Heilige Texte

Manfred Poser hat ein Faible für Einzelkämpfer und Leute mit großen Ideen, und John Bruno Hare war einer von ihnen

Vor zwei Jahren, am 27. April, starb nach langer Krankheit John Bruno Hare (JBH), knapp 55 Jahre alt. Er ist der Begründer des Internet Sacred Texts Archive (ISTA), das er in 13 Jahren zu einem unschätzbaren Kompendium heiliger Texte aus allen Epochen und allen Weltregionen gemacht hat. ISTA gehört zu den 20.000 meistkonsultierten Seiten im Internet.

Man findet den Koran, die ägyptischen Weisheitsbücher, das I-Ging, Weisheit aus dem Talmud und die Bücher Zorah und Zefer Jetzirah, die Veden der Inder und die wichtigen Werke der Gnosis. John Bruno Hare füllte das Archiv, das immer frei zugänglich sein sollte, mit 2000 Texten aus der public domain, und das hieß Klärung der Rechte, Erwerb, Scannen, Umwandlung durch eine eigene Software, Lektorat, manchmal auch Übersetzung und Kommentierung, wobei eine Handvoll Freiwilliger weltweit half.

John Bruno Hare (1955-2010)
John Bruno Hare (1955–2010). (Foto mit freundlicher Genehmigung von ISTA)

JBH war Linguist, Anthropologe, Geschäftsmann, Spieledesigner und sogar Musiker. »He wore many hats«, heißt es metaphorisch in einem Nachruf auf der Startseite über ihn. Noch ein Jahr vor seinem Tod sorgte er dafür, dass ISTA weiter aktiv und frei zugänglich sein konnte. Unter den FAQs lautet eine Frage an JBH: Warum hast du das gemacht? – Um etwas Gutes für die Leute zu tun (to do something nice for people). – Würdest du auf meine Seite verlinken? – Leider nein. Bei der Seite geht’s nicht um Links, es geht um Texte. – Darf ich Material von der Seite verwenden? – Klar. Die meisten Beiträge haben kein Copyright.

In den einführenden Worten zu einzelnen Büchern spürt man den Kenner. So leitet John Bruno Hare etwa Abelsons Buch über die jüdische Mystik von 1913 ein:

»Obwohl die Kabbala neuerdings ›trendy‹ geworden ist, gibt es eine Fülle gut geschriebener, gelehrter Bücher, die eine größere Perspektive auf das Gebiet des jüdischen Mystizismus zulassen. Abelson stellt die Kabbala in den Kontext einer langfristigen Evolution des jüdischen mystischen Gedankens und beginnt bei den Essenern und dem Merkabah-Mystizismus der Talmud-Ära. Er erklärt, wie Neuplatonismus, Gnosis, Christentum und andere Strömungen den jüdischen Mystizismus beeinflussten und wiederum von diesem befruchtet wurden. Dies ist ein großartiges Hintergrundwerk für alle, die sich für die Kabbala und den Mystizismus interessieren.«

Die Seite wurde am 9. März 1999 freigeschaltet. Im ersten Jahr zählte sie eine Viertelmillion Aufrufe, doch schon 2004, nachdem Yahoo sie gelistet hatte, verzeichnete ISTA diese Zahl pro Tag! Heute sind es manchmal eine Million Seitenaufrufe täglich. Das spirituelle Wissen der Menschheit hat seine Leser. Von Beginn an wollten JBH und seine Mitarbeiter das Wissen der unterrepräsentierten traditionellen Kulturen zugänglich machen: Folklore, Mythen und religiöse Texte der Indianer und asiatischer oder pazifischer Kulturen.

Im September 2008 wurde nach zehn Jahren ein Meilenstein erreicht: Die 49 Bände der Heiligen Bücher des Ostens (Sacred Books of the East) wurden eingegliedert. Die ausufernden Fußnoten und die kursiven Zeichen verlangten nach einer besonderen technischen Auszeichnungssprache, die STML hieß, Sacred Texts Markup Language. Die originalen Texte der Oxford University Press seien wunderbar gewesen, heißt es: exquisite Typografie und perfekt redigiert (›manche hatten null Druckfehler‹).

Einigen wir uns darauf, dass das Internet Sacred Texts Archive eine wunderbare Sache ist. Viel Geld wird damit nicht verdient, man bietet eine DVD mit dem Material feil und verließ sich immer auf ehrenamtliche Mitarbeit. Heute, nach dem Tod von JBH, hat Sasha Brodsky in Santa Cruz (Kalifornien) die schwere Aufgabe, den Bestand des Projekts zu sichern. Denn dazu braucht man Geld, auch wenn heilige Texte Werke aus dem Erbteil der Menschheit sind, mit dem niemand Geld verdienen wollen sollte. Eigentlich ist es eine Seite, die von Kulturministerien vieler Länder unterstützt werden müsste. Aber wenn es um Geld für geistige Dinge geht, fühlt sich natürlich niemand zuständig. Geld fließt nur, wenn wieder einmal ein Stararchitekt ein monumentales Museum bauen soll. Das gibt Sichtbarkeit und Prestige.

Geister und das Copyright

Heilige Texte. Der Mensch war oft nur Channel für überirdisches Wissen, ein Ghostwriter in einem anderen Sinne. Juliet Goodenow hat etwa 1923 das Buch Vanishing Nights des 1901 verstorbenen englischen Parapsychologen Frederic Myers übertragen, und Geraldine Cummins war seine Sekretärin (oder amanuensis) bei den Büchern Road to Immortality (1933) und Beyond Human Personality (1935). Hier war der Geist wichtiger als die Autorin; beim heutigen Ghostwriter bleibt der Autor, der dem Prominenten sein Schreibtalent leiht, unsichtbar – wie ein Geist.

Der Autor ist immer der Eremit. (Foto: Manfred Poser)

Konnten die Myers-Erben Tantiemen beanspruchen? Ist ein Verstorbener eine Rechtspersönlichkeit? Schon Ende der 1950er Jahre musste der medial begabte brasilianische Schriftsteller Chico Xavier (1910–2002) vor Gericht, weil die Witwe von Humberto de Campos Geld aus Büchern wollte, die Xavier nach Jenseitsdiktat verfasst hatte und die nach Ansicht von Kennern voll der üblichen Manierismen des Autors steckten. Das Gericht verfügte in dem Fall, Tote hätten nicht dieselben Rechte wie Lebende.

Xavier war ein Nationalheld, in Parnassus From Beyond the Grave übertrug er 259 postum verfasste Gedichte von bekannten brasilianischen und portugiesischen Poeten. Chico veröffentlichte in seinem langen Leben 458 Werke, was einer allein niemals schafft. Er hätte wie der große Visionär William Blake (1757–1827) sagen können: »Ich bin nur der Sekretär; die anderen sind in der Ewigkeit.« Statt the others hätte Blake auch the authors sagen können, trickreich.

Das Schweizerische Bundesgericht bestimmte in einem Verfahren in den 1980er Jahren: »Jenseitige Wesen aber sind keine Subjekte schweizerischen Rechts (Art. 11 ZGB) und können daher nicht gedankliche Vorstellungen rechtswirksam zum Ausdruck bringen.«

Aber das hat mich vom Thema abgebracht. Heilige Texte aus den Kulturen sind Wissen, das man keiner Person zuordnen kann. Es entstand durch Eingebungen in der Versenkung. Wir müssen diesen Texten mit Ehrfurcht gegenübertreten; sie zeigen, was der Mensch ist und was er sein kann. Sie sind ewig und werden jeden Museumsbau überdauern.

 

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