Kein Ende in Sicht

Die Bands Fehlfarben und Tocotronic beweisen mit ihren neuen Alben, dass die Popmusik noch lange nicht tot ist

Ist Popmusik am Ende? Eine Frage, die mehr und mehr Statement-Charakter annahm, beschäftigte gegen Ende des letzten Jahres mal wieder so manchen Feuilletonisten, der mit dem Tod Michael Jacksons gleich noch ein historisches Ereignis bei der Hand hatte. So titelte beispielsweise das SZ-Magazin: »Verfallsdatum abgelaufen. Die Ära des Pop ist vorbei«. Das ist der Stoff, aus dem Schubladen- und Epochendenken gemacht ist. Kaum endet ein Jahr/Jahrzehnt/Jahrhundert, wird zusammengefasst, abgeschlossen, resümiert, totgesagt.

Tocotronic: »Schall & Wahn« (Cover)
Tocotronic: Schall & Wahn (Cover)

Paradox irgendwie, dass gerade das deutsche Popjahr(zehnt) mit dem Erscheinen zweier Platten beginnt, die gleichermaßen Abschluss, Rückblende und Fortschritt symbolisieren. Mit dem Album Schall &Wahn nahmen Tocotronic den letzten Teil ihrer »Berlin-Trilogie« auf, die mit Pure Vernunft Darf Niemals Siegen und Kapitulation ihren Anfang nahm. Mit dem Abschlusswerk liefern sie gleichzeitig auch das (zumindest vorzeitige) Ende einer Entwicklung, die sich von coolen Sprüchen für das Federmäppchen (»Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein«, »Digital Ist Besser«) hin zu einer ausgereiften Kunstsprache mauserte. Anders die Band Fehlfarben, die exakt 30 Jahre nach dem Konsensalbum Monarchie und Alltag, mit Glücksmaschinen ein Album veröffentlichen, das genauso auch vor 3 Dekaden hätte aufgenommen werden können und gleichzeitig heute dennoch bitter nötig scheint. Dass die politischen und gesellschaftlichen Reibungspunkte, die Peter Hein und seine Düsseldorfer Bandkollegen 1980 umgaben, auch im Jahr 2010 noch in ähnlichem Maße existieren, ist nicht unbedingt neu. Nennenswert hingegen ist der künstlerische (musikalische, wie textliche) Rückbezug, der einen Aspekt von Popmusik zu manifestieren weiß, der in Zeiten immer enger werdender Hosen und immer größer werdender Brillen, ad absurdum geführt wurde: die Zeitlosigkeit. Bereits im Opener und Titelsong des Albums verweist Hein auf damals und erörtert gleichzeitig augenzwinkernd die eigene Rolle, die sich selbstredend in den ganzen Jahren verändert hat:

Du stellst die Musik so leise seit ich bei dir bin Früher sagtest du ›mach lauter‹ danach war alles drin Hören wir auch heute wenig können uns doch gut verstehen Und wird das Grau auch mehr wir brauchen keinen Neubeginn

Es muss irgendwann im Jahr 1979 gewesen sein, als sich die Fehlfarben vom Spaß- und Krawallpunk englischer Vorbilder wie den Sex Pistols entfernten, um ernsthafte, beizeiten romantische Punkmusik zu machen. Dieser Entscheidung standen Bands Pate wie die Buzzcocks, The Clash oder The Jam und so entstand eines der unbestrittensten Konsensalben der deutschen Popmusik. Sozusagen als Nebeneffekt leiteten die Fehlfarben die Neue Deutsche Welle ein, die später mit Nena und ihren »99 Luftballons« in die Belanglosigkeit abhob, und brachten das, was auf der Insel als Post-Punk oder New Wave firmierte, nach Deutschland. Nach Jahren der Absenz (Peter Hein verließ nach dem Album die Fehlfarben und stieß 1989 wieder hinzu) und Belanglosigkeit, war das 2002 erschienene Knietief im Dispo zumindest ein kleiner Lichtblick. Doch erst das Album Glücksmaschinen vermag die Band aus dem stillen Vorwurf, ein One-Hit-Wonder zu sein, zu befreien. Nach Jahren des Post-Punk-Revivals brechen die Protagonisten der deutschen Szene mitten hinein in den fröhlichen neonfarbenen Retroschick, der dieser Tage den Status der Popmusik neu zu definieren versucht.

Fehlfarben: »Glücksmaschinen« (Cover)
Fehlfarben: Glücksmaschinen (Cover)

