»Die Sprache trägt sich selbst weiter«

Interview mit der Philosophin, Lyrikerin und Romanautorin Julia Trompeter (Teil II)

Julia Trompeter ist eine Autorin, die in ihrem Romandebüt Die Mittlerin weit mehr als nur das Entstehen eines Romans behandelt. Auf ganz besondere Weise setzt sich die Schriftstellerin, die 1980 in Siegburg geboren wurde, nicht nur mit dem Literaturbetrieb auseinander, sondern denkt auch über das Verhältnis von Sprache, Denken und Handeln nach. Im zweiten Teil des Interviews, das wir mit Julia Trompeter vor ein paar Wochen geführt haben, erklärt sie unter anderem, ob sie ein literarisches Vorbild hat und wie sie die Kritik an ihrem Debüt aufgenommen hat.

Kritische Ausgabe: Julia Trompeter, wir haben in deinem Roman Die Mittlerin eine performative Struktur entdeckt: Die Erzählerin sagt etwas, was der Text daraufhin macht. Zum Beispiel spricht sie über die Doppelwegstruktur im Artusroman, bevor sich im Text selbst ein Doppelweg entfaltet. Möchtest du damit eine Art literarische Performativität, wie du sie aus deinen Sprechduetten kennst, in Die Mittlerin einbinden?

Julia Trompeter: Wenn man Performativität im Sinne des performativen Sprechaktes – also was ich sage, wird so auch umgesetzt – versteht, kommt dies im Roman tatsächlich häufig vor. Die Doppelwegstruktur ist ein gutes Beispiel dafür. Inwiefern das aber mit dem Performanz- oder Performativitätsbegriff zu tun hat, den ich für die Sprechduette verwenden würde, ist schwierig zu sagen. Das kann ich nicht in Einklang bringen. Die Art mit Sprache zu experimentieren, aufzutreten und sozusagen Sprache in den Raum zu geben, ist mir sehr wichtig. Und ich würde mir wünschen, dass, wenn man nun den Roman liest, sich dort ebenfalls eine Stimme beziehungsweise die Sprache selbst sich entfaltet. Dass also klar wird, dass die Sprache ein eigenes Gewicht hat in dem, was dort steht, dass sie eine Wirkung hat. Auf jeden Fall finde ich aber die Beobachtung wirklich treffend, dass der Roman häufig etwas ankündigt, was dann auch so passiert. Dieses Prinzip ist grundsätzlich eingebettet in das Bemühen um Transparenz. Ich wollte versuchen, Erwartungshaltungen offenzulegen und manchmal auch zu unterlaufen. Zum Beispiel wird in Die Mittlerin eine Liebesszene mit dem bear erwartet, und dann passiert nichts, die romantische Blase platzt. In diesem Sinn könnte man das alles unter Erwartungshaltung und Transparenz zusammenfügen.

K.A.: Die Erzählerin referiert sehr viel und ausgiebig auf die Poetik des Aristoteles, natürlich auf Thomas Bernhard und auf andere Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Intertextualität erscheint als eine der Schreibstrategien. Entspricht dies deiner Idee von Performativität, dass sich das Sprechen über Literatur in Literatur selbst vollzieht?

Trompeter: Das finde ich schon. In einer Kritik wurde mir mal gesagt, dass der Zugang der Erzählerin zum Schreiben sehr naiv sei, weil sie ihre ganzen Zweifel so offenlegt. Dahingegen finde ich es aber naiv, wenn jemand meint, ein Buch im Sinne eines ursprünglich kreativen Aktes schreiben zu können, quasi eine Schöpfung aus dem Nichts zu vollziehen. Denn ich finde, dass es doch klar ist, dass wir immer in der ganzen Tradition dessen stehen, was wir bereits gelesen und gehört haben, und dass wir stetig aus diesem Pool schöpfen und, ob wie es wollen oder nicht, immer auch zitieren, Dinge aufgreifen und verarbeiten. Das Sprechen über Literatur im Text kann so auch literarisch sein.

K.A.: Möchtest du damit bewusst die Grenze zwischen Romantheorie und -praxis aufheben?

Trompeter: Ich weiß nicht, ob ich das bewusst so möchte, aber es ist in dem Roman so glaube ich der Fall. Das ist mir allerdings erst hinterher durch die Reaktionen so richtig aufgefallen. Das liegt daran, dass die Inhalte, mit denen ich mich persönlich beschäftige – ich habe selbst ja auch Germanistik und Philosophie studiert – häufig theoretische Inhalte sind und in das Buch miteinfließen. Diese theoretischen Inhalte, mit denen ich mich beschäftige, fließen ganz automatisch in die Praxis ein. Das eigene Handeln, das eigene Denken, das ganze Leben, das alles ist dort eingearbeitet, und diese Trennung von Theorie und Praxis ist gar nicht immer möglich. Das ist das, was - im besten Fall – auch in dem Buch passiert.

»Es geht ja genau darum, etwas Eigenes zu schaffen, und das ist mir natürlich wichtig.«

K.A.: Wie ist dein Verhältnis zur Erzählerin? Welche (charakterlichen) Anlagen gibst du ihr mit?

Trompeter: Die Frage ist natürlich recht naheliegend, da einige biografische Details zwischen mir und der Erzählerin übereinstimmen. Die Erzählerin ist eine studierte Philosophin, die nicht genau weiß, was sie beruflich machen soll. Sie lebt in Berlin, wie auch ich ein paar Jahre lang in Berlin gelebt habe, sie hat bisher nur Gedichte geschrieben, und jetzt soll sie einen Roman schreiben. Es gibt so gewisse Eckpunkte, die mit meiner persönlichen Geschichte übereinstimmen. Nicht zuletzt wurde der Roman auch deswegen mal als autobiografisch bezeichnet, was aber nicht stimmt. Es ist kein autobiografischer Roman. Erstens, weil ich ihn nicht als solchen ausweise, und zweitens, weil ganz viele Dinge keine direkte Kongruenz aufweisen. Was mich am Schreiben beziehungsweise am Entwickeln von Figuren interessiert, ist jedoch die persönliche Beziehung, die ich zu ihnen aufbaue. Sowohl zu der Mittlerin, die das Gegengewicht zur Erzählerin ist, als auch zur Erzählerin selbst. Aber auch zu den anderen Figuren. Ich habe ein genuines Interesse daran, wie die Figuren handeln, und das kann ich nur haben, indem sich auch meine eigenen Persönlichkeitsanteile in den Figuren widerspiegeln. Ich versuche zu jeder Zeit ein psychologisches Verständnis für meine Figuren aufzubringen und zu erwecken. Das bedeutet zugleich auch, ein Verständnis für mich selbst zu entwickeln. Denn indem Teile von mir in diesen Figuren wieder auftauchen, sind sie mir natürlich nahe, auch wenn sie mir in gewissen Teilen immer fremd bleiben. Ich habe also einen recht persönlichen Zugang zu meinen Figuren und dadurch gibt es auch einen recht persönlichen Zugang durch die Figuren zu mir. Aristoteles sagt zum Beispiel, ein guter Schriftsteller müsse ›euplastos‹, das ist der griechische Begriff für »leicht formbar«, sein. Also entweder ist er wahnsinnig – das kann natürlich auch sein – oder er ist ›euplastos‹ und muss sich also in die Figuren einfühlen können. Und das funktioniert nur, wenn man auch bereit ist, diese Grenze zwischen sich selbst und dem Geschriebenen teilweise aufzulösen.

K.A.: Dient Thomas Bernhard dir dabei als literarisches Vorbild?

Trompeter: Wenn man mein Buch aufschlägt, steht dort ja das Zitat von ihm: »Ich habʼ nie ein Vorbild gehabt und auch nie eins wollen«. Das ist natürlich lustig gemeint, doppelt ironisch sozusagen. Die Bezeichnung ›Vorbild‹ finde ich sehr schwierig, da sie so mimetisch klingt. Mein Ziel war es ja überhaupt nicht, eine Art Thomas-Bernhard-Remake zu kreieren. Es geht ja genau darum, etwas Eigenes zu schaffen, und das ist mir natürlich wichtig. Trotzdem hat Thomas Bernhard für mich eine Rolle gespielt, insofern tatsächlich der erste Textteil meines Buches, der in direkter Folge meiner Bernhard-Lektüre entstanden ist, sehr auf ihn bezogen ist. Ich habe erst sehr spät angefangen, Bernhard zu lesen, und war gleich ganz hingerissen von seinem Stil, vor allem von seiner sehr rhythmischen Sprache. Man liest seine Bücher in einem Atemzug, die Sprache trägt sich selbst weiter, und auch die ständigen Wiederholungen fand ich sehr interessant. Das war der Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass, wenn man diesem eigenen Fluss und diesem eigenen Rhythmus vertraut, das dem Schreiben alles Anstrengende nimmt. Man gerät in einen Prozess, in dem man alles endlos weitertragen, diesem ›stream of consciousness‹ einfach folgen kann. Deshalb war Thomas Bernhard wichtig für mich, weil er mir diese Angst vor dem langen Text genommen hat.

K.A.: Hattest du beim Schreiben einen bestimmten Kreis von Leserinnen und Lesern vor Augen?

Trompeter: Als ich den Roman geschrieben habe, habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht. Ich Nachhinein glaube ich auch, dass das gut war. Denn ansonsten wäre das Buch wahrscheinlich nicht so geworden, wie es jetzt ist. Die Resonanz, die ich bekommen habe, war meistens gut, aber auch sehr unterschiedlich. Ich habe natürlich auch meiner Familie das Buch gegeben, meiner Großmutter, meinen Eltern und so weiter, und da ist mir erst klar geworden, dass es eigentlich doch nicht für jeden etwas ist. Andererseits denke ich aber auch, dass es natürlich Ebenen gibt, auf denen der Roman durchaus für jeden verständlich ist. Etwa die Beziehungsebene zwischen der Erzählerin und der Mittlerin. Es müsste klar sein, dass diese Freundschaft, dieser Wunsch nach Nähe, und auch der Ausflug an den See recht erzählerisch und bildlich funktioniert. Trotzdem glaube ich insgesamt, dass es nicht für jeden etwas ist, obwohl ich mir das wünschen würde.

»Ich hoffe schon, dass mein Buch dazu anregt, nochmal über den Literaturbetrieb nachzudenken.«

K.A.: Der grundsätzliche Wunsch, von der Menge verstanden zu werden, besteht also schon?

Trompeter: Ja doch. Das heißt zwar nicht, dass jeder unbedingt alles nachvollziehen können muss, aber schon, dass sich grundsätzlich der Inhalt erschließt. In meinem Germanistikstudium hat mich zum Beispiel immer sehr gestört, dass häufig ein Jargon herrscht, der es unmöglich macht, bestimmte Sekundärtexte zu verstehen, zumindest zu Beginn des Studiums. Ich finde es schwierig, wenn sich die Substanz von etwas hinter möglichst komplizierten Konstruktionen versteckt. Genau deshalb habe ich mich auch über einen Verriss, den ich auf mein Buch bekommen habe, sehr geärgert, denn dort wurde mein Buch als Dekadenzroman bezeichnet. Aber genau das möchte ich nicht, ich möchte keinen Dekadenzroman, ich möchte verständlich bleiben. Im Nachhinein glaube ich aber, dass ich da vielleicht mit etwas anderen Maßstäben für das, was verständlich ist, das Schreiben begonnen habe.

K.A.: Wir hatten schon darüber gesprochen, dass dir die Sprache in deinem Roman sehr wichtig ist, und ihr ein höherer Stellenwert beigemessen wird als beispielsweise dem Plot. Ist das auch ein Plädoyer gegen worthülsige Marktgängigkeit?

Trompeter: Ich finde, dass – wenn man über politische Literatur spricht – eine humorvolle politische Literatur immer die stärkste Kraft besitzt. Da fallen mir zum Beispiel Schnitzler und Horváth ein, die zum Teil ganz harte Gesellschaftskritik in tragisch-komischen Geschichten verpacken. Und wenn mein Roman in irgendeinem Sinn eine subversive Kraft hat, dann vielleicht am ehesten – so würde ich mir das zumindest wünschen – in diesen süffisanten, etwas ironischen Kommentaren. Als Mao-Bibel taugt es nicht so, dafür ist es nicht schlagkräftig genug. Aber ich hoffe schon, dass es dazu anregt, nochmal über den Literaturbetrieb nachzudenken, wie er und wie auch bestimmte Literatur funktioniert.

K.A.: Was hättest du als Debütantin gerne zu Beginn der Romanentstehung gewusst, was du jetzt gelernt hast?

Trompeter: Das ist schwierig, weil ich eigentlich total glücklich bin, dass der Roman so geworden ist, wie er ist. Das wurde er gerade dadurch, dass ich nicht wusste, was passiert, und dass ich mir vorher keine Gedanken darüber gemacht habe, wie er aufgenommen würde. Ich bin froh, dass es so ein authentisches Stück von mir geworden ist. Mein nächster Roman, an dem ich schon arbeite, wird aber natürlich anders funktionieren. Einfach schon deshalb, weil dieses Hinsetzen und einfach losschreiben nun nicht mehr geht. Insofern glaube ich, dass dieses Konzeptualisieren, die Dramaturgie, der ganze Aufbau beim nächsten Roman stärker im Vordergrund stehen wird. Diese Naivität oder die Jungfräulichkeit sozusagen ist nach dem ersten Buch nun ja erst mal weg. Und ein anderer Punkt ist auch der, dass ich mich in meinem neuen Roman um mehr Verständlichkeit bemühen werde. Ich werde versuchen, weniger voraussetzungsreich zu sein. Mal schauen, was da so kommt.

K.A.: Vielen Dank für das Gespräch!

Den ersten Teil des Gesprächs, das wir mit Julia Trompeter vor ein paar Wochen in Bonn geführt haben, gibt es unter diesem Link.

 

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