Das Verschwinden der Schwester

Joanna Kings Vier Schwestern ist ein lesenswerter Roman über komplizierte Familienverhältnisse, Geschwisterrivalität und die Diskussion von Geheimnissen

In ihrem Debüt Vier Schwestern erzählt Joanna King von einem emotionsgeladenen Familienwiedersehen von vier Schwestern an der malerischen italienischen Riviera. Der Roman überzeugt durch den Kontrast atmosphärischer Inselbeschreibungen und dem Spannungsverhältnis zwischen den Schwestern. Trotz kleiner Schwachstellen ist die Lektüre jedoch lohnenswert.

Bei Weißwein, italienischer Salami und salziger Mittelmeerluft in der Nase isst eine Urlaubsgemeinschaft auf dem Balkon ihres Ferienhauses mit Meerblick zu Abend. Vier Schwestern und einer ihrer Ehemänner haben sich im mediterranen Dörfchen Corniglia zu einem Familientreffen nach Jahren der Kontaktlosigkeit zusammengefunden. Die latent gereizte Stimmung zwischen den sehr unterschiedlichen Frauen erfährt einen Anstieg, als Rose, eine der Schwestern, ohne ein Wort der Absprache dem Abendessen fernbleibt. Aus banalen Erklärungsversuchen und gezwungen lockeren Scherzereien für Roses Abwesenheit erwächst bald die Sorge, das Verschwinden der Schwester sei auf einen weniger harmlosen Grund zurückzuführen. Ausgelöst durch dieses prekäre Ereignis, reißen alte Wunden der Schwestern wieder auf, Lebensentscheidungen werden erbarmungslos diskutiert und Familiengeheimnisse gelüftet. Von wegen Dolce Vita!

Alles andere als Entspannung

Der Kontrast zwischen dem Spannungsgefühl zwischen den Schwestern und den virtuosen Inselbeschreibungen Kings verführt den Leser geradezu zum Umblättern der Seiten. Damit gelingt Joanna King in ihrem Erstlingswerk ein grandioser Romanauftakt, der einen fulminanten Spannungsbogen eröffnet. So erinnert der Romaneinstieg an die Atmosphäre der Italien-Passagen in Der talentierte Mr. Ripley von Patricia Highsmith, der Altmeisterin der psychologischen Spannung.

Die aufgeladene Atmosphäre zwischen den Schwestern Jess, Ngaio und Rose wird von der jüngsten der Schwestern, einer namenlosen Ich-Erzählerin, gekonnt an den Leser vermittelt. Mit dieser ungewöhnlichen Erzählerin beweist King den Mut zum Unkonventionellen: Denn neben der knapp angeschnittenen Biografie der Figur, die als Tänzerin in London lebt und eine Affäre zu einem verheirateten Mann mit Kind führt, bleibt die Namenlose kaum mehr als ein Phantom, eine zumeist passive Projektionsfläche ihrer Gefühle und Erinnerungen.

Der Befürchtung zum Trotz diese Eigenart der Erzählerin würde stören, wirkt sich Kings Tendenz der leisen Andeutung anstelle der detailgenauen Ausführung der familiären Verwicklungen und Konflikte zuweilen spannungssteigernd auf die Dramatik des erzählten Abends aus. Tragischerweise geht das Konzept nur für den Anfang des Romans auf. Nach der gelungenen Eröffnung kommt es circa zur Hälfte des Buches zur Aufklärung von Roses Abwesenheit und damit leider auch zu einem Punkt im Spannungsgefälle, an dem die Geschichte jäh zu schwächeln beginnt. Der Kammerspielmodus der Erzählung wird aufgegeben und die Handlung plätschert dahin, ohne dass es King gelingt, den erschlafften Spannungsbogen wieder aufzugreifen.

Unausgesprochene Konflikte

Nach der Auflösung um Roses Verschwinen, werden die bereits angedeuteten Konflikte in der Diskussion in Dauerschleife angerissen und wieder abgebrochen, ohne dass ihr Kern freigelegt würde. So verliert sich nicht nur ein tiefergehendes Verständnis für die Figuren, ihre Verbitterungen, Bindungsängste und Verluste im Nebel der Andeutungen. Auch eine Entwicklung des Verhältnisses der Figuren zueinander erfolgt in Kings Debüt leider nicht, da sich die Figuren in ihrer Problembewältigung dauerhaft im Kreis drehen. Das ist schade, denn eine gelungene Abrundung des Themas Familie hätte dem Roman über so manche Schwachstelle helfen können.

Obwohl Vier Schwestern eindeutig von der Spannung um Roses Verschwinden getragen wird – das im Originaltitel Absence auch das titelgebende Moment bildet –, besitzt der Roman darüber hinaus eine weitere erwähnenswerte Stärke, die der Geschichte einen Rahmen verleiht: Im Emotionschaos rund um das Familientreffen schreibt King mit einer anspruchsvollen, poetischen Gefühlssprache, die offenbart dass King Worte Emotionen zu spinnen vermag.

Es kann ohne Zweifel festgehalten, dass Joanna King etwas von der Sprache und Schreiben für die verschiedensten Kontexte und Medien versteht. Die Neuseeländerin arbeitete bereits als Drehbuchautorin für das neuseeländische Fernsehen und ist zurzeit als Radiojournalistin in Wien tätig. Mit Vier Schwestern hat sie sich nach Drehbüchern und Radiobeiträgen einem neuen Format gewidmet. Ihr Erstlingswerk ist, trotz kleiner Schwächen, ein lesenswertes Debüt, das Neugier auf weitere Romane King macht.

Joanna King: Vier Schwestern. Aus dem Englischen von Juliane Zaubitzer. Mare: Hamburg, 2018. 256 Seiten. ISBN 978-3-86648-268-5. 20 Euro. – Auch als E-Book erhältlich.

 

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