Ich ist ein Anderer

In ihrem Romandebüt erzählt Isabelle Lehn die Geschichte einer Selbstentfremdung

Ehe Soldaten einen Auslandseinsatz antreten, trainieren sie in speziellen Trainingslagern, um sich auf ihre Arbeit vor Ort vorzubereiten. Damit das möglichst echt ist, werden sie durch Statisten unterstützt. Isabelle Lehn greift dies in ihrem Roman Binde zwei Vögel zusammen, der im vergangenen Jahr erschienen ist, auf. Ihre Geschichte von Albert, der in einem dieser Lager zu Aladdin wird, ist ein Debüt, in dem es der Autorin eindrucksvoll gelingt die zerrissene Gegenwart einzufangen.

»Ich traue den Bildern nicht mehr«, diese Worte finden sich oft im Debütroman Binde zwei Vögel zusammen der Autorin Isabelle Lehn, die 1979 in Bonn geboren wurde. Sie verstehen sich als Hinweis auf eine Überlegung, die bereits seit einiger Zeit immer wieder geäußert wird: Es sind vor allem Bilder, die darüber entscheiden, was real ist. Denkt man beispielsweise an den Irakkrieg zurück und die Gründe, weshalb dieser begonnen wurde, wird schnell klar, dass die Wirklichkeit längst durch Simulation ersetzt wurde. Lehns Worte, die diese ihrem Protagonisten in den Mund legt, erinnern aber auch an Jean Baudrillard. In der Simulation wird das Reale nicht nachgeahmt, es wird neu konstruiert. Statt Orientierung schafft die Simulation nur totale Verunsicherung.

Im Mittelpunkt von Lehns Debüt steht der Berliner Journalist Albert, der mit seiner Freundin in prekären Verhältnissen lebt. Des Geldes wegen wird er zum Statisten in einem bayerischen Trainingslager, das US-amerikanische Streitkräfte zur Vorbereitung auf Kriegseinsätze im Nahen Osten nutzen. Für sechs Wochen spielt er Aladdin, der in dem fiktiven afghanischen Dort ein Café betreibt, verheiratet ist und zudem Vater von drei Kindern. Das Dasein ist trostlos und folgt strengen Regeln. Auf den Befehl des Supervisors »Dorfleben!« hin darf sich Albert als Aladdin bewegen. Sehnsüchtig wird stets die Ankunft der Soldaten erwartet. Ein Sensor, den er wie die anderen Statisten trägt, überwacht ihn nicht nur, sondern zeigt auch an, wenn er getroffen wurde.

Der gespielte Krieg wird zum realen Existenzkampf

Je weiter das Spiel voranschreitet, umso lebensechter wird der Horror, der den Krieg ausmacht. Als Aladdins bester Freund Faruk hingerichtet wird und Albert das in seiner Rolle miterleben muss, verschwimmen nicht nur die Realitätsebenen, sondern auch die Identitäten. Albert ist plötzlich auch außerhalb des Trainingslagers Aladdin. Die Beziehung zur Freundin zerbricht, als er nach sechs Wochen wieder zurück ist, und auch beruflich bleibt alles beim Alten. Der gespielte Krieg wird zum realen Existenzkampf. Um dies zu beschreiben, findet die Autorin das poetische Bild zweier Vögel, die zusammen gebunden sind. Angelehnt an einen Aphorismus des islamischen Mystikers Rumi wird dabei aber auch die bittere Erkenntnis deutlich, dass Fliegen in dieser Situation trotz nunmehr vier Flügeln letztlich unmöglich ist.

Lehns Geschichte dieser Selbstentfremdung ist keineswegs reine Fiktion, sondern beruht auf Fakten. Tatsächlich gibt es diese Lager, in denen Soldaten möglichst realitätsnah auf ihre Auslandseinsätze vorbereitet werden. Die Statisten kommen entweder freiwillig oder aber werden von Jobcentern geschickt. Nicht jeder schafft es volle Zeit zu bleiben. Einige brechen ab, weil sie es nicht aushalten, andere kommen wieder. Die Autorin erzählt eindrucksvoll von einer Gegenwart, die Menschen wie Albert einiges – bis hin zur persönlichen Zerrissenheit – abverlangt. Gekonnt wechselt sie dabei nicht nur zwischen den Zeiten, sondern kombiniert auch unterschiedliche Erzählstränge. Die eigene Stimme mischt sich mit Fremdem. So greift Lehn neben einigen Zeitzeugenberichten aus dem Afghanistankrieg beispielsweise immer wieder auf Passagen aus Elisabeth Langgässers Werk Gang durch das Ried zurück. Auch hier erlebt ein Protagonist die Spaltung seiner Persönlichkeit.

Isabelle Lehn: Binde zwei Vögel zusammen. Köln: Eichborn Verlag, 2016. 189 Seiten. 18,00 Euro. ISBN: 978-3-8479-0612-4. – Auch als E-Book erhältlich.

Am 27. September ist Isabelle Lehn im Rahmen unserer Lesereihe »Forum Junge Literatur« um 20 Uhr im Buchchafé Antiquarius zu Gast. Informationen zur Lesung gibt es hier.

 

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