Identitäten am Fluss

Uwe Radas vielstimmige Analyse der Vielvölkerregion an der Memel

Die Memel ist ein Fluss, der in Weißrussland seinen Ursprung hat und in die Ostsee mündet. Seine 937 Kilometer durchfließen Litauen, das ehemalige Ostpreußen und das Kurische Haff. Er ist der murmelnde, schweigende Fluss und erinnert stumm an seine vergangenen Tage als Teil der Bernsteinstraße von der Ostsee zum Mittelmeer. Uwe Rada verleiht ihm in Die Memel viele Stimmen. Das erinnert den Rezensenten auch an seine ganz persönliche Familiengeschichte.

Vor einigen Jahren wurde meine Großmutter bettägrig. Zunehmende Altersdemenz machte es immer schwieriger mit ihr zu sprechen. Oft murmelte sie für sich dahin; ihre Stimme wurde dabei immer leiser. Irgendwann bemerkte die Familie, was sie da fast lautlos vor sich hin flüsterte: die Texte von Kirchenliedern, nicht auf Deutsch, sondern auf Litauisch. Sie war im Memelland geboren und aufgewachsen, in jener vergessenen, ehemals zu Ostpreußen gehörenden Region (im heutigen Litauen), nördlich von Königsberg. Ihre Selbstwahrnehmung, und dadurch auch die Wahrnehmung unserer Familie, war stets die einer Deutschbaltin, einer deutschen Landwirtin in einem von mehreren Völkern besiedelten Gebiet. Auf ihrem Hof hatte sie auch litauische Knechte gehabt, von denen sie aber immer mit einer Mischung aus Abfälligkeit und Gönnerhaftigkeit erzählte. Ihr Akzent war uns immer schon aufgefallen, wir hatten ihn stets für typisch ostpreußischgehalten. Jetzt aber, im Zustand altersbedingter Umnachtung, schien sie des Deutschen überhaupt nicht mehr mächtig zu sein. War es für sie vielleicht doch immer nur eine Zweitsprache gewesen? Verschwammen im Memelland die Kulturen, Sprachen und Identitäten seiner Bewohner?

Der Fluss und sein Diskurs

Solchen und ähnlichen Fragen geht der Autor und taz-Redakteur Uwe Rada in seinem Buch Die Memel. Kulturgeschichte eines europäischen Stroms nach. Wie der Titel schon andeutet, geht es hier nicht um eine nationale, auch nicht um eine ethnisch zentrierte, genauer betrachtet auch nicht um eine chronologische oder überhaupt irgendwie systematische Geschichtsschreibung. Vielmehr wird von Anfang an deutlich, dass Rada etwas vom Diskurs des Flusses erzählen möchte, der ihm ansässigen Kulturen und Ethnien. Er folgt damit dem Trend zur geografisch orientierten Geschichtsdarstellung anhand von bedeutenden Flussläufen, der Deutschland aus dem angelsächsischen Raum erreicht hat. Seine einflussreichen Vorbilder sind Die Themse. Biographie eines Flusses von Peter Ackroyd und Donau. Biographie eines Flusses von Claudio Magris sowie, von Rada selbst, Die Oder. Lebenslauf eines Flusses.

Zu entdecken gibt es an der Memel mehr als genug, besonders für Deutsche. Schon im ersten Kapitel »Weder Maas noch Memel. Die Deutschen und ihr verlorener Strom« zeigt Rada, wie stiefmütterlich deutsche Erinnerungspolitik mit der Flussregion umgeht. Im Laufe des Buches zeigt sich, dass allen Anrainerstaaten der Memel eine eigenwillige Unschärfe im Umgang mit 'ihrem' Fluss zu eigen sind. Das beginnt schon mit der unterschiedlichen Benennung der Memel (Nemunas - litauisch, Нёман - weißrussisch, Неман Neman - russisch, Niemen - polnisch) je nach Volks- und Staatszugehörigkeit.

Grenze und Bindeglied

Rada untersucht in Die Memel diese unscharfe Kultur genau. Wer lebt am "schweigenden Fluss" und wie lebte man zusammen? Dabei wird der Text auch zu einer Sammlung von Einzelbeobachtungen, die erst in der Fülle die Bedeutung des Flusses erahnen lassen: Die Memel war für viele Völker Teil einer abgestrittenen und doch in der Region existenten gemeinsamen Kultur. Die wechselnden politischen Gegebenheiten um die Memel, ihre  Rolle als Grenzfluss für unterschiedliche Territorien und Mächte, wirken dabei (auch für den interessierten Laien mit passender Familiengeschichte) schwindelerregend verwirrend. Dabei erinnert die deutsche und polnische Wahrnehmung der Region, wie Rada herausstellt, noch immer an die mittelalterliche Antinomie zwischen Deutschem Orden auf der einen Seite und nichtchristianisierten litauischen Stämmen auf der anderen. Der Mythos vom »Ende der Zivilisation jenseits des Stroms« wirkt bis heute und ist ein zentrales Element der Region. Dabei spielt es keine Rolle, dass die Gebiete diesseits und jenseits des Flusses im 19. Jahrhundert zum Spielball der Nationen wurden und mal zu Russland, mal zu Preußen, mal zum Königreich Polen gehörten.

