»Ich wollte nicht bewusst gegen Konventionen verstoßen«

Interview mit der Philosophin, Lyrikerin und Romanautorin Julia Trompeter (Teil I)

Julia Trompeter fühlt sich in Prosa und Lyrik gleichermaßen zuhause. Mit ihrem Debütroman Die Mittlerin aus dem vergangenen Jahr hat sie ein vielschichtiges Werk vorgelegt, in dem es nicht nur um das Entstehen eines Romans geht. Julia Trompeter entspannt auch ein Netz aus vielen klugen Verweisen, bei denen gerade der griechische Philosoph Aristoteles eine wichtige Rolle spielt. Vor ein paar Wochen hat sie uns dazu Rede und Antwort gestanden und ein längeres Interview gegeben, das wir in zwei Teilen präsentieren. Im ersten Teil erklärt sie, wie es zu diesem Debüt gekommen ist und welchen Stellenwert die Lyrik in ihrem Schreiben hat.

Kritische Ausgabe: Julia Trompeter, dein Debütroman Die Mittlerin ist ein sehr außergewöhnliches Buch, das auch als »Romanwerkstatt« beschrieben werden könnte: Das Entstehen des Romans tritt vor die Handlung selbst. Was hat dich dazu inspiriert, auf einen ›herkömmlichen‹ Plot zu verzichten?

Julia Trompeter: Tatsächlich gab es am Anfang keinen fixen Plan, ich wollte nicht bewusst gegen Konventionen verstoßen. Der Anfang des Romans war vielmehr ein spontaner Akt, auf dessen Basis dann immer mehr Fragen aufgekommen sind. Viele der Fragen, die im Roman verhandelt werden, sind mir erst beim Schreiben selbst in den Sinn gekommen. Ich glaube, dass das Buch deshalb erst so geworden ist, wie es ist. Die Fragen, die meine Erzählerin sich stellt, sind natürlich Fragen, die ich mir selbst gestellt habe. Zum Beispiel die Fragen danach, wie das Schreiben einer Geschichte überhaupt funktioniert, und ob man denn wirklich einen Plot dafür benötigt. Diese Fragen erschienen mir so wichtig, dass es mir ein Bedürfnis war, sie erst einmal zu thematisieren, bevor ich irgendetwas erzähle. Das hat mich dann nicht mehr losgelassen und durch das ganze Schreiben des Romans begleitet.

K.A.: Wie es der Titel deines Romans verrät, nimmt die Mittlerin – eine Literaturagentin, die zwischen der Erzählerin und dem Verlag vermittelt – im Text eine wichtige Rolle ein. Die Erzählerin vertraut sich ihr mit ihrem Problem, sich über Prosa nicht richtig mitteilen zu können, an. Fungiert die Mittlerin hier als ein notwendiges Medium oder als eine Projektionsfläche für die Entstehung deines Romans?

Trompeter: Ich kann mich mit beiden Interpretationen anfreunden! Ein Medium ist sie in dem Sinne, dass sie ja tatsächlich ein Subjekt ist, das zwischen der Ich-Erzählerin und der großen Verlagswelt steht und vermittelt. Sie reicht der Erzählerin die Hand und versucht ganz praktisch, sie zum Schreiben dieses Buches zu motivieren. Aber sie ist zugleich auch eine Projektionsfläche, denn die Erzählerin weiß im Grunde kaum etwas über sie. Sie macht sich ihre Gedanken über die Mittlerin und versucht beispielsweise, anhand von Babyschreien, die sie im Hintergrund während eines Telefongesprächs hört, eine Familiengeschichte zu konstruieren. Vieles an Bewegung im Roman passiert somit im Inneren der Erzählerin. Die Mittlerin demgegenüber macht nicht viel. Ihre Funktion als Projektionsfläche würde dann bedeuten, dass jede Bewegung von der Erzählerin selbst ausgehen muss, d. h. jede Veränderung sowie letztlich auch die Entscheidung, ein Buch zu schreiben.

»Diesen Akt des Perfektionierens in einer kleinen Einheit zu denken, fand ich immer sehr schön und zufriedenstellend«

K.A.: Vor deinem Romandebüt hast du hauptsächlich Lyrik verfasst und trittst regelmäßig in Sprechduetten auf. Das Verhältnis von Lyrik und Prosa spielt auch in deinem Roman eine Rolle. Was denkst du, was Lyrik kann, was ein Roman nicht kann und umgekehrt?

Trompeter: Das ist eine schwierige Frage, es handelt sich ja nicht um das Gleiche. Tatsächlich schreibe ich schon seit vielen Jahren Gedichte. Ich schätze an der Lyrik sehr, dass die Materie durch die Kurzform bzw. kürzere Form, die Gedichte ja oft haben – wenngleich das nicht immer der Fall sein muss – beherrschbarer wird. Ich schätze an der Lyrik, dass ich, wie es meine Erzählerin auch im Roman thematisiert, den Überblick über ein Gedicht behalten kann. Ich kann ein Gedicht in einem konkreten Zeitraum verfassen und fertigstellen und dann auch sagen, dass es für mich perfekt so ist. Diesen Akt des Perfektionierens in einer kleinen Einheit zu denken, fand ich immer sehr schön und zufriedenstellend. Damit meine ich aber natürlich nicht, dass ein Gedicht weniger Arbeit bedeuten muss oder kann. Ich mag am Gedicht aber diese Möglichkeit, in komprimierter Form etwas auszudrücken, sozusagen etwas Innerliches äußerlich zu machen, eine Stimmung zu transportieren. Das Romanschreiben war dann etwas anderes, weil ich das Gefühl hatte, ins Unendliche ausschweifen zu können. Diese Weite, diese Offenheit, fand ich schön, aber auch zunächst beängstigend.

