Nachhall eines ungelebten Lebens

Johan Bargums Nachsommer erzählt in enormer inhaltlicher Dichte und sprachlicher Präzision von verpassten Chancen und Echos der Vergangenheit

Johan Bargums Roman Nachsommer umfasst gerade einmal 142 Seiten und enthält kein Wort zu viel. Dem Autor gelingt es in diesem schmalen Bändchen eine intensive Geschichte von existenzieller Wucht zu erzählen. Im Mittelpunkt der Handlung stehen zwei Brüder, die sich wie Kain und Abel gegenüberstehen. Am Sterbebett der Mutter entwirren sich die familiären Verstrickungen zu einem Kammerspiel, das unter die Haut geht und auch beim wiederholten Lesen fesselt.

In seinem Roman Nachsommer inszeniert Johan Bargum ein eindringliches Kammerspiel rund um das Zusammentreffen einer Familie am Sterbebett der Mutter. Es ist ein Wiedersehen nach langer Trennung und die Atmosphäre ist gleichermaßen von Melancholie getränkt wie spannungsgeladen. Zur Beschreibung des Verhältnisses der beiden ungleichen Brüder Carl und Olof ist ein Vergleich zum biblischen Brüdergespanns von Kain und Abel naheliegend. Die natürliche Ungleichheit zwischen den Brüdern erfährt ihre Verschärfung in frühester Kindheit durch das ungerechte Verhalten der Mutter, die den jüngeren Bruder Carl bevorzugt. Ihre ständige Ermahnung »Schieb nicht die Schuld auf deinen kleinen Bruder!« setzt sich auch dann fort, als dieser Bruder längst zum körperlich Überlegenen, den Älteren dominierenden Unsympathen geworden ist. Zwischen den rivalisierenden Bruder steht Klara, die Ehefrau Carls, die vor der gemeinsamen Abreise ein Verhältnis mit Olof führte. Die familiären Verstrickungen abrundend, ist da auch noch »Onkel Tom«, der nach dem frühen Tod des Vaters die Position des Lebensgefährten an der Seite der Mutter angenommen hat.

Mut zur Lücke – Versteckte Andeutungen

Die Familiengeschichte, die von existenziellen Themen wie Liebe, Tod und eben den unterschiedlichsten Formen von Familienbanden erzählt, überzeugt durch Bargums präzise psychologische Beobachtung seiner fein gezeichneten Figuren. Bargum setzt in der Beschreibung von Gefühlsdramen und Machtkämpfen auf die Lücke, die subtile Andeutung, das leise und versteckte Detail. Anstatt dadurch an Intensität und Wirkung einzubüßen, erhält der Roman auf diese Weise eine Eindringlichkeit, die die Lektüre zu einem besonderen Erlebnis macht.   

Johan Bargum zählt in Finnland zu den prominentesten der sogenannten Finnland-schwedischen Autoren. Seit nunmehr drei Jahren mit dem Erscheinen der deutschen Übersetzung seiner Septembernovelle erscheinen seine Texte auch in Deutschland. Sein Roman Nachsommer erschien bereits 1993 in Finnland unter dem Titel Senssommar, der sich wörtlich als Spätsommer übersetzen lässt. Die deutsche Fassung weicht von dieser Übersetzung ab; vielleicht in dem Versuch im Titel Nachsommer das Element des Danach, der Vergangenheit und deren Revision einzufangen.

Revision des Vergangenen

Diesen Blick auf das Geschehene übernimmt in Nachsommer der Ich-Erzähler Olof.  Mit dem Festhalten der Ereignisse der Familienzusammenkunft am Totenbett der Mutter überdenkt der schwächere, bezwungene Bruder nicht nur markante Erlebnisse seiner Kindheit, sondern auch die falschen Entscheidungen, die verpassten Chancen seines Lebens und die nie ergriffenen Möglichkeiten. Dabei fügt sich Olofs Zustand des Schwebens zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft scheinbar spiegelbildartig in die Kulisse atmosphärischer Naturbeschreibungen der schwedischen Schärenlandschaft ein. Auch die familiären Beziehungsmuster weisen originelle Parallelen, Gegensätzlichkeiten und Verknüpfungen auf, so dass sie zu einem dichten Netz der Vorausdeutungen, Echos und Verweise verwoben werden können, ohne konstruiert zu erscheinen.

Natur- wie auch Seelenlandschaften skizziert Bargum in unangestrengter, schlichter wie auch präziser Sprache. Auch auf der sprachlichen Ebene zeigt sich erneut: Bargum ist gleichermaßen ein Meister der sprachlichen Schlichtheit wie auch der darin enthaltenen Reichhaltigkeit an Andeutungen, die zwischen den Zeilen zu lesen sind. Der Roman Nachsommer lohnt sich aber auch beim wiederholten Lesen. Er ist eines jener seltenen Bücher, die immer besser werden, je öfter man es liest.

Johan Bargum: Nachsommer. Aus dem Schwedischen von Karl-Ludwig Wetzig. Mare: Hamburg, 2018. 114 Seiten. ISBN 978-3-86648-260-9. 18,00 Euro.

 

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