Haarsträubende Endlosigkeit

Biennale Bonn 2008 (Logo)Vorsichtig tastet sich Zajo mit seinen Füßen an Mischkadora heran. So vorsichtig, als hätte er etwas zu verlieren. Jedem seiner Schritte folgt ein Wasserplätschern. Er stupst sie an, doch sie rührt sich nicht. Grelles Licht erscheint. Vorbei, es war nur ein Traum. Denn in Wirklichkeit haben Mischkadora, Zajo und Bin nichts zu verlieren, nicht einmal ihr Leben. Sie sind die letzen drei Überlebenden in einer endlosen Warteschleife einer gottlos verlassenen Welt.

Szenenfoto aus <em/>Yangin Duasi (Feuergebet). Inszenierung des Staatstheaters Instanbul (Foto: © Müdjat Çoban)
Szenenfoto aus Yangin Duasi (Feuergebet)
Inszenierung des Staatstheaters Instanbul
(Foto: © Müdjat Çoban)

Berkun Oya inszeniert eine höchst groteske Welt, in der die Dimensionen Raum und Zeit völlig aufgehoben sind. Zajo (Berkun Oya) ist 2154 Jahre alt und taub. So taub, dass er nicht einmal mehr seinen eigenen Furz hört. Seine Frau Mischkadora (Ülkü Duru) ist zwar 14 Jahre jünger, aber dafür fast blind. Seinen Alltag verbringt das Ehepaar mit Bin (Ali Atay), der gerade mal 1000 Jahre alt ist und sowohl weibliche als auch männliche Allüren zeigt. Die drei sitzen trotz körperlich einwandfreier Verfassung im Rollstuhl und »warten, warten bis man verschwindet«. Doch es ist kein Ende in Sicht. Alle Versuche, dem nicht enden wollenden Leben zu entkommen, sind vergebens. Damit haben sie sich abgefunden. Alle bis auf Mischkadora. Sie versucht regelmäßig, sich zu erschießen, doch muss sie immer wieder feststellen, dass weder die Pistole noch ein Dolch ihr die erhoffte Erlösung verschaffen können. Gelangweilt vom Nichtstun und übermüdet von der Langeweile verfallen sie immer wieder in die selben Tätigkeiten: banale Gespräche, kleine Streitereien und kuriose Ratespiele. Unterbrochen werden diese komisch-witzigen Szenen von Momenten scheinbarer Dramatik. Erstarrt klammern sich die Figuren an den Rollstuhl des Nachbarn, wenn wieder einmal ein Erdbeben sein Unwesen treibt. Denn Mischkadora, Zajo und Bin leben in einer dem Untergang nahen Zeit. Nicht nur, dass sie von der Ungewissheit des nächsten Erdbebens geplagt werden, auch die Erdanziehungskraft nimmt immer mehr ab. Erst jetzt wird klar, warum ihnen die Haare so zu Berge stehen. Die Angst vorm Abheben ist präsent. So sitzen sie wie die Hühner auf der Stange mit Föhnfrisur in ihren Rollstühlen, festgepresst durch einen schweren, großen Stein, der ein Abheben verhindern soll. Diese urkomischen Momente werden durch die ständigen Neckereien und liebreizenden Beschimpfungen der drei noch verstärkt.

Szenenfoto aus <em/>Yangin Duasi (Feuergebet). Inszenierung des Staatstheaters Instanbul (Foto: © Müdjat Çoban)
Szenenfoto aus Yangin Duasi (Feuergebet)
Inszenierung des Staatstheaters Instanbul
(Foto: © Müdjat Çoban)

Der Zuschauer hat das Gefühl, irre zu werden, irre in einer irrealen Welt. Denn die »faden und geschmacklosen« Gespräche der Alten über Liebe, Mischkadoras Sommersprossen und die Frage, wer denn nun das Zimtglas hat fallen lassen, werden von traumartigen Sequenzen unterbrochen, die jenseits des Verstandes liegen. Das schillernde Licht wechselt vom Grünen ins Rote. Stille. Wirre, verzerrte Stimmen. Dann wieder Flüstern. Wasserfallartiger Redefluss. Grelles Licht. Bin scheint nicht mehr Herr seiner Sinne. Er redet, ein Echo ertönt, sein Körper zuckt. Eindrucksvoll hat Berkun Oya diese skurrile und von Reizüberflutung geprägte Atmosphäre in ein sehr minimalistisches Bühnenbild umgesetzt. Bis auf eine riesige symbolische Standuhr, die in den ersten Minuten die Bühne ziert, befinden sich keine Requisiten auf der Bühne. Nur ein nach hinten versetzter Hohlraum, ein Rechteck mit jeweils zwei Fluchtpunkten an der Seite, in welche die Protagonisten zeitweilig mit ihren Rollstühlen verschwinden. Untermauert wird das absurde Moment mit musikalischen Elementen von Tan Tunçağ, die von schriller Hitchcockmusik bis zur traurig-melancholischen Melodie reichen.

Feuergebet ist ein Stück mit Format. Zum Schmunzeln und höchst grotesk zugleich ist diese Inszenierung über das endlose Warten auf den Tod. Doch am Ende können die Protagonisten aufatmen. Das Einzige, was noch in der Luft hängt, sind ihre Rollstühle, damit schließt das Stück und der Vorhang fällt. Yangin Duasi (Feuergebet). Schauspiel von Berkun Oya (in türkischer Sprache mit Simultanübersetzung). Istanbul Devlet Tiyatrosu/Staatstheater Istanbul. Theater Bonn – Halle Beuel A. Inszenierung: Berkun Oya.

Fotos: © Müdjat Çoban

"Irre in einer irrealen

"Irre in einer irrealen Welt", das ist unglaublich gut. Plötzlich greifen diese beiden Worte ineinander und begegnen sich. Grüße Manfred Poser.

 

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