Kanon-Futter, haufenweise

Irgendwie passend: Kneipenschild in DüsseldorfDer Kanon, das ewige Gespenst der Literaturwissenschaft: So mancher Forscher, Kritiker und Autor hat sich bereits als Exorzist versucht und ist mehr oder minder kläglich an der – sagen wir mal: Eigendynamik des Diskurses gescheitert. Von den einen als längst überkommenes Instrument der Klassifizierung, ja der Indoktrination verschrien, von den anderen immer wieder als notwendige Orientierungshilfe in Schule und Studium beschworen, fristet der Kanon eine geradezu paradoxe Existenz: Obwohl in Gänze inhaltlich unbestimmbar, ist er dennoch präsent – in den Lehrplänen der Schulen und Universitäten etwa, vor allem aber in unseren Köpfen. Jeder x-beliebige Zeitgenosse wird auf die Frage, was denn seiner Ansicht nach kanonische Werke der deutschen Literatur seien, im Brustton der Überzeugung eine Antwort geben können, in der mit mindestens 90%iger Wahrscheinlichkeit die Worte »Goethe« und »Schiller« vorkommen dürften. Ebenso sicher aber wird dieser Jedermann keine schlüssigen Kriterien für seine Entscheidung benennen können, sondern sich bestenfalls auf die Fakten schaffende Kraft eben des Schulunterrichts (»Das ham wir doch damals so gelernt«) und der Medien (»Davon reden doch alle«) berufen, so dass das weite Feld jenseits von Goethe und Schiller eher diffus erscheinen wird, insbesondere je näher man der Gegenwart kommt. Ein Dilemma übrigens, das auch und gerade Literaturhistorikern vertraut ist: Nicht »wer bestimmt, was wir lesen« (so der Titel einer bemerkenswerten Ausgabe der Zeitschrift Literaturen aus dem Jahr 2002), sondern wonach bemisst sich, was als »wichtig« und »von bleibendem Wert« gelten kann? Und was ist überhaupt dieser »Wert«, nach dem sich die Kanonisierung bestimmter Autoren und Werke angeblich richtet? Darüber hat die Literaturwissenschaft seit ihren Anfängen immer wieder ausführlich und kontrovers diskutiert. Längst verworfen wurde die Vorstellung von dem einen, sich selbst regulierenden Kanon der Welt- oder auch nur der deutschen Literatur als Abbild »zeitloser Qualität«; an ihre Stelle getreten ist das vor allem von der noch recht jungen Disziplin der Literatursoziologie initiierte Modell einer flexiblen Kanonbildung, das durch eine Vielzahl literaturinterner (z.B. ästhetische Programme, Gattungstraditionen) und -externer Kriterien (z.B. die politisch-kulturellen Bedingungen einer Gesellschaft und nicht zuletzt natürlich subjektive Wertungen der jeweiligen Editoren) bestimmt wird und in einer Kanonpluralität, einem Nebeneinander verschiedener Kanons, resultiert. Dass diese Erkenntnis mittlerweile auch in den Literatur- und Bildungsbetrieb eingesickert ist, zeigt sich übrigens auch darin, dass immer häufiger von Lektürelisten oder -empfehlungen die Rede ist, während die Bezeichnung Kanon den Beißreflex der Kritiker geradezu herausfordert – man denke nur an die Diskussionen um die offensiv als »Kanon« beworbenen Textsammlungen Marcel Reich-Ranickis, den Bildungskanon des seligen Dietrich Schwanitz, die Kurze Geschichte der deutschen Literatur von Heinz Schlaffer (dazu hier ein K.A.-Beitrag von Eva Geulen) oder den »Austrokoffer« von Günther Nenning et al., der soeben unter dem neuen, unverfänglicheren Titel Landvermessung im St. Pöltener Residenz-Verlag erschienen ist. »Unsere besten drei«: Tolkien, Bibel, FollettLängst haben sich auch die Medien in die Kanondebatte eingeklinkt und versuchen, den Geschmack und das Wissen des gemeinen Lesers zu ergründen. Bestsellerlisten, mittlerweile fester Bestandteil der meisten Publikumszeitschriften, bilden die aktuellen Verkaufszahlen ab, nicht jedoch Werturteile. Hier kommen die Meinungsforscher zum Zuge – oder, weil auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen inzwischen stärker auf Sparflamme kocht, Redakteure, PR-Leute und Programmierer, die sich gemeinsam so denkwürdige Ereignisse wie z.B. die »Büchershow« Unsere Besten – Das große Lesen einfallen lassen. Das ZDF hatte seine Zuschauer dazu aufgerufen, bis zum 6. August 2004 aus einer (von einer »Kommission« des Senders zusammengestellten) Liste mit 200 Buchtiteln ihre »Lieblingsbücher« auszuwählen; die 50 meistgenannten wurden dann am 1. Oktober im Rahmen einer zweistündigen Show, moderiert von Johannes B. Kerner und kommentiert von ausgewiesenen Literaturexperten wie Ottfried Fischer, Alice Schwarzer und Reinhold Messner, abgefeiert. Überraschungen gab es erwartungsgemäß keine: 'Erster' wurde Der Herr der Ringe, 'Zweiter' die Bibel, Platz 15 belegte Goethe mit Faust I und als sageundschreibe 48. kam Günter Grass mit der Blechtrommel ins Ziel. Da gähnt der Fachmann und der Laie nickt. Gleichwohl wurde natürlich versucht, das Ergebnis in sensationelle Erkenntnis umzumünzen:

