Körper, Geist und Seele

Manfred Poser klärt das Problem um Geist und Seele, doch der Bibliothekenengel musste mithelfen

Bin ich nun ein Roman? Bin ich viele oder niemand? Aus welchen Teilen bestehe ich, wer bin ich? Ich wollte schon länger herausfinden, was es mit Geist und Seele auf sich hat, da heute schon an Volkshochschulen gern deren Einklang beschworen wird.

Aber das hätte bedeutet, sehr viele Werke über Religion zu konsultieren. Oder – man wartet ab und lässt den Bibliothekenengel machen. Im September fand ich ein Buch, das mir Antworten auf meine Fragen nach Geist und Seele gab. Die Antworten stehen ja alle in einem Buch, indessen hätten hier weder google noch bing oder yahoo helfen können. Die Universitätsbibliothek Freiburg zeigt etwa beim Stichwort Seele 2884 Treffer (= Bücher) an, bei Geist 4056, bei Consciousness 1194. Selbst wenn man schnell ist und jeden Tag eines der Bücher läse, wäre man dennoch Jahre beschäftigt.

Unsere binäre Struktur

Das Buch. Es heißt The Division of Consciousness von Peter Novak und wurde 1997 geschrieben. Ich hatte es zunächst ungelesen zurückgeben wollen, doch dann fing das Vorwort so an: »Im Sommer 1985 nahm sich meine junge hübsche Frau, die an einer unheilbaren psychischen Störung litt, das Leben, Monate nachdem sie unserer Tochter Ayriel Gold das Leben geschenkt hatte.« Dann träumte der Autor drei Mal von seiner Frau und kam zu dem Schluss, dass es ihr gut gehe. Er stürzte sich neun Jahre in die Forschung und kam mit dem Buch heraus, das ich vorstellen will.

Auch in esoterischen Kreisen redet man von Körper, Geist und Seele, wobei die lichteren Bestandteile gern als austauschbar behandelt werden. Unmöglich! Im englischen Sprachraum heißt es body, mind und spirit, wobei mind das Problem ist und schwer zu übersetzen: etwas wie Bewusstsein, Gefühlswelt, Ich-Identität. Unser Geist steht zwischen mind und spirit. (Spirits heißen übrigens die Gesprächspartner in der spiritistischen Literatur, während die erdgebundenen Geister ghosts sind.)

In vielen alten Religionen ist unser geistiges Sein binär strukturiert. Da gibt es im Judentum ruach und nefesch, bei Navajo-Indianern einen Wind (Geist) und einen Schatten (Seele), im Zoroastrismus urvan und daena. »Was jenseits aller Form ist, wird Dao genannt, und alles, was Form besitzt, wird Gefäß (vessel) oder Instrument (qi) genannt«, schrieb Konfuzius. Im geistigen Reich wäre die Seele das Gefäß, ein weibliches, und qi, die flutende Energie, der Geist. In der Antike sah man das Blut als Sitz der Seele. Der Atem war stets der Geist, pneuma in der Gnosis. »Auf der Schwester verhauchte / Jene den Geist«, steht bei Ovid.

Das frühe Christentum kannte auch Geist und Seele, doch im Konzil von Konstantinopel im 9. Jahrhundert dekretierte man: nur noch Leib und Seele. Wir sagen deshalb, dass Essen und Trinken sie zusammenhalten.

Hafeneinfahrt Lindau am Bodensee (Foto: Manfred Poser)

Die animalische Seele und das Leuchtfeuer des Geistes. – Hafeneinfahrt Lindau am Bodensee (Foto: Manfred Poser)

Novak zeigt anhand von Zitaten aus der Bibel und anderen Religionen, dass der Geist das Göttliche in uns ist: königlich, unzerstörbar, ewig. Die Seele dagegen ist prekär: Sie bekommen wir mit der Geburt. Der Geist entspricht dem Bewusstsein, die Seele dem Unbewussten (und das, was nicht ganz bewusst und nicht ganz unbewusst ist, heißt Unterbewusstsein). Seit etwa 50 Jahren erst weiß man, dass im Gehirn zwei Bewusstseinszentren liegen, die in der rechten und linken Gehirnhälfte beheimatet sind. Die linke Hälfte ist rational, logisch, klar, verwaltet die rechte Körperseite und kann sich ausdrücken; die rechte Hirnhälfte ist für Bilder und Emotionen zuständig, speichert alles, spricht nicht und hat Mühe, sich durchzusetzen.

