»Sprache muss kreativ werden«

Interview mit dem Dramatiker und Theaterwissenschaftler Denis Leifeld

Wer kennt das nicht? Angesichts von Arbeitswut, Überforderung und Unsicherheit durch befristete Arbeitsverhältnisse geht im Kopf alles kreuz und quer. Die Gedanken kreisen und man glaubt, das Gehirn könnte platzen. Dieses Gefühl, das geradezu symptomatisch das Arbeitsleben im 21. Jahrhundert beschreibt, führt der Autor Denis Leifeld in seinem Stück Hirnblähung vor Augen, das kürzlich im Rahmen einer Urlesung beim Autorenlabor des Staatstheater Nürnberg präsentiert wurde. Wir haben mit ihm nicht nur über sein Werk, sondern auch seine besondere Beziehung zum Theater und nicht zuletzt das Geheimnis der Sprache geredet.

Denis Leifeld, 1982 in Bad Mergentheim geboren, studierte Theater- und Medienwissenschaft, Psychologie sowie Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität Erlangen. Seit 2004 ist er zudem Dramaturg und Regisseur, unter anderem beim Arena Festival der jungen Künste, am Experimentiertheater Erlangen, dem Staatstheater Nürnberg sowie der amerikanischen Off-Bühne Push Push Theater. Leifeld ist außerdem Gründungsmitglied des Performance-Kollektivs UND ZWAR…, das im öffentlichen Raum auftritt. In der Vergangenheit wurde er für seine Arbeit als Autor nicht nur mit dem Literaturpreis der Stadt Nürnberg gewürdigt. Leifeld erhielt darüber hinaus auch den Retzdorfer Dramapreis und den Förderpreis des Landes Baden-Württemberg. Für sein Stück Hirnblähung wurde er zuletzt mit dem Literaturstipendium des Freistaat Bayern ausgezeichnet. Die Jury lobte insbesondere die mitreißende Radikalität des Stücks, die gerade auch in der lyrischen Sprache deutlich wird.

Kritische Ausgabe: Der Text Hirnblähung, für den Sie 2014 auch ein Literaturstipendium des Freistaats Bayern erhalten haben, ist nicht Ihr erstes Stück. In den vergangenen Jahren haben Sie bereits andere Dramen verfasst und diese auch teils selbst inszeniert. Wie sind Sie überhaupt zum szenischen Schreiben gekommen?

Denis Leifeld: Schreiben für die Bühne hat für mich eine besondere Direktheit, eine Unmittelbarkeit, die nur im Theater möglich ist. Die Sprache ist immer eine gesprochene, auch wenn ich sie schriftlich in meinen Notizbüchern und Manuskripten entwickle. Das reizt mich besonders am szenischen Schreiben. Mit meinem Stück Koffein wurde ich 2011 für einen Stückentwicklungspreis nominiert. Dies war der zündende Ausgangspunkt seitdem ich regelmäßig Theatertexte schreibe. 

K.A.: In Ihrem aktuellen Stück geht es vor allem um das Thema Arbeit und die Folgen, die der Leistungsdruck und andere Schattenseiten des Arbeitslebens hinterlassen. Was macht die inzwischen fast überall zu beobachtende Selbstausbeutung so reizvoll für das Theater?

Leifeld: In Hirnblähung wühle ich mich in ein Hirn hinein, das geprägt ist von Arbeitswut und Arbeitsflucht, Überforderung und Panik, Selbstüberschätzung und Unsicherheit. Es geht um das Gefühl, in ein Netz aus Arbeit verstrickt zu sein, ausbrechen zu wollen, es aber nicht zu können bzw. es nicht zu wollen. Das Hirn hat einen ›Ich-Will-Drang‹, zu arbeiten, sich in der Arbeit unbedingt verwirklichen zu wollen. Genau das ist aber das Problem. Mehr und mehr Arbeitgeber nutzen dies radikal aus, indem sie unsichere Arbeitssituationen schaffen. Sie befristen Verträge ohne berechtigten Grund, stellen zunehmend Leiharbeiter ein, oder schließen Werkverträge für Leistungen, die in der Vergangenheit von Mitarbeitern im eigenen Unternehmen erbracht wurden. So bauen die Arbeitgeber extremen Druck auf, sie spielen mit der Angst der Mitarbeiter, nutzen die unsicheren Beschäftigungs-bedingungen als Druckmittel und spielen mit der Selbstausbeutung der Mitarbeiter. Um die Auswirkungen dieser unsicheren Arbeitssituation im psychischen Innenleben erfahrbar zu machen, habe ich eine extreme Ich-Perspektive für Hirnblähung gewählt. Als Theatertext kann der innere Kampf unmittelbar wirken und die unsichere Situation, in der sich das Ich-Hirn befindet, kann so in aller Radikalität deutlich werden. Hirnblähung ist Hirnachterbahn im Theater. 

K.A.: Um einerseits die Radikalität und andererseits aber auch die Absurdität des Berufslebens deutlich zu machen, lassen Sie in Hirnblähung Stimmen aus dem Innenleben eines Gehirns zu Wort kommen. Warum haben Sie diese abstrakte und zugleich surreale Perspektive gewählt?

