Irrwege, Abwege und Wegbegleiter

Die eindrucksvolle Produktion Konsequenzen der Tanzkompanie bo komplex am Euro Theater Central Bonn

Direkt beim Betreten des Theaterraums läuft das Publikum auf die zwei in weiß gekleideten, in einem Holzbettkasten ruhenden Tänzer (Bärbel Stenzenberger und Olaf Reinecke) zu. Nicht nur in dieser friedvollen und sehr privaten, häuslichen Situation wird die beinahe unangenehm große Nähe und Intimität auf Anhieb spürbar. Sie bleibt auch während der Aufführung bestehen und macht sogar einzelne Muskeln der Tanzenden für den Beobachter genau sichtbar. Die Zuschauer passieren das übergroße Bett und verteilen sich links und rechts von der Bühne, die wie ein Laufsteg mit mehreren Stufen den kleinen Raum durchtrennt und wie die Tänzer in weiß gehalten ist.

Das Licht geht aus und Ruhe kehrt ein, bis sich die zuvor Schlafenden in ihrem Bett zu regen beginnen; Rascheln, Reiben und Atmung der verkeilten, sich schleifenden, die Stufen hinabgleitenden, einem Sog folgenden Leiber wird wahrnehmbar. In der Evolution der Beziehung entwickelt sich das zunächst chaotisch kriechende Gewürm über roboterartige, nachahmende Marionetten bei Konsequenzen, einer Kooperation der Tanzkompanie bo komplex und des Euro Theater Central Bonn, schnell zu Menschen. Das An- und Umkleiden wird zur Anstrengung, da es für die beiden Individuen die Ausrichtung auf die jeweilige Seite, die Enden der Bühne bedeutet, die mit Animationen (Lieve Vanderschaeve) ausgestattet sind und vielfache Möglichkeiten der jeweiligen Zukunft bieten. Der Fluss des Lebens läuft musikalisch untermalt (Philipp Roscher) und plastisch dargestellt von der Videoinstallation der einen Seite durch die Bühne hindurch auf die andere und kann nach Heraklit ähnlich dem Sein nur ein einziges Mal bestiegen werden.

Auswahl der ›richtigen‹ Lebensoption

Die Körper ertasten sich gegenseitig sowie den ihnen zur Verfügung stehenden Raum, suchen ihren Weg und untersuchen mögliche Beziehungsformen. Dieses komplizierte Geflecht wird ausdrucksstark symbolisiert in der fragilen (Tanz-)Konstellation. Hier bewirkt jede Bewegung eine direkte Reaktion des Gegenüber. Fassen, Umschlingen, Klammern, Heben, Fangen, aber auch Lösen, Weglaufen, Wegstoßen oder gar -treten folgen aufeinander. Übertragen auf die zwischenmenschliche Kommunikation sowie die Bedeutung von Worten, Gesten und Handlungen verbildlicht jeder Schritt dieses Tanzes die Richtung der aktuellen und zukünftigen Situation der Beziehung. Es folgen Wechsel zwischen Nähe und Distanz, Tausch der Positionen und Seiten sowie beständiges Ringen des Paares im tänzerischen Dialog. Besser, der Frau und des Mannes, die sich auch temporär trennen, dann wieder suchen, einzeln unter den Stufen ›verschwinden‹, aber an anderer Stelle auch gemeinsam dort ruhen.

Die Bühne wird dabei suggestiv durch eine Adventure-Game-Landschaft mit zahlreichen Türen und langen Korridoren verlängert, die je nach Gefühlslage oder Lebensplan geöffnet oder geschlossen werden können. Besonders verwirrend, wenn sich auch die reale Eingangstür öffnet und eine Stimme von draußen ertönt. Eine Vielzahl von Alternativen prasseln auf den ständig vom Bühnenabgrund wie auch von Lügen bedrohten Lebensraum dieser Partnerschaft ein. Diese Optionen werden von den Tanzenden vom Kinderwunsch als Symbol für Annäherung der Individuen bis zum Abbruch der Beziehung als Symbol der Individualisierung wahrgenommen. Tänzerisch werden diese Wahrnehmungen als Zentrifugalkraft im zwischenmenschlichen Austausch sowie als Gravitationskraft der Eigenrotation des Individuums ausgedrückt.

Im Reigen der Individuation

Mann und Frau gehen mit den Konsequenzen auf ihre eigene Weise um: Dieses Mal wird der Riss, verdeutlicht durch einen handwerklich geschaffenen Riss des weißen Papiers über die ganze Länge der Bühne hinweg sowie die weniger akribische Dekonstruktion der Leinwand, überwunden und Harmonie kehrt ein. Sie wird veranschaulicht durch eine gemeinsame Zeichnung der beiden vormaligen Einzeltänzer auf der Projektionsfläche, die zuvor die sonstigen Alternativen bereithielt. Der Riss verbleibt zwar auf der Bühne und somit zumindest als Narbe in der zukünftigen Beziehung, kann jedoch später in der Schlussszene verwachsen als Abstellfläche für Erfrischungsgetränke genutzt werden. »Warum muss Liebe immer nur ein Monolog sein?«, fragt eine Stimme aus den Boxen. Muss sie nicht, wie die folgende Interaktion zeigt. Der nun verbindende Paartanz endet, untermalt mit Tonaufnahmen aus der Euro Theater Central-Produktion Kafkas Verwandlung, mit einem gemeinsamen Ausflug, der Aufbruchstimmung und Neuanfang sowie zukünftige Hoffnungen symbolisiert. Die erleichternde Erkenntnis, dass zählt, was man selbst ist, und nicht, was man alles in einer Vielzahl von Optionen sein könnte, schafft Harmonie und Zufriedenheit. Sie erlaubt Genuss und Entspannung, allerdings ohne den vorherigen, besonderen, lebendigen Reigen der Individuation.

Insgesamt macht die Tanzkompanie bo komplex mit ihrer Produktion Konsequenzen die Vielzahl der Lebensoptionen mit all ihren Abwegen, Irrwegen und Sackgassen eindrucksvoll bewusst. Mit den Möglichkeiten der Bewegung im Raum zeigt sie die Folgen einer verbindlichen Festlegung auf, die früher oder später von jedem Individuum getroffen werden muss. Das Thema wird dem Zuschauer dramaturgisch und tänzerisch auf hohem Niveau und in hoher Geschwindigkeit, packend veranschaulicht. Am 5. April besteht erneut die Möglichkeit den beiden Tänzen im Euro Theater Central Bonn zuzuschauen. Weitere Vorstellungen sind für April und Mai in Krefeld und in Dortmund angesetzt.


 

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