Novak sagt, dass es zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein eine Mauer gibt, die auch zwischen Geist und Seele steht. Vieles wird verdrängt, wir hören nicht richtig auf unsere Gefühle, und so ist die Kommunikation blockiert. Wir sind nur noch draußen und verlieren den Kontakt zu unserer inneren Stimme. Seit wir in Mann und Frau und Geist und Seele gespalten sind, sehen wir alles nur in Oppositionen, die wir dann benennen und dadurch zementieren. Müsste nicht sein.

Es gibt zahlreiche metaphorische Ausdrücke um Geist und Seele. Der »Geist« eines Vertrags (im Gegensatz zu seinen »Buchstaben«) ist sein wahrer Sinn; der »gute Geist« des Hauses arbeitet, unsichtbar bleibend; von allen guten Geistern verlassen, im Geiste des Patrons weiterarbeiten, den Geist von Camp David beschwören. Seele hat immer mit Gemüt zu tun, ist etwas dumpf und gefühlvoll. Die Seele des Unternehmens, eine gute Seele, rettet unsere Seelen (S.O.S. – save our souls), der Seelsorger und der Seelenverkäufer.

Reinkarnation und das Paradies

Peter Novak erläutert, dass eine Hälfte der Welt (der Westen) nach dem Tod des Individuums das System Himmel/Hölle proklamiert, die andere Hälfte jedoch (der Osten) die Reinkarnation. Im Osten ist der Mensch Geist, also bewusst und klar, während das Höchste Wesen unbewusst und vage dargestellt wird. Im Westen ist Gott definiert und der allmächtige Geist, während der Mensch der Seele gleicht, ein Gefühlswesen ist. (Im westlichen Theater sitzen die Zuschauer im Dunkeln als unbewusster Zirkel und starren auf das erleuchtete Rund, in dem das Bewusstsein auftritt; japanisches Theater findet unter Beleuchtung statt und legt alles offen.)

Nach dem Tod, meint Novak, könnte sich eine Trennung zwischen Geist und Seele vollziehen, die ohnehin stets durch eine Mauer getrennt waren. Das ist seine Division of Consciousness. Der Geist – bewusst, im Hier und Jetzt – hätte jedoch keinen Zugang zu Ich-Identität, Gefühlen und Erinnerungen, die in der Seele wohnen. Der Geist schweift also einsam und im ewigen Augenblick umher und ist gezwungen, sich einen neuen Körper zu suchen: er inkarniert von neuem – das östliche Modell.

Die Seele dagegen brütet vor sich hin, und da sie ohne Initiative ist, schlägt sie sich mit ihren ewiggleichen Erinnerungen herum und richtet sich: schickt sich in Himmel oder Hölle. Da sitzt sie dann und ist vergnügt oder unglücklich, kann sich aber nicht weiterentwickeln. Das wäre das westliche Modell. Zwischen beiden gibt es kaum Verständigung. Die Reinkarnation lässt sich nur schwer in unser Konzept einbauen.

The Wall knacken!

Wir kennen uns und schlagen uns mit unseren Gefühlen herum. Aber täuschen wir uns nicht: Es wird eine Menge Menschen geben, vor allem aus der älteren Generation, die völlig abgetrennt von ihrem Inneren leben und hinübergehen, ohne sich je richtig kennengelernt zu haben. Ein halbherziges Leben in einem lauwarmen Paradies danach, das klingt nach Erstarrung. Wenn jemand zu Lebzeiten die Mauer zwischen Geist und Seele durchlässig hielt, bekommt die Seele nach dem Tod noch Reize und kann sich entwickeln, was einen Aufstieg möglich macht.

Roger Waters bei einem Konzert in Rom 2006 (Foto: Gianni Gallina)

Roger Waters bei einem Konzert in Rom 2006 mit den Werken Dark Side of the Moon und The Wall. (Foto: Gianni Gallina)

Wir müssen also Zugang zu unserem Inneren finden. Wir müssen The Wall knacken! In manchen Büchern gelingt das – da hat jemand plötzlich seinen inneren Schatz aufgeschlossen, wir lesen, und wir sehen! Das sollte nicht nur in Büchern möglich sein. Es ist unsere Aufgabe, heil zu werden und ganz, unser Ego klein zu halten, integer zu sein und treu zu dem, was wir spüren. Innen und Außen müssen zur Deckung gebracht werden. Das gelingt nur durch peinliche Selbstbefragung und radikale Ehrlichkeit. Dann spüren wir, dass es gut ist, und schon in diesem Leben.


 

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