Heilung durch Mu[sic] und andere Diamanten

Text und Sound: modul8 ist auf tanzbares Gefühl geschliffen

Das Aachener Elektro-Label modul8 macht vor allem eines: Spaß. Neben melancholischen Projekten wie Alphawezen mit Musik für die Großstadt-Loneliness und Titeln wie „Me Opti-mized“ und „heimat.de“ (auf dem 2007 erschienenen Album „Comme Vous Voulez“) produziert und vermittelt das Unternehmen von Ernst Wawra vor allem Tanzbarkeit. Nicht allzu schnelle, aber fordernde Beats, in die hin und wieder Wah-Wahs (man möchte sagen: Waw-ras) und andere Effekte hart reingrätschen. Aber auch irrwitzige Textpassagen, die einen auf dem Dancefloor stocken und überlegen lassen: Ist das ernst gemeint? Darf man das heutzutage überhaupt noch? Während Alphawezens englischsprachige Lyrics per se seriös klingen, machen einen Zeilen wie „Ich zeig dir ma’ mein’ neuen Buch“ (in „Deborah“ von Elektro Willi und Sohn) doch stutzig. Oder etwa nicht? Ehrlich gesprochen, sieht die Wirklichkeit in etwa so aus, dass die Tanzenden richtig euphorisch werden, wenn modul8-Artisten live auftreten. Im Falle von Elektro Willi und Sohn rockt Willi die Synthesizer, während Sohn (meist in einer ulkigen Verkleidung) sich selber rockt. Alle anderen hüpfen, johlen und kennen die kultigsten Passagen eh auswendig – egal ob in Bielefeld, Amsterdam oder Helsinki. Hier sind zweieinhalb Begeisterungen für modul8-Releases zum Parallel- und Weiterhören:
 

 
1. Various Artists: Heilung durch Mu[sic]. modul8 music Aachen (2006)

Der Bierbeben-Opener „Im Kreis“ ist so etwas wie die softe Alternative zur letzten Single „Autoscooter“ von Elektro Willi und Sohn: „Die Welt ist betäubt/ und narkotisiert,/ erstarrt und paralysiert./ Die ganze Kugel ist ein Brocken/ Pech/ – und sie fliegt im Kreis,/ ohne Ziel...“ So geht es gleich zu Anfang round and around like a record – obwohl es doch bloß eine CD ist. Man ahnt also, worauf man sich bei dieser Kompilation aus Fun-Elektro und Space-Irgendwas einlässt. Von www.bierbeben.de wird man zudem, wenn man schon dabei ist, sich auf etwas einzulassen, auf den großartigen Dichter Paul Scheerbart verwiesen. Vielen Dank!

Viel Zeit zum Überlegen bleibt nicht, denn die genannten Elektro Willi und Sohn besingen gleich auf Platz 2 „Das Knacken in der Rille,“ gefolgt von einem die Vinyl-Nostalgie bedingungslos zunichtemachenden „Digital“-Track von Holz: Musik, die klingt, als hätten ein paar Daddelautomaten ihrer Pommesbude adé gesagt und eine Band gegründet. „Sequenced on Game Boy“, heißt es dazu im Kleingedruckten. Über Holz & Co. erfährt man aber wenig genug, um jetzt erst recht neugierig sein. Er (bei Holz muss es sich um einen Er handeln, oder?) gehört genauso wie Willi und das auf dieser Platte vertretene Alphawezen (chillige Cpt.-Future-Sounds) zu den modul8-eigenen Artists. Einige andere stammen aus oder werken in Berlin, der Mann auf dem Hidden Track führt sogar eine Kneipe namens Burger. Kaffee Burger.

Man muss ja gar nicht alles aufzählen, auch wenn Kidnaps „Messy Household“ ganz klasse nach Plastic Bertrand und „Ça Plane pour Moi“ klingt. Auch wenn es gradios ist, dass Apparat vom shitkatapult-Label einen seiner hypnotisierenden und doch immer zu kurzen Titel („Montreal“) beigesteuert hat. Auch wenn es da noch Granufunk mit „Das Klavier & ich“ gibt, ein Two-Step, bei dem man den Mund schon mal aufmacht um mitzusingen – schließlich erwartet man ähnliches wie eine sich im Kreis drehende Weltkugel oder Autoscooter-Schlagzeilen – aber einfach nichts anderes kommt als ein langes, zerhacktes „Aaaah“. Herrlich antreibende Musik alles in allem, und was Granufunk von sich selbst behaupten, nämlich „gegen Tanzschwäche“ wirksam zu sein, muss man der ganzen, vom modul8-Kompilator Ernst Wawra intelligent zusammengestellten Platte zugestehen! Die CD ist – nicht von ungefähr – als Supplement der zweiten Ausgabe der Literaturzeitschrift [sic] oder bei modul8 zu haben. Daniel Ketteler nämlich, einer der [sic]-Herausgeber, ist in Personalunion der ausgeflippte Sohn von Elektro Willi...
 

