»Hamlet würde ich auf jeden Fall gerne spielen!«

Interview mit dem Bonner Schauspieler Robert Höller (Teil I)

Arrivierten Schauspielern sagt man nach, sie seien nicht gerade umgänglich und schon gar nicht unkompliziert. Ganz anders ist es bei Robert Höller. Der junge Theaterschauspieler, den man nicht nur aus dem Fernsehen, sondern auch aus Produktionen des Theater Bonn kennt, erscheint geradezu wie der freundliche Kerl von nebenan. Demnächst verlässt er die Stadt am Rhein, um ein neues Engagement – dieses Mal im Osten der Republik – anzunehmen. Wir haben die Gelegenheit genutzt, mit ihm kurz vor dem anstehenden Umzug zu sprechen.

Bekannt geworden ist Robert Höller durch seine Rolle des Felix Laub im Spielfilm Wut (2006) von Züli Aladag, der nicht zuletzt wegen seiner exzessiven Gewaltszenen Aufsehen erregte. Nach dem Abitur studierte Höller vier Jahre Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig. Schon währenddessen war er seit der Spielzeit 2011/12 Ensemblemitglied im Schauspielstudio des Staatsschauspiels Dresden. Seit 2013/14 ist er nun fester Bestandteil des Schauspielensembles Bonn und in der aktuellen Spielzeit unter anderem in den Produktionen Schöne neue Welt, Kabale und Liebe, Werther, Woyzeck und Draussen rollt die Welt vorbei zu sehen. Zur nächsten Spielzeit verschlägt es ihn allerdings an das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin. Wir haben mit ihm vor seinem Weggang aus Bonn ein längeres Interview geführt, das wir in zwei Teilen präsentieren werden. Zunächst geht es um seine noch junge Karriere als Fernseh- und Theaterschauspieler, seine Motivation zu spielen, alternative Lebensentwürfe und nicht zuletzt auch die Frage, welche Rolle er noch unbedingt einmal spielen möchte.

Kritische Ausgabe: Robert Höller, schon vor Ihrem Schauspielstudium sind Sie durch den Spielfilm Wut bekannt geworden. Wie kam es zu dieser Besetzung?

Robert Höller: Seit ich 15 bin, habe ich vier Jahre lang Jugendtheater in einer Theatergruppe gespielt, die Tim Tonndorf geleitet hat. Tim Tonndorf hat dann später Regie studiert und ist zu einem großartigen Regisseur geworden, der auch am Theater Bonn bereits mitinszeniert hat. Er ist Teil vom erstklassigen Kollektiv Prinzip Gonzo. Mit der Laienschauspielgruppe damals haben wir viel Spaß gehabt und ich habe die Liebe zum Theater entdeckt. Eines Tages kam eine Schauspielagentin vorbei, guckte sich das an und pickte mich raus, weil sie mich anscheinend brauchbar für den Film fand. Damals hatte ich lange rote Haare, weil ich Eishockeyfan war. Mit einem Freund hatte ich nämlich eine Wette abgeschlossen: Wenn die Eisbären Berlin Deutscher Meister würden, würde mein Freund sich die Haare blau färben und ich mir die Haare rot, entsprechend der Vereinsfarben.

K.A.: Da sind Sie mit den roten Haaren vielleicht noch besser weggekommen!

Höller: Auf jeden Fall. Worauf ich aber hinaus will: Ich sah damals überhaupt nicht aus wie jemand, der etwas mit dem Film zu tun haben könnte. Zudem hatte ich, als die Schauspielagentin mich fragte, noch gar keine Ahnung: Ich dachte, dass man Filme chronologisch dreht und hatte mich mit diesem Medium noch gar nicht auseinandergesetzt. Die Schauspielagentin rief mich aber zwei Tage später noch mal an, um mir von dem Filmprojekt Can – später wurde daraus Wut – zu berichten und mich zum Casting einzuladen, bei dem sich schon zwei- bis dreihundert Jungen vorgestellt hätten. Dahin bin ich gegangen, es klappte, und ich hatte auf einmal eine Hauptrolle unter‘m Arsch!

