Huren und Hetären

Manfred Poser über das älteste Gewerbe der Welt und dessen Spuren in der Literatur

Das älteste Gewerbe der Welt hat noch einen Beitrag verdient. Es hat Schriftsteller immer in seinen Bann gezogen, da sie das Verbotene und Verruchte dem banalen Treiben der Welt vorziehen. Den Sonderling zieht es hin zu den Randgebieten der Gesellschaft, und beide, Huren und Autoren, verkaufen sich, müssen sich manchmal verkaufen und hoffen, dabei ihre Seele bewahren zu können.

›For Sale‹ (›Verkäuflich‹), Karikatur von Art Young, erschienen im ›Puck‹, Dezember 1911. Links im Halbdunkel eine Prostituierte; rechts Honoratioren mit Angabe, wofür sie sich verkaufen. (Quelle: Bain Collection, Library of Congress, Washington D.C.)

Die Frau als ›minderwertiges Wesen‹ (Augustinus), als ›Missgriff der Natur‹ (Thomas von Aquin): Das war frühes Mittelalter. Aber noch tausend Jahre später war es nötig, das Buch Ein Plädoyer für die Rechte der Frau zu schreiben. Mary Wollstonecraft (1759–1797) tat das 1792, da anscheinend der Ruf der französischen Revolution nach Gleichheit nicht ausgereicht hatte und Brüderlichkeit wohl nur für Männer galt. Es war auch das Jahr von Marquis de Sades Juliette. Marys Tochter, Mary Shelley (1797–1851), schrieb später den Frankenstein (1818).  

Folge mir!  

Im alten Ägypten, vor mehr als 3000 Jahren also, gab es schon Bordelle. Der Geschlechtsakt wurde mit den »Werken der Hathor« umschrieben. Unter den ägyptischen Dirnen gab es, wie uns Frau Fürstauer erzählt, wahre Königinnen, die Hof hielten und sich manchmal dazu herabließen, die favorisierte Konkubine eines Mächtigen zu werden. Doch die »Hathoren« hatten Konkurrenz: die Tänzerinnen und Tempelmusikantinnen, die auf Geheiß der Priesterschaft ihre Reize gegen Geld an alle verkauften, die sie haben wollten. Erst waren die vielen religiösen Feste, dann wurde die Tempelprostitution zu einem legalen Geschäft.

Auch im alten Griechenland lief das Geschäft fast mit göttlicher Billigung ab. Nach dem Kleinen Pauly, dem Lexikon der Antike (Stichwort Prostitution), gab es in Mesopotamien, Lydien und Numidien Heiligtümer, »wo sich einheimische Frauen in Tempelbordellen den Fremden gegen Geld hingaben«. Aphrodite war die Göttin der (körperlichen) Liebe, und an ihren Tempeln in Korinth, in Akisilene und Armenien waren meist Mädchen aus wohlhabenden Familien tätig.

Tänzerinnen im alten Ägypten. (Ausschnitt eines Gemäldes aus dem 19. Jahrhundert.)

Zu Beginn des fünften Jahrhunderts vor Christus sollen über tausend Hierodulen – so nennt sie der österreichische Gelehrte Albin Lesky – am Tempel der Aphrodite Melenide auf Kunden gewartet haben. Die gewöhnliche Prostituierte hieß pòrne (πόρνή), doch daneben gab es die Hetären (Gefährtinnen), die angesehene und fürstlich entlohnte ›Escort-girls‹ für Soldaten und Adelige abgaben.

Nach Griechenland war die Prostitution im 7. vorchristlichen Jahrhundert eingedrungen, und Solon ließ bald in Athen ein Bordell errichten. Die Damen waren Sklavinnen, also käuflich, und trugen einen Spruch auf der Schuhsohle, der sich (dem Boden) einprägte: ΑΚΟΛΟΓΟΪ (Folge mir!). Tarif: 1 Obolos, wie für die Überfahrt über den Styx, und der Satiriker Lukian ergänzte seine witzigen Toten-Gespräche mit den Hetären-Gesprächen. Lesenswert! In Rom waren die Dirnen Ausländerinnen, Freigelassene oder Sklavinnen. Caligula erhob eine Dirnensteuer: 1 concubitus. Kondome in Form von Ziegenblasen sollen in Gebrauch gewesen sein.