 
1 ½. Various Artists: Geschenk 1. modul8 music Aachen (2007)

Kein Scherz, sondern tatsächlich geschenkt ist dieser Sampler, den modul8 anlässlich einer gemeinsamen Weihnachtsfeier mit [sic] 2007 unters Volk gebracht hat. Gute dreißig Minuten elektrifiziertes Tonkekse-Essen mit Charles Trancepur, Wärmetauscher, Diskus und anderen. Alphawezen hat den auf „Comme Vous Voulez“ enthaltenen „Gun Song“ in der „Weekend Version“ beigesteuert. Zum Probieren und „Speichern unter...“ bereitgestellt auf der Label-Homepage.
 

 
2. Elektro Willi und Sohn: Diamanten. modul8 music Aachen (2008)

Das Cover: ein Kirmesbudenmann und ein erschreckter Teenager. Die Musiker etwa? Sie versprechen jedenfalls nichts Falsches. Gleich der erste Track des Elektro Willi und Sohn-Debuts („Das Knacken in der Rille“) ist vorzüglichste Kirmesmusik. „Nun halt dich fest,“ singspricht der für Lyrics/ Vocals verantwortliche Daniel Ketteler (Sohn), und die Fahrt geht in einem derart flottem Stampf ab, dass Bumpin’ Jack Flash und andere 70er-Jahre Protagonisten neidisch geworden wären. Dass Stampf nicht dumpf ist, beweist der Text: „Du bist das Knacken in der Rille/ das Organum meiner Planung/ bist der Knopf an meinem Kittel/ bist mein Verbum – ich Artikel.“ Intellektuell und technoid die ganze Scheibe, nie aber bloß plump, wofür dem Produzenten Ernst Wawra (Willi) zu danken ist. Programmatisch und treibend mein Favorit „Autoscooter“ („Ohne Helm geh ich nie aus dem Haus/ geradeaus/ gerade-aus/ wie mir die Sinne stehen“), mit großen Kopfhörereigenschaften andererseits „Alle Fitzen rein“ und der Titeltrack „Diamanten“. Und wenn der Sohn „du hast mir Töne in mein Haar geschmiert/ doch meine Kopfhaut ist rasiert“ singt, macht Willi aus der Musik eine lauthalse Gummizelle, in der man sich vor lauter Vergnügen hin und her werfen möchte. Zum Entspannen gibt’s danach einen „Duftbüttel“. Das Aachen/Zürcher Duo zaubert garantiert jedem kühlen Kopf einen Sommer zwischen die Ohren und hat beileibe keine „Luft in den Zehen“, son-dern hoffentlich eine enorme Spaßkarriere vor sich.

 

 
2 ½. Elektro Willi und Sohn: Autoscooter. (EP). modul8 music Aachen (2008)

Bleibt nicht viel zu sagen als dass, wer von Elektro Willi und Sohn nicht genug kriegen kann, mit der ersten gepressten Auskopplung aus „Diamanten“ (andere Tracks gabs hier und dort auf Kompilationen oder zum Download) gut bedient ist. Immer und immer wieder heißt es „Geradeaus... geradeaus... geradeaus...“, insbesondere im „Mittekill Miximix“. Fast vierzig Minuten „Autoscooter“ – auf welchem Rummel gibt’s schon sowas! Neben dem Original hat die EP sechs weitere schwungvolle und schlag-, das heißt: beatkräftige Versionen, etwa den „Freakatronic Remix“. Und es scheint, als sei Daniel Ketteler in einigen Fassungen ganz besonders schwindelig geworden: „Ähm... ne, ...ich sach’ immer... ähm...“ Ich jedenfalls geh ohne Helm nicht mehr aus dem Haus.

 

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