Heimat als Utopie

Innig schlingt er die Arme um die beiden Söhne, selig kniet sie neben ihm. Die Familienidylle könnte süßer nicht sein. Und doch trügt der schöne Schein. Wenig später wird sie diese ihre Kinder morden. Ihn lässt sie am Leben – denn welch ein Tod könnte schmerzhafter sein als lebenslanges Leid?

Xenia Snagowski spielt unter der Regie von Generalintendant Klaus Weise am Theater Bonn eine der ungeheuerlichsten Frauenfiguren der Dramengeschichte: »Medea« – entworfen von Euripides vor weit mehr als zweitausend Jahren. Zwei Herzen schlagen bedingungslos und unduldsam in ihrer Brust: flammende Liebe, wegen der sie einst ihre eigene Familie verriet, um ihm, Jason, als Heimatlose in die Fremde zu folgen – abgrundtiefer Hass gegen ihn, der nun ihre Liebe verrät. Verdankt er Medea sein Leben, wählt Jason doch die Korinthische Prinzessin, Tochter König Kreons, zu seiner neuen Braut, tauscht die finstere, mysteriöse Exotin gegen die reine, blond-erstrahlende Schönheit. Was für ihn gesellschaftlichen Aufstieg, bedeutet für sie und ihre Kinder Verbannung. Der Verrat giert indes nach Rache.

Rache, die gestillt sein will, und dazu ist jedes Mittel recht. Xenia Snagowski entwickelt ein leidenschaftliches Spiel um Kabale und Hass, in dem sie jede Facette ihrer Rolle auslotet. Wie eine entmenschte Furie tobt sie und erhebt sich zu einem gnadenlosen Klagegesang, um schließlich ermattet zu Boden zu sinken. Dann wieder kriecht sie unterwürfig vor Kreon (gespielt von Bernd Braun) auf dem Boden, zischelt ihm und Jason ins Ohr, was sie nur hören wollen: Mit raffinierter Heimtücke versprüht die falsche Schlange ihr Gift, preist vorgeblich die Überlegenheit des männlichen Geschlechts, gesteht reumütig ihren eigenen Fehl und gewinnt so beider Vertrauen zurück. Immer wieder schlägt sie aber auch leise Töne an, ringt mit ihrer mütterlichen Liebe, die ihr den kühl kalkulierten Racheplan zu durchkreuzen sucht:

Kraft und Mut entschwanden mir, als ich, ihr Fraun, der Kinder heitres Auge sah. Nein, nein, ich kann nicht! Fahre wohl, mein voriger Entschluß!

Doch siegt letztlich das Verlangen nach Genugtuung durch das Leid des geliebt-verhassten Ehemanns. Dieses eine finale Ziel tötet jedes andere Gefühl.

Xenia Snagowski spielt »Medea«

Klaus Weises Medea ist jedoch weit mehr als nur verstoßene, gedemütigte Ehefrau: ein schwarzer, barbarischer Fremdkörper in der Zivilisation Korinths. Fremdheit und Heimatverlust – eindrucksvoll fängt das Bühnenbild von Manfred Blößer dieses Spannungsfeld ein. Kühl und abweisend ragen die Steinwände der Korinthischen Paläste bis zur Bühnendecke. Einsam, verloren, fremd muss sich diese junge Frau in der monumentalen Architektur fühlen. Kalt und erbarmungslos grellt das Licht. Bis sich drei monströse Trennwände aus hölzernen Balken bedrohlich von hinten in den Bühnenvorderraum schieben, feurig rot erglühend wie überdimensionale Heizstäbe, die alles Lebendige zwischen sich zu zermalmen und verbrennen drohen. Die Unmöglichkeit, an diesem Ort eine Heimat zu finden, ist ganz offenbar.

Aber der Regisseur belässt es nicht einfach bei der Darstellung Medeas als Heimatlose. Er diskutiert anhand seines Figurenaufgebots gleich das ganze abstrakte Konzept »Heimat«. Peter Nitzsche präsentiert die Rolle des Erziehers in jung-dynamischem Proleten-Stil mit lässig-offenem Hemd und in einem Slang, den Feridun Zaimoglu wohl als »Kanak Sprak« bezeichnen würde – von vornehmer korinthischer Zivilisation keine Spur. Und im modernen Damen-Chor löst sich die Sprache gar gänzlich auf: Spricht die eine den Text, wird er von der zweiten versetzt, während er sich bei der dritten mal in gollumartigem Krächzen, mal in melodischem Singsang verliert. Und auch optisch wirken die Damen befremdlich: Mit Hotpants und übergroßen Sonnenbrillen kommen sie sehr amerikanisch daher. Erscheinungsbild und Sprache verlieren ihren Wert als kulturelle Zugehörigkeitszeichen. Und wenn Raphael Rubino Jason in extrem gestelzt-aufgesetzter Sprache von »Heimat« reden lässt, scheinen sich hinter dem vorgeblichen Wunsch, für die »alte« Familie durch neue Heirat ein Zuhause zu gewinnen, doch eigentlich nur niedere Beweggründe, Machtgier und Ruhmsucht, zu verbergen.

Immer wieder nutzen Rubino und seine Mitspieler Mikrofone, um ihre Botschaften an den Mann zu bringen – sprechend, schreiend, singend. Verfremdung – Befremdung – Entfremdung. Das ist die Kette, die in der Inszenierung aufgefädelt wird. Zurück bleibt letztlich die Frage, welche Bedeutung also das Abstraktum »Heimat« überhaupt noch trägt. Bei Weise scheint es nur noch Utopie zu sein. Und letztlich mordet Medea womöglich gar mit ihren Kindern das einzige, in dem für einen Moment noch ein Funken Heimat zu existieren schien: die Familie. Wenn Medea am Ende – in dem wohl grausamsten und stärksten Bild des Abends – liebevoll die unter einer Leinwand hervorschauenden Beinchen der erhängten Kinder schaukelt, wird das ganze Ausmaß der Katastrophe offenbar.

Medea schaukelt die toten Kinder

Medea. Tragödie von Euripides. Theater Bonn – Kammerspiele Bad Godesberg. Premiere: 14.09.2007. Inszenierung: Klaus Weise. Weitere Termine: 30. September 2007, 6., 14., 19., 21. und 27. Oktober 2007. – Weitere Informationen unter www.theater-bonn.de.

 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!