Um die Zeitenwende schrieb Ovid das berühmt gewordene Buch Ars amatoria, einen unübertroffenen Ratgeber der Verführungskunst. Leider nahm Kaiser Augustus daran Anstoß und verbannte den genialen Schöpfer der Metamorphosen ans Schwarze Meer, wo er, Roms beraubt, zugrunde ging. In Rom wurde auch die Rute zur Steigerung der Erregung eingesetzt; schade, dass hier der Platz fehlt, aber nachzulesen ist dies in der Geschichte der Pornographie (1964) von H. Montgomery Hyde, einem meiner üblichen Zufallsfunde in einem Antiquariat: 40 Seiten über Prostitution in der Antike, 30 über Keuschheit und Minne im Mittelalter.

Autoren schrieben mit ›erstaunlicher Freiheit‹

Im Mittelalter nahmen die Pfarrer Prostituierten keine Beichte ab. Auch Juden, die mit Geld handelten, und sogar christliche Kaufleute blitzten ab. Wie konnte man, derart verdammt, leben? In dieser Epoche haben wir das Decamerone von Giovanni Boccaccio, zwischen 1348 und 1353 geschrieben. Die Canterbury Tales von Geoffrey Chaucer im 15. Jahrhundert und das Heptameron in Frankreich von Margarete von Angoulême (1558) waren gelungene Nachfolgewerke. Auch der Romanzyklus Gargantua und Pantagruel (ab 1532) von François Rabelais (1494–1553) war derb und ließ keine Wünsche offen. Pierre de Brantôme malte um 1600 in seinem Vies des dames galantes die »höfischen Sitten dieser Epoche mit ihrer schamlosen Promiskuität«.

Das Buch Kama-Sutra mag auch nach 1600 Jahren noch in Umlauf gewesen sein, und eine Dame gestand ihrem Liebhaber laut Brantôme, »dass Bücher und ähnliche Mittel ihr sehr geholfen hätten«. Triumph des Buches! Besonders hilfreich waren Abbildungen verschiedener Stellungen, doch manchen Damen am Hofe war das zu viel, sie verfielen in »ekstatische Sinnenlust und danach in eine Ohnmacht«.

›The Whore’s Last Shift‹ (›Letzte Schicht der Hure‹), 1779 (Quelle: British Cartoon Prints, Library of Congress, Washington D.C.)

Im achtzehnten Jahrhundert hätten die populären Autoren, meint Montgomery Hyde, mit erstaunlicher Freiheit geschrieben. Die Bücher Moll Flanders von Daniel Defoe, Tom Jones von Henry Fielding und Tristram Shandy von Laurence Sterne gaben prüden Lesern Stoff zur Empörung. Doch das sind drei richtig gute Bücher, Klassiker der Literatur. Die 1749 erschienenen Fanny Hill: Memoirs of a Woman of Pleasure von John Cleland (1709–1792) dagegen sind als Pornographie einzustufen, aber: dennoch ein Meisterwerk. Jeder kennt Fanny Hill.

Danach wurden in England immer mehr pornographische Bücher veröffentlicht, »besonders zwischen 1820 und von 1860 an. Nur wenige dieser Produkte waren von literarischem Wert, aber sie alle erfreuten sich beachtlichen Absatzes.« Gerade in der viktorianischen Epoche blühte das Geschäft, und ein Zensur-Gesetz, der Obscene Publications Act von 1857, störte nur unwesentlich. Schon 300 Jahre zuvor hatte der Vatikan im Konzil zu Trient den Index Librorum Prohibitorum geschaffen. Noch 1948, als die Liste verbotener Bücher zuletzt erneuert wurde, kamen Pamela von Samuel Richardson, alle Balzac-Romane, etwas von Stendhal und Zola hinein, und Alberto Moravia kam 1951 mit La Romana zu der Ehre, auf den Index gesetzt zu werden.

Das Buch Glanz und Elend der Kurtisanen von Honoré de Balzac (1799–1851) über die Liebe der Esther von Gobseck zu Lucien de Rubempré ist nun eindeutig Weltliteratur, ein 650-seitiges Sittengemälde aus dem Paris im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts. Rimbaud und Baudelaire ließen düster funkelnde Erotik auch in die Lyrik einfließen, und so wurde das 19. Jahrhundert zu einem Säkulum zwischen Repression und Befreiung.

Und damit wäre der Streifzug durch die schriftlichen Erotika der Menschheit auch schon wieder zu Ende. Es ist ein Teil der Literaturgeschichte, und kein unwichtiger. Die Erregung des Bibliophilen kann durchaus auch eine sexuelle sein, und ein französisches Zitat ist hier angebracht: Honi soit qui mal y pense. Ein Schuft ist der, der Böses dabei denkt.


 

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