Just left the building: Adolf Endler

Rückblickend scheint das Leben des Dichters Adolf Endler auf einzigartige Weise mit der Geschichte der DDR verwoben. Ein Leben, das allerdings 1930 in Westdeutschland begann: In Düsseldorf geboren, wurde Endler bereits durch das Elternhaus antifaschistisch gestimmt. Nach dem Krieg besuchte er kommunistische Versammlungen, engagierte sich in der Friedensbewegung und geriet schließlich in den Fokus des Verfassungsschutzes. Aus Überzeugung siedelte Endler 1955 in die DDR über und träumte eine Weile den Traum vom wahren Sozialismus. Ein Jahr vor dem Mauerbau schrieb er Erwacht ohne Furcht, einen Lyrikband, den er später nicht gerne gelten lassen wollte:

Füll im Klassenstreit
Deine Seele auf.

Sein ›radikalinskihaftes‹ Verhalten hielt keine drei Jahre. Anstatt innere oder wirkliche Republikflucht zu betreiben, schärfte sich sein Blick – seine Texte gewannen an Klugheit und satirischer Schärfe; die Stasi begann seine Lesungen zu beobachten, und Endler wiederum die Stasi und ihren »Gaunerstaat«. In Collagen aus Gebrauchstexten und Zeitungsartikeln dokumentierte er die Absurditäten des DDR-Alltags, pflegte fiktive Alter Egos wie »Bubi Blazezak« und ging in den literarischen Untergrund; las in Hinterhöfen und Wohnzimmern gegen den ihn umgebenden Ernst. Ausgeschlossen aus dem Schriftstellerverband wurde er zur Leitfigur einer alternativen Literatur. Er blieb Teil der DDR und hielt ihr doch den Narrenspiegel vor.

Auch nach dem Mauerfall ließ ihn die DDR nicht los. Mit Tarzan am Prenzlauer Berg publizierte er einen ganz persönlichen, autobiographischen Nachruf auf die Jahre 1981–83, der ihm auch im Westen Aufmerksamkeit bescherte. Doch Endler war mehr als ›sein‹ Thema, das ihm nah und gleichzeitig so fremd erschien: ein Dichter witziger Lyrik in einer Zeit, in der kein Mensch mehr Lyrik liest; ein Satiriker, dessen Texte stets die Balance zwischen kluger Kritik und heiterer Komik finden, ein Dichter, der bewusst in keine Schublade passen wollte; ein rastlos Umherziehender, ein Wanderer zwischen allen Stühlen – und doch Beispiel einer deutschen Karriere.

Adolf Endler starb am vergangenen Sonntag im Alter von 78 Jahren, bezeichnenderweise in Berlin.

Notabene: Weitere Würdigungen des vielfach ausgezeichneten Literaten finden sich in nahezu allen deutschsprachigen Feuilletons, hier eine kleine Auswahl: In der Basler Zeitung schreibt Martin Ebel zum Tode des »Paten der subversiven Dichterszene am Prenzlauer Berg«, in der F.A.Z. Falko Hennig, in der Frankfurter Rundschau Cornelia Jentzsch, im Freitag Peter Geist, in der Märkischen Allgemeinen Karim Saab und in der Süddeutschen Jens Bisky.

Addendum: In K.A. 1/2001 beschäftigen sich gleich zwei Beiträge mit dem Werk Adolf Endlers und der Literaturszene am Prenzlauer Berg: »Lern, Bruder, zuzustechen mit der Silbe« von Cornelia Jentzsch und »Endstation Vinetastraße« von Crauss. Beide Artikel stehen als PDFs zur Verfügung.

 

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