K.A.: Ihre Leidenschaft für‘s Theater war aber ungebrochen? Schließlich haben Sie danach auch das Schauspielstudium an der Theaterhochschule begonnen.

Höller: Das war sie. Natürlich war es erstmal aufregend, beim Film einzutauchen und eine Menge Geld zu verdienen. Im Vergleich zu meinen Freunden, die maximal einen 400 Euro-Job hatten, auf einmal eine Unmenge an Geld zu haben, war auf der einen Seite natürlich reizvoll. Auf der anderen Seite war es auch schlimm, weil ich gar keine Zeit hatte zu lernen, richtig mit Geld umzugehen. Es war absurd: Als Motorradfahrer habe ich mir damals ein neues Motorrad gekauft und hatte danach immer noch eine Riesenmasse an Geld auf dem Konto! Das war eigentlich unvorstellbar – es war bloß eine Zahl, die geringer wurde. Heute als armer Theaterschauspieler wünsche ich mir das natürlich gewissermaßen zurück. Andererseits finde ich es viel besser so, weil die Theaterarbeit viel ehrlicher ist und ich genau weiß, wofür ich mein Geld eigentlich verdiene und wie hart es ist, damit umzugehen.

K.A.: Machen wir mal den großen Sprung zum Theaterschauspieler Robert Höller von heute. Sie haben teilweise bis zu zwölf Vorstellungen im Monat, dazu kommen noch die Proben, die auch aktuell für eine neue Produktion stattfinden. Nicht umsonst werden bereits Anti-Stress-Seminare am Theater angeboten, was mich zu der Frage führt: Wofür nimmt jemand diese Strapazen auf sich? Was motiviert Sie?

Höller: Bevor ich die Frage beantworte, muss ich kurz vorausschicken: Eigentlich wäre ich gerade bis April in Elternzeit und ab April hätten meine Freundin und ich normalerweise einen Kitaplatz für unsere Tochter haben können. Da mir aber eine Dame zusicherte, dass wir schon ab Februar einen Platz für unsere Tochter bekommen könnten, tat sich für mich die Möglichkeit auf, an einer weiteren Produktion am Haus teilzunehmen. Wäre dem nicht so gewesen und hätte ich mich demnach bis April um meine Tochter kümmern müssen, dann wären die Proben schon besetzt gewesen und ich hätte ausschließlich meine Vorstellungen gespielt. Aber ein innerer Drang sagte mir, ich möchte hier nicht bis Juli (Robert Höller wechselt im Sommer zum Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin, die Red.) sitzen, in dieser Stadt, die ich nur so semi-geil finde – ich möchte lieber am Theater arbeiten. Für die meisten – auch für die meisten Schauspieler am Haus, mit denen ich darüber gesprochen habe – wirkt das unverständlich. Sie sagen: »Bist du bescheuert? Du zahlst so viel Geld für den Kindergarten, noch dazu für Babysitter.« Es sind also schon enorme Mehrkosten, die so auf mich zukommen, ich möchte es aber trotzdem. Es ist nicht so, dass ich einen Hungerlohn bekomme, aber für vier Jahre Studium ist das, was ich als Schauspieler bekomme, super-wenig. Trotzdem liebt man das über alles und arbeitet einfach so viel. Warum ist das so? Irgendwie habe ich das alles schon vorher gewusst. Man hat mir auch immer davon abgeraten mit den Worten »Du arbeitest zu viel, verdienst dafür nichts.« Man hat kein Wochenende und kann sich im Normalfall auch nicht die Stadt aussuchen, in der man arbeitet; vielmehr muss man gucken, welches Theater einen aufnimmt. Trotzdem bleibt es dabei, dass es für mich der schönste Beruf auf der Welt ist! Ich kann mir keinen anderen Beruf vorstellen, den ich lieber machen würde. Was vielleicht noch nah heran käme, wäre Feuerwehrmann – wegen der Action und der Stunts, jedenfalls irgendein Beruf, in dem man draußen arbeitet; Förster wäre ich noch gerne.