Rada bemüht sich dabei in Die Memel mehr zu bieten als eine bloße Aneinanderreihung von Jahreszahlen und Herrschernamen. Sein Interesse gilt den Befindlichkeiten der an den Ufern des Flusses lebenden Menschen. Er lässt sie aus unzähligen historischen und literarischen Quellen zu Wort kommen: preußische Siedlern, litauische, polnische, weißrussische und russische Bauern bis zu jüdischen Holzhändlern. Damit werden die einzelnen Texte, gekonnt arrangiert, zum bunten kultureller Reigen von der Mündung bis zur Quelle. Dadurch wird klar, dass das Zusammenleben der Region kaum jemals mit mit konstruierten nationalen Identitäten oder Staatsgrenzen übereinstimmte. Das erläutert Rada auch am Beispiel einzelner Personen, etwa des Autors Adam Mickiewic, der sowohl von Polen, als auch Weißrussland und Litauen als Nationaldichter gennannt wird. Keine der Personen lässt sich dabei auf eine Nationalidentität reduzieren. Rada hätte wohl auch gut meine Großmutter als Beispiel wählen können.

Der Fluss rauscht, der Text auch

Rada gelingt es in Die Memel beim Leser ein Bewußtsein für diese komplexe Region und ihre Entwicklungen entstehen zu lassen. Seine ausgewählten Texte finden dabei den richtigen Zugang zur jeweiligen politischen oder historischen Situation: So verdeutlicht er die nachhaltigste Störung des multikulturellen Miteinanders durch den Kalten Krieg, mit einer Reisebeschreibung durch das heutige Dreiländereck Polen-Weißrussland-Litauen und weist damit auf die Narben hin, die ein bis heute kaum zu erweichendes Grenzregime dem Traum von Europa hier zugefügt hat. Rada gelingt mit Die Memel eine mimetische Abbildung des Strömens und Rauschens des Flusses. Der Preis dafür ist fehlende Chronologie. Die Memel ist keine Einführung in osteuropäische Geschichte und einem ungeschulten Leser werden am Ende Textes viele Fragen nach Einordnung und Zusammenhang bleiben. So bleibt die (oft wiederholte) Behauptung des multikulturellen Zusammenlebens insgesamt substanzlos. Auch klingt im Text jenes ahistorische, emotionalisierende Raunen an, das Rada selbst gern vermieden sehen möchte, wenn er von der nationalistischen Vereinnahmung des Flusses spricht.

Bei einer Autorenlesung von Die Memel im Kölner Lew Kopelew Forum waren erwartungsgemäß nur jene weißhaarigen Zuhörer zu Gast, die die im Text erwähnten Orte noch aus eigener Lebenserfahrung kannten. Etwas mehr Systematik und Anschaulichkeit hätten dem Buch zweifellos gut getan, um auch ein Lesepublikum jenseits von Experten und 'Betroffenen' zu erschließen. Was bleibt, ist ein verworrener und verwirrender Einblick in das Zusammenleben von Menschen in einem Gebiet, das der polnische Intellektuelle Krzysztof Czyzewski als Lehrstück für das Versprechen vom Europa der Regionen sieht:

»Wenn ich die Bestrebungen der Europäer richtig verstehe, den Widerspruch zwischen dem nachdrücklichen Abstecken der Grenzen und deren ständigem Durchbrechen, so sollte das künftige Europa ein Europa der Regionen sein. Denn es scheint, dass nur eine solche Form es dem modernen Europäer ermöglicht, zu einem Zentrum zu finden, in dem er sich verwurzelt fühlt, das ihn in seiner Andersartigkeit definiert und ihm zugleich die Teilnahme an den Angelegenheiten der Welt, am Allgemeinen, gewährt. Das Europa der Regionen ist wie eine Kugel, deren Mitte überall und deren Grenze nirgendwo zu finden ist.«

 

Uwe Rada: Die Memel.  Kulturgeschichte eines europäischen Stroms. München: Siedler Verlag 2010. 368 Seiten. ISBN: 978-388680-9301. 19,95 Euro.


Persönliche Geschichte

Ich teile eine persönliche Geschichte zur Memel und gehöre damit wohl zu den erwartungsgemäßen weißhaarigen Lesern. Trotzdem eine schöne Rezension. Weiter so.

 

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