Haltbar bis Ende?

Das Jahrbuch der Lyrik 2017 ist eine Nabelschau, die gerade von den leisen Tönen profitiert

Was motiviert Autoren heute dazu, Gedichte zu schreiben? Wie sind die Verse angeordnet und womit beschäftigen sie sich? Der Schöffling Verlag legt im Namen der musikalischsten unter den literarischen Grundgattungen auch 2017 eine umfangreiche Sammlung vor. Doch so weitblickend der Kreis der Textauswahl auch gehalten ist, mit der groß gedachten Komposition und den selbstvergessenen Versspielereien mancher Autoren wird dem Jahrbuch kein Gefallen getan.

Ob plötzlicher Wetterumschwung, Kapitalismus oder Seniorendisco – die Themen der Gedichte aus dem Jahrbuch der Lyrik 2017, das im Schöffling Verlag erschienen ist, sind auf den ersten Blick so unterschiedlich wie die Namen ihrer rund 120 Autoren und deren jeweiliger Sprachstil. Als Rezensent hat man es sich unversehens eingebrockt, das Wagnis der Bewertung einer so heterogenen Gedichtsammlung einzugehen. Intuitiv zeigt sich mir die Neigung, der Einteilung der zweihundertseitigen Sammlung in fünf thematische Kapitel zu misstrauen. Zumindest ist es schwer vorstellbar, dass die Etappenstruktur von Kapiteleinteilungen hier helfen kann. Wie soll sie den penibel komponierten Einzelwerken eine durchgängige Struktur verleihen, ohne dass diese aufgestülpt wirkt? Christoph Buchwald und Ulrike Almut Sandig als Herausgeber des Jahrbuchs verschleiern die Problematik wie üblich, indem sie mit Kapiteltiteln wie völkerball und denn ich trage einen sternengürtel einzelne der Gedichte anzitieren. So wirken die um die Schlagworte ›Mikrokosmos‹, ›Globus‹, ›Utopie‹ und ›Sprachentransfer‹ gruppierten Kapitel zwar zunächst weniger aufgesetzt. Der Grundzweifel an der Bündelung von autonomen Einzeltexten ist dadurch aber noch nicht ausgeräumt. Das vorgelegte Lyrikspektrum lädt eher zum Blättern und Herausgreifen ein als zur linearen Lektüre. Mutmaßlich würden Buchwald und Sandig dem sogar zustimmen. Doch zurück zur Themenwahl der Autoren: Knüpfen wir an den bemühten Kniff der Herausgeber an und lassen die Gedichte selbst sprechen; was wird in ihren Versen verhandelt? Herausgegriffen nun eine erwiesenermaßen nicht repräsentative Auswahl.

Vom Genuss eines Gedichtes und dem des Dichtens

Gleich zu Beginn bietet Doris Anselm eine Gedichtzubereitung, die »haltbar bis Ende« sein soll. Doch was bleibt dem Genießer, wenn das Gedicht gegessen ist? Sind seine Verse etwa niemals ganz abgefrühstückt? Die Worte scheinen jedweden Zweifel an ihrer Langlebigkeit zerstreuen zu wollen. »Das Gedicht kräftigt, belebt, verleiht Glanz, bleibt stets frisch und wirkt sogar an schwer zugänglichen Stellen.« Na dann! Es soll wohl kein Wunsch offenbleiben; der nach Ironie wird jedenfalls demonstrativ ausgiebig bedient. Die spielerische Selbstreflexion illustriert ein Flattersatz, der jegliche Zuordnung von Vers und Strophe negiert.

Dem ironischen Genussrezept lassen die Herausgeber im dritten Gedicht der Sammlung die Darstellung von Genuss folgen. Johannes Kühns Spaß, auf dem Rücken zu liegen ist eine lustvoll-konventionelle Natur-Ode, die sich auf 22 meist kurze Verse erstreckt. Vor dem angestaubten »friedvoll« und den ihre Haltbarkeit arg strapazierenden Allerweltsworten »Kraft«, »Macht« und »Licht« nicht zurückstreckend, bezieht Kühn auch das »Bedauern« des Verständnislosen ein, dem das lyrische Pausen-Ich mit Lachen begegnet. Der Dichter als Müßiggänger, der zuletzt lacht.

Kunstvolle Konstruktion

Weniger genüsslich, aber nicht weniger wortgewaltig geht es in Dieter Schöneckers Jesus-Gedicht karfreitag zu, das ohne lyrisches Ich auskommt und stattdessen über die Personalpronomen Du und Wir funktioniert. Eine bereits eingemottet geglaubte Bibelfrage tritt hier in der erfrischenden Variation »warum hast Du uns verlassen?« an Jesus selbst gewendet auf. Auf Seite 17 des Jahrbuchs gibt es in den letzten Versen dieses Gedichts im Übrigen den ersten Endreim zu bestaunen – ein Fall für‘s Museum?