»Im Leben bin ich generell ein ruhiger Mensch, naja, zumindest kein Choleriker.«

K.A.: Den Stuntman können Sie ja ein bisschen ausleben auf der Bühne.

Höller: Das kann ich ein bisschen, versuche ich auch immer wieder reinzubringen, bei Woyzeck zum Beispiel– ein paar kleine akrobatische Nümmerchen mach‘ ich immer ganz gerne. Aber zu schauspielern ist so besonders, so vielseitig – natürlich gibt es gewissermaßen auch eine Routine, aber die Momente, in denen man da auf der Bühne steht und immer wieder etwas Neues verhandelt, verhindern eigentlich, dass man zu sehr der Routine folgt. Ich kenne wenige Berufe, in denen du das hast. Im Schauspielberuf kommt einfach sehr viel zusammen, das ich total liebe.

K.A.: Routine und Spontaneität werden wir gleich auch noch verhandeln. Zunächst möchte ich jedoch an die  »akrobatischen Nümmerchen« anknüpfen, die Sie bereits angesprochen haben. Als ich mich vor unserem Interview am Theater umgehört habe, hieß es oft, Robert Höller hat ein komisches Talent, er spielt gerne komische Rollen, kann diese gut ausfüllen, zeigt sich nun aber auch verstärkt in ernsthaften Rollen. Dazu nun die Frage: Ist Ihnen Ihr komisches Talent wichtig, oder konkret gefragt: Ist es Ihnen wichtig, auf der Bühne komisch sein zu können und zu dürfen?

Höller: In erster Linie ist es mir während des Studiums gar nicht so bewusst gewesen, dass ich meine Rollen sehr häufig komisch angelegt habe; das geschah eher unbewusst. Im dritten Studienjahr gab es ein Gespräch, in dem es hieß: »Okay, Robert, du hast jetzt die und die Rollen in deinem Studium gemacht, die alle Humor hatten – wir müssen dir jetzt mal etwas Ernstes raussuchen.« Daraufhin haben sie mir »dirty Rich motherfucker« ausgesucht, was an Richard III. angelehnt ist und auf den am Hamburger Theater umgeschriebenen Shakespeare‘schen Königsdramen beruht. Deutsch und Englisch werden darin zu Denglisch – und bildeten damals an der Theaterhochschule unter anderem den für mich ausgesuchten Monolog, der an sich überhaupt nicht witzig ist. Trotzdem habe ich es wohl irgendwie hingekriegt, dass es total lustig geworden ist, ohne dass ich es forciert hätte. Es passiert mir also dann einfach, und auch der Dozent hat es damals nicht herausgekriegt. Es scheint somit mein Naturell zu sein, dass ich die Figuren immer ein wenig komisch anlege. Mir ist das nicht unbedingt wichtig, ich kann auch damit leben, wenn es überhaupt nicht lustig ist, aber ich kann vielleicht nicht anders.

K.A.: Daraus schließe ich, dass Sie eine große Gemeinsamkeit in Ihrer Herangehensweise an verschiedene Figuren ausgemacht haben. Ist es Ihnen trotzdem wichtig, völlig unterschiedliche Charaktere zu spielen?

Höller: Ja, das finde ich wichtig. Es ergibt sich auch immer in den unterschiedlichen Arbeitsweisen mit den Regisseuren und dem, was sie von einem verlangen. Zum Beispiel würde ich sagen, dass mein Ferdinand in Kabale und Liebe nicht besonders witzig ist, obwohl auch er witzige Momente hat – ich denke da vor allem an den 5. Akt. Aber: Ja, ich finde es schon interessanter, ein möglichst großes Spektrum abzudecken, was Figuren angeht. Es verengt sich ja auch unheimlich schnell, wie ich auch beim Film deutlich bemerken konnte. Nach Wut sind Filmregisseure dazu übergegangen, mich für das Rollenschema »der sympathische Kriminelle« zu besetzen. Ich glaube, neunzig Prozent von allem Fernseh-Quatsch in Deutschland sind ja Krimi-Sachen. Und in fünfzig Prozent der Fälle habe ich den Mörder gespielt, der aber zugleich bemitleidenswert war, weil er unter den Verhältnissen litt. Immer und immer wieder dafür besetzt zu werden, hat mich irgendwann total genervt. Ich schlug das Drehbuch auf, und wusste direkt: Ah, ja... Bemerkenswerterweise bin ich davon im Film nie richtig weggekommen. Im Theater ist es das komplette Gegenteil!