Musikalisch nimmt uns die Band mit auf eine Zeitreise und beweist, dass die Kopie vom Original immer noch am authentischsten klingt. 1980 hätten an dieser Stelle Bands wie Joy Division und Gang Of Four referentielle Erwähnung gefunden – drei Dekaden nach dem Debütmeilenstein Monarchie und Alltag reicht als Bezugspunkt die ausführende Band selbst. Textlich scheint die Wut und Destruktivität der Anfangstage konserviert und für das 21. Jahrhundert frisch aufgetischt worden zu sein. Zwischen den Zeilen liest man aber eine latente layed-back-Mentalität in Heins Gesellschaftsbeobachtungen heraus, die wohl dem Alter geschuldet sein dürfte. »Gebrauchte Fußballspiele«, die den ganzen Tag laufen und Werbepartner, die im »Pleitegrab» liegen werden da besungen und obschon die Wortwahl eine äußerst prägnante ist, erkennt man doch in den Klagen über Eventkultur und den Seitenhieb gegen die Opfer der Finanzkrise eine gewisse Distanz. Verhältnisse werden nicht mehr angeklagt, sie werden lokalisiert und benannt. »Aktiv sein, das sollen jetzt mal Andere«, so der Tenor, der uns entgegenschlägt, »aber zu sagen haben wir auch noch etwas«. Tocotronic dagegen sind in den letzten Jahren durchgängig aktiv gewesen – und das ziemlich erfolgreich. Und auch wenn die Wahlberliner um Dirk von Lowtzow nicht mehr zur ganz jungen Garde gehören (wie beispielsweise die grandiosen Ja, Panik), so ist der Werdegang  der Band ein Indiz dafür, dass Popmusik immer auch diachron stattfindet. Durch Abgrenzung wie durch Aneignung entwickelt sie sich von Jahr zu Jahr, von Band zu Band und vor allem (im Falle von Tocotronic ganz besonders) von Platte zu Platte weiter und liefert gleichsam Rückblick wie Ausblick. Im Gegensatz zu der vergleichsweise brachialen und direkten Sprache mit der Peter Hein alltägliche Beobachtungen vergegenwärtigt, entwickelte Dirk von Lowtzow in mittlerweile 17 Jahren Tocotronic seine eigene Kunstsprache. Maßgeblich beeinflusst von Beatliteraten wie Borroughs und Kerouac, sowie dem Cut-Up-Prinzip, wie es auch Hubert Fichte prägte, entwickelte von Lowtzow eine Art Open-Source-Lyrik, die weiten Spielraum für Assoziationen lässt. Dabei arbeitet er vor allem mit Signalwörtern, die eine Art Leitfaden bilden. Von Kapitulation und einigen Songs auf Schall & Wahn abgesehen werden aggressive und offensive Schlagworte wie »Verschwörung«, »Festung« oder »Terror« mit romantischer, verträumter und meist zurückhaltender Popmusik gekoppelt, wodurch ein geplanter Widerspruch entsteht, der sich nicht sofort aufdrängt. Schall & Wahn schließt nun die Berlin-Trilogie ab und mit ihr den Eskapismus von Pure Vernunft Darf Niemals Siegen sowie die passive Verweigerungshaltung von Kapitulation. Gleichzeitig manifestiert die Platte die Entwicklung, die die Band vom ungestümen  Indie-Rock und dem im Nachhinein als ironisch klassifizierten modischen Gestus auf Digital Ist Besser hin zu Tocotronic im Jahr 2010 vollzog. Dass die Popmusik tot sei, kann behaupten wer will. Wer jedoch ganz genau beobachtet, die Umstände der Zeit und die natürliche Fluktuation der Popmusik in die Betrachtungen mit einbezieht, wird sehen, dass es anders ist. Die Oberfläche mag abgegraben sein und vieles mag innovationslos wirken, doch dieser Umstand ist einer seit jeher auf Kopie und Repetition ausgelegten populären Musik inhärent. Alleine Glücksmaschinen und Schall &Wahn legen tapfer  Zeugnis davon ab, dass die deutschsprachige Popmusik (stellvertretend für die globale Entwicklung) noch lange nicht am Tropf hängt. Dieser Gedanke kann auf die letztjährig erschienenen Platten von Ja, Panik (The Taste And The Money) und den Goldenen Zitronen (Die Entstehung der Nacht), sowie auf die vor kurzem erschienene Veröffentlichung von den Aeronauten (Hallo Leidenschaft) ausgeweitet werden, um nur die zeitnächsten Beispiele zu nennen. Interessant ist dabei, dass es in der deutschsprachigen Szene vor allem Bands der alten Garde sind, die die These der dahinsiechenden Popmusik anfechten.

Hallo! Natürlich ist es

Hallo! Natürlich ist es billig, immer mal wieder den Tod der Popmusik zu vermelden. Joe Jackson hat 1980 als Todesjahr angegeben (des Rock oder Pop, oder des Rockpop), und ich habe 1990 so etwas bei dpa geschrieben, aber grundlos nicht. Ist die Popmusik vielleicht untot oder weiß nicht, dass sie im Koma liegt? (So etwas dachte ich mir heute bei der Parapsychologie: Dauernd erscheinen Zeitschriften, die einem einen Fortschritt vorspiegeln, aber es ist nur ein Umschichten, alles dreht sich im Kreis. Wiederholungen) Ich habe die Pop-Szene 1991 mit meinem Abschied von dpa aus den Augen verloren, und die Frage wäre, ob es heute noch etwas wie eine Pop-Geschichte gibt, die fortgeschrieben wird ... wie wir sie hatten damals, und für uns war natürlich das Ende von Led Zeppelin und der Tod John Lennons das Ende einer Ära. Vermutlich wird darüber später verhandelt werden, nach unserem Ableben, aber irgendein Pop wird immer dasein, Grüße Manfred Poser.

 

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