insgesamt 193 Mrd. Euro überwiegend Branchen mit höherem Männer- als Frauenanteil zugute kamen? Und trotz dieser Maßnahmen ging die Beschäftigung in den geförderten männerdominierten Branchen 2009 zurück, während sie in frauendominierten Branchen zunahm. Hier die aufschlussreiche Expertise, die dies zu Tage fördert. Gruß, Stefan Andres

Lieber Stefan Andres, ich

Lieber Stefan Andres, ich teile Ihre Auffassung zum Problem Studium der germanistik u n d Frau selbstverständlich o h n e jegliche Einschränkung. Aber ich meine auch, daß der Lebens- und Entwicklungsweg dieser mir bislang unbekannten jungen Germanistin in unserem so deutlich von Männern dominierten Land außerordentlich, aber auch sehr erfreulich erscheint. Kann ja sein, daß Sie selbst da auf völlig andere Erfahrungen verweisen können, aber ein verschämter Blick in den gesellschaftlichen Alltag läßt uns die Sachlage doch wohl etwas nüchterner betrachten. Daß in allen Dax-Unternehmen nur eine einzige Frau - bislang - in der Vorstandsspitze eines solchen Unternehmens sitzt, spricht doch Bände. Und ich denke, daß es noch sehr, sehr lange dauern wird, ehe junge, kluge Frauen, die im Wissen und Können den Männern in nichts nachstehen, eben solche, wie Dorothea Marcus, in Führungs-positionen aufrücken werden. Der gesellschaftliche Verän-derungsprozeß hat begonnen, das ist wohl wahr. Aber wir stehen da am Anfang und noch längst nicht mitten drin. Das hat seine Ursachen im bislang geltenden Gesellschaftsmodell, das insbesondere von der katholischen Kirche - aber nicht nur! - noch immer postuliert und vehement vertreten wird. Und es hat schon in früheren Zeiten keine Berechtigung gehabt, dieses Modell von der Rolle der Frau am Herd, in der Erziehung der eigenen Kinder und des Kirchganges ; denn die Entwicklung eines Menschen vollzieht sich nicht so sehr in der Familie, sondern vor allem im Arbeitsprozeß. Und eben da tun sich heute wiederum völlig neue Baustellen in Gestalt der permanent drohenden Arbeitslosigkeit auf, vor der leider auch eine akademische Befähigung heute nicht mehr schützt, wie Sie sicher auch wissen und erleben. Und unter diesem Aspekt sind Lebensläufe und Entwicklungslinien, wie Sie diese für Dorethea Marcus skizziert haben, etwas ganz Wunderbares, weil sie uns erleben und nachvollziehen lassen, daß es eben auch anders geht. Herzlichst ruebmar

Lieber ruebmar, Studium der

Lieber ruebmar, Studium der Germanistik u n d Frau - man sollte den Hinweis auf die "Leistung", es unter diesen Vorzeichen zu etwas gebracht zu haben, vielleicht auch im Jahr 2010 nicht vorschnell als selbstverständlich beiseite schieben. Wir werden uns auch weiterhin von den Lebenswegen und klugen Antworten von Germanisten - freilich unabhängig von deren Geschlecht - begeistern lassen! Gruß, Stefan Andres

Liebe Dorothea Marcus, ich

Liebe Dorothea Marcus, ich habe mit großem Interesse und Auf-merksamkeit Ihr Interview auf dieser Seite gelesen und bin über Ihren Entwicklungsweg erstaunt und begeistert von Ihren klugen Antworten. Was Sie hier mitteilen, führt nachhaltig vor Augen, daß Frauen in allen Bereichen unseres gesellschaft-lichen Lebens ebenso - oftmals sogar viel besser - wie Männer selbständig,zielstrebig und vor allem auch erfolgreich ihren beruflichen Lebensweg beschreiten und gestalten können. Sie stehen den Männern in nichts nach. Und genau das habe ich ein Leben lang auch ganz persönlich erlebt. Ich schreibe Ihnen diese Zeilen, weil ich Ihnen gerne meinen Respekt und meine Hochachtung bezeugen möchte.
Ich kenne Sie nicht persönlich, und Ihr Name war mir bislang auch kein Begriff, aber Ihre Antworten auf die Interview-Fragen zeugen von hohem Geist und der nötigen Souveränität, die uns heute das Leben abfordert, will man erfolgreich sein.
Ich wünsche Ihnen als Chefredakteurin der Kölner Theaterzei-tung akT viel Erfolg und stets ein glückliches Händchen für die oft nicht eben einfachen Theaterkritiken. Schon der große Gotthold Ephraim Lessing konnte davon ein Lied singen.
Herzlichst
Ihr ruebmar

 

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