K.A.: Noch einmal der Sprung zurück auf Ihre Darstellung des Ferdinand in Kabale und Liebe: Er kommt, wenn er auch nicht allzu lustig ist, sehr leidenschaftlich daher, wodurch wir auch wieder an die von Ihnen geäußerte Theaterleidenschaft, womöglich auch Ausdruckswut, anknüpfen. –

Höller: Wenn ich das noch sagen darf: Im Leben bin ich generell ein ruhiger Mensch, naja, zumindest kein Choleriker, der rumschreit; ich versuche eher dem Konflikt auszuweichen, was vielleicht daran liegt, dass mein Sternzeichen Waage ist. Dennoch empfinde ich Stolz, dass ich solche Gefühlsäußerungen, die eben doch in uns wohnen, auf der Bühne einfach rauslassen kann. Ich bin dafür meines Erachtens zu schüchtern, mit Menschen so umzugehen, habe im Alltag nicht den Impuls, trotzdem scheint dieses Animalische in uns zu sein.

K.A.: Es ist ja noch eine andere Frage, wie die Gefühlsäußerung dann von außen gesehen und aufgefasst wird. Stellen Sie sich vor, ein Kritiker schreibt »Robert Höller brillierte in der Rolle des Albert in Werther« oder ein Zuschauer kommt nach einer Vorstellung zu Ihnen und sagt »Sie haben mir in der Darstellung des Ferdinand so viel über Leidenschaft gezeigt« oder aber ein Kollege sagt »Ey, es war gestern supercool, mit dir zu spielen – die Harmonie stimmte.« Welches Lob ist Ihnen am meisten wert, das des Kritikers, des Zuschauers oder des Kollegen?

Höller: Verrückterweise finde ich das gar nicht so leicht zu beantworten. Ich glaube, es hat eher mit der Art und Weise des Einzelfalls zu tun, als dass ich das generell sagen könnte. Sicherlich ist mir das Lob des Kritikers erstmal nicht so nah, zumal ich es ja auch nicht persönlich von ihm erfahre, sondern es lese – natürlich freut man sich darüber, weil man weiß, dass es auch andere lesen. Das ist also ein Lob, dass vorzugsweise für’s Ego toll ist. Vermutlich ist mir das Kollegenurteil am meisten wert, insbesondere wenn es von Kollegen kommt, auf deren Meinung man viel Wert legt. Aber auch als wir nach Vorstellungen mit Klingelbox am Ausgang Geld für Flüchtlinge gesammelt haben, haben mich die Aussagen mancher Besucher sehr berührt, die sagten, dass es sie irgendwie angegangen ist und sie mit etwas von dem nachhause gehen, was man da gezeigt hat. Das ist sehr schön. Trotzdem geht es aber immer darum, weiter zu arbeiten und sich nicht darauf auszuruhen.

»Man muss schon versuchen, jede Vorstellung frisch zu denken.«

K.A.: Weiterarbeiten ist schon ein gutes Stichwort. Gibt es eine Traumrolle von Ihnen? Wen würden Sie gerne irgendwann einmal – oder aber noch einmal – spielen?

