Eine Reise nach Absurdistan

Nichts Halbes und nichts Ganzes: Elias Hirschl überdreht in seinem zweiten Roman total

Elias Hirschl entwirft mit seinem zweiten Roman Meine Freunde haben Adolf Hitler getötet und alles, was sie mir mitgebracht haben, ist dieses lausige T-Shirt ein mögliches Szenario, wie die menschliche Existenz nach Entdeckung der Weltformel weiterbestehen könnte. Er macht dies wortgewaltig und in höchstem Maße ironisch. Wer Großes erwartet, wird jedoch enttäuscht. Der Roman scheitert an seinem absurden Hitler-Overkill.

Wir schreiben irgendein Jahr zwischen 2016 und 2024. Der Menschheit gelingt es, in einem fulminanten TV-Spektakel die Weltformel in der Mathematik zu entdecken, was eine ganzheitliche Neuordnung der bestehenden Welt nach sich zieht. Ein intelligentes Computersystem ersetzt fortan sämtliche auf Logik basierenden Arbeitsplätze. Massenarbeitslosigkeit von sämtlichen Naturwissenschaftlern ist die Folge. Die Geistes- und Sozialwissenschaften erleben einen Aufschwung sondergleichen. Zeitreisen wird zum Volkssport Nummer eins und mit ihm auch das Töten von Adolf Hitler. Und dann wäre da noch die SM – die Schwarze Mathematik, die als logischer Kern »in allen Dingen schlummert« und sich als das ultimative Böse entpuppt, das schlussendlich die menschliche Kultur auszurotten droht.

In dieser Welt versuchen die unterschiedlichsten Charaktere, so gut es geht ihrem gewohnten Leben nachzugehen. Da ist zum Beispiel Johannes Getting, der Erfinder der Zeitmaschine, zugleich tot und wiederum nicht-tot. Oder auch Sandra, Germanistikstudentin aus Wien, die ihren Recherchen in »Zeitreisengestützer Analyse der zeitgenössischen Literatur« nachzugehen versucht, säße sie nicht in der Zeitmaschine fest. Und natürlich der Mathematiker Karl Mauß, auf dessen Konto die Entdeckung der Weltformel geht und der sich zudem mit Anfällen von Wahnsinn herumplagen muss, während die Welt in einer durch die Schwarze Mathematik befallenen Zombieapokalypse unterzugehen droht. Hirschls Roman ist an Absurdität kaum zu überbieten.

Hitler, Zombies und die Apokalypse

Ein Image, das zu Hirschl passt. Der Wiener Autor, Musiker und preisgekrönter Slam Poet, der laut Verlag seit einigen Jahren erfolgreich sein Philosophiestudium vernachlässigt, bespielt mit seinen Texten Bühnen in ganz Europa. Seine Texte sind sprachlich meisterlich formuliert und in höchstem Maße wortgewandt. Trotz der sprachlichen Aufladung geht das Lesen leicht von der Hand. Sprachliche Spielereien wie zahlreiche Fußnoten, Fernsehberichte und Polizeiprotokolle fügen sich perfekt in das Gesamtbild ein, sorgen auf sprachlicher Ebene für Lesespaß, nehmen sich auf inhaltlicher Ebene allerdings nicht allzu ernst. Hirschls ironischer Tonfall ist allgemein fester Bestandteil dieser Erzählung.

Absurde Geschichten, Einzel-Schicksale von Charakteren, die zunächst scheinbar isoliert voneinander stehen, sowie Hirschls außerordentliche Sprachfindigkeit fügen sich im Verlauf der Geschichte zu einem homogenen Bild zusammen, dem man im ersten Drittel des Romans gerne folgt. Doch dann kommt Adolf Hitler ins Spiel. Genauer gesagt das Töten von Adolf Hitler. Und das nicht nur einmal, sondern immer und immer wieder, in unzählbaren Paralleluniversen, auf immer andere Weise. »Immer in die Fresse! Am besten mit 'nem Stahlrohr! Wegen der Ironie, weißt eh. Wegen der Gerechtigkeit!« Das Töten Hitlers entwickelt sich zum Modesport und zur touristischen Massenveranstaltung inklusive Großgruppen-Tickets und Meine-Freunde-haben-Adolf-Hitler-getötet-und-alles-was-sie-mir-mitgebracht-haben-ist-dieses-lausige-T-Shirt-T-Shirts. Hashtags wie #SmellsLikeHitlerjugend, #SavingAnneFrank oder #HitlerKillingHitler #OhTheIrony schwemmen das Web.

Wirklich lustig ist das nicht. Aber was möchte Hirschl damit zeigen? Spätestens seit Timur Vermes‘ Bestseller Er ist wieder da ist der Leser auf »Hitler-Geschichten« sensibilisiert. Hitler ist überall. Hirschl weist auf die Allgegenwärtigkeit und den damit einhergehenden Überdruss an dieser Figur in unserer Gesellschaft hin. Über den Weg der ironischen Überfrachtung macht er auf das »Zu viel« aufmerksam. Er setzt ihr die Darstellungen niveauloser TV-Spektakel, in denen weder vor Mord noch vor Totschlag gescheut wird, entgegen und schafft auf einschlägige Weise eine Karikatur der derzeitigen Medienlandschaft. Sein Roman changiert dabei zwischen Science Fiction, Fantasy und irgendetwas Anderem, das sich nicht genauer definieren lässt. Er ist zugleich urkomisch und maßlos übertrieben absurd. Trotz sprachlicher Ausdruckskraft scheitert Hirschl aber mit diesem Mix, denn gerade sein spezieller Humor ist in diesem Kontext Geschmackssache.

Elias Hirschl: Meine Freunde haben Adolf Hitler getötet und alles, was sie mir mitgebracht haben, ist dieses lausige T-Shirt. Wien: Milena Verlag, 2016. 200 Seiten. ISBN 978-3-90295-075-8. 17,90€ – Auch als E-Book erhältlich.

 

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