Leifeld: Wer kennt das nicht? Hirnachterbahn. Alles geht durcheinander. Die Synapsen schießen kreuz und quer. Für das Thema des Stücks war das Im-Hirn-Sein als Perspektive letztlich für mich die einzig schlüssige. Eine Figur in der Rushhour des Lebens, ein Hirn im ständigen Auf und Ab, Hin und Her zwischen Selbstverwirklichung und Selbstausbeutung, Sicherheitsbestreben und Unsicherheitslust. Eigentlich ist diese Hirnschau eine zutiefst realistische Perspektive, denn in unserem Hirn ist letztlich alles möglich. Deshalb hat mich auch das Hirn als Schauplatz eines Theatertextes besonders gereizt. Innere Stimmen können gegeneinander kämpfen, assoziativ-absurde Sprünge zwischen Erinnerungen sind möglich, jede Form der Überzeichnung findet statt. Plötzlich erklären dir Neonlichtgiraffen die Anleitung zum Lebensglück während du einzuschlafen versuchst, imaginäre Hirnhornissen schwirren durch deine Hirnadern während du in einem Club abtanzt, ein sprechender Hirnbalken versucht deinen Denkapparat zu manipulieren während du im Superman-Kostüm durch den Bürogang fliegst und mit deinem Schreibtisch flirtest. All das ist in dem Moment real, in dem du es denkst. In Hirnblähung denke ich mich in das Hirn der Hauptfigur hinein. Beim Schreiben bekam ich so eine enorme sprachliche Freiheit. Grenzen konnten spielend überschritten werden. Alles ist erlaubt. 

Die Suche nach dem richtigen Sound

K.A.: Was macht für Sie den aktuellen Reiz der deutschsprachigen Theaterszene aus?

Leifeld: Die deutschsprachige Theaterszene ist extrem vielstimmig. Dramatiker können in ihren Texten eigene sprachliche Welten schaffen, die alle ihren eigenen Sound haben. In meinen Texten arbeite ich immer mit einer ganz eigenen Kunstsprache. Mit ihr schreibe ich mich an die Themen und Figuren heran. In Hirnblähung ist es eine Sprache, die an Stream-of-Consciousness-Schreibweisen erinnert, lyrischen Charakter aufweist und beispielsweise mit Wortneuschöpfungen eine Atmosphäre zu schaffen versucht. Für jeden neuen Text, an dem ich schreibe, muss ich erst den richtigen Sound, die richtige Sprache finden. Genau das ist spannend an der deutschsprachigen Theaterszene. Sie lässt diese Vielstimmigkeit nicht nur zu, sondern sie sucht auch nach diesen unterschiedlichen Schreibweisen.

K.A.: Sie sind nicht nur Dramatiker, sondern auch promovierter Theaterwissenschaftler. In Ihrer Dissertation, die letztes Jahr erschienen ist, geht es um Performances und das Problem, das Gesehene und Erlebte in Worte zu fassen. Warum fällt es so schwer und was ist Ihr Geheimrezept für die richtigen Worte?

Leifeld: Beschreiben von Alltagsmomenten scheint einfach zu sein. Ständig schreiben wir, tippen irgendetwas, unsere Finger streichen magisch über die digitale Smartphone-Tastatur. Beschreiben ist schnell und einfach. So scheint es jedenfalls. Ich finde es jedoch überhaupt nicht einfach. Es ist eine Herausforderung, einen vergangenen Moment, eine Erinnerung, genau und plastisch zu beschreiben. Das ist eine schwierige Angelegenheit, für mich jedenfalls. Jedes Versprachlichen verändert die Erinnerung, erreicht sie somit nie, der vergangene Moment lässt sich eben nicht problemlos in Worte fassen. Aber gleichzeitig bringt das Beschreiben auch etwas hervor, ich erschaffe das Vergangene neu, es taucht nicht als genau der vergangene Moment wieder auf, den ich durchlebt habe, sondern als ein Neues und Anderes. Und jetzt ist also die Frage: Wie kann ich meinen Zuhörern nachvollziehbar einen vergangenen Moment beschreiben, den nur ich erlebt habe? Das ist die Frage und zugleich auch das Problem. Diese grundsätzliche Schwierigkeit des Beschreibens finde ich extrem spannend. Die Sprache muss kreativ werden. Ich bin gezwungen, Worte zu suchen, neu zu schreiben, anders zu schreiben. Das ist jetzt zwar kein Geheimrezept. Eigentlich überhaupt kein Rezept und geheim sowieso nicht. Ich sehe die Schwierigkeit des Versprachlichens jedenfalls als meinen Motor kreativen Schreibens.

K.A.: Es fällt auf, dass Ihre Theatertexte gerade auch von einem gewissen Sprachrhythmus und ausgeprägter Musikalität leben. Nun arbeiten Sie vermutlich gerade an einem neuen Theatertext, aber haben Sie sich nicht einmal überlegt, einzelne Gedichte oder gar einen ganzen Lyrikband zu veröffentlichen?

Leifeld: Ja, gerade schreibe ich an einem neuen Theatertext. Nebenbei schreibe ich auch immer wieder Texte, die vielleicht so etwas wie Lyrik sind. Ich nenne sie Kürzesttexte. Viele von diesen Kürzesttexten sind durchnummerierte Listen mit Beobachtungen, Formulierungen, Sprachspielen, kleinen Absurditäten. Bisher wusste ich noch nicht so recht, was ich damit anfangen soll. Vielleicht sollte ich noch gezielter darüber nachdenken.

K.A.: Vielen Dank für das Gespräch!

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