K.A.: Die Mittlerin sagt zum Gedicht: »Da zählt jede Zeile, was sag ich, jedes Wort. Hier bei uns, hier in der Prosa, geht es mehr um Quantität, da darf man es nicht so genau nehmen. Achten Sie bloß nicht auf jedes Wort, sonst können wir noch Jahre auf Ihr Debüt warten, noch Jahre.« Ist das eine Kritik an der Romanproduktion, also an dieser Weite als rein arbeitstechnischer Bedingung, oder ist es eine Kritik an der Sprache?

Trompeter: Ja, das auch auf jeden Fall, in dem Zitat steckt ein ironischer Zug drin. Was mich an vielen Romanen stört, die auf den Markt geworfen werden, ist, dass die Sprache selbst oftmals keine Rolle spielt. Es werden zwar spannende Geschichten erzählt, aber die Sprache wird – zumindest teilweise – komplett vernachlässigt. Und ich glaube, bei dem Output, den beispielsweise Schriftsteller von 2000-seitigen Fantasy-Romanen haben, würde das Schreiben eines Romans natürlich auch sehr viel länger dauern, wenn an jedem einzelnen Wort oder Satz gefeilt würde. Diese Art und Weise mit Sprache umzugehen, bringt mich aber nicht weiter und ärgert mich.

»Die Möglichkeit des Romanschreibens ist nun sozusagen ein Angebot, aktiv zu werden«

K.A.: Hat diese Kritik an der Sprache etwas mit Handlungs(un)möglichkeiten zu tun?

Trompeter: Bei meiner Beschäftigung mit Aristoteles hat es mich immer interessiert, dass er einen Begriff von Mythos hat, der stets mit Handlung übersetzt wird. Er hat aber auch einen Begriff von Praxis im Griechischen, der ebenfalls mit Handlung übersetzt wird. Daraus ergibt sich immer wieder die Frage danach, von welchem Handlungsbegriff Aristoteles eigentlich spricht. Den Mythos, d. h. die Geschichte, definiert er als Zusammensetzung von Handlungen, und zwar im Grunde von Einzelhandlungen, die die Figuren in den Tragödien tun, aus denen sich dann der Plot entwickelt und ein Spannungsfeld generiert wird zwischen der übergeordneten Handlung und den Handlungen der Figuren. Und eben diese einzelnen Handlungen der Figuren fand ich schon immer spannend. Es ist dann natürlich klar, dass Handlungen in der Tragödie immer Sprachhandlungen sind. Alles, was die Figuren machen, erfährt man durch die Gespräche, die sie untereinander führen. Es könnte ja auch im Gegensatz dazu einen Roman geben, der so beginnt: »Berta erwachte. Sie fühlte sich an diesem Morgen nicht recht wohl. Also stieg sie in das Auto und fuhr zu ihrem Psychotherapeuten.« Viele Texte funktionieren so. Die Kritik, die ich daran übe, ist die, dass solche Beschreibungen häufig sehr oberflächlich bleiben. X tut y und so weiter. Dieser Satz könnte aber auch in jedem beliebigen anderen Roman stehen. Für mich aber ist es erst dann interessant, wenn sich – und das ist wiederum aristotelisch – die Charaktere der Romanfiguren durch das entfalten, was sie sagen, wie sie sich untereinander verhalten, wie sie interagieren, und wenn sich dadurch dann überhaupt erst ein Charakter entfaltet, an Tiefe gewinnt und sich ausdifferenziert.

K.A.: Wehrt sich deine Protagonistin, die ja eigentlich gar keine Prosa schreiben will, gegen typische Handlungsstrukturen?

Trompeter: Ja vielleicht. Die Protagonistin hat ja selbst ein Problem mit dem Handeln, da sie sich, wie man sagen könnte, in einer kleinen Sackgasse ihres Lebens befindet. Sie sitzt in Berlin in ihrer Hinterhofwohnung, sie weiß nicht recht ein noch aus und es scheint nicht viele Bezugspersonen in ihrem Leben zu geben. Die Möglichkeit des Romanschreibens ist nun sozusagen ein Angebot, aktiv zu werden, also ein Angebot zu handeln, ihr Schicksal zu verändern durchs Schreiben. Insofern ist die Angst vor der Prosa eine Angst vor Veränderung und eine Angst vor Handlung.

Der zweite Teil des Gesprächs, das wir mit Julia Trompeter vor ein paar Wochen in Bonn geführt haben, gibt es unter diesem Link.


 

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