  • »Die Liebe der Deutschen zu ihren Büchern konzentriert sich [...] häufig auf bestimmte Autoren: So haben es Hermann Hesse, Joanne K. Rowling, Thomas Mann oder auch John Irving gleich mehrfach unter die ersten 50 geschafft, Heinrich Böll und viele andere große Namen der deutschen und internationalen Literatur sind dagegen in der Spitzengruppe nicht vertreten.« (Ach!)
  • »Kontrastwelten und historische Stoffe, das ist es, was die Deutschen an ihren Büchern fasziniert.« (Oho!)
  • »[...] viele Bücher zählen zwar zum Kulturgut, werden aber offensichtlich wenig geliebt, sobald sie als Schulliteratur abgehakt sind.« (Ui!)
  • »[...] andere Bücher, wie John Irvings ›Gottes Werk und Teufels Beitrag‹ oder Margaret Mitchells ›Vom Winde verweht‹ und nicht zuletzt J. R. R. Tolkiens ›Der Herr der Ringe‹ verdanken ihre Platzierung der Strahlkraft der Kinofilme. So wurde Tolkien vor allem von jüngeren Lesern besonders häufig genannt.« (Uff!)
  • »Männer und Frauen haben bei Büchern unterschiedliche Vorlieben, auch das hat die Wahl für ›Das große Lesen‹ ergeben.« (Dä!)
  • »So zu sein, wie die Romanheldin oder der Romanheld, das wünschen sich viele Leser.« (...!)

Noch Fragen? Einen ähnlichen »echten Erkenntnisgewinn« verspricht übrigens die August-Ausgabe des Magazins bücher, die der Menge an »geschmäcklerischen und subjektiven Kanons« eine Liste der »50 wichtigsten deutschen Autoren« gegenüberstellt, die stolz als »der erste echte Kanon« angepriesen wird:

Woran erkennt man einen relevanten Autor? Daran, dass über ihn geredet wird. [...] Deshalb haben wir für unseren Vorschlag eines echten Kanons gut 1.000 Autorennamen (deutschsprachige Belletristik) gesammelt. Aus allen bisher erschienenen Ausgaben von bücher, den Spiegel-Bestsellerlisten der vergangenen fünf Jahre und einer umfangreichen Liste des Germanistischen Instituts der FU Berlin. Nach diesen Namen haben wir die Suchmaschinen Google, MSN und Yahoo im deutschsprachigen Web suchen lassen. Je mehr Treffer ein Autor bekam, desto weiter oben steht er auf unserer Liste. Man mag uns vorwerfen, dass Masse keine Qualität darstellt. Aber dies ist der erste Kanon, der nicht geschmäcklerisch ist, sondern widerspiegelt, wer die Menschen bewegt.

(c) buecher-magazin.deAllzu ernst können die Autoren Konrad Lischka und Christian Blohm ihr Vorhaben eines empirischen Kanons wohl kaum gemeint haben – dafür sind die Schwachstellen ihrer Methode und die Provokation, die ihr Versuch beabsichtigt, allzu offensichtlich. Angefangen mit der Datengrundlage, deren Zustandekommen und Details in keiner Weise erläutert werden (Warum ausgerechnet die Spiegel-Bestsellerlisten und nicht z.B. die Verkaufscharts des Börsenvereins des deutschen Buchhandels? Warum nur die der letzten fünf Jahre? Und wie wurden die Daten ausgewertet? Kamen alle Autoren auf die Suchliste oder nur solche, die mehr als einmal/zweimal/x-mal genannt wurden bzw. die sich mindestens x Wochen in den Top 20 halten konnten?), über die Wahl des Untersuchungsfeldes (nicht nur die Zahl der bei den Suchmaschinen erfassten Websites, sondern oft auch deren Inhalte sind bekanntlich einem permanenten Wandel unterworfen, so dass das Ergebnis zwangsläufig den Charakter einer Momentaufnahme trägt) bis hin zur Präsentation des Ergebnisses (by the way: Was soll denn eigentlich unter einem »echten« Kanon zu verstehen sein?), von dem zu allem Überfluss auch noch behauptet wird, es bilde die »Relevanz« der jeweiligen Autoren ab, als ob sich diese an der Quantität der bloßen Namensnennung ablesen ließe. Achja, das Ergebnis... Hier die ersten zehn Plätze:

  1. Heinrich Heine Deutschland. Ein Wintermärchen
  2. Friedrich Schiller Die Räuber
  3. Karl May Winnetou I–III
  4. Thomas Mann Buddenbrooks
  5. Franz Kafka Der Prozess
  6. Wilhelm Busch Max und Moritz
  7. Hermann Hesse Der Steppenwolf
  8. Johann Wolfgang von Goethe Faust. Der Tragödie erster Teil
  9. Bertolt Brecht Die Dreigroschenoper
  10. Erich Kästner Das fliegende Klassenzimmer

Wir erfahren nicht, welche Ergebnisse die Suchmaschinen en detail erbracht haben, und ebensowenig, wonach eigentlich genau gesucht wurde – was man durch entsprechende Nachprüfungen allerdings schnell herausfinden kann. Gesucht wurde offenbar ausschließlich die Kombination »Vorname Nachname«; abweichende Schreibweisen, z.B. mit Abkürzung des Vornamens (»J. W. Goethe« statt »Johann Wolfgang von Goethe«) oder verschiedenen Kasusendungen (»Heinrich Heines«), wurden hingegen nicht berücksichtigt. Das kann man so machen – schon allein, um durch Mehrfachnennungen der selben Quellen, die ohnehin nicht zu vermeiden sind, das Ergebnis nicht noch weiter zu verwässern –, sollte es dann aber auch fairerweise erwähnen. Gibt man den Namen des Erstplatzierten, »Heinrich Heine«, bei Google ein, erhält man ca. 2.070.000 Treffer (plus weitere 72.300 für »H. Heine«); »Johann Wolfgang von Goethe« bringt es demgegenüber zwar nur auf 2.040.000, rechnet man jedoch die Varianten »Johann Wolfgang Goethe« (1.580.000), »J. W. Goethe« (520.000) und »J. W. von Goethe« (90.900) hinzu, ergibt sich gleich ein ganz anderes Bild. Ähnlich beim angeblich relevantesten noch lebenden deutschen Schriftsteller, dem auf Rang 15 platzierten Günter Grass (1.080.000), dessen Vorname selbst von Literaturwissenschaftlern und -kritikern gerne falsch, nämlich »Günther«, geschrieben wird (68.100). Die Prüfung der anderen Ergebnisse und Suchmaschinen erübrigt sich damit schon fast. Völlig im Unklaren lassen uns die Autoren dieses »echten Kanons« übrigens darüber, nach welchen Kriterien sie die oben aufgeführten Texte der einzelnen Autoren (denn nur diese wurden ja angeblich »empirisch« erforscht) ausgewählt haben. Sollte es sich am Ende gar um eine willkürliche, vulgo »geschmäcklerische« Zuordnung handeln? (Aber nein, ich versteh schon: Bestimmt wurden nur die »bekanntesten« Werke aufgezählt! Hm, wie sie die wohl herausgefunden haben? Empirie, Empirie...) Wie schon gesagt: Den einen, »echten« Kanon kann und wird es nie geben. Ebenso gewiss dürfte jedoch sein, dass die Versuche, ihn zu konstruieren, genauso wenig abreißen werden wie die Debatte darüber in den Feuilletons, an den Universitäten und an den Schulen, gerade in unserer von PISA gezeichneten Bildungslandschaft. Gut so, denn ohne Diskussion keine Kultur. Aber vergesst vor allem eines nicht, liebe Lesende: Lest! ;) (Mit Dank an litartworld für die Inspiration!) addendum: Übrigens hat auch die Fachschaft Germanistik an der Uni Bonn, langjährige Heimstatt der Kritischen Ausgabe, vor einigen Jahren einmal den Versuch unternommen, einen empirischen Studienkanon aufzustellen. Dafür wurden an die Studierenden in allen Hauptseminaren und an alle DozentInnen Fragebögen verteilt mit der Bitte, pro Epoche bzw. Jahrhundert bis zu zehn Werke zu nennen, die ihrer Ansicht nach von Bedeutung und von studienbezogener Relevanz seien. Das Ergebnis war ernüchternd, um nicht zu sagen ein Desaster: Von 700 Fragebögen kamen weniger als 80 (teilweise nur sehr spärlich) ausgefüllt zurück. Das Projekt, ursprünglich ins Leben gerufen, um besonders Studienanfängern die Orientierung ein wenig zu erleichtern, war damit am Desinteresse und womöglich auch am Unwissen der lieben KommilitonInnen gescheitert. Wer mag, kann sich den Fragebogen übrigens hier als PDF-Dokument herunterladen und natürlich gerne auch in den Kommentaren darüber diskutieren.

gut!!! M. E. fehlt zum "sehr"

gut!!! M. E. fehlt zum "sehr" die Übersicht bzw. der Verweis auf die kanonischen Stilregel der Epochen bzw. Stile bzw. Dokumentenarten...

 

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