Höller: Das letzte Interview, das ich geführt habe, war mit Elisabeth Einecke-Klövekorn. Sie hat mich ein Café weiter die Straße runter dasselbe gefragt. Ich habe gesagt, dass es für mich Woyzeck ist. Etwa zwei Wochen später bekam ich den Anruf von unserem Chefdramaturgen Jens Groß, mein Schauspielkollege Sören Wunderlich sei krank geworden und ob ich nicht bei Woyzeck einspringen könne. Da spiele ich zwar nicht Woyzeck selbst, aber spreche auch Woyzeck-Texte und in dem Schauspieler-Quintett auf der Bühne verkörpern gewissermaßen wir alle Woyzeck. Zumindest teilweise ist also mein Traum kurz nach Aussprechen in Erfüllung gegangen! Ich sage jetzt nicht nochmal Woyzeck, weil ich das quasi schon hinter mir habe. Ich glaube, ich würde ganz gerne mal Hamlet spielen, weil mich die Figur sehr reizen würde. Mich reizen generell Figuren, die einen Vater-Sohn-Konflikt in sich haben. Ansonsten stehe ich schon auf leidenschaftliche Charaktere, Danton zum Beispiel, was die klassischen Stoffe angeht. Mit modernen Theatertexten kenne ich mich, wenn ich ehrlich bin, gar nicht so gut aus, bin aber grundsätzlich offen. Aber Hamlet würde ich auf jeden Fall gerne spielen!

K.A.: Was genau reizt Sie an Vater-Sohn-Konflikten?

Höller: Schon für die Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule habe ich die Figur des Biff aus Tod eines Handlungsreisenden ausgesucht. Das Theaterstück hat mich damals total angefixt, weil ich viele Parallelen gesehen habe zu meinem eigenen Vater im Hinblick auf Erwartungen, die man nicht erfüllt. Ich hatte mit meinem Vater in der Pubertät enorme Schwierigkeiten beziehungsweise wir hatten miteinander enorme Schwierigkeiten. Wir haben uns gegenseitig überhaupt nicht mehr verstanden, überhaupt nicht akzeptiert und konnten in Folge dessen auch nicht miteinander diskutieren. Es endete immer mit dem Satz »Ich bin 27 Jahre älter als du, geh auf dein Zimmer.« Das ist heute tatsächlich glücklicherweise völlig anders, hat sich aber erst so ergeben, nachdem ich damals ausgezogen bin. Daran hatte ich schon arg zu knabbern, es war aber auf der anderen Seite total gut für mich, weil ich es als Futter nehmen konnte. Wann immer ich Texte zu spielen hatten, die einen Vater-Sohn-Konflikt verhandelten, konnte ich das super auf meine Situation ummünzen, um meinen Ausdruck zu verstärken und auch diesen Hass, der sich über die Jahre aufgebaut hatte, über die Rollen als Ventil abzubauen. Heute kann ich mit meinem Vater sehr gut darüber reden, wie die damaligen Diskussionen abgelaufen sind. Ich fand damals einfach, dass er extrem unfair und nicht auf Augenhöhe mit mir diskutiert hat; wenn ich ihm das nun sage, ist er natürlich sehr verletzt. Das kenne ich aber auch von fast allen meinen Freunden, dass es Vater und Sohn zumindest in einer gewissen Phase nicht leicht miteinander haben; meine eigene Biographie gibt mir da nach wie vor enorm Futter. Auch heute sitze ich mit meinem Vater am See und wir diskutieren drei Stunden lang leidenschaftlich über die Flüchtlingsthematik und über Pegida.

K.A.: Das Flüchtlingsthema und die Frage, ob Politik grundsätzlich an deutschen Theatern aufgegriffen wird und ob sie das in ausreichender Form wird, thematisieren wir gleich noch. Zunächst möchte ich aber noch auf Ihr Erleben auf der Bühne zu sprechen kommen. Gerade haben Sie erzählt, dass Sie eigene Erfahrungen für den Bühnenauftritt haben kanalisieren können. Nun möchte ich noch darauf eingehen, wie Sie die konkrete Situation wahrnehmen, oben auf der Bühne zu stehen. Das interessiert womöglich auch einige Leser, die die Inszenierungen aus Publikumsperspektive erleben. Gibt es für Sie als Schauspieler ab einem gewissen Punkt eine Art Autopiloten, in den Sie schalten, um Ihren memorierten Text abzuspulen? Gibt es einen Punkt, ab dem Sie kaum noch wahrnehmen, was Sie auf der Bühne tun? Gibt es also so etwas wie einen Autopiloten?

Höller: Nein, das gibt es eigentlich nicht. Es gibt höchstens einzelne solche Momente – was aber auch stückabhängig ist und was darauf ankommt, wie textlich präzise es gearbeitet ist. Wenn der Text ideal präzise gearbeitet ist, weiß ich bei jeder Silbe meinen Subtext dazu. So passiert es mir nicht, dass ich abschalte, weil ich immer an meinem Gedanken hänge. Bei Werther ist das zwar nicht ganz so stark, aber auch da gibt es keinen Autopiloten. Ein Stück gibt es am Theater Bonn, Schöne neue Welt, in dem es solche Momente gibt, weil man den Text so drin hat. Aber sobald man merkt, dass es so ist, muss man eigentlich sofort wieder umschalten. Hundertprozentig bin zwar nicht davon befreit, aber wenn das passiert, habe ich sogleich das Gefühl, dass ich etwas verkehrt mache. Man muss schon versuchen, jede Vorstellung frisch zu denken. Auch bei Kabale und Liebe, wovon wir zuletzt die zwanzigste Vorstellung hatten, ist es nicht so einfach, immer die gleiche Haltung zu verkaufen und glaubhaft zu machen. Man muss sie stets neu irgendwo aus sich rausholen – wenn du nämlich nur noch eine Melodie im Kopf hast, die du aufsagst, wird es gefährlich. Wenn ich mal keine Lust zu spielen habe, sage ich mir: Du hast heute keinen Bock, aber dann mach es eben etwas anders! Wenn ich merke, dass sich eine seltsame Routine einschleicht – ich sage dies, geh' zur Wand und schlage darauf, sage jenen Satz an genau dieser Stelle der Bühne –, dann versuche ich die Routine zu brechen.

K.A.: Sie stehen ja auch meist nicht allein auf der Bühne. Insofern sind Sie auch auf die Spontaneität Ihrer Kollegen angewiesen.

Höller: Da gibt es eben große Unterschiede. Da sind zum einen die Kollegen, die eine Melodie im Kopf haben, die sich Vorstellung für Vorstellung wiederholt, zum anderen gibt es Kollegen, die das Spiel völlig aus der Situation schöpfen. Letzteres finde ich persönlich spannender. Damit will ich aber nicht sagen, dass ich immer super-spontan bin und selbst immer zuhöre, was gerade passiert; dass auch mir manchmal die Melodie begegnet, ist ganz klar.

K.A.: Apropos »zuhören, was gerade passiert«: Es ist ja auch ein Publikum anwesend. Wie viel bekommen Sie davon auf der Bühne mit? Ich denke, im grellen Scheinwerferlicht werden Sie nicht unbedingt viel sehen, aber doch spüren, dass Leute da sind. Lachen hört man natürlich, auch Husten... Wie erleben Sie das?

Höller: Was das rein Visuelle angeht, ist es auch von Stück zu Stück unterschiedlich. Manchmal bekommst du ein so krasses Frontallicht, dass du wirklich gar nichts und niemanden vom Publikum siehst – so war es zum Beispiel bei Waffenschweine. Bei Werther hingegen, worin ich auch einen ausgedehnten Monolog zum Publikum gerichtet halte, sehe ich eigentlich alle. Da kann ich ziemlich genau sehen, wie die Reaktionen ausfallen, was auch nicht immer gut für mich ist. Von der Bühne aus bekommt man viel mit. Sogar wenn man nichts sieht, bekommt man Reaktionen mit. Es gibt auch oft stille Momente, in denen man denkt »Es kann doch nicht sein, dass zwölf Menschen zur gleichen Zeit Husten müssen!« Wenn die Zuschauer es nicht mehr aushalten auf den Sitzen, kriegt man das auch mit. Umgekehrt gibt es auch die Situation angespannter Stille, sodass man eine Stecknadel fallen hören könnte.

Den zweiten Teil des Interviews, das mitten im Probenprozess zu Lukas Linders Theaterstück Draussen rollt die Welt vorbei entstand, gibt es hier.

 

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