Herta Müller malt in nur acht knappen Versen wunderbare Bilder, die nachwirken – sei es der »Schuldzucker der Gefühle« oder der in seiner Wahrnehmung gefangene Käfer, der »seinem Drahtgestell« folgt. Müller gelingt die Kunst, bereits mit wenigen Worten einen klaren und unverkennbaren melancholischen Ton zu treffen und dabei anthropologische Grundthemen wie Unterdrückung und Determinierung in sprachlicher Komplexität zu spiegeln.

Vergessene Selbstreflexion

Die Umwandlung von Wahrnehmungsgegenständen zu sprachlicher Konstruktion thematisiert Ansgar Riedisser mit einer durch den einleitenden Ausruf »achtung!« erhöhten Aufmerksamkeit. »[W]ir haben alles zurück zu wörtern gemacht diese schöne pflanze“ folgt dem Stil eines detaillierten Geständnisses, das im Kollektivbewusstsein der 1. Person Plural zur Sprache kommt. Wiederum wird das Dichten selbst Thema – mitsamt all seiner Widersprüche. Sagt das lyrische Ich – diesmal auf ein lyrisches Wir erweitert – zum Beispiel »hier«, was Riedissers Gedicht zweifach unterläuft, so hat dieses Wort seine lokalisierende Funktion verloren und wabert verlassen im All literarischer Konstruktion, bis erst ein Zusatz wie »im garten« ihm Sinn abtrotzt. Drei Verse sind vom Geständnis der ersten acht Verse abgesetzt und notieren wertfrei, was sich der dichtenden Verbalgewalt »noch widersetzt«, beispielsweise eine »kante [...] aus stein«. Diese »kante« jedoch ist mit ihrer Erwähnung schon fiktional vereinnahmt, ein gedanklicher Stolperstein. Vereinnahmung bedeutet: Ist erst das Wort, so ist nichts mehr außerhalb des Wortes. So weit (die Selbstreflexion), so gut (das Gedicht). Doch die Vergangenheitsform in Riedissers Versen macht stutzig. In jedem Dichtungsprozess ist die Verbalgewalt, die das Gedicht veranschaulicht, wieder neu gegenwärtig. Die Vergangenheitsform legt aber nahe, es könne eine Umkehr geben. Das Wesen der Dichtung im Dichten zu verändern, ist unmöglich. So müßig das Geständnis als solches, so redundant auch sein Gegenstand. Es wirkt, als würde jemand nach dem Zerschneiden von Brot einen Beichtstuhl aufsuchen.

So kreist manche Lyrik aus dem Jahrbuch vergessen um sich selbst und droht in Vergessenheit zu versinken. Ein Gedicht, das die ihm eigene Funktionsweise reflektiert, kann zwar einen sinnvollen Diskurs über den Stellenwert und die Reichweite zeitgenössischer Literatur einleiten, seine Haltbarkeit scheint aber begrenzt. Höhepunkte des Lyrik-Jahrbuchs sind deshalb eher die leisen Töne, originelle Sprachbilder und überraschende Pointen. Mit der Seh- und Lesegewohnheit gleichförmig bedruckter Seiten bricht das fünfte und letzte Kapitel, das im Farbdruck illustrierte Gedichte versammelt. Darunter finden sich kreisrunde Buchstabenkränze, Zeitungsschnipsel oder abfotografierte Schreibmaschinenseiten. In den Nachbemerkungen kommen schließlich beide Herausgeber zu Wort. Die Lektüre des Jahrbuchs – das selbst nur einen Bruchteil aus etwa 5000 eingesendeten Gedichten herausfiltert, wie die Herausgeber erläutern – ist nicht gleichzusetzen mit der eines Gedichtbandes. Für einen solchen würde sich bei durchgängiger Komposition mutmaßlich eher die besagte Kapitelstruktur anbieten. Doch das Lesen des Jahrbuchs hilft dabei, Autoren und ihren Schreibstil oder ihr Vokabular zu entdecken und somit auszuloten, wessen neuen Gedichtband man in Zukunft zur Hand nehmen möchte und wessen nicht.

Christoph Buchwald/Ulrike Almut Sandig (Hrsg.): Jahrbuch der Lyrik 2017. Schöffling & Co.: Frankfurt a. M. 2017. 232 Seiten. ISBN: 978-3-89561-680-8. 22,00 Euro.

In Kooperation mit dem STELLWERK-Magazin wird die Kritische Ausgabe in diesem Herbst eine Reihe von Beiträgen veröffentlichen, die sich in dialogischer Form mit Lyrik, genauer, mit den Lektüreeindrücken zum Jahrbuch der Lyrik 2017 auseinandersetzen. Das Jahrbuch, das bereits dafür gelobt wurde, das es den »Nerv der Zeit« (Björn Hayer, BÜCHERmagazin) treffe und ein »poetisches Jetztzeitbild der Bundesrepublik« (Matthias Ehlers, WDR 5 Bücher) erstelle, wird nun im Austausch zwischen den beiden Literaturwissenschaftlern Maximilian Mengeringhaus (Berlin), dessen Beitrag sie hier finden, und Michael Wetter (Bonn) noch einmal genauer unter die Lupe genommen.

Sie wollen sich an dieser Diskussion über die zeitgenössische Lyrik beteiligen, dann nehmen Sie doch Kontakt mit